Teil 1:
~ Das Erwachen der Flamme ~
Kapitel 1 ~ Feuer
Tag des Lichtes, 15. Tag des Monats Ig, Jahr 3996 n.R.

Indyrica, Kontinent des Feuers und des Sandes. Für meinen Geschmack eindeutig zu viel Sand. Allerdings konnte ich, während das Schiff um den Kontinent herum zur Hafenstadt Escia fuhr, einige phantastische Bauwerke erkennen. Neben dem beeindruckenden Glasturm, den ich leider nur durch mein Fernglas bewundern konnte, beherbergte die Insel auch einige Pyramiden, welche man in der Ferne noch immer von Escias Hafen aus sehen konnte. Nach der überaus langen Fahrt, die ungefähr zehn Tage – also eine Woche – gedauert hatte, war ich überaus froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Einige andere Passagiere, die auf dem selben majestätischen Viermaster reisten schienen sich nicht anders zu fühlen.
„Miss Arche May Silver?“
„Ja, bitte?“
Ein freundlicher älterer Herr reichte mir die Hand zur Begrüßung. Unter seinem Schnauzbart konnte man ein Lächeln erkennen, als sich der hochgewachsene Mann mit den leicht grauen Haaren vorstellte. „William Greiks, angenehm. Meister Krels erwartet Sie bereits. Dürfte ich Ihr Gepäck tragen?“
„Nein, danke, das mache ich schon selbst“, erwiderte ich mit einem Lächeln und mit ein wenig Konzentration schwebte mir die kleine Truhe mit meinen Habseligkeiten hinterher.
William führte mich zu einer Kutsche am Rande des Hafens und bedeutete mir einzusteigen. Escia war nicht unbedingt so groß, dass man unbedingt eine Kutsche gebraucht hätte, um vom einen Ende der Stadt ans andere zu kommen, jedoch lebte Richard Krels etwas außerhalb der Stadt. Escia selbst war trotz der immensen Hitze stark belebt und es gab sogar eine Vielzahl an Pflanzen und Palmen. Vorbei am Marktplatz und am Tempel der Feuergläubigen erreichten wir bald das Stadttor und kurze Zeit später das kleine Anwesen Krels. Nun, klein mochte etwas untertrieben sein für die Festung, deren wahre Größe unter der Erde lag, wie man sagte. Richard Krels war auf jeden Fall nicht der Typ Klischeemagier, von dem man überall hört, was man auch daran sehen konnte, dass er keinen Turm als Heim gewählt hatte. Außerdem zeigte er sich häufiger in der Gesellschaft genoss somit auch beim normalen Volk ein höheres Ansehen, als manch anderer Magier.
Die Kutsche passierte langsam das Tor der Festung, das sich durch einen kleinen mit magischen Symbolen versehenen Halbkreis auszeichnete. Im Gegensatz zu anderen Anwesen besaß dieses keine Außenmauer sondern wurde durch eine magische Barriere geschützt, die wie eine Kuppel über dem gesamten Gelände hing. Innerhalb dieser herrschte eine überaus angenehmes Klima, weshalb es nicht verwunderte, dass hier allerhand Pflanzen gediehen, die in der Wüste normalerweise nicht überleben würden.
Die Kutsche hielt im Innenhof direkt vor der Marmortreppe, die zur Haupttüre hinaufführte. Der Aufgang der Treppe war mit zwei beinahe lebensecht wirkenden Sphinxen verziert, die wahrscheinlich auch jeden ungebetenen Gast – notfalls mit Gewalt – fernhalten würden.
