Epilog ~ Aufstieg

Ein greller Blitz und lauter Donner ließen mich aus meinem Schlaf aufschrecken. Ich sah mich panisch um, konnte aber keinen Schatten erkennen, der mich irgendwie bedrohte.
Ich ging nun geschwächt durch die spärliche Vegetation, um die Weltenklinge aufzusammeln, die ich beim Kampf verloren hatte. Ich sah ein letztes Mal mit gemischten Gefühlen auf die Stelle, an der Trafalus endgültig diese Welt verlassen hatte und machte mich auf dem Weg zu dem Turm, der von weitem wie die Spitze eines Eisberges aus einem Meer der Dunkelheit ragte.
Als ich mich den glatten Wänden des Turms näherte, öffnete sich eine Tür ins Innere. Nach kurzem Zögern folgte ich der Einladung, ging hinein und sah mich um.
In der Mitte war ein kleines Podest mit einer leuchtenden Kugel, während in den Wänden Vertiefungen angebracht waren, die so aussahen, als ob sie jeweils genau den Platz für eines der Artefakte bereithielten, die ich mit mir umherschleppte.
Ich ging langsam auf das Podest in der Mitte zu und berührte vorsichtig die Kugel, deren Licht daraufhin erlosch. Im nächsten Moment merkte ich, wie sich die Tür hinter mir schloss und sich die zehn Artefakte von meinem Körper lösten und jeweils ihren Platz in den dafür vorgesehenen Halterungen einnahmen.
Ich atmete erleichtert aus, denn irgendwie hatte ich das Gefühl nun alles hinter mich gebracht zu haben; jegliche Prüfung, die mir auferlegt worden war, gemeistert zu haben, und dennoch fühlte ich mich innerlich leer... Zu viele hatten dafür sterben müssen, dass ich jetzt hier stand...
Langsam versank der Raum in Dunkelheit, bis ich erneut völlig von ihr umgeben war - bis im nächsten Moment entfernt einige Lichter zu scheinen begannen.
Um mich herum erstreckte sich plötzlich ein Sternenmeer und ich hatte urplötzlich das Gefühl zu schweben, während ich auf ein starkes Licht in der Ferne zudriftete.
„Willkommen, Arche... Du hast dich gegen alle durchsetzen können und bist nun im Begriff zu dem zu werden, was schon viele vor dir waren: Wächter über diese Welt.“
Als ich mich zur Quelle dieser Stimme umdrehte, erkannte ich denjenigen, der mir damals die schwere Aufgabe aufgehalst hatte.
„Elric?“
„Du wirst die letzte sein, diejenige, die das Spiel nun beendet... Daher hast du ein Recht darauf zu erfahren, wie es zu alldem hier kam.“
Die Person schien mich zwar zu sehen, aber sonst vollständig zu ignorieren. Dieser Elric ging auf keine meiner Gesten oder Versuche mit ihm zu reden ein, sondern sagte nur stur seinen Text auf.
„Es begann vor langer... sehr langer Zeit... Damals als nur Menschen diese Welt bewohnt hatten...
Die menschliche Zivilisation war sehr weit fortgeschritten, hatte sich die Kräfte der Natur zu eigen gemacht, Wege gefunden, auch dem kleinsten Baustein der Natur viel Energie abzugewinnen...
Aber mit dem Wissen darüber kamen leider auch Waffen... schreckliche Waffen, die dazu in der Lage waren, Gebiete mit mehreren Kilometern Radius innerhalb eines Augenblicks zu vernichten...
Es war zu dieser Zeit, dass ich lebte... ich und die anderen neun Wächter, denen das erste Mal dieses Privileg zuteil wurde. Es war damals, dass wir alle einen besonderen Freund unser Eigen nannten, einen liebevollen, hilfsbereiten Mensch, der sich sehr um andere sorgte. Er war derjenige, der mir eines Tages im Vertrauen erzählte, dass er eine besondere Tür gefunden hatte... ein Tor innerhalb seiner Gedanken, ein Tor, dass er einmal geöffnet hatte... Er traute sich nicht, es noch einmal zu tun, denn er fürchtete, dass er das Tor danach nie wieder schließen können würde. Aber auch so konnte er mich mit den Kräften, die er durch das erste Mal erhalten hatte, schon beeindrucken... Er ließ zum Beispiel eine Flamme auf seinen Fingern tanzen oder konnte auf dem Tisch mit einem Wassertropfen Ball spielen... Kräfte die damals für unsereins so unglaublich waren, dass wir sie bewunderten und ihn baten, dieses Tor noch einmal zu öffnen, so dass alle daran teilhaben konnten... Aber er lehnte es stets ab, da es zu gefährlich sei.
