Kapitel 12 ~ Gefroren

Er rannte durch die schier endlosen Gänge des Palastes. Er wusste, dass ihr jemand Dunkles etwas tun wollte, aber er fand sie einfach nicht. Der Palast wirkte wie ein großes Labyrinth: Jede Abzweigung, die er nahm führte nur zu weiteren Abzweigungen, eine komplexer als die andere. Seine Zeit wurde immer knapper und er selbst wurde immer schwächer. Er rannte jedoch weiter, aber die Kälte und die Schatten um ihn herum holten ihn immer weiter ein. Er stürzte und nahm plötzlich ihre Schreie war. Mit letzter Kraft richtete er sich auf, um zu ihr zu rennen... Gang um Gang folgte er der Stimme, nur um weitere Gänge zu finden. Schließlich, kurz bevor er aufgab und seine Kräfte ihn völlig verließen, fand er sie: Ihr blutiger kleiner Körper lag zu den Füssen eines hämisch grinsenden Schattens. „Nein“, schoss es ihm durch den Kopf. „Nein“, seine Gedanken wurden zu Worten, die er unwillkürlich sprach. „Neeeiiiinnn....“

Mit schnell klopfendem Herzen erwachte er. Die Strahlen der Sonne berührten seine Augen. Blinzelnd blickte er sich um. Er befand sich im weichen Bett eines gemütlich eingerichteten Zimmers. „Was... ist geschehen?“ fragte er sich laut und versuchte, sich an die letzten Ereignisse zu erinnern. „Azalyn“ die Erinnerung an die kleine Prinzessin traf ihn wie ein Schlag auf den Kopf. Es war kein Traum gewesen... Es war bittere Wahrheit. Diese Bastarde des Shinrju-Klans, dem er einst angehört hatte... Allein bei dem Gedanken daran lief es ihm kalt den Rücken hinunter.
Fluchend starrte er auf seine Hände, von denen eine das Siegel des Wassers trug... Was für einen hohen Preis hatte er für dieses Siegel zahlen müssen. Ihm stiegen Tränen in die Augen, als Azalyns unschuldiges Lächeln vor seinem geistigen Auge erschien. Ihm blieb nur die eine Möglichkeit: Er musste der neue Gott werden... Dann und nur dann hatte er die Möglichkeit, jenes Unrecht wieder gut zu machen, das er teilweise selbst verschuldet hatte. Bis dahin sollten Azalyn und der Rest im ewigen Eis, das nun das Schloss umgab, schlafen. Er erinnerte sich noch genau daran, wie er die Kraft des Wassergeistes genutzt hatte, um den Eiskristall zu erschaffen, der die Begräbnisstätte Azalyns konservieren sollte, bis er es geschafft hatte... oder beim Versuch selbst zugrunde gegangen war. Danach war er zusammengebrochen und... konnte sich nur noch an ewige Gänge erinnern. Er wusste nicht, wie er in dieses Bett gekommen war oder wie lange er geschlafen hatte.
Unter quälenden Schmerzen richtete er sich auf. Seine sämtlichen Glieder und Muskeln schienen steif geworden zu sein. Er bewegte etwas seine Arme, um das kribbelnde Gefühl loszuwerden und sah sich nun in dem kleinen Raum um, den er bewohnte: Er war sehr spärlich eingerichtet und außer einem kleinen Nachttisch und einer Wasserschüssel zierte nur noch eine einsame Blume das Zimmer. Die Bretter, die den Boden bedeckten, wirkten alt aber dennoch stabil, während das Fell, das vor dem Bett lag, bereits bessere Tage gesehen hatte. Neben dem Bett lagen seine Robe und die restliche Kleidung, die jemand fein säuberlich zusammengefaltet hatte. Der- oder besser diejenige, die ihn anscheinend gepflegt hatte, war zwar arm aber dafür sehr reinlich. Er schmunzelte ein wenig, als ihm das Bild einer hübschen jungen Frau in den Sinn kam.