Ich nahm mir meine Truhe und schritt die kleine Treppe empor an deren oberen Ende ich bereits von Richard Krels erwartet wurde. „Willkommen, May. Ich bin überaus erfreut, dass Du meiner Einladung gefolgt bist.“ Eine kurze Umarmung später bat mich Richard ins Haus, dessen Inneres ebenfalls mit Marmor ausgestattet war. Hin und wieder lagen Teppiche auf den Korridoren, von denen nicht jeder nur reine Zierde war. „Du kannst deine Sachen hier lassen, William wird sie nachher auf dein Zimmer bringen. Solange kann ich dir noch jemanden vorstellen, der sich unserer kleinen Expedition anschließen wird.“
„Noch jemand?“
„Ein junges und vielversprechendes Talent, was das Schwert anbelangt. So jemand kann nie schaden, wenn man alte Ruinen betritt. Gerade auch solche, die älter als viertausend Jahre sind, meinst du nicht auch?“
Nickend gab ich meine Zustimmung. Richard führte mich daraufhin eine große Halbrundtreppe hinauf in das obere Stockwerk. Das Geländer, anscheinend aus Mahagoni, war gut gepflegt und gab dem Haus ein gewisses Etwas. Hin und wieder hingen an den Wänden einige antike Gemälde, die, wenn sie nicht gerade als Falle dienten, einen beachtlichen Wert hatten. „Da wären wir“, meldete sich Richard zu Wort, kurz bevor er zwei beachtliche Flügeltüren öffnete und der Blick auf einen Empfangssaal frei wurde. Der Raum war ebenso prunkvoll, wie die Korridore durch die mich Richard geführt hatte.
„Darf ich vorstellen? Thoma Franca“. Richard zeigte auf einen jungen Mann, der in fast voller Montur, einer schönen alten Rüstung, auf einem der Stühle saß, die an der Seite im Raum standen.
Langsam drehte er sich zu uns um. Er hatte kurze rot-blonde Haare, die im Schein der Abendsonne schon fast wie ein tanzendes Feuer wirkten. Er erhob sich und reichte mir die Hand zur Begrüßung. „Wie ich hörte kennen Sie Richard schon länger?“.
Ich reichte ihm meine Hand, und musterte ihn kurz. „Ich kenne ihn schon seid der Magierakademie. Er mochte schon damals alles Feurige.“
„Lieber feurig und trocken anstatt so nass, wie du immer, wenn du mit Wasser gezaubert hast.“ Richard konnte sich die kleine Spitze mal wieder nicht verkneifen. „Schau nicht so böse. Du hast damals wenigstens immer eine klasse Figur in den nassen Kleidern gemacht und ich denke mal, die hast du immer noch, oder?“. Thoma hatte inzwischen Probleme sich ein Lachen zu verkneifen. „Pass aber auf, dass su sie nicht verärgerst! Sie gehört zu den mächtigsten Magierinnen, die ich kenne. Daher habe ich sie auch eingeladen.“ Er zwinkerte Thoma zu, der sich langsam wieder etwas gefasst hatte, aber immer noch grinste.
Ich sah Richard fragend an, der sich gerade daran erinnerte, dass er mir noch nichts genaueres über das Ausflugsziel genannt hatte, das wir besuchen wollten. Nur dass es sehr alt war und dass es bisher angeblich noch niemand betreten hatte.
„Komm mit, dann erkläre ich dir die Zusammenhänge“.
Freundlich lächelnd führte er uns, so kam es mir zumindest vor, quer durch sein ganzes Anwesen, in eine kleine Kammer. Hinter der wunderschön verzierten Türe befand sich sein Arbeitszimmer, in dem mehrere Karten und Aufzeichnungen auf einem kleinen Pult lagen. An den Wänden reihten sich mehrere Regale aneinander, in denen Richard mehrere hundert Bücher zusammengetragen hatte, die von A wie Arkane Zauberei bis Z wie Zutaten für leckeres Curry alles Mögliche beinhalteten. „Entschuldigt bitte die Unordnung, aber ich habe in letzter Zeit einiges zu tun gehabt.“
„Das geht schon in Ordnung, gehört irgendwie zum Arbeiten dazu.“, antwortete ich freundlich. Schließlich konnte ich ihm schlecht vorwerfen, das er mehr Ordnung halten müsse, wenn ich selbst auch nie dazu kam.
Er kramte zwischen dem ganzen Papier eine Karte heraus und rollte einige andere, auf denen zum Teil längere Texte standen und die mit Siegeln oder Zeichen versehen waren, zusammen. Eines der Zeichen schien so etwas ähnliches wie ein aufgespießtes Auge darzustellen. Da das ganze eine private Angelegenheit war ging ich nicht weiter darauf ein. Er deutete auf die Karte, die, nach der Beschriftung zu urteilen, Indyrica darstellte. In der Mitte waren mehrere Vulkane eingezeichnet, ein Fakt, der neben der riesigen Wüste, Indyrica den Beinamen der Feuerkontinent eingebracht hatte. Im Süden der Insel war ein kleiner Kanal, der zu einem See führte in dessen Mitte die Verbotene Insel lag. Östlich vom Kanal konnte man auf der Karte jene Pyramiden erkennen, die ich bereits vom Schiff aus bewundern durfte. Sie waren schätzungsweise zwei- bis dreitausend Jahre alt. Turils Grabmal prangte knapp über den Symbolen. Westlich des Kanals war die einzige Fläche, die nicht von der Wüste beherrscht wurde und der Ort, der die meisten Städte beherbergte. Dort lag auch Escia, die Stadt in der mein Schiff angelegt hatte. Neben einer weiteren Stadt im Nordwesten und einer Oase östlich der Vulkane, wo auch die Königsfestung stand, war im Norden der Insel, ein wenig westlich der Vulkane, eine Ebene eingezeichnet, die als Glaswüste bezeichnet wurde. Genau dorthin zeigte Richards Finger.