Doch eines Tages endete der zerbrechliche Frieden zwischen den Ländern dieser Welt und die gefährlichen Waffen kamen zum Einsatz. Die Menschheit hätte sich selbst vernichtet. Doch er öffnete das Tor erneut, von dem er geschworen hatte, es nie wieder anzurühren.
Wir waren dabei, als unglaublich mächtige Energien über ihn in diese Welt strömten und begannen, alles um uns herum zu verändern, doch er hielt tapfer durch und zwang die Mächte unter seine Kontrolle... Er konnte das Schlimmste verhindern, doch mit der Zeit wurde er immer schwächer, weshalb er uns eines Tages um Hilfe bat: Wir sollten einen Teil der Last mittragen, ihm helfen, diese Kräfte unter Kontrolle zu halten. Wir stimmten zu – einige aus Machtgier und andere, um ihm zu helfen.
Wir alle hielten uns lange gegenseitig unter Kontrolle, unter seinen wachsamen Augen, bis er uns eines Tages zu sich rief. Er sagte uns, das er ein System gebaut habe, das wenigstens uns erlauben sollte, die Last ohne weitere Schäden zu tragen und uns auch gestattete, die Bürde an jemanden weiterzugeben, den wir für würdig hielten, sollten wir eines Tages aus dieser Welt scheiden wollen. Er ermahnte uns, immer unsere Freundschaft zu pflegen und nichts Unüberlegtes zu tun, doch als er vor unseren Augen rapide alterte und zu Staub zerfiel, verschwand mit ihm auch langsam unsere Vernunft. Einige von uns wollten wissen, wie es ist, mit der ganzen Kraft gesegnet zu sein und auch ich war neugierig.
Als mich einer meiner alten Freunde schließlich angriff, um mir meine Macht zu stehlen, schlug ich zurück und erhielt stattdessen seine. Die neue Macht die mich damals durchflutete, raubte mir den Verstand. Nach und nach spürte ich die anderen auf und brachte alle Kräfte an mich, bis ich über alle zehn Kräfte verfügte, doch als ich den Moment meiner Allmacht ausschöpfen wollte, begann ich die Folgen zu spüren, die auch unser alter Freund durch das Öffnen der Tür trug. Ich nutzte meine Kraft und erschuf mir Hilfsgeister, die meine Qual erleichtern sollten, aber es war zu spät.
Ohne es zu merken hatte ich das System so programmiert, dass es auf diese Weise nun immer einen Nachfolger wählen sollte, wenn der alte an den Folgen der Last verstarb...
Als mir mein Fehler bewusst wurde, suchte ich Mittel und Wege, das System wieder zu ändern und fand ihn schließlich weit in der Zukunft... in dir. Du hast im Moment mehr Macht als ich damals... Die Suche nach den Artefakten war nur ein Vorwand, um dir mehr Training zu verschaffen, sollten aber auch dafür sorgen, dass du gegen eventuelle Probleme gewappnet warst.
Sobald du den Kern erreichst, zerstöre ihn einfach, das wird dir erlauben, das System neu zu starten und nach deinen Vorstellungen zu formen, aber mache nicht denselben Fehler, wie ich!“
Elrics Gestalt verblasste daraufhin und ließ mich alleine zurück, während ich auf den hellen Punkt im Sternenmeer zutrieb, der Punkt der in der Mitte dieses kleinen Universums stand.
Als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, dass dies der Kern sein musste, den ich zerstören sollte. Ich hatte Angst davor etwas Falsches zu tun... vielleicht würde ich auch dadurch diese Welt in den Untergang treiben? Aber andererseits hatte ich Vertrauen zu meinem Vorfahren.
Ich zögerte einen Augenblick, dann konzentrierte ich alle meine Kräfte auf den Kern und ließ los. Ich machte mich auf eine Druckwelle gefasst, doch diese blieb aus, stattdessen implodierte der Kern und verschwand im Nichts.
Im nächsten Moment stand ich wieder im Turm, mitten auf einer kleinen Plattform, weit über der Kugel, die ich am Anfang berührt hatte.