Noch während er den Gedanken weiter ausbaute und sich vorstellte, wie sie ihn liebevoll gepflegt hatte, drehte er sich aus dem Bett und setzte seine Füße auf den Bettvorleger, um auch diese nach längerer Zeit wieder zu bewegen.
Das Kribbeln, das sich nun auch über seine Beine ausbreitete, ließ das Leben in seine unteren Gliedmaßen zurückkehren.
Als das Kribbeln in seinen Extremitäten nachließ und er aufstehen wollte, betrat eine etwas ältere Frau das Zimmer. Sie blickte ihn einige Momente verwirrt an, als ob er eine Statue wäre, die plötzlich laufen konnte, ließ dem aber ein Lächeln folgen.
„Wie ich sehe seid Ihr endlich aufgewacht... Wir dachten schon, Ihr wärt erfroren, so bleich, wie wir Euch gefunden haben.“
Richard blickte die Frau einige Momente lang fragend an, der Traum von der jungen Schönheit, die ihn gepflegt hatte, zerplatzte wie eine Seifenblase.
„Vielen Dank“, antwortete er schließlich, während die Frau ihm eine Suppe reichte. „Wisst Ihr, wie lange ich... bewusstlos war?“
„Wir haben Euch vor sieben Tagen gefunden... heute ist der dreizehnte Sue“, antwortete die Frau.
Richard versuchte sich zu erinnern. Wann war er auf dem Berg gewesen? Es war einige Tage her... der vierte Sue, soweit er sich erinnern konnte. Aber das bedeutete, dass er acht ganze Tage lang bewusstlos war und davon ungefähr einen in der eisigen Kälte verbracht hatte. Irgendwie wunderte es ihn, dass er das überlebt hatte.
„Aber nun, da Ihr etwas kräftiger seid... Vielleicht könnt Ihr da einige Fragen von höchster Wichtigkeit beantworten...“, setzte die Frau von neuem an. „Nur vergesst die Suppe zwischenzeitlich nicht, es wäre schade, wenn sie kalt werden würde.“
Er lächelte und nahm einen kleinen Schluck. Die Suppe war köstlich und die Wärme, die sie spendete, schien seinen ganzen Körper aufzutauen. Die einfach gekleidete Frau, wahrscheinlich so um die fünfzig Jahre alt, lächelte ihn erwartungsvoll an, während sie sich neben ihn setzte. Richard fiel gerade auf, dass er mehr oder minder nackt auf dem Bett saß, was er mit dem Suppengefäß einigermaßen bedeckte.
„Was wollt Ihr denn von mir wissen?“
„Nun, da Ihr vor dem eingefrorenen Schloss lagt... Vielleicht wisst Ihr, wer Anarctica in Eis einschloss? Es haben schon einige versucht, das Eis zu tauen, aber es blieb erfolglos und zerhacken können wir das Eis nicht, wenn wir unseren eingefrorenen König unversehrt befreien wollen.“
Richard lächelte verbittert. Natürlich wusste er, wer das Schloss eingefroren hatte, aber er konnte ihr schlecht eröffnen, dass er es gewesen war... und dass im Moment auch keine Hoffnung darauf bestand, den König und alle anderen lebendig wieder aufzutauen, da sie bereits tot waren. Er seufzte innerlich, bevor er ihr schließlich antwortete.
„Nein, ich weiß leider nicht, wer das Schloss eingefroren hat...“
„Warum lagt Ihr dann vor dem Schloss? Wir dachten, Ihr wärt der Einzige, der dieser Katastrophe entkommen sei...“
Da war etwas, das er nicht bedacht hatte. Traurig schüttelte er den Kopf, während er sich seine weiteren Worte wohl überlegte.
„Ich konnte ihn nicht erkennen. Er stand zu weit weg, als er diese... Katastrophe heraufbeschwor.“
Gewissermaßen hatte er sogar die Wahrheit gesagt, er wusste wirklich nicht genau, wer für den Tod seiner kleinen Prinzessin verantwortlich war, da sie immer mit einer Kapuze im Gesicht herumliefen. Aber er wusste zumindest, wo er anfangen musste zu suchen und er würde sich bitterlich an dem rächen, der Azalyn auf dem Gewissen hatte.