Genauer gesagt auf die dort eingezeichnete Ruine, die den Namen Glasturm trug. „Das ist unser Ziel. Der Glasturm, von dem man behauptet, das er mehr als neuntausend Jahre alt sei. Es existieren keine Überlieferungen darüber, das ihn je eine Menschenseele betreten hätte.“
„Eine Ruine aus Trafalus Zeit? Ich bezweifle wirklich, das wir dort drinnen irgendetwas besonderes finden.“, Ich seufzte. Weshalb war er nur so zuversichtlich, dass dort etwas besonderes war ?
„Dieser Turm stammt aus der Zeit vor Trafalus.“, antwortete Richard, was ihm einen ungläubigen Blick von mir und Thoma einbrachte. „Ihr habt recht gehört. Ich habe viele Nachforschungen angestellt und herausgefunden, das Trafalus vor achttausend Jahren aufstieg.
Dieser Turm jedoch ist schon seit neuntausend Jahren versiegelt. Das Beste daran ist, dass ich den Schlüssel zum Siegel dieser Ruine vor kurzem im Sphinxturm auf Xanacea gefunden habe.“
Etwas ungläubig schaute ich Richard an, der aus heiterem Himmel behauptete, im Sphinxturm einen Schlüssel gefunden zu haben.
„Sagt mal...“, Thoma mischte sich plötzlich in unser Gespräch ein. „Was ist eigentlich der Sfinksturm?“
„Du bist wohl noch nicht viel herum gekommen, oder?“, fragte ich ihn seufzend. „Der Sphinxturm steht auf dem Kontinent Xanacea, dem größten Kontinent auf ganz Archaea und ist seit jeher Ziel junger Abenteurer, die versuchen ein wenig Erfahrung zu sammeln. Die dortigen Fallen und Rätsel werden sogar extra jedes Jahr für das Turnier der Magier- und Kämpferakademien in Stand gehalten und restauriert.“
„Ich kam leider nicht in die nähere Auswahl für dieses Turnier“, erwiderte Thoma sichtlich enttäuscht. Es wunderte mich zwar etwas, warum dieses 'vielversprechende Talent' nicht in ein entsprechendes Turnier geschickt wurde, fragte aber nicht weiter nach.
„Ich habe den Schlüssel dieses Jahr bei den Wartungsarbeiten gefunden“, erklärte Richard und hielt ein kleines Juwel vor meine Augen, in dessen Mitte ich mehrere kleine Fäden erkennen konnte, die in einem kleinen schwarzen Kasten zusammenliefen.
„Woher weißt du denn, das dies der Schlüssel für den Glasturm ist?“
„Ganz einfach, es stand an der Schatulle, in der dieses Juwel aufbewahrt wurde.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen. In dieser Ruine lagen garantiert archäologische Schätze von unglaublichem Wert! Geschichtliche Dokumente aus einer Zeit, die weit zurück liegt! - Meine Gedanken rasten und ich versuchte mir schon vorzustellen, welche unglaublichen Dinge wir darin finden würden.
„Ich entnehme der Begeisterung in deinen Augen, dass wir morgen zu dem Turm aufbrechen können?“.
Ich verkniff mir die Frage, ob es nicht schon heute ging und nickte.
