Kapitel 11 ~ Erbe

Die Worte auf der Tafel klangen unwirklich, wie ein schlechter Scherz, den sich jemand erlaubt hatte.
Ich starrte lange Zeit gebannt auf diese Steintafel, wie auch Rjusha und Firence. „Was... was hat das... zu bedeuten?“ Meine Frage blieb unbeantwortet. Meine beiden Gefährten hatten genau so wenig Ahnung wie ich.
Mein Blick wanderte langsam über die Tafel, deren Worte weiterhin rötlich glühten und somit die Tafel zu einem schwachen Lichtspender machten. Ich löste meinen Blick von der Tafel und blickte mich im Rest des Raumes um, der in Dunkelheit um mich herum versank.
Die Wände waren so weit entfernt, dass ich sie nur noch erahnen konnte, und der Raum schien bis auf den einen Stein komplett leer zu sein. Das alles lies den Raum aber noch unwirklicher werden, wenn das überhaupt noch möglich war.
Ich murmelte ein paar Zauberformeln und lies dann eine kleine leuchtende Kugel im Raum emporsteigen die diesen taghell erleuchtete.
Die Wände schienen durchweg aus massivem Stein zu bestehen, und der einzige Weg aus dem Raum war der durch den wir ihn betreten hatten. Diese leere Kammer sollte nun meine ganzen Fragen beantworten? Seufzend schritt ich um die Tafel herum und stolperte fast über einen tiefen Spalt im Boden. Ich warf mich schnell nach hinten, um mein Gleichgewicht wiederzufinden setzte mich jedoch unsanft auf meinen Hintern.
Jetzt fielen mir aber Kleinigkeiten auf, die den Raum immer merkwürdiger werden ließen: Der Boden, der rau und aus Stein gehauen wirkte fühlte sich so glatt an, wie eine Eisschicht auf einem zugefrorenen See und die Spalte über die ich gestolpert war schien einem größeren Gebilde, einem riesigen in den Boden gehauenen Bild anzugehören. Auch Firence schien dieses Gebilde langsam aufzufallen und Rjusha, die im Augenblick über mir schwebte, da sie sich im letzten Moment während ich fiel von meiner Schulter erhoben hatte, flog nun in die Mitte des Raumes. Sie stieg hoch zur Decke und warf im Licht meiner Magiekugel einen furchteinflößenden riesenhaften Schatten eines Drachens an die Wand und teilweise auf den Boden.
„Das ist ein riesiger magischer Kreis“, rief sie schließlich, während ich mich langsam wieder aufrichtete. „Im Außenrand hat irgendwer etwas hingeschrieben, aber ich kann das nicht lesen!“
Ich schritt nun auch näher an das Gebilde auf dem Boden heran und betrachtete den Rand. Tatsächlich hatte jemand eine Inschrift dort hinterlassen. Die Zeichen, die wieder aus der selben alten Schrift zu stammen schienen ergaben jedoch für mich keinen Sinn. „Firence, kannst du damit etwas anfangen?“ Ich schaute kurz auf den Feuergeist, der nun nachdenklich wirkte und dann wieder auf die Schriftzeichen zurück.
„Es scheint sich um einen sehr alten Dialekt zu handeln...“, antwortete er schließlich und ging langsam den Außenring des Kreises ab. Während Firence sich um die Schrift kümmerte sah ich mir den Kreis selber an. Gegen diesen waren die Penta- Hexa- oder Nonagramme die normalerweise in der Magie eingesetzt werden primitiv. Die Linien kreuzten sich und Kreise und Sterne und andere merkwürdige Objekte, von denen keines einem einfachen Dreieck entsprach. Mich wunderte vor allem die Präzision, mit der dieses Kunstwerk in den Boden gemeißelt wurde.
Rjusha hatte sich in der Zwischenzeit an dem Gebilde sattgesehen und landete wieder auf meiner Schulter. Firence trat nun auch wieder an mich heran und sah ein wenig verzweifelt aus.