„Aber ich werde diesen Bastard ausfindig machen und zur Rechenschaft ziehen“, die Wut, die wieder in ihm aufstieg, war nun deutlich zu hören und auch die Frau schreckte etwas zurück.
„Aber bevor Ihr das tut, solltet Ihr noch eine Kleinigkeit zu Euch nehmen“, sie lächelte und erhob sich vom Bett, um das Zimmer zu verlassen. „Außerdem solltet Ihr Euch ankleiden... so gut ist unser Heim nicht beheizt, als das man nackt darin herumlaufen könnte.“
Sie verließ das Zimmer und ließ ihn mit seiner Wut und Verlegenheit alleine. Mit einem tiefen Zug leerte er die Suppenschüssel und kleidete sich an. Soweit er bemerkte, war fast alles noch da nur aus seinem Geldbeutel fehlten ein paar Stücke, was er der Frau aber nicht verübeln konnte.
Er trat wieder an den Nachttisch und betrachtete einige Momente lang seinen Verband in der Wasserschüssel. Neugierig, wie sich jene Verbrennung entwickelt hatte, nahm er vorsichtig den Verband ab und blickte erneut in sein schwaches Spiegelbild auf der ruhigen Wasseroberfläche. Seine Haut hatte sich vollständig regeneriert, so als ob eine Maske der Dunkelheit von ihm abgefallen war.
War es das nicht sogar? Dieses merkwürdige Gefühl, das er gehabt hatte, als er Azalyn im Schloss umarmt hatte? War da nicht sogar ein Brennen dort gewesen, wo ihn das Mal des Klans zierte?
Er legte den Teil seiner Haut wieder frei, um sich das Mal anzusehen, das ihm beim Eintritt in den Klan eintätowiert wurde, anzusehen, aber er fand es nicht mehr. Die schwarzen Linien, die einst auf seiner linken Schulter prangten, waren verschwunden. War der Wahnsinn, der ihn im Glasturm befallen hatte vielleicht nur der Schatten des Klans gewesen? Etwas das auch James heimgesucht hatte? Wenn es so war, musste er noch mehr den Mann finden, der hinter alledem stand.
Er zog sich die Robe wieder über die Schulter und wollte gerade den Raum verlassen, als ein Mann in den Raum kam. Im Gegensatz zu der Frau, die vorher bei ihm gewesen war, waren seine Züge hart und noch ein wenig mehr vom Alter gezeichnet, als das seiner Frau. Er blickte Richard streng an.
„Ihr könnt sagen, was Ihr wollt, aber Ihr seid mir sehr suspekt. Ich glaube durchaus, das Ihr etwas mit diesem Eisbrocken zu tun habt, der Anarctica umgibt, also was habt Ihr zu verbergen?“
Die Stimme des Mannes war fordernd und die restliche Gestik seines Körpers war auch nicht viel freundlicher. Dieser Mann war sehr kräftig gebaut, wahrscheinlich verbrachte er seine Zeit mit Holzhacken, Schmieden oder einer anderen den Körper stark fordernden Arbeit.
„Mag sein, dass ich mehr damit zu tun habe, als ich vorgebe“, antwortete Richard dem Mann, ohne eine Miene zu verziehen. „Aber ich bin nicht der böse Schatten, den Ihr sucht. Ich suche selber den Schatten... und wenn Ihr nicht wollt, das mein Zorn auch Euch trifft, weil Ihr mit im Weg steht, so tretet zur Seite!“ Richards Stimme war kühl und bestimmt.
„Ich wusste es! Am besten ist es, wenn Ihr Euch vor Gericht verantworten würdet!“ Der Mann kam auf Richard zu, um diesen an einem Arm zu packen.
