Teil 4:
~ Ruinen des Schicksals ~
Kapitel 10 ~ Schicksal

Tag der Natur, 12. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Es regnete schon seit Tagen. Rjusha hatte sich unter meinem dichten Mantel verkrochen und auch Firence schien lieber zu schlafen. Dabei hätte ich nie gedacht, dass der Feuergeist so empfindlich sein könnte. Den Namen hatte ich ihm erst vor kurzem gegeben, damit sich die Gespräche etwas angenehmer gestalteten.
Irgendwo zwischen Eqanu und dem Eingang zu den Destanis-Ruinen hatte ich mir mit einigen Palmenblättern und Holz einiger Rankenpflanzen eine Notunterkunft gebaut, um mich etwas vor diesem andauernden Regen zu schützen. Liebend gerne hätte ich mit etwas Magie dafür gesorgt, dass der Regen aufhörte, aber wie ich bereits auf dem Schiff von Kapitän Harfner festgestellt hatte, war ich im Bereich der Wetterkontrolle eine absolute Niete. Ich schaffte es vielleicht fünf Minuten lang das Wetter unter meine Kontrolle zu bringen, was aber auf dem langen Weg vor mir nicht wirklich half, zumal der steinerne Weg schon halb von mehreren Pflanzen überwuchert war.
Seit es sich herumgesprochen hatte, dass man die Ruinen nicht betreten konnte, hatten diese ihre magische Anziehungskraft auf alle möglichen Abenteurer verloren. Zumindest war es positiv, dass mir nicht zufällig irgendeiner dieses komischen Klans oder einer anderen Organisation über den Weg lief, die mir ans Leder wollten.
Ich drückte die zitternde kleine Drachendame noch etwas stärker an mich, um sie ein wenig zu wärmen und ihr Trost zu spenden. Ich hatte ihr mehrmals das Angebot gemacht, sie für einige Zeit in ihr Reich zurückzuschicken, aber sie hatte darauf bestanden bei mir zu bleiben.
Seufzend lehnte ich mich an den Stamm hinter mir, an dem ich eines der Blätter meines provisorischen Hauses angebracht hatte und schloss ein wenig die Augen. Mich hatten in den letzten Tagen die merkwürdigsten Nachrichten erreicht:
„Schloss Anarctica auf Aquene sei in einem riesigen Eisberg gefangen“, „Attentat auf das jährlich stattfindende Jyuraian-Kirchentreffen“, „Prinzessin Xelia Perosaia von Mytycion auf mysteriöse Weise verschwunden“ und nicht zu vergessen die Meldung über mich: „Feuerdämonin zerstört eine halbe Stadt“ - Der König von Indyrica hatte sogar ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt aber zumindest traute sich bei der Geldmenge – immerhin hunderttausend Goldstücke – so schnell keiner an mich heran. Seit dieses Siegel aufgetaucht war, schien es auf ganz Archaea merkwürdige Zwischenfälle zu geben und ich hatte durchaus einen Verdacht, wer dahinter stecken könnte. Allerdings wunderte mich eines: Hikaru wollte schon längst mit Ryu gesprochen haben, aber die großen Drachen schienen sich nicht in das Geschehen einzumischen.
Ich schüttelte die Gedanken aus meinem Kopf, sah wieder auf die Straße und bemerkte erfreut, das der Regen langsam schwächer wurde und nach kurzer Zeit aufhörte.
Der Himmel war zwar immer noch leicht grau, aber ich konnte nicht ewig dort herumsitzen. Ich stapfte also wieder langsam den Weg entlang, darauf bedacht, nicht auf den – von vielen Abenteuren betretenen und in Laufe der Zeit – abgerundeten und mit Blättern bedeckten Steinen auszurutschen.
Als nach einiger Zeit die Sonne durch die Wolken brach, traute sich auch Rjusha wieder nach draußen, um sich auf meiner Schulter ein wenig in der Sonne zu wärmen.
„Was erhoffst du dir von dieser Reise eigentlich?“, durchbrach Rjusha nach einiger Zeit das Schweigen.
