Kapitel 15 ~ Beitritt

„Ich denke nicht, dass es klug wäre, in dein Haus zurückzukehren...“, ihre Stimme klang freundlich und sanft und dennoch musste er sich noch daran gewöhnen.
„Aber nur da finde ich eventuell einige Spuren, um mein Ziel zu erreichen, Mira...“ Richard hatte seinem Geist oder eher seiner neuen Begleiterin inzwischen einen Namen gegeben, um sie besser ansprechen zu können, wenn sie, so wie in diesem Moment, neben ihm ging. „Außerdem bezweifle ich, dass sie mich offen angreifen werden, dafür steht zu viel für sie auf dem Spiel.“
„Es ist nur... Ich mache mir Sorgen um dich... Du hast dich schon einmal über deine Grenzen hinweg verausgabt, noch einmal könnte deinen Tod bedeuten... und ich bin nicht bereit, dies zu akzeptieren.“
„Glaube mir, so leicht sterbe ich nicht... Hab ein wenig Vertrauen zu mir oder wie sollen wir sonst das ganze hier überstehen?“ Richard lächelte seine Begleitung an, während er sich über einem sandigen Weg seiner Residenz näherte.
„Das sagst du so einfach... Ich kenne dich noch nicht so lange, wie soll ich dir da jetzt schon all mein Vertrauen schenken?“ Mira blickte trotzig in eine andere Richtung. Irgendwie war sie nicht ganz so sanft, wie Richard es sich vorgestellt hatte, aber vielleicht spielte sie im Moment nur etwas mit ihm?
„Du kannst dir damit noch ein wenig Zeit lassen, aber warte bitte nicht allzulange damit. Wir könnten es eventuell früher nötig haben, als uns lieb ist.“
„Zum Beispiel, wenn du uns direkt in den Ärger hineinführst...“ Mira lächelte ein wenig, bevor sich ihr Bildnis in der Luft verlor.

Richard erreichte schließlich alleine das Tor zu seinem Anwesen. Die Barriere, die den inneren Garten vor der Hitze der Wüstensonne schützte war zusammengebrochen und viele der Pflanzen waren bereits verdorrt. Andere hingegen schienen aus der Erde gerissen worden zu sein.
Vorsichtig schritt Richard den Weg zum Haus entlang, wo ihn der nächste Schrecken erwartete. Die beiden Sphinx-Statuen lagen zerbrochen auf dem Weg und auf der Treppe, die Türe war zersplittert und aufgebrochen worden.
Als er die große Haupthalle betrat hätte Richard beinahe vor Wut und Trauer geschrien: Alle Fallen und Gemälde waren zerstört, die sonst so ansehnliche Halle ein einziges Trümmerfeld und mittendrin lag Blutüberströmt William. Er rannte zu seinem treuen Butler, aber er war zu spät. Der Körper war bereits kalt geworden, die Glieder lösten sich aus der Leichenstarre, ein Zeichen dafür, dass William schon sehr lange tot war.
„Ein trauriger Anblick, nicht wahr?“ Die Stimme erschreckte Richard. Hektisch sah er sich um und erkannte eine Frau mit roten Haaren, die langsam die Treppe aus dem oberen Stockwerk nach unten schritt.
„Habt Ihr das zu verantworten?“
„Glaubt mir, wenn ich das gewesen wäre, hättet Ihr hier nur noch einen Haufen Asche gefunden...“ Ein gefährliches Lächeln zog sich über das Gesicht der Frau, deren Augen kurzzeitig rot zu glühen schienen. Richard hatte das Gefühl, das sie die Wahrheit sagte und er sie vorerst nicht reizen sollte. „Ich nehme an, Ihr seid der Herr dieses Hauses, nicht wahr, Richard Krels?“
„Wer seid Ihr?“ Richard gab sich keine Mühe seine Wut und Verärgerung gegenüber dem Eindringling zu verbergen.