Der Magier ließ sich davon nicht sonderlich beeindrucken sondern senkte seinen Stab auf die Brust des Mannes. „An Eurer Stelle würde ich mir nicht zu nahe kommen, sonst brennt ihr so lichterloh wie eine Fackel in der Nacht.“
Richards Gegenüber knurrte auffallend und schritt zur Seite. Vorsichtig schritt der Magier an dem Mann vorbei, ihn immer im Auge behaltend, bis er das Zimmer durch die Türe verließ und nun vor der Frau stand, die ihn ängstlich ansah.
„Es tut mir aufrichtig leid, dass ich mich so aus Eurer Gastfreundschaft verabschieden muss. Er griff in seinen Mantel und holte ein Goldstück hervor, das er der Frau mit einem Handkuss gab.
„Ich werde den Verantwortlichen finden, darauf gebe ich Euch mein Wort! Lebt wohl!“ Er drängte sich nun auch an der Frau vorbei und verließ die spärlich eingerichtete Hütte durch eine Holztüre, der einzigen Barriere, die die Kälte davon abhielt, ins Haus zu gelangen.
Vor der Türe konnte er in einiger Entfernung den großen Eiskristall sehen, der das Schloss Anarctica einhüllte. Das entfernte Leuchten von Feuer und geschäftige Treiben einiger Ameisen zeigte, das das Volk versuchte, seinen Regenten aus dem eisigen Grab zu befreien. Nur wusste keiner von denen, die dort das unschmelzbare Eis seines Wassergeistes angriffen, dass sie ein Blutbad vorfinden würden, wenn es ihnen gelänge.
Er selbst hatte erst einmal andere Pläne. Er musste zurück nach Indyrica, denn eines war gewiss: Der Klan hatte ihn abgeschrieben und sicherlich durch jemand anderen ersetzt... Irgendwo dort mussten Spuren zu finden sein, die ihn dorthin führen würden, wo die Klanführung in aller Ruhe saß und andere die Drecksarbeit für sich machen ließ.
Er war zwar selbst Mitglied gewesen, aber außer beim Initiationsritual, in dem einige der Klanoberen, mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, anwesend gewesen waren, hatte er nicht viel von ihnen persönlich gesehen. Die Aufträge, die er auszuführen hatte, waren ihm meist per Brief oder von einem Boten mitgeteilt worden und einen solchen Boten wollte er sich schnappen.
Allerdings wusste er nicht direkt, wo er anfangen sollte zu suchen... Jeder konnte dem Klan angehören und war meist nur durch das Mal zu erkennen, das jeder bei Eintritt eintätowiert bekam – Die Tätowierung konnte sich an den unterschiedlichsten Orten befinden, war aber immer so platziert, dass sie im Notfall leicht vorzeigbar war.
Er konnte aber schlecht jedem Passanten, der ihm über den Weg lief, die Ärmel und Hosen zerreißen, um einen Blick auf Arme, Beine und Rücken zu erhaschen.
Während er sich also in Richtung der Stadt aufmachte, über die er Aquene betreten hatte, kam ihm ein Gedanke: Der Klan hatte hier eine kleine Armee stationiert gehabt. Er bezweifelte zwar, dass sie dazu gedacht war, das Königshaus anzugreifen, aber sie war unweigerlich vorhanden. Anscheinend waren die schönen Versprechungen, die man ihm damals gegeben hatte, von größeren Schatten überdeckt, als er sich vorstellen konnte.
Es gibt mehrere verschiedene Religionen, die Riza in unterschiedlichem Licht darstellen, aber keiner kennt ihr wahres Inneres. Wir werden die Religionen vereinen und das Gesicht der einzig wahren Göttin offenbaren! Wir wollen allen Kontinenten ihren Frieden und ihre Souveränität zurückgeben! Die Zeit der Drachen, die unsere Völker terrorisieren, wird enden und wir werden uns unter einem neuen Glauben vereinen...
Der Text war Richard ein wenig suspekt gewesen, aber er zeigte ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnte. Im Untergrund brodelte überall ein Glaubenskrieg und der Klan wollte diesem ein Ende bereiten.
Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Die Armee sollte eigentlich den Drachen bezwingen und nun hatten sie die Soldaten nach Anarctica geschickt! In Richard kochte eine Wut, die er nur schwer unterdrücken konnte. Er musste so schnell es ging zurück nach Indyrica – dort hatte er die Möglichkeiten, die dortige Armee ausfindig zu machen und eine Spur zu finden, die ihn seinem Ziel ein Stück näher bringen würde.
„Warum teleportierst du dich nicht zu dir nach Hause?“, erklang plötzlich eine freundliche Stimme neben ihm.
Erschrocken drehte sich der Magier zum Ursprung der Stimme um und sah in das hübsche Gesicht einer Frau, die ihn mit eisblauen Augen anlächelte. Richard schluckte, die Frau, die vor ihm stand, war wunderschön, aber auch ein wenig unwirklich. Ihr Körper wirkte leicht durchscheinend und teilweise wie erstarrtes Eis.
„Schau nicht so überrascht, du weißt, wer ich bin...“, sie zeigte auf seine Hand und lächelte.
„Du hast uns stark zugesetzt wegen deiner kleinen Prinzessin. Ich hoffe nur, dass mein Eis lange genug hält.“
„Wieso?“ Richard hatte inzwischen realisiert, wer ihm gerade den Kopf verdrehte.
„Weil selbst diejenigen, die nachher die Allmacht erhalten, dem Tode gegenüber machtlos sind. Auch wenn der Naturgeist einige Tote zurückholen kann, so sind ihm ebenfalls Grenzen gesetzt... Du hast nicht mehr drei Jahre, um dein Ziel zu verwirklichen... danach ist es trotz des Eises zu spät.“
Das was sie sagte, traf Richard wie einen Schock. Die Allmacht, die er suchte, war doch noch nicht allmächtig genug um ein einzelnes Leben zu retten, wenn er zu spät war.
„Aber...“ Richard stockte „war es nicht so gewesen, dass man Allmacht erlangt, wenn man alle besiegt?“
„Das ist nur Aberglaube der Menschen, die die alten Wächter erlebt haben. Es stimmt, dass ihnen Macht gegeben wird, die das Vorstellungsvermögen der Menschen übersteigt, aber das heißt noch lange nicht, das sie allmächtig werden... Oder warum denkst du, wird alle viertausend Jahre ein neuer Wächter erwählt? Der Tod selbst sucht euch irgendwann heim...“
Richards Wut, die sich aufgestaut hatte, war verpufft. Warum hatte er nur einen so großen Fehler begehen können? Hatte er nicht die alten Schriften, die man ihm zur Verfügung gestellt hatte, sorgfältig studiert? War vielleicht der Wahnsinn, der ihn befallen hatte, seine eigene Gier nach Macht gewesen?
„Deine Zeit wird knapp... wenn du dich nicht teleportieren willst oder kannst, so solltest du zumindest weitergehen“ Die sanfte Stimme des Geistes, die jedes Wort säuselte, zog ihn wieder in die Realität zurück. Vorerst hatte er wichtigeres zu tun. Noch konnte er einiges Unrecht, das er angerichtet hatte, wiedergutmachen. Er schaute wieder auf und wollte sich bei dem Wassergeist bedanken, aber ihre Gestalt war verschwunden, genau so schnell, wie sie aufgetaucht war.
Richard schüttelte seinen Kopf und dachte nicht weiter über diese Erscheinung nach. Sein Ziel war seine Heimat, seine Residenz auf Indyrica.

Ein wenig betroffen blickte er auf die Kleine, die sich hinter ihrer Mutter versteckte.
„Aber warum sie?“ Erneut stellte sie ein und dieselbe Frage und legte ihre Hand auf den Kopf des kleinen Mädchens, deren Bruder stolz vor den beiden stand.