„Ich will mehr über mein 'neues' Schicksal wissen. Mehr Details über das was mich erwartet und den Grund, weshalb es sich so oft wiederholt. Fierence hat mir zwar schon einiges darüber erzählt, aber mich interessiert, ob es noch andere Möglichkeiten gibt... und ich würde gerne wissen, welche Geheimnisse diese Ruine verbirgt.“
„Deswegen gehen wir durch den ganzen Regen?“. Rjushas Kommentar brachte mich zum Lächeln.
„Meinst du etwa nicht, dass es sich lohnen könnte?“, fragte ich meinen kleinen Schützling freundlich, woraufhin diese schwieg. Sie kannte meine Vorliebe für Geschichte und Ruinen und hatte auch einen Teil davon übernommen.
„Ich will nur nicht, das du am Ende enttäuscht bist...“, antwortete Rjusha letzten Endes mit einer geknickt wirkenden Stimme.
„Keine Sorge... Diese Reise hat sich jetzt schon gelohnt“, mit den Worten strich ich ihr vorsichtig über den Kopf und schaute auf die Schicksalsspitze vor mir empor, der ich mich langsam – sehr langsam näherte.

Es hatte mich ungefähr einen halben Tag gekostet, bis ich vor dem Eingang zur Ruine stand. Der Anblick dieses Jahrtausende alten Bauwerks war schier überwältigend. Die leicht vergilbten, mehrere Meter hohen Mauern waren so stark bewachsen, dass es so wirkte als sei die Ruine aus der Natur gewachsen. Nur der Eingang, der leicht bläulich schimmerte, ließ erkennen, dass es kein natürliches Bauwerk war, sondern eines, das die Natur fast verschlungen hatte. Der Pflanzenbewuchs hörte mitten im Eingang plötzlich auf, als hätte eine unsichtbare Wand die Pflanzen davon abgehalten die Ruine zu betreten – wie eine Tür, die einen unerwünschten Einbrecher davon abhielt, ein fremdes Haus zu betreten. Aber nicht nur den Pflanzen war der Eintritt bisher verwehrt gewesen. Auch viele Abenteurer und Grabräuber hatten es versucht, die Ruine zu betreten, aber keiner konnte einen Fuß in das alte Gemäuer setzen. Nicht einmal die, die sich für schlau gehalten und versucht hatten, neben der Tür ein Loch in das Gemäuer zu schlagen oder zu sprengen. Die Wände ließen jegliche versuche, sie zu durchbrechen völlig kalt.
„Das sind also die Destanis-Ruinen“, murmelte ich, während ich meinen Blick langsam über das Relief oberhalb des Einganges schweifen ließ.
„Die Ruinen des Ursprunges“, flüsterte Rjusha ehrfurchtsvoll, die erkannt hatte, was das Relief darstellte. „Ich glaube nicht, dass wir die Ruine betreten sollten“, flüsterte die Kleine und ich spürte, wie sie kurzzeitig zitterte.
„Mache dir bitte keine Sorgen, meine Kleine“, antwortete ich ihr. „Es ist meine Bestimmung hier einzutreten, aber wenn du sicherheitshalber lieber nicht mit hereinkommen möchtest, so verstehe ich das sehr gut.“
Der Gedanke alleine zu sein missfiel Rjusha noch mehr, als der Gedanke die Ruinen zu betreten, was sie durch ein starkes Kopfschütteln und den Worten „Ich kann dich doch nicht alleine lassen“ zum Ausdruck brachte.
„Dann lass uns reingehen... durch den Regen haben wir bereits genug Zeit vertrödelt!“ Abenteuerlustig betrat ich im Licht der Nachmittagssonne die Ruine, ohne weitere Kommentare von Rjusha abzuwarten.
Der Gang durch das Portal und die blau schimmernde Barriere fühlte sich so an, als ob ich durch einen warmen Wasserfall gehen würde – ein Wasserfall, durch den mehrere leichte Blitze zuckten, wodurch meine ganze Haut immer noch kribbelte, als ich endlich auf der anderen Seite war. Auch Rjusha schüttelte sich. Für sie war es anscheinend noch unangenehmer gewesen, als für mich.
„Ah, wie ich sehe, sind wir endlich angekommen!“ Firence war neben mir aufgetaucht und lächelte mich freundlich an.