„Na also! Da Thoma uns begleitet, haben wir ja nichts mehr zu befürchten.“, Richard lachte herzhaft und führte uns wieder aus der Kammer heraus, die er hinter uns verschloss. „Wie wäre es, wenn wir vorher noch etwas essen und früh zu Bett gehen, damit wir morgen entspannt beim ersten Sonnenlicht aufbrechen können? Es wäre besser, wenn wir vor Mittag im Turm sind, da die Tage in der Wüste unerträglich heiß werden können.“

Richard hatte uns ein üppiges Mahl zubereiten lassen, bei dem Thoma äußerst schlechte Tischmanieren zeigte. Vorher hätte ich nicht gedacht, dass man so schnell Essen konnte, aber Thoma belehrte mich eines besseren.
„Und, was hast du seit der Akademie alles gemacht?“, Richard ignorierte Thomas Schmatzen gekonnt.
„Nichts besonderes. Jedenfalls nichts, was spannend genug wäre, um es zu erzählen. Wie sieht es bei dir aus?“ unterdessen nahm ich mir etwas von dem köstlich duftenden Fleisch – zumindest hielt ich es für Fleisch. In der Tat handelte es sich um das Fruchtfleisch einer Kakteenfrucht, die angebraten so wirkte wie echtes Fleisch, was mir Richard erst später eröffnete.
„Ich bin viel umhergereist, bevor ich mich vor ungefähr acht Jahren hier häuslich niederließ. Wusstest du eigentlich, das ich ein Patenkind habe?“
„Wirklich?“, Richard erstaunte mich etwas. Ich hatte ihn nie für jemanden gehalten, der sich für Kinder interessierte.
„Kinder? Brauche ich erstmal nicht. Bevor ich mir sowas zulege, will ich noch was vom Leben haben!“, Thoma hatte zwischen zwei Bissen mal Zeit gefunden etwas zu sagen.
„Wenn du einmal ein kleines Kind in den Armen hattest, wirst du das wohl anders sehen.“, Richard schien förmlich in einer schönen Gedankenwelt zu schwelgen.
„Na, soweit lass ich es erst gar nicht kommen.“, Thoma grinste wieder und griff sich eine der Keulen, die auf dem Tisch lagen.
„Nun, ich glaube, ich gehe schon mal zu Bett.“ Mit diesen Worten warf ich Thoma einen vorwurfsvollen Blick zu, den er gar nicht mitzubekommen schien. Richard zuckte mit den Schultern. Er konnte wahrlich nichts dafür, das es kein romantisches Abendessen geworden war. Nach einem kurzen Klingeln mit einer kleinen Glocke erschien William in der Türe, der mich auf mein Zimmer geleiten sollte.
Kurze Zeit später fand ich mich in dem Zimmer wieder, das Richard mir zugedacht hatte. Neben mehreren äußerst wertvollen Schränken, die mit vielen Schnitzereien verziert waren, enthielt das Zimmer auch ein geräumiges Bett. Ich bewunderte einige der Wandteppiche, die unterschiedliche Motive zeigten, wie zum Beispiel einen Löwen oder eine Meerjungfrau. Ich begann einige meiner Sachen aus der Truhe zu holen, die William inzwischen auf mein Zimmer getragen hatte. Ich legte einige Sachen ab, um besser schlafen zu können und legte mich dann auf das gemütliche Bett. Die Aufregung, eine unbekannte Ruine zu betreten, ließ mich lange Zeit nicht schlafen. Ich dachte dabei über alles mögliche nach, bevor mich die Traumwelt in ihren Bann zog...
Vor mir öffnete sich langsam ein großes echsenartiges Auge. Ich erkannte die geschlitzte Pupille die glühend auf mich herabsah als die eines Drachens.
Es schien mich eine Ewigkeit lang anzustarren, bevor neben mir in der Dunkelheit eine schattenhafte Figur auftauchte, mit einem Schwert ausholte und in das Auge stach! Ich konnte den Schmerzensschrei eines Drachens förmlich spüren, konnte sehen, wie das Glühen das Auge verließ, wie es selbst zu einem tanzenden Feuer wurde und dann langsam, einem gebannten Geist ähnlich in den Himmel aufstieg. Neben mir ertönte ein höhnisches Lachen, welches mir Angst einflößte. Als ich mich gerade zur Quelle des Lachens umdrehen wollte, begann mich irgendetwas in die Tiefe zu ziehen. Das Blut, welches aus der Schnittwunde des Auges gelaufen war, hatte um mich herum einen tiefroten See gebildet. Wie in Treibsand sank ich immer tiefer. In meiner Verzweifelung versuchte ich zu schwimmen, irgendetwas zu ergreifen, aber jede Bewegung ließ mich nur schneller einsinken. Ich wollte um Hilfe rufen, aber meine Stimme versagte, während ich langsam bis zum Hals einsank. Immer tiefer zog es mich in das dunkle rot, drohte mich zu ersticken, bis ich plötzlich erwachte.