„Ich sagte es Euch schon mehrere Male“, seine Stimme grollte tief und sanft, ließ jedoch das kleine Mädchen zusammenzucken. „Sie trägt das Siegel und nicht Gramilj“, er nickte mit dem Kopf zu dem stolzen Jungen. „Wenn Mikaja nicht hier bleibt und lernt sich zu wehren, sind ihre Chancen zu überleben sehr viel geringer, als wenn sie bei Euch bleibt.“ Das Mädchen hatte die Ohren angelegt und ihren langen Schwanz um das Bein ihrer Mutter gewickelt. Ihre großen katzenhaften Augen blickten immer noch ängstlich auf ihn. Ihr Bruder wollte zwar kurz fauchen, wurde aber durch ein tiefes Grollen davon abgehalten.
„Ich verstehe das aber nicht... Was hat dieses... Siegel für eine Bedeutung?“
„Ich sagte bereits, dass es ihr Leben gefährdet, wahrscheinlich sogar ihren Tod bedeutet, wenn sie nicht lernt sich zu verteidigen... deshalb soll sie die nächste Zeit bei mir verbringen und hier trainieren!“
„Aber normalerweise ruft ihr doch die jungen Männer zu Euch, ehrenwerter Tsukiju“, die Frau hatte Probleme, ihre junge Tochter dem Drachen zu überlassen.
„Aber dies ist keine normale Zeit und auch keine normale Situation“, eine neue Stimme mischte sich ein, während eine weitere Frau zu den anderen stieß. „Vertraut uns, wir wollen nur, dass sie eine gerechte Chance bekommt.“ Das Fell der langsam ins Licht tretenden Frau glänzte im Schein des silbrigen Mondes. Ihre Augen wirkten eher echsenhaft, sie war auf ihre eigene Art grazil.
„Suzanne? Was sucht ihr hier?“ Die Augen der Frau fixierten die Hohepriesterin.
„Ich wohne hier“, fauchte die Frau zurück, ihre ungewöhnlich geformten Zähne fletschend. „Ich habe das Recht, bei meinem Vater zu verweilen, auch wenn mich euer Volk eher verabscheut, nur weil durch meine Adern das Blut meines Vaters fließt, den ihr jedoch achtet.“
„Genug“, Tsukijus Stimme grollte und ließ die Streitenden verstummen. „Wir sind nicht hier, damit Ihr meiner Tochter und Hohepriesterin Verachtung entgegenbringen könnt. Nur weil sie stärker ist, als viele Männer Eures Volkes. In anderen Kulturen ist das völlig normal... und nur wegen Eurer Ehre das Leben Eurer Tochter zu gefährden ist schlichtweg töricht.“
Die Frau blickte unsicher ins Leere. „Aber was wird mein Mann dazu sagen? Der Rest meines Stammes?“
„Sorgt Euch nicht um solche Belanglosigkeiten, was ist Euch wichtiger?“
Die Frau überlegte lange und hockte sich schließlich zu ihrer Tochter, um sie in den Arm zu nehmen. Unter Tränen flüsterte sie ihr etwas ins Ohr und schob sie schließlich auf den Drachen zu.
„Keine Sorge, Mikaja“, Tsukiju lächelte und versuchte seine Stimme so sanft wie möglich klingen zu lassen, während er sich zu dem kleinen Mädchen herunterbückte. „Hab keine Angst“, sprach er leise zu dem Mädchen, das erneut die großen Katzenohren eng an seinen Kopf angelegt hatte und den Drachen aus großen Augen voller Furcht ansah. „Suzanne hier wird sich um dich kümmern, während du bei uns wohnst.“
Die Frau warf der Priesterin noch einen finsteren Blick zu, drehte sich doch dann um und schob ihren Sohn, der enttäuscht die Ohren anlegte, vor sich her. Die Kleine blickte ihrer Mutter mit großen traurigen Augen hinterher, während sie von Suzanne einigermaßen in den Armen gehalten und getröstet wurde.
„Ich hoffe, dass wir die Pläne des Klans damit ein wenig aufhalten können“, seufzte der Drache laut, nachdem sie alleine auf der Spitze des nördlichen Turmes zurückgeblieben waren. Er blickte zum Vollmond, als ob er ihn nach Antworten fragen wollte, erhielt aber keine Antwort. Nur das leise Schluchzen Mikajas, die in Suzannes Armen lag, erfüllte die Nacht.