Zeitgleich mit seinem Auftauchen zuckte Rjusha auf meiner Schulter merklich zusammen, die feurige Gestalt neben mir behagte ihr überhaupt nicht. „W... wer ist den das?“, brachte sie schließlich hervor, als sie merkte, das ich mich von seinem Auftreten kein bisschen beeindrucken ließ.
„Das ist Firence, der Feuergeist, der im Siegel des Feuers...“, plötzlich fiel mir etwas auf: Ich hatte mich schon so sehr an sein Auftreten gewöhnt, dass ich vollkommen vergessen hatte, dass ich normalerweise die Einzige war, die ihn sehen konnte – und das nur im Schlaf. Ich kniff mir in den Arm, um festzustellen, dass ich durchaus wach war.
„Wie? Was?“, ich schaute Firence fragend an, welcher nur mit den Schultern zuckte. „Wahrscheinlich projiziert die Ruine meinen Körper sichtbar nach außen.“
„Und deine Stimme“, bemerkte Rjusha frech.
„Und deine anderen Eigenschaften, wie die Hitze, die du ausstrahlst ebenfalls“, gab ich ebenso kühl, wie Rjusha zu verstehen.
„Sollen wir nun weitergehen, oder wollt ihr hier ewig stehen bleiben?“, fragte Firence nach mehreren Minuten, die wir ihn flüsternd angestarrt hatten. Rjusha hatte vorgeschlagen ein wenig Fleisch in seinem Körper zu braten. Ich hatte dem sofort einen Riegel vorgeschoben, schließlich mochte er es wahrscheinlich nicht, wenn man ihn so öffentlich als Lagerfeuer missbrauchte und schlug daher vor, dass wir es lieber heimlich tun sollten – indem wir die Nacht in der Ruine verbrachten. So würde zumindest das nervige Feuerholzsammeln entfallen.
Ein wenig ertappt lächelten wir ihn beide an, bevor ich antwortete: „Ja natürlich, lass uns weitergehen...“
Der Gang, den wir betreten hatten, führte uns tief in den Berg hinein, bevor er sich schnell zu einem großen Raum erweiterte. Die Wände waren auch hier aus denselben Steinen aufgebaut, wie die Außenmauer der Ruine.
Direkt vor uns befand sich eine hohe Wand, in der zehn Türen fein säuberlich wie eine Pyramide übereinander angeordnet waren mit je einer Treppe zur Linken und zur Rechten einer Türreihe. Die unterste Türreihe bestand aus vier Türen, von denen die erste rot glühend war und so wirkte, als ob sie wie Lava jeden Moment wegfließen würde. Die zweite Türe in der Reihe war aus massivem Stein gefertigt. Die dritte Türe hingegen war aus purem Eis und so dick, das man nicht hindurchsehen konnte. Die letzte Türe dieser Reihe wirkte wie ein einziges Gewitter, summend und leise krachend bewachte sie den letzten Gang auf dieser Ebene.
Eine Ebene höher befanden sich drei weitere Türen, die ebenso faszinierend aussahen, wie die unteren: Die erste wirkte so, als hätte man sie aus einem Mond geschnitten, denn sie strahlte das gleiche fahle Licht ab, wie der Mond in der Nacht. Die zweite war aus purem Gold gefertigt und die dritte schien – von mehreren Blättern und Blüten bedeckt, die aus einem Stamm wuchsen – richtig lebendig.
Die zwei Türen darüber hatten hingegen keine wirkliche Gestalt sondern wirkten wie zwei Portale – eines aus Licht und das andere aus Dunkelheit – während das eine Portal seine Umgebung erhellte tauchte das andere selbige in Dunkelheit.
Die letzte Türe – oder besser das letzte Portal – war am faszinierenden: Je länger ich auf es starrte, desto mehr verlor sich mein Blick in der unbeschreiblichen Unendlichkeit dieses Portals.