Tag der Zeit, 16. Tag des Monats Ig, Jahr 3996 n.R.


Verschlafen stand ich auf. Ein Blick aus dem Fenster sagte mir, das es noch immer Nacht war, es aber wohl nicht mehr lange bis zum Morgen dauern würde. Ich beschloss die Zeit bis zur Abreise sinnvoll zu nutzen und begab mich auf eine kleine Erkundungstour durch die riesige Festung. Nach den ersten drei Fallen, die ich beinahe ausgelöst hätte, kehrte ich wieder um.
Richard war wegen seiner Besitztümer übervorsichtig, da es gerade in der Wüste gut ausgebildete Diebe gab und er nicht wollte, dass die ganze Diebesgilde sein Haus leer räumte. Dennoch fand ich die Anzahl der Fallen, die ich auf den zwei Metern außerhalb meines Zimmers fand etwas übertrieben. Man konnte fast meinen, dass Richard, neben seinem Hobby als Botaniker, jede Art Falle sammeln würde.
Ich steckte erneut meinen Kopf in die Kiste, holte aus einer Ecke ein kleines rohes Kotelett, legte es auf den Schreibtisch und beförderte danach noch eine kleine Tür zutage, die ich neben dem Fleisch aufstellte. Mit einem Fingerschnippen öffnete sie sich und es trottete langsam eine kleine Drachendame heraus. Viele würden die kleine garantiert nicht als Drachen bezeichnen, da sie – im Gegensatz zu normalen Drachen – mit einer Größe von gerade mal einer Elle bereits ausgewachsen war. „Na, meine Kleine? Hast du mich vermisst?“, begrüßte ich sie.
„Du sollst mich doch nicht mehr Kleine nennen“, antwortete sie mit einem Gesichtsausdruck, der verriet, das sie beleidigt war.
„Ist ja ok, Rjusha. Du warst doch die letzten Tage nicht zu einsam oder?“
Mit diesen Worten war in Rjusha's Welt wieder alles in Ordnung, wozu das Stück Fleisch, das ich ihr mitgebracht hatte noch das Übrige tat.
„Sag mal, wo sind wir eigentlich?“, fragte die Kleine zwischen zwei Bissen.
„Auf dem Kontinent des Feuers, bei einem alten Bekannten. Ich kann ihn dir nachher vorstellen, wenn du willst.“ Rjusha war mit dem Angebot anscheinend äußerst zufrieden und verschlang den Rest des Fleisches in einem großen Happen. Ich erzählte ihr kurz, dass wir später die alte Ruine betreten wollten, worauf sie Feuer und Flamme war, sich dieses Erlebnis nicht entgehen zu lassen.
Etwas später wurde ich von William benachrichtigt, dass wir in Kürze aufbrechen würden. Ich packte also alles nötige wieder in meine Truhe, entnahm dieser nur meinen Stab und verstaute sie dann mit Hilfe von ein wenig Magie auf der Astralebene – der Ebene der Geister – um jederzeit auf sie zugreifen zu können. Rjusha setzte sich auf meine Schulter, bevor wir zu den anderen beiden stießen.
„Wie ich sehe, bist du auch schon wach“, begrüßte mich Richard, der dabei Rjusha mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtete.
„Was ist los? Noch nie einen Minidrachen gesehen?“, wurde er von dieser angefaucht. Richard lachte.
„Ich wusste ja noch gar nicht, das du einen Vertrauten hast...“
„Ich habe sie schon seit Jahren. Ich hatte sie sogar schon während der Akademiezeit, nur durfte ich sie nie mitnehmen.“
„Schade eigentlich, so jemand süßes hätte ich gerne schon früher kennengelernt.“
Rjusha sah etwas zu Seite und fragte nur „So?“.
Ich merkte, das Rjusha das Kompliment zu Kopf stieg. Ein Mensch wäre errötet, allerdings sieht man so etwas nicht bei einem Drachen. „Lass Dir von ihm nichts einreden, der ist zu jeder Frau so charmant.“, flüsterte ich Rjusha zu, der das allerdings egal zu sein schien.