„Konntest du es lesen?“
Er nickte und gab den Wortlaut der Schriftzeichen wieder: „Pra finbsia gistzrèmndiora rel kontak pra suefi aqurevia moria tul Krohntripbia ruwetmingizu...“
Einen Moment schaute ich ihn fragend an: „Wer ist Finb und was interessiert mich ob der irgendeine Gicht von einem Kronprinzen bekommen hat?“
Firence schüttelte leicht schmunzelnd seinen Kopf. „Wie gesagt, es ist ein sehr alter Dialekt und ich würde es ungefähr so übersetzen:“, er räusperte sich kurz bevor er fortfuhr:
Wenn sich die Linien des Metagramms mit der leuchtenden Quelle des Lebens füllen, wird die Vergangenheit erwachen... Nur macht das für mich keinen Sinn.“ Ich nickte und überlegte. Das Metagramm war höchstwahrscheinlich dieses Gebilde auf dem Boden, aber was sollte die leuchtende Quelle des Lebens sein? Und wie hatte ich es mir vorzustellen, wenn die Vergangenheit erwacht?
Die Visionen von plötzlich aus dem Boden brechenden Skeletten und anderen untoten Wesen jagte mir einen Schauer über den Rücken.
Ich ließ den Gedanken sofort fallen – sollte es dazu kommen könnte ich diese ja immer noch in den Lavasee locken. Im Moment interessierte mich eher, dass dieses Metagramm vielleicht der Schlüssel zu allen meinen Fragen war.
Dummerweise brauchte ich für diesen Schlüssel wiederum einen Schlüssel – und dieser fehlte mir vollkommen. Ich hatte keine Ahnung, was mit der leuchtenden Quelle des Lebens gemeint sein konnte...

Ich hatte sehr viel Zeit mit Grübeln verbracht. Trotz der Hilfe von Firence und Rjusha war ich der Lösung dieses Rätsels kein bisschen näher gekommen. Meine Gedanken rasten nur noch im Kreis, gefangen in einem inneren Nebel, der sich keineswegs lichten wollte.
„Ich gebe auf...“, gab ich schließlich leise zu. Die Wände war ich bereits komplett abgegangen und auch der Boden, den ich sogar in der Nähe der Schriftzeichen abgetastet hatte war nicht gnädig zu mir gewesen.
Ich wollte gerade alle meine Habseligkeiten wieder an mich nehmen, um diesen Ort zu verlassen, als mir das rötliche Glühen von weiteren Schriftzeichen auf der Rückseite der Steintafel in die Augen fiel. Langsam ging ich darauf zu und ließ meinen Stab, sowie einige andere Utensilien und Kleidungsstücke ebenfalls wieder fallen. Der Text der Tafel bereitete mir eine Gänsehaut. So klar und deutlich der Text dort stand so sehr jagte mir er Angst ein: Du solltest noch nicht aufgeben, mein Kind. Zwar hast du viele deiner Möglichkeiten ausgeschöpft, Arche, aber bedenke, dass in diesem Raum fast nichts ist, wie es zu sein scheint, was du am Boden bereits festgestellt hast. Verlasse dich nicht auf das, was du siehst... verlasse dich auf dein Gefühl, auf das was du fühlst und betrachte erneut jene Barriere, die dich und deinen Geist gefangen hält und in die Irre führt... Und mach den Mund zu.
Wie im Reflex schloss ich meinen Mund, der sich beim Lesen dieses Textes unwillkürlich geöffnet hatte. Diese Tafel, jahrtausende alt, barg entweder ein sehr tiefes magisches Geheimnis oder – und das war es, was mir Angst machte – jemand hatte genau gewusst, dass ich irgendwann in diesem Raum stehen und vor der Inschrift des Kreises kapitulieren würde.
