Die letzte Feder


Sirenen heulten, Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr rannten atemlos auf und ab…

Es war erst wenige Augenblicke her gewesen, dass die Einsatzkräfte zu dem Hochhaus gerufen wurden – eines unter vielen, auf dieser stark befahrenen Straße und dennoch ein besonderes… zumindest jetzt… Es stand in Flammen.

Lichterloh fraßen sich die rot glühenden Zungen in die Höhe und schnitten den Menschen in den oberen Stockwerken den Weg ab. Die Notausgänge waren blockiert, die Wege über die Treppen und Fahrstühle unerreichbar… Sogar der Helikopter-Landeplatz oben auf dem Dach stand in Flammen.

„Verdammte Terroristen“, hörte er einen Mann neben sich Fluchen. Eine Zigarre im Mund, einen Schlapphut auf dem Kopf und einen weiten grauen Mantel wiesen ihn nicht gerade als den zuständigen Inspektor aus.

Rauchen ist ungesund… und in dieser Situation unverantwortlich, schoss ihm durch den Kopf. Aber dann besann er sich auf seine eigentliche Aufgabe. Er zog sich eine Rauchmaske über und die Feuerfeste Kleidung enger an den Körper.

Irgendjemand neben ihm brüllte Befehle, Schläuche wurden verlegt, angeschlossen und auf die Flammen gerichtet, in der Hoffnung das Feuer mit dem Wasser eindämmen zu können. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber vielleicht würde es ihnen genug Zeit verschaffen, um so viele Leute wie möglich zu retten.

Er verfluchte die Bombenleger innerlich. Jeder dieser Sprengsätze war so angebracht, dass es den Rettungskräften äußerst schwer fallen würde, überhaupt noch jemanden lebend aus den Flammen zu bergen.

Das, was er vorhatte galt als Selbstmord. „Hier spielt niemand den Helden, ist das klar?“, hallte die Erinnerung an die Predigt seines Vorgesetzten in seinem Kopf wider. Man begann erst zu helfen, wenn keine Gefahr mehr für die Helfer bestand… und das war in diesem Moment nicht gegeben.

Und dennoch… er musste dort hinein. Seine Nichte war dort drin, war zu Besuch bei einer Freundin.

Er würde nie verstehen, warum diese Terroristen ausgerechnet dieses Gebäude in Augenschein genommen hatten, aber eins war ihm klar: Er würde ihnen niemals vergeben.

Kurz schloss er die Augen, holte noch einmal, zweimal tief Luft, dann rannte er los, die kurzen marmornen Treppen hinauf. Mit den dicken Handschuhen zog er die schwere, heiße Tür auf und rannte ins Innere. Sofort schlug ihm die Hitze entgegen, Hitze von einem Feuer, das nun mehr und mehr angefacht wurde, weil durch die halb offene Tür mehr Luft ins Gebäude eindrang.

Dennoch standen genug Fenster offen, die automatischen Schließ-Mechanismen waren außer Funktion, der Sprinkleranlage fehlte das Wasser – womöglich eine weitere Bombe an der Hauptversorgungsleitung.

Er kämpfte sich durch die Flammen, hielt möglichst viel Abstand von den Brandherden und suchte den Weg zur Treppe. Irgendwo im siebten Stockwerk hielt sie sich auf… Soweit konnte er sich erinnern. Seine Nichte hatte auch einen Namen genannt, doch der war ihm entfallen. Irgendwo auf der linken Seite, dass wusste er noch.

Nach den ersten Treppenstufen wurde er langsamer, schnappte nach Luft, die in dieser Flammenhölle und unter der Maske schwer zu bekommen war. Aber er kämpfte tapfer weiter… Stufe um Stufe, Treppe um Treppe, Stockwerk um Stockwerk.

Weiter oben wütete das Feuer nicht so stark, aber schwerer Rauch hing in der Luft. Wenigstens war seine Nichte noch recht klein und befand sich somit in sicherer Höhe, was das Atmen anbelangte und den Älteren traute er zu, dass sie daran dachten, sich möglichst tief zu halten.

Die meisten Türen standen offen, die Leute hatten bereits versucht zu fliehen, womöglich in höhere Stockwerke, in die das Feuer noch nicht übergegriffen hatte, doch eine Tür auf der linken Seite war noch verschlossen.

Ihm schwante übles. Beherzt warf er sich gegen die Tür, einmal, zweimal… mehrmals, bis die müden Angeln schließlich nachgaben und die Tür auf den Boden krachte.