Es dauerte einige Momente, bis ich meinen Blick davon losreißen konnte, der daraufhin auf eine Säule fiel, die mitten im Raum vor den Türen stand. Verziert mit mehreren Symbolen und Schriftzeichen erklärte sie die Bedeutung der Türen: Jeder Auserwählte hatte eine eigene Türe, die seinem Element zugeordnet war. Jedes Element würde seinen Träger prüfen, bevor dieser die Geheimnisse der Destanis-Ruinen erkunden konnte.
„Das Element wird euch prüfen!?“, ich blickte Firence fragend an, der nur mit den Schultern zuckte. „Warum müssen denn immer Prüfungen oder Rätsel oder andere komische Dinge im Weg liegen?“, fragte ich schließlich laut und wandte mich von der Säule ab.
„Weil sonst jeder die Geheimnisse erkunden könnte?“, Rjusha klang halbwegs plausibel – nur diese Ruine konnte man sowieso nur unter bestimmten Umständen betreten, also war eine Prüfung hier eigentlich vollkommen unsinnig. Ich zuckte daher nur mit den Schultern, ergab mich in dieses Schicksal und ging zielstrebig auf die glühende Türe zu.
Die Hitze, die mir von der Türe her entgegen schlug war unglaublich. Meine Haut fühlte sich an, als ob sie brennen würde und selbst Rjusha empfand die Hitze als ein wenig zu warm. Alleine Firence schien die Wärme gar nichts auszumachen. Ich schaute mir die Türe genauer an und stellte fest, dass der Türgriff fehlte – nicht das es mir möglich gewesen wäre diesen anzufassen und daran die Türe aufzuziehen.
„Was nun?“, wandte ich mich an den Feuergeist, der sich an der Türe aufzuwärmen schien.
„Ich habe keine Ahnung... Aber ich denke mal, es ist etwas, was nur wir zustande bringen können – sonst wäre diese Tür ja für jeden zugänglich...“
Ich schaute Firence etwas skeptisch an und richtete mein Blick wieder auf die Türe – was könnten wir wohl als einzige machen, damit die Türe den Weg frei gab? Eigentlich wäre die einzige Möglichkeit, die Türe weiter aufzuheizen – aber dann könnte man die Türe noch weniger öffnen? Oder war es so gedacht, die Türe durch aufschmelzen zu öffnen? Die Idee war verrückt, so verrückt, das es tatsächlich klappen könnte.
„Firence... könntest du die Türe bitte noch etwas weiter erhitzen?“ Der Blick der feurigen Gestalt neben mir beschied mir wie verrückt meine Idee war. Mit einem Nicken gab ich ihm zu verstehen, das es mein voller Ernst war.
Schulterzuckend antwortete er „Wenn du meinst“ und machte sich an die Arbeit. Mit einigen unverständlichen Zauberformeln und einigen sehr komplizierten Handgesten brachte er die Tür dazu noch heißer zu werden, wodurch die Türe, die zuvor noch rot geglüht hatte ihr Glühen verstärkte, bis sie weißglühend wurde und langsam zerfloss. Es dauerte einige Zeit, bis das Loch groß genug war, so dass wir alle durchsteigen konnten. Rjusha flog voraus und ich nutzte einen Schutzzauber, der mich kurzzeitig vor der enormen Hitze des weißglühenden Metalls auf dem Boden schützen sollte – dennoch hatte ich das Gefühl, über glühende Kohlen zu laufen. Firence stieg als letzter durch, wobei wir sehen konnten, das die Tür – während sie abkühlte – wieder ihre alte Form annahm und sich das Loch, das Firence unter großer Kraftanstrengung dort reingebrannt hatte, wieder schloss.
„Spätestens jetzt sind wir im inneren gefangen“, meinte Rjusha mit einem leicht ängstlichen Unterton in ihrer Stimme.
Der Gang auf der anderen Seite der Tür war trocken, so trocken, dass selbst die Luft, die wir atmeten, uns langsam die Feuchtigkeit aus dem Körper zog. Die Wände links und rechts bestanden nur noch aus rohem Fels und der Weg vor uns führte über eine, mühsam in den Stein gehauene, Treppe nach unten...