Die Geister erschienen neben mir und schwebten über dem Abgrund. „Hier trennen sich nun unsere Wege, ob wir uns je wiedersehen, hängt von dir ab...“ Firence klang ein wenig wehmütig.
„Allen anderen mussten wir hier für immer Lebewohl sagen, aber vielleicht findest du ja eine bessere Lösung...“ Auch Mira klang recht traurig und so verabschiedeten sich auch alle anderen von mir und verblassten.
Im nächsten Moment begann die Kammer des Turmes hell zu glühen und dann traf mich die gesamte Wucht meiner Verantwortung wie ein Blitzschlag...
Diese Ereignisse sind nun schon viele, sehr viele Jahre her und ich nähere mich nun auch dem Ende meiner erweiterten Lebensspanne... Ich übertrug meine Aufgaben auf eine Pflanze, einen großen Baum, der nun hier oben auf der Schicksalsspitze wächst. Den zehn Geistern habe ich hingegen eine reale Gestalt gegeben, sodass sie nun frei durch die Welt ziehen und selbst ihren eigenen Weg bestreiten können...
Das Ende des letzten Zyklus ist also gekommen. Ich werde wahrscheinlich nie den Platz Rizas in den Herzen der Menschen einnehmen können, die sie noch immer verehren und dennoch habe ich mir bei einigen, wenigen einen besonderen Platz verdient und werde hoffentlich nicht so schnell vergessen, wie einige andere.
Richards Wunsch, auf Azalyn aufzupassen, habe ich jedenfalls erfüllt und ihm selbst auch sein Leben zurück gegeben. Über die Jahre hinweg ist sie eine gute Königin geworden.
Patricia ist mit Thimonis wieder vereint worden und herrschen einsam über ihr Land. Ich fühle mich noch ein wenig schlecht, das ich ihre Verwandten nicht auch wiederbelebt habe, aber ich glaube immer noch, das es ein zu großer Schock für die Bevölkerung gewesen wäre.
Sarasra und Raisana haben übrigens geheiratet und haben viele Nachkommen gezeugt. Zwar fühle ich mich ihnen nicht so sehr verbunden, wie den Beiden selber, deren Erinnerungen ich teile, aber ich wache trotzdem über sie.
Mikaja ist an Suzannes Seite zurückgekehrt und hat, mit etwas Hilfe meinerseits, ein wenig Respekt in ihrer Gesellschaft verdient. Nachdem sie starb hat sie ein Ehrenmal erhalten, das sich an den Pforten des Moon Reading Towers befindet.
Yenova konnte ich ebenfalls glücklich mit seiner Familie vereinen. Ihn plagen noch immer einige Schuldgefühle wegen dem, was er Mikaja angetan hat, aber sie hat ihm verzeihen können. Seine Familie hat daher seit längerem eine gute Beziehung zu Mikajas Stamm.
Was Gregor anbelangt... Ich habe ihm auch sein Leben zurückgegeben, ihm jedoch jegliche Erinnerung an die Vorfälle der Jahre genommen. Daher wundert er sich wahrscheinlich auch des öfteren, warum Richard nicht mehr so gut auf ihn zu sprechen ist.
Thoma ist übrigens ein sehr gefragter Söldner geworden. Er trägt immer noch das Schwert, das er einst im Glasturm gefunden hat und ist als 'Die Feuerklinge' berühmt geworden.
Was mich anbelangt... Rjusha habe ich bisher nicht wiedergesehen. Ich weiß nicht genau, was Trafalus mit ihr angestellt hat, aber selbst mit meinem Wissen und meinen jetzigen Kräften kann ich sie nicht zurückholen. Vielleicht sollte letzten Endes auch mir eines immer wieder vor Augen geführt werden: Ich bin kein Gott, nicht allmächtig und weiterhin fehlbar.
Nun, da meine Zeit abläuft hoffe ich wenigstens, dass ich sie im Jenseits wiedersehen werde...

Dies sind nun die letzten Zeilen die ich in dieses Buch schreibe... Mögen sie Euch unterhalten, zum Weinen oder Lachen bringen oder Euch auch als Warnung dienen... Auf jeden Fall sollen sie für eines sorgen: Vergesst uns nicht.
Ich mag nun ein wenig egoistisch klingen... aber ein kleines Stück Unsterblichkeit habe auch ich gesucht und ich hoffe, das ich sie in diesen Zeilen gefunden habe.