Dann hörte er einen Jungen weinen. Er war nicht älter als sieben oder acht. Ängstlich hatte er sich unter seinen Tisch verkrochen… Das war er, aber wo war sie? Er stürmte in die Wohnung, zu dem Jungen, als er aus den Augenwinkeln etwas mitbekam.

Sie lag auf dem Boden im Wohnzimmer, inmitten der Flammen, auf Teppich und war bewusstlos. Ohne den Jungen weiter zu beachten sprang er über die züngelnden Flammen und sah ihr ins Gesicht. Ihre Haut war vollkommen rot, verbrannt. Sie atmete schwer, war kaum noch am Leben und in ihrem zustand… Er schloss die Augen und fluchte lauthals. „Wieso?“, schrie er. „Wieso?“

„Weil ihr nicht in Frieden leben könnt“, antwortete eine junge, aber gleichgültige Stimme neben ihm. Erschrocken fuhr er herum und erkannte ein weiteres Mädchen. Sie war ungefähr genau so alt wie seine Nichte und trug ein einfaches, farbloses Gewand. Ihr schien die Hitze nichts anzuhaben. Dennoch schien ihr Gesicht einen tiefen, einen anderen Schmerz zu verbergen.

„Du musst hier raus, sofort“, er packte sie bei den Schultern. „Geh in die Küche und hol den Jungen, ich komme gleich und bringe euch alle hier raus“, man konnte die Verzweiflung in seiner Stimme auch über das laute Knacken der Flammen vernehmen.

„Willst du sie retten…?“ Es war irgendwie die einzige Reaktion, die er in diesem Moment von dem Mädchen neben ihm nicht erwartet hatte.

„Was? Natürlich… und dich und den Jungen“, antwortete er mit einer Dringlichkeit in der Stimme, die implizierte „und nun geh.“

„Dann wirst du derjenige sein, dem ich sie anvertraue… wähle deine Worte mit Bedacht…“ Das Mädchen schloss die Augen und… Schneeweiße Flügel wuchsen aus ihrem Rücken, erfüllten den Raum kurzzeitig mit einem weißen Licht, dass das Feuer zu ersticken drohte. Dann vielen die Federn zu Boden und lösten sich dort auf wie Staub, der vom Wind fortgetragen wurde.

Nur eine einzige Feder war auf dem Rücken des Mädchens zurückgeblieben. Nach kurzem Zögern griff der kleine Engel nach dieser letzten Feder und gab sie ihm in die Hand. „Richte deinen Wunsch an diese Feder… Beschwöre das Wunder herbei, dass alle retten wird…“ Sie sprach in einem beschwörenden, traurigen Ton…

Zitternd nahm er die Feder an sich, schloss die Augen und wünschte sich, dass die Flammen starben, dass seine Nichte und alle anderen Menschen, die in diesem Gebäude waren gerettet werden sollten... und der Engel ebenfalls…

Er öffnete wieder die Augen und legte die Feder auf die Brust seiner Nichte, dann sah er dem Engel in die Augen. Das Mädchen lächelte.

„Vielen Dank, dass du an mich gedacht hast“, begann sie mit derselben Melancholie in der Stimme, „aber ein Leben kann nur gerettet werden, in dem ein anderes hingegeben wird… Dies war meine letzte Feder, mein letztes Leben… und mein letztes Wunder…“

Zu spät merkte er, was diese Worte bedeuteten. Er sah, wie ihr Körper allmählich transparent wurde, ein schwaches Leuchten, das von Wind fortgetragen wurde, wie Sand in der Wüste… wie ihre Federn zuvor…

„Sie wird meinen Platz einnehmen, pass gut auf sie auf… und auf ihre Federn… Sie sind ihr neues Leben, ihre neue Bestimmung…“ Sie machte einen letzten Schritt vorwärts und berührte das Mädchen an der Wange.

Zitternd beobachtete er, wie sie vollkommen verschwand… und dann… explodierte die Feder in gleißendem Licht. Er spürte die Wärme des Engels, die Wunder die er vollbracht hatte, sah die tausenden von Leben, die er gerettet hatte und die dennoch in dieser Welt dem Untergang geweiht waren…

Im nächsten Moment war alles vorbei. Die Flammen waren erstickt, die Verletzungen seiner Nichte geheilt. Doch, als sie ihn freudestrahlend und dankbar ansah, konnte er ihre Gefühle nicht erwidern. Zögerlich nahm er sie in die Arme, wissend, dass er mit seinem selbstsüchtigen Wunsch einen Engel getötet hatte…