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich die endlos erscheinende Treppe hinab gestiegen war, denn mit jeder Stufe die ich nahm, hatte ich das Gefühl, dass die Luft immer stickiger wurde und die Umgebung immer wärmer. Ich hatte schon meine Robe abgelegt und nur noch das nötigste an – ein luftiges Oberteil, gerade einmal um meine Oberweite geschlungen, ein Tuch um meine Hüften und noch die Stiefel, die mich einigermaßen vor der Hitze der Steine schützten über die ich nach unten stieg. Der Schweiß lief mir langsam den gesamten Körper herunter und tropfte mir manchmal unangenehm von der Nase auf den Boden unter mir, wo er mit einem Zischen in der Luft verschwand.
Je tiefer ich kam, desto heller wurde es allerdings auch – was der einzige Vorteil an der ganzen Tortur war. Im Moment überlegte ich selber, warum ich mich überhaupt darauf eingelassen hatte. Ich hätte auch irgendwo zu Hause in der Sonne liegen können – was sicherlich um einiges angenehmer war als das hier unten. Aber wenn ich hierdurch keine vornehme Bräune kriegen würde...
Rjusha fühlte sich auf meiner Schulter hingegen äußerst wohl. „Endlich mal richtig warm!“, war ihr einziger Kommentar auf ein Stöhnen meinerseits.
Irgendwann erreichte ich einen großen Raum, in dem ein Lavasee langsam vor sich hin köchelte – wie eine rotglühende Bohnensuppe... nur ohne die Bohnen. Dafür befanden sich mehrere Steinplatten auf der Lava, die – wie Inseln aus Eis auf Wasser schwimmen – in der Lava langsam umherschwammen.
Auf der anderen Seite des Sees stand ein Feuerwesen, das Firence sehr ähnlich sah. Ob es auch ein Feuergeist war? Ich drehte mich zu der Position um, wo ich Firence wusste: „Sag mal, kennst du den da dr-“ Firence war verschwunden.
„Willkommen, auserwählte des Feuers“, erklang die Stimme des Geistes in der Höhle, deren leichtes Echo mir eine Gänsehaut bereitete, zumal ich die Stimme wiedererkannte. „Es ist Zeit für die Prüfung des Feuers...“ Firence Stimme klang kühl und emotionslos. „Besiege mich und du wirst finden, wonach du suchst...“
„Firence? Was soll das?“, meine Stimme klang etwas unsicher, aber ich hoffte, das es nur ein Scherz dieses verrückten Geistes war. Er antwortete jedoch nicht. Vorsichtig tat ich einen Schritt nach vorne, auf die glühende Lava zu und spürte, wie im nächsten Moment etwas rot glühendes an mir vorbeischoss.
„Kämpfe!“ Die Stimme des Geistes knisterte bedrohlich, während er einen weiteren feurigen Ball aus seiner Hand auf mich abfeuerte, dem ich im letzten Moment auswich.
Nun war mir klar, dass es dieser Geist ernst meinte. Würde ich ihn nicht irgendwie besiegen wäre es mein Ende – und zwar ein sehr heißes. Aber was noch schlimmer war: Er war eindeutig im Vorteil: Mir hatte die bisherige Hitze schon stark zu schaffen gemacht, während sie ihn nur stärkte. Mit ein bisschen Glück konnte ich die Umgebung vielleicht zu meinen Gunsten ändern, was mich allerdings auch sehr viel Kraft kosten würde – aber ohne diese Änderung hätte ich gerade mal die Chance eines Schneeballes in der Hölle... und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich wich erneut einen Schritt zurück, um einem weiteren Angriff des Feuergeistes auszuweichen, dessen Stimme immer energischer wurde: „Kämpfe! Oder stirb!“
Ich bedeutete Rjusha sich im Gang Deckung zu suchen, während ich versuchte, mit der Situation klarzukommen – ein Hinweis den ich nicht zwei Mal geben musste. Mit einem leichten Ausfallschritt, der mir half, im Notfall mein Gleichgewicht besser zu halten, signalisierte ich Firence, das ich nun bereit zu einem Kampf war. Für einen Moment zauberte dies ein Lächeln auf die feurigen Lippen meines Gegners, der sich ebenfalls in eine Angriffsposition begab.
Ganz leise und unter höchster Konzentration wirkte ich – während wir uns gegenseitig einige Augenblicke lang nur anstarrten – schon einen besonderen Zauber: Freeze.