„Wie ich sehe, hast du auch einen neuen Stab?“, Richard schaute sich meinen Stab, der aus Ebenholz geschnitzt war genauer an. Er sah einem Baum, der anstatt einer Baumkrone einen großen Kristall festhielt sehr ähnlich.
„Nach dem mein alter zerbrochen ist, brauchte ich halt einen neuen... und da habe ich mir einen selbst gemacht. Sieht doch klasse aus, oder?“
„Nicht schlecht“, meldete sich nun auch Thoma zu Wort, der schon wieder in seiner dicken Rüstung steckte. Richard hingegen war in eine langen Robe gekleidet und hatte ebenfalls einen Stab in der Hand, der im Gegensatz zu meinem glatt war. Auch dieser trug am oberen Ende eine Kristallkugel, die aber von einer dreigliedrigen Klaue gehalten wurde.
„Wirklich gute Arbeit“, meldete sich nun auch Richard, der in der Zwischenzeit einmal um mich herumgegangen war. „Ich denke mal, wir sind dann auch alle fertig, oder?“, fragte er und begann einen Reisezauber zu sprechen, noch ehe wir geantwortet hatten.

Majestätisch ragte der Glasturm in weiter Entfernung aus der Glaswüste empor, deren Sand in den ersten Sonnenstrahlen der Morgenröte in allen Farben glitzerte. „Von hier aus sollten wir es bis spätestens heute Mittag schaffen, den Turm zu erreichen“, Richard winkte uns hinter sich her und ging auf die Ruine zu. Unterdessen betrieb ich mit Thoma etwas Smalltalk, auf den er sich aber nicht so richtig einlassen wollte. Er schien ein eher ruhiger Typ zu sein... außer beim Essen. Inzwischen hatten wir das formelle Sie fallen lassen – per Du war alles irgendwie angenehmer. Außerdem fühlte man sich dann nicht ganz so alt. „Thoma, warum hast du dich eigentlich auf dieses Abenteuer eingelassen?“ Ich sah etwas zu dem Krieger, der einen guten Kopf größer war als ich, empor.
Lächelnd antwortete er: „Neugier. Außerdem ein hübsches Sümmchen“
Für Geld machten einige Leute aber auch alles... Moment mal... „Dich bezahlt er also? Mal sehen, ob ich auch noch etwas herausschlagen kann.“
Thoma sah mich ungläubig an. „Ich dachte, ihr seid befreundet?“
„Sind wir auch, nur Geld kann man immer brauchen, oder?“
Der Krieger musste lachen.
„Was macht ihr beiden denn da hinten?“, Richard drehte sich nicht ganz um und blieb an einer kleinen Formation aus Glassäulen stehen.
Ich spürte plötzlich durch die dünnen Schuhe, die ich trug, das sich der Untergrund veränderte. Die feinen Sandkörner wurden langsam durch feine Glaskugeln und Glassplitter ersetzt, die unter jedem unserer Schritte knirschten. „Langsam weiß ich, warum das hier Glaswüste heißt“, ich schloss zu Richard auf, der den Kristallschlüssel aus einer kleinen Tasche holte und in eine der Glassäulen einsetzte. Die Luft vor uns begann kurzzeitig zu flimmern und man sah, wie eine vorher unsichtbare Barriere wie Eis in der Sonne schmolz.
„Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns“, mit diesen Worten ging Richard voraus, auf den in der Ferne stehenden Turm zu.
Ich ließ mich wieder zu Thoma zurückfallen, um ihm noch einige Geheimnisse zu entlocken. „Wie hast du Richard eigentlich kennengelernt?“
Thoma schien einen Moment zu überlegen, bevor er antwortete. „Richard kam irgendwann in der letzten Woche zu mir. 'Ich habe einen guten Job für jemand so talentiertes, wie dich', hatte er mir gesagt. Ich hatte zwar keine Ahnung, woher er von meinem Talent wusste, aber, als er mir sagte, was er für die paar Tage bezahlt...“
Da war es wieder, das Thema Geld. Es war ja nicht so, das ich nicht auch in gewisser Weise käuflich war, aber einige Sachen schienen mir doch irgendwo übertrieben.
„Was hast du denn davor so alles gemacht?“
„Dieses und jenes...“ Ich gab auf. Da er nicht weiter mit mir reden wollte, gingen wir schweigend weiter...