Mir waren zwar schon einige Wahrsager begegnet, die aber bestenfalls eine grobe Voraussage für das nächste Jahr treffen konnten. Diese Zeitspanne war einfach nur unheimlich!
Als ich zu Firence zurückging merkte dieser nur an: „Du bist ja kreidebleich... Was ist los?“
Ohne weitere Worte deutete ich auf die Steintafel. Während er den Text selber las, kuschelte sich Rjusha an mich, eine Geste, für die ich ihr in dem Moment sehr dankbar war.
Firence kam nach einiger Zeit wieder zu mir und ließ sich neben mir auf den kalten Steinen nieder. „Ich gebe zu, der Text ist etwas... ungewöhnlich geschrieben, aber wieso erschreckt er dich so?“
„Wenn du schon mal alte Prohpezeihungen gelesen hast“, antwortete ich nach einiger Zeit, „dann fällt dir ein großer Unterschied auf. Oft sind sie sehr vage gehalten, teilweise eher rätselhaft, bevor man erkannt hat, worauf sie hinauswollen sogar unverständlich. Aber diese hier...“, ich schluckte kurz einen Kloß runter, der sich bilden wollte, „ist vollkommen klar formuliert und an mich gerichtet... Die Rückseite jedoch ist noch genauer... Jemand wusste exakt, wie ich mich verhalten würde!“ Meine letzten Worte waren sehr laut gewesen, bevor ich meinen Blick wieder von Firence abwandte und Rjusha stärker an mich drückte.
„Ich habe nie irgendeine Wahl gehabt und werde wohl nie eine haben...“, flüsterte ich schließlich und gab Firence meine Erkenntnis, die mich so stark getroffen hatte preis. „Es bedeutet, dass unser aller Schicksal fest vorgegeben ist, dass wir keine Chance haben uns gegen das Schicksal aufzulehnen...“
Firence schwieg, als ob er keinen Weg wüsste, um mich irgendwie aufzuheitern. Rjusha schwieg ebenso eine lange Zeit, aber meine kleine Drachendame war es, die etwas sagte, das mir wieder etwas Hoffnung gab: „Vielleicht steht diese Schrift nur so genau hier, weil dies alles schon ein mal passiert ist. Das dieses Ereignis ein in der Zeit festgetrampelter Pfad ist, ein Punkt, in dem alle Entscheidungen zusammen laufen und nach dem später dieser Pfad wieder in getrennte Wege aufgespalten wird...“ Noch machten die Worte der kleinen für mich keinen Sinn, aber sie fuhr mit ihrer Philosophie fort: „Wenn es der erste war, der vollkommene Macht über die Zeit hatte, dann war es ihm sicher ein leichtes in der noch kommenden Zeit von unserer Ankunft hier zu erfahren und diesen Stein in der Vergangenheit aufzustellen. Wohl etwas sehr wichtiges...“
Die verschollene Magie der Zeit hatte ich total vergessen... Man sagt der Drache der Zeit sei mit seinem Kontinent aus Archaea verschwunden, weil er den Missbrauch jener Magie fürchtete.
„Aber was kann dann so wichtig sein, dass jemand die ganze Welt gefährdet und sich in den Lauf der Zeit einmischt?“ Mir fielen die ganzen Theorien ein, die ich einmal darüber gelesen hatte. Theorien, die den Untergang ganzer Welten zur Folge hatten, sogar ganzer Sterne, wenn man unvorsichtig mit dem zehnten Element umging.
„Das findest du nur heraus, wenn du dich weiter nach des Rätsels Lösung umschaust und diese trüben Gedanken verscheuchst...“ Firences Stimme klang freundlich. Er stand auf und reichte mir eine glühend rote Hand, um mir beim Aufstehen behilflich zu sein.

Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, in der Firence und ich die Wand abgesucht hatten. Am Eingang zu der riesigen Kammer wurden wir fündig: Die gesamte Wand fühlte sich glatt an, bis auf die Stelle, die wir gefunden hatten. Eine leichte Erhebung, die sich nach einem gewissen Druck in die Wand senkte und somit verschwand. Gespannt warteten wir einige Momente darauf, dass irgendetwas Besonderes passieren würde. Wir horchten auf entfernte Geräusche und achteten eine lange Zeit auf den Raum vor uns.
„Scheint nichts zu passieren“, meinte Firence schließlich. Ich seufzte nur zur Antwort und drehte mich wieder zu der Wand um, wo wir den vermeintlichen Schalter gefunden hatten. Diese Wand hatte allerdings begonnen, sich zu verändern: Die steinerne Haut, die unsere Augen wahrgenommen hatten zog sich langsam zurück, so als ob sie verglühen würde, und hinterließ jene Wand, die wir erfühlt hatten.
„Das nenne ich mal... stark...“, kommentierte Rjusha das Schauspiel, die nun ebenfalls ihren Blick auf die immer schneller voranschreitende Linie gerichtet hatte. Die gelblich glühende Grenze zog über unseren Köpfen und unter unseren Füssen vorbei, um auf der gegenüberliegenden Seite in einem Punkt zusammenzutreffen. Zischend öffnete sich dort, wo der ganze Spuk geendet hatte, eine Tür, die langsam nach oben fahrend einen Gang freigab, der mit einer leichten Steigung noch tiefer in den Berg hinein zu führen schien.
„Ich glaube, diesen Teil des Rätsels haben wir gelöst“ Ich schluckte und machte einige vorsichtige Schritte in Richtung des neuen Ganges, Firence direkt hinter mir und Rjusha – mit etwas ungesunderer Neugier – auf meiner Schulter.
Zu unserer Überraschung war der Gang nicht sehr lang und endete in einer kleinen Kammer an deren hinterer Wand ein großes Becken mit Wasser stand. Am Rande des Beckens war eine kleine Erhebung zu sehen – anscheinend ein solcher Schalter, wie der, den wir in der großen Halle betätigt hatten. Achselzuckend drückte ich den hervorstehenden Teil in die Wand, die daraufhin so aussah, als ob dort nie ein Schalter gewesen wäre.
Erneut dauerte es ziemlich lange, bis sich etwas zu tat: In der Wand über dem Becken öffneten sich zwei Löcher, aus denen irgendetwas in das Wasserbecken darunter floss. Noch ehe ich Firence und Rjusha fragen konnte, um was es sich dabei wohl handele, begann das Wasser in dem Becken bläulich zu glühen... Ein Glühen, das langsam immer stärker wurde.
„Gut, das ist wohl dann die leuchtende Quelle des Lebens... aber wie bekommen wir diese am besten in...“ - klickende Geräusche unterbrachen meine Frage, als sich im Boden des Ganges ein Kanal öffnete und kurz darauf die inzwischen hell leuchtende Flüssigkeit sich ihren Weg durch den Kanal selber suchte. Ich beeilte mich, dem Licht spendenden Wasser hinunter in die andere Kammer zu folgen, in der sich der große Kreis inzwischen zu füllen begann. Das Licht, das nun von den Rillen im Boden ausging schien mit jedem Augenblick, der verstrich, immer intensiver zu werden.
Gleißend und wunderschön wie eine Aurora erfüllte das Licht, das aus dem magischen Kreis schien, den riesigen Saal. Blitze zuckten und die Luft über dem Kreis begann zu flimmern, bevor eine Gestalt in dem Inferno sichtbar wurde. Als das Licht etwas gedämpfter erschien und die Blitze verschwunden waren, stand ein Mann in mitten der flimmernden Luft, klar zu erkennen aber dennoch sonderbar entfernt. Freundliche Augen blickten auf mich und ein Lächeln zeichnete sich in seinem blonden Bart ab, als er auf mich und meine Begleiter blickte. Er trug mittellange Haare, die ihm wallend auf die Schulter fielen. Die Kleidung die er trug wirkte sonderbar: Weit und gemütlich aber dennoch eng anliegend.