„Ihr wohnt jetzt schon mehrere Jahre auf dieser Insel und wisst nicht, wer ich bin? Jetzt enttäuscht Ihr mich aber... Von einem Magier euren Ranges hätte ich schon erwartet, dass er die Tochter Ryus, die Hohepriesterin des Feuers erkennen würde.“
Richard antwortete nicht direkt, sondern versuchte sich erst einmal unter Kontrolle zu bringen. Er hatte viel über die Halbdrachen gehört, die als Hohepriesterinnen der Kirche fungierten und das, was ihm dabei die meiste Angst bereitete, waren die Erzählungen über die Macht, die sie besaßen. „Was führt Euch zu mir?“ Antwortete er schließlich etwas kontrollierter und erhob sich vom Boden. William würde er später ein ordentliches Begräbnis zuteil werden lassen.
„Ich schätze es zwar, dass Ihr sofort zum wesentlichen kommen wollt, aber ich ziehe die Unterredung an einem etwas angenehmeren Ort vor. Bitte folgt mir, ich habe eure Empfangshalle ein wenig aufgeräumt.“
Richard empfand es als äußerst merkwürdig in seinem eigenen Heim von einer Fremden durch das Haus geführt zu werden, aber je weiter er sich umsah, desto weniger wirkte es wie sein eigenes Heim. Vasen lagen zersplittert auf dem Marmorboden, Teppiche und Vorhänge waren aufgeschlitzt, Bilder und anderes angezündet und zu Asche verbrannt worden. Hatte man ihm denn nicht schon genug angetan? Oder war es alles eine Prüfung in seinem Leben? Er stieß hörbar den Atem aus und betrat hinter der Frau seine alte Empfangshalle. Sie wirkte etwas leerer als zuvor aber sonst frei von Trümmern. Sie hatte anscheinend gute Arbeit geleistet.
„Also nun, Richard Krels. Ihr wolltet wissen, weshalb ich Euch hier aufgesucht habe. Ihr erinnert Euch sicherlich an den Vorfall letzten Monat, der eine halbe Stadt in Schutt und Asche legte. Nun ich habe mit Miss Silver ein wenig über die Vorkommnisse geredet und interessante Dinge erfahren...“
Richard schluckte unmerklich. Musste ihn jetzt auch noch seine Vergangenheit so schnell einholen? „Was wollt Ihr nun tun?“ Seine Stimme klang ein wenig angespannt, er konnte seine augenblicklichen Gefühle nur schwer unterdrücken. Eine Mischung aus Angst und Neugier machte sich immer weiter in ihm breit.
„Nun, ich hoffe, dass Ihr mir Auskunft geben könnt... Auskunft über diejenigen, die das hier zu verantworten haben, diejenigen auf deren Geheiß Ihr einst handeltet und einen unschuldigen ermordetet: Der Shinrju-Clan.“ Ihre Stimme klang fest und fordernd, beinnahe so als wollte sie aus einem Straftäter jedes Körnchen Wahrheit herauspressen. Dennoch fiel Richard ein kleiner Stein vom Herzen.
„Vielleicht können wir uns gegenseitig ein wenig behilflich sein... Ich wette Ihr habt auch ein paar Informationen bezüglich des Klans gesammelt.“ Er hatte nichts mehr zu verlieren. Er konnte ihr ruhig alles erzählen, was er wusste, aber vielleicht konnte er auch einen kleinen Vorteil für sich herausschlagen... „Was haltet Ihr also davon, wenn ich euch alles sage, was ich über den Klan weiß und Ihr mir alles berichtet, was Ihr über ihn wisst?“
„Ich weiß zwar nicht, was Ihr damit bezweckt, aber gut. Meinetwegen können wir unser Wissen teilen. Ich hoffe dennoch, dass Ihr nichts dagegen habt, anzufangen...“
„Normalerweise wäre ich nicht allzu vertrauensselig, aber da ihr nun mal in der Kirche einen recht hohen Stand habt, kann ich mir das erlauben, Tochter Ryus.“ Richard bot ihr an, sich auf einen der wenigen intakten Stühle zu setzen und tat es ihr nach. „Vielleicht sollte ich etwas weiter ausholen und euch erzählen, wie ich mit dem Klan das erste Mal in Verbindung kam...
Vor einigen Jahren besuchte ich den Kontinent Thardana aufgrund von besonderen Ausgrabungen in den kürzlich entdeckten Pedan-Ruinen. Ich hoffte darauf, antike Schätze vielleicht sogar ein paar Fallen oder anderes antikes Wissen zu finden. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dort May zu finden, die sonst immer ihre Nase in archäologische Besonderheiten steckte, aber anscheinend hatte sie damals wichtigere Dinge zu tun.