Kurz vor Beendigung des Zaubers griff mich Firence mit einem Schwarm aus Feuergeschossen an. Das Feuer brannte sich in meine Haut, überall fühlte ich Schmerzen, während die restlichen Fetzen Stoff, die ich noch trug brennend zu Boden fielen. Jedoch wich ich erst aus, als ich den Zauber zu Ende gewirkt hatte. Auf dem dünnen Stück Ufer, das ich noch neben mir hatte machte ich einige Sätze zur Seite, was das Brennen auf meiner Haut verschlimmerte. Firence, der den Feuerhagel nun unterbrochen hatte schaute mir grinsend in mein schmerzverzerrtes Gesicht. „Wenn du aufgibst, mache ich es kurz und schmerzlos...“, seine Stimme knisterte beinahe Honigsüß, während er seine Arme in meine Richtung bewegte.
„Freu dich... ja nicht... zu früh...“, brachte ich zwischen einigen Atemzügen hervor, wissend, dass die Temperatur im Raum langsam aber sicher abnehmen würde. Unbemerkt von Firence begann der Lavasee langsam zu erstarren, während sich darauf eine schwarze Kruste bildete. Neben dem Sinken der Temperatur hatte das ganze noch einen Vorteil: Die Helligkeit im Raum nahm ab, was meine Chancen langsam aber sicher steigerte.
„Gut, wenn du dich lieber quälen willst...“, knisterte seine Stimme bevor er den nächsten Schwall an Geschossen auf mich abfeuerte, die da explodierten, wo ich vor Sekunden noch selbst gestanden hatte. Während ich noch die meiste Zeit mit Ausweichen beschäftigt war – Firence feuerte schneller einen Feuerball oder Feuerstrahl auf mich ab, als Mais im Feuer aufplatzt – versuchte ich mit einigen Speeren aus Eis zu kontern, die allerdings zum größten Teil kurz bevor sie Firence erreichten schon verdampft waren.
Erst als die ersten Eissplitter – mehr war nicht übrig – sich in den glühenden Körper des Geistes bohrten machte dieser eine kurze Pause mit seinen Geschossen.
„Was hast du... wie?“, sein Blick glitt langsam über den immer weiter erstarrenden Lavasee und fiel dann zurück auf mich. Ich hatte die Zeit genutzt, um mich in einer Ecke etwas auszuruhen. Meine gesamte Haut schien inzwischen zu brennen – neben meiner Lunge. Meine Beine fühlten sich schwer an und ich bekam kaum noch Luft. Die Sicht verschwamm vor meinen Augen und ich bekam langsam Kopfschmerzen.
„Was hast du... getan?“, die Stimme von Firence klang bedrohlich, während ich langsam in der sich ausbreitenden Dunkelheit verschwand. Jetzt musste ich irgendwie reagieren, bevor er mit einem Gegenzauber den Effekt aufheben konnte. Ich musste etwas finden, mit dem ich ihn einfach besiegen konnte. Nur was? Mich verließ langsam meine Kraft und ich konnte nicht mehr klar denken. Vielleicht half ein Wassergeist? Der natürliche Rivale eines Feuergeistes?
Ich kratzte noch irgendwie ein bisschen meiner Kraft zusammen, um mich aufzurichten und einen Wassergeist herbeizurufen. Meine Gesten waren durch die Schmerzen etwas unbeholfen, meine Worte nur geflüstert. Während Firence versuchte meinem Zauber entgegenzuwirken – was in einigen wilden Gesten und einem lauten Grollen ausartete tauchte neben mir die Figur eines Wassergeistes auf. Nicht gerade erfreut über die Umgebung, in die ich ihn – oder besser sie gerufen hatte, machte sie sich an die Arbeit und machte mit einem großen Würfel aus Eis, der auf Firence herabfiel dessen Arbeit der letzten Sekunden zunichte.
Während ich langsam zu Boden sank wurde ich langsam von einer angenehmen Kälte umhüllt, eine Kälte, die die Schmerzen meiner brennenden Haut zu lindern begann, eine Kälte, die mich in ihrer kühlen Obhut willkommen hieß, bevor ich in einer tiefen Dunkelheit versank.

Als ich erwachte war das rötliche Glühen in den Raum zurückgekehrt. Hatte ich verloren? Hatte Firence nur auf mein Erwachen gewartet, um mir den Rest zu geben? Mein Kopf schmerzte fürchterlich – allerdings war das auch das einzige. Die schmerzhaften Verbrennungen meiner Haut schienen einfach verschwunden zu sein. Vorsichtig richtete ich mich auf und sah mich um.
Firence saß lächelnd neben mir. Ich wollte sofort einige Schritte zurückweichen, aber er hielt mich fest. Seine feurig glühende Hand fühlte sich jedoch nicht schmerzhaft an sondern wirkte eher angenehm.
„Hab keine Angst... es ist vorbei...“ Firences knisternde Stimme klang im Gegensatz zu vorher so harmlos, wie der Ton einer wunderschönen Glocke im Vergleich zu einem Erdbeben, das ganze Tempelanlagen zum Einsturz bringt. „Du hast die Prüfung bestanden, du hast mich besiegt... „, er half mir auf die Beine und führte mich zu dem Gang in dem Rjusha zitternd wartete.
Froh darüber mich wohlbehalten wiederzusehen flog mir die kleine Drachendame in die Arme und schmiegte sich an meine nackte Haut.
Mir schoss sofort die Röte ins Gesicht und bat den Feuergeist hinter mir, sich soweit zu entfernen, das er nichts von mir sehen würde: „Wenn ich dich beim Spitzeln erwische, mache ich dich fertig!“
Ich ließ mir etwas Zeit dabei, mir neue Klamotten und meine Robe anzuziehen, nachdem die Temperatur hier unten sehr angenehm für mich war. Ich verstaute all das, was ich nicht mehr brauchte wieder in meiner kleinen Reisetruhe, die daraufhin wieder auf der Astralebene verschwand, so dass ich kein Problem damit hatte noch irgendwelches Gepäck mit mir rumzuschleppen.
Fertig angekleidet und Rjusha wieder auf der Schulter betrat ich wieder den Raum, in dem ich Firence wusste. „Ich denke mal, du bist mir eine Erklärung schuldig!“ sprach ich den Feuergeist an, der es sich auf einer der Steinschollen im Lavasee gemütlich gemacht hatte.
Firence stand auf und drehte sich zu uns um. „Nun, jeder Auserwählte, der die Geheimnisse dieser Ruine näher erkunden will, wird vorher vom jeweiligen Element geprüft, das hast du selbst gelesen.“
„Aber wozu?“
„Das wirst du erfahren, wenn du weitergehst. Ich kann dir nichts dazu sagen, denn das ist das erste Mal, das jemand diese Prüfung bestanden hat...“ Firence lächelte mich an, während die Steinschollen auf dem See langsam zusammen trieben und eine Brücke bildeten.
„Folge mir“, die feurige Gestalt von Firence drehte sich um und ging über die Brücke auf die andere Seite des Sees. Noch etwas unsicher folgte ich ihm langsam und sprang von Scholle zu Scholle, um ebenfalls auf die andere Seite des Sees zu gelangen, wo eine Treppe empor führte.

Es dauerte eine gute Ewigkeit, bis wir endlich in einem Raum ankamen, der groß genug war, um einen Tempel darin zu bauen. Unmittelbar vor dem Eingang über den ich diesen Raum betreten hatte schwebte eine massive Steintafel in der Luft. Die Symbole leuchteten leicht rötlich und ähnelten denen aus dem Glasturm. Als ich die ersten Zeilen der Tafel las lief mir ein kalter Schauer über den Rücken.
Das konnte nicht möglich sein, was da stand, ich las daher die ersten Zeilen immer und immer wieder, aber ihr Inhalt änderte sich nicht:
Willkommen, Auserwählte des Feuers, Arche May Silver! Seit über sechzigtausend Jahren warte ich auf diejenige, die die Prüfung der Elemente überstehen wird... auf die Erwählte unter den Auserwählten... Diejenige, die dieser Welt eine neue Ordnung bringen kann... auf dich!