„Ich hatte gehofft, dass du zu mir finden würdest, mein Kind“, erklang seine Stimme, sonderbar freundlich und hoffnungsvoll aber dennoch betrübt. Etwas, das sich auch in seinem Gesicht widerspiegelte. „Ich hoffe zumindest, dass du den Fehler, den ich einst beging, nun endlich wieder gut machen kannst, dass du den Teufelskreis durchbrichst, den ich einst heraufbeschwor!“
Lange schaute ich die Gestalt fragend an, bevor ich meine Worte wiederfand. „Was? Wer? Wie?“, ich hatte plötzlich so viele Fragen, dass ich selbst nicht wusste, womit ich beginnen sollte.
„Alles zu seiner Zeit, mein Kind“, antwortete die Gestalt lächelnd. „Ich bin der Erste, Elric Fist... und einer deiner Vorgänger – zumindest was ihn anbelangt“, er deutete mit einer Hand auf Firence. „Er war der achte Geist, den ich im ersten großen Gefecht gewann, das Gefecht, das ich damals angefacht hatte.“ Sein Blick senkte sich zu Boden und es schien als würde er von einer tiefen Trauer und Last langsam erdrückt. „Zu spät merkte ich, das ich einen Pfad eingeschlagen hatte, der meinen Untergang bedeutete und den der Welt die ich liebte. Ich hatte mit der Störung des Gleichgewichts unter uns Wächtern diese Welt in eine Teufelsspirale gezogen, die langsam diese Welt zu zerstören sucht. Ich weiß nicht, wieviele Zyklen vergangen sind, seit ich diesen Fehler begangen hatte.“ Er seufzte und lächelte mich wieder an. „Ich hoffe, du wirst meine Aufgabe annehmen und der Geist des Feuers wird dich dabei unterstützen, das Gleichgewicht der Elemente wiederherzustellen. Ich bin über die letzten Jahre zu schwach geworden, diese Welt weiterhin zu unterstützen, geschweige denn, den Fehler selber zu richten. Über die Zeit werden andere meinen Platz einnehmen und wissentlich oder unwissentlich die Stütze der Welt sein... Ich fürchte jedoch, dass einige unter der Last zugrunde gehen oder... schlimmeres...“
Anscheinend hatte ich ein Tor in die ferne Vergangenheit geöffnet. Der, der zu mir sprach war lange tot und hatte nichts von Trafalus erfahren, den seine eigene Gier und eventuell die Last, von der er nichts wusste, zugrunde gerichtet hatte.
„Aber wie? Wie soll ich ein Gleichgewicht wiederherstellen, von dem ich nicht weiß, wie es aussieht? Ich weiß nicht einmal, wie ich das überhaupt tun könnte...“
Ich wusste nicht warum, aber tief in mir regte sich eine Traurigkeit. Ich wollte der armen Gestalt irgendwie helfen konnte es aber nicht und die Hilflosigkeit, die mich nun langsam niederstreckte rührte mich zu Tränen.
„Mein Kind... Arche... auch wenn ich nicht mehr in der Lage bin, selbst etwas zu tun, so habe ich wenigstens vorgesorgt, so dass du etwas tun kannst. Auf dieser Welt gibt es zehn Kontinente, von denen jeder einem der zehn Elemente gehört, die Asmadeus einst erschuf. Auf jedem Kontinent befindet sich ein Objekt, das sich inzwischen mit der Macht der Elemente aufgeladen haben sollte... finde diese Elementträger und bringe sie auf die Spitze dieses Berges. Dort, wo der nächste Wächter inkarniert wird, im Elfenbeinturm, kannst du das Gleichgewicht wiederherstellen.“
„Aber warum ich? Und woran erkenne ich diese Objekte?“, ich spürte, dass unsere Zeit knapp wurde und konnte sehen, wie das Licht, das vom Kreis ausging langsam schwächer wurde. „Ich habe dich gewählt, weil ich denke, das du stark genug sein wirst, die anderen Wächter zu besiegen... denn ohne die anderen Geister kannst du den Turm nicht betreten...“ Er seufzte, während ein Flackern seine Gestalt kurzzeitig verwischte. „Die Verbindung wird immer schwächer... es hat doch länger gedauert, als ich ursprünglich geplant hatte... Finde die Objekte, die die Elemente verkörpern und... viel Glück...“ Das Licht wurde immer schwächer und die Gestalt wurde immer unschärfer. „Lebe wohl... Meine... Nichte...“, die Gestalt verschwand in der Dunkelheit und das immer schwächer werdende Licht erlosch kurze Zeit später und ließ mich im Halbdunkeln mit Firence und Rjusha alleine.