Als ich die Ruinen erreichte, waren die Ausgrabungen gerade in vollem Gange und die Archäologen legten gerade das Dach eines größeren Gebäudes frei. Verwunderlich war bereits, dass dieses Gebäude – im Gegensatz zu vielen anderen noch vollkommen intakt war, was unseren Forscherdrang noch um einiges steigerte. Dennoch wurde vorsichtig gearbeitet und es dauerte einige Tage, bis wir eine große Türe aus beschlagenem Holz freigelegt hatten.
Zusammen mit Gregor Jones, den ich während der Ausgrabungen kennengelernt hatte, öffneten wir die schwere Türe und uns kam ein modriger Geruch entgegen. Unbeeindruckt von der jahrtausendealten Luft betraten wir das Innere des noch viel älteren Bauwerks, das nun vom Licht meines Stabes erhellt wurde. Hinter der Türe führte eine kleine Treppe tiefer in das Gebäude, das sich als Bibliothek entpuppte: Kunstvolle Steinsäulen stützten das schwere Steindach und zwischen den Säulen fanden sich Bücherregale mit antiken Büchern und Schriftrollen. Noch ehe ich daran gedacht hatte, mir eines der Bücher genauer anzusehen, war Gregor zwischen den Regalen verschwunden.
Ich weiß nicht ob es Zufall war, oder ob er damals etwas Besonderes entdeckt hatte, jedenfalls kam er irgendwann später zu mir, als auch ich mir einige der Bücher näher ansah. Anscheinend hatte er irgend etwas entdeckt oder gelesen, das seine Weltauffassung ein wenig geändert hatte... Er hatte einen Teil seiner üblichen Fröhlichkeit eingebüßt, die ich schätzen gelernt hatte, und obwohl er lächelte hatte ich das Gefühl, dass jemand anderes vor mir stand...
'Hast du etwas vom Shinrju-Klan gehört', fragte er mich, was ich damals mit nein beantworten musste. Er erzählte mir, dass es sich um eine Organisation handle, welche die Weltordnung ändern und sämtliche Drachen töten wolle... Zu gefährlich seien sie über die Zeit geworden und würden die Menschheit unterdrücken. Ich sah ihn lange an, während er mir Geschichten aus dem Krieg und der Zeit danach erzählte, um seine Thesen zu bekräftigen. 'Überlege es dir und komm zu mir, wenn du dich entschieden hast' sagte er mir und reichte mir ein Buch... Ein Buch, das mehr als viertausend Jahre alt war und ein völlig anderes Gesicht der Drachen zeigte, die wir so bewunderten: Drachen, welche die Menschen angriffen, zerfleischten oder entführten... Drachen, die junge Mädchen schändeten, entstellten und vergewaltigten... Am Ende des Buches hatte er einen Zettel hinterlassen: Wer verspricht uns, das die Drachen nicht wieder in ihr altes Verhalten zurückfallen?
Meine Hände zitterten, als ich jenes Buch in das Regal stellte, vor dem ich gerade stand. Andere Bücher und Schriftrollen boten ein ähnliches Bild dar: Viele der Drachen waren einfach nur grausam, andere zeigten zwar ein wenig Herz, aber nur sehr selten... Ich bekam Angst, Angst davor, das Gregors Prophezeiung wahr werden würde und so beschloss ich, ihn einige Tage danach aufzusuchen und diesem Klan beizutreten. Ich hoffte, Möglichkeiten zu entdecken oder gelehrt zu bekommen, um mich und andere vor den Drachen schützen zu können, wenn es wirklich geschehen sollte.“
Richard machte eine Pause und blickte die Priesterin an. „Ich bin nicht hier, um Euch zu verurteilen oder zu töten“, versicherte sie ihm mit einem Lächeln. „Ich weiß durchaus, dass mein Vater seine dunklen Seiten hat... oder eher hatte... Sollte er aber durch irgendwas seine geliebten Schützlinge oder sogar seine Töchter verlieren, so ist sein Zorn gewaltig. Die Auswirkungen davon habe ich im letzten Krieg gesehen... Der Krieg, in dem ich meine kleine Schwester verlor...“ Sie blickte zur Seite, ihr Gesicht zeigte einen