In dem Moment konnte ich nichts mehr mit meinen Gefühlen anfangen... Eine Mischung aus Trauer, Mitleid, Wut und Furcht ließ meinen Körper erzittern, während ich mit feuchten Augen auf den Punkt starrte, wo Elric Fist vor einigen Momenten gestanden hatte. Schließlich war Rjusha diejenige, die endlich die Stille brach.
„Das ist ein außergewöhnliches aber auch schweres Erbe...“, flüsterte sie, aber ihr Flüstern erklang in dieser Stille wie ein Donnerschlag.
„Wirst du dieses Erbe antreten?“, Firences sanfte Stimme klang ebenfalls wie ein Donnergrollen, aber seine warme Hand, die er auf meine Schulter gelegt hatte, gab mir etwas Halt.
„Ich... weiß nicht... das klingt alles so... unwirklich...“, antwortete ich zögernd, aber tief im Inneren wusste ich doch, dass es wahr war. Erneut füllten sich meine Augen mit Tränen, während meine Beine das Gewicht, das nun auf meinen Schultern lastete nicht mehr tragen konnten.
Ohne meine beiden Schutzgeister wäre ich in dieser Situation sicherlich vollkommen verzweifelt, aber Rjusha und Firence gaben mir durch ihre Anwesenheit und Anteilnahme genügend Kraft, den Weg, den ich eingeschlagen hatte zu gehen. Ich musste einfach versuchen den Fehler, den mein Vorfahre vor so langer Zeit begonnen hatte, irgendwie zu korrigieren. In seiner Stimme hatte so viel Trauer, Schmerz und Ehrlichkeit gelegen.
Als ich endlich genug Kraft und Mut hatte, mich in mein neues Schicksal zu ergeben verließen wir schließlich die Ruine. Der Rückweg durch die langen Tunnel, über den Lavasee und die Treppen bis an das Tageslicht kam mir kürzer vor, als der Hinweg, aber dies konnte gut eine Täuschung sein, da meine Gedanken weiterhin um jenes groteske Erlebnis kreisten.


Tag des Feuers, 13. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

In der Morgendämmerung des nächsten Tages traten wir hinaus und sogen die frische Luft des Morgens tief ein. Firences Gestalt war für Rjusha außerhalb der Ruinen wieder unsichtbar geworden. Wenn mich nun jemand sah, musste er sicherlich denken, dass ich ein totaler Vagabund sei, so wie meine ganzen Habseligkeiten und ich selbst aussahen. Noch ehe ich diesen Gedanken verwerfen oder weiterspinnen konnte trat ein Mann in einer schwarzen Kutte um die nächste Biegung und kam zielstrebig auf mich zu. Nachdem diesem Mann ungefähr ein weiteres Dutzend Männer folgten und mich halb umkreisten dachte ich mir schon, das etwas faul war.
„Arche May Silver, nehme ich an?“, die Gestalt, die als letztes in den Kreis getreten war schlug die Kapuze zurück, woraufhin mich ein einsames Auge anlächelte – das andere war hinter einer Augenklappe versteckt. Wahrscheinlich hatte er es irgendwann in einem Kampf verloren, da eine Narbe sich Quer über sein Gesicht erstreckte, genau durch das fehlende linke Auge. Seine langen Haare und sonst eher edlen Gesichtszüge, sowie die Hände, die er nun wieder in die Ärmel der jeweils anderen Hand steckte, ließen ihn eher wie einen Gelehrten wirken. Ich fragte mich, ob er wirklich Kämpfen konnte oder nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war, aber eigentlich war es schade, denn wenn ich ihn mir mit zwei dunkelbraunen Augen vorstellte, wirkte er richtig süß. Mit einem Kopfschütteln verwarf ich diesen Gedanken wieder. „Was kann ich... für Euch tun?“, antwortete ich schließlich halbwegs freundlich.
„Mein Meister würde Euch gerne kennenlernen... wenn ihr also die Güte besitzen würdet, uns zu folgen?“
„Was wäre, wenn ich diese Güte nicht besitzen würde?“
Der Mann schaute mich eine lange Zeit abwägend an. „Nun, dann wäre mein Meister sehr enttäuscht...“, antwortete er schließlich. „Zumal wir dann handgreiflich werden müssten... und schlimmstenfalls würde dich das zurück nach Indyrica schicken...“
„Wie kommst du darauf, das ihr mir etwas anhaben könnt?“, ich blickte den Mann vor mir herausfordernd an.
„Nun, ich denke doch, das ich das kann...“, antwortete er schließlich. Er nahm seine Hände wieder aus den Ärmeln seiner langen Kutte und entblößte seinen rechten Arm. „Ich nehme doch an, dass Ihr dieses Zeichen erkennt, oder?“
Er deutete auf einen Punkt, der von zwei schlangenartigen Drachensilhouetten umgeben war, eines der zehn Siegel. Er gebot also ebenfalls über einen Elementargeist. „Dieses Siegel gibt euch noch lange keine Garantie dafür, dass Ihr mich besiegen werdet!“ Innerlich stellte ich mich auf einen Kampf ein.
„Ich brauche Euch auch nicht besiegen... Sollten wir erst einmal angefangen haben wird der Wächter der Zeit erscheinen und uns auf unsere Heimatkontinente zurücksenden... Oder eher die Heimatkontinente unserer Geister... in deinem Falle Indyrica, wo du noch immer gesucht wirst.“
Der Mann lächelte so eiskalt, dass es mir einen Schauer über den Rücken jagte. Im Moment wollte ich seine Geschichte nicht auf Wahrheit überprüfen. Ich hatte keinerlei Motivation an den Ort zurückzukehren wo alles begonnen hatte... Allerdings dämmerte es mir in diesem Augenblick, dass ich nach Indyrica zurückkehren musste: Das Objekt des Feuers musste ich von dem Kontinent holen... In mir zog sich alles zusammen und schließlich dachte ich mir, dass es wohl nicht schaden könne, seinen Meister kennenzulernen.
„Aber ich würde gerne noch wissen, woher ihr meine Geschichte kennt?“
„Das wird euch mein Meister selber sagen.“ Er winkte seinen Begleitern schon einmal voraus zu gehen. „Nun“, er lächelte etwas freundlicher, „da ihr vernünftig geworden seid und wir das selbe Schicksal teilen, finde ich, das ihr zumindest meinen Namen kennen solltet...: Man nennt mich Yenova Wangalis“, er hatte seine Hände wieder in den Ärmeln versteckt und verbeugte sich. „Wenn ihr mir nun bitte folgen würdet“, fragte er freundlich und drehte sich um, den steinernen Weg vorausschreitend.
Noch während ich meine Schritte so lenkte, um ihm zu folgen brach Rjusha ihr Schweigen: „Ich traue dem Ganzen nicht... das riecht gefährlich...“
„Ich weiß...“, antwortete ich ihr, wohl wissend, dass dies nichts Gutes bedeutete. „Ich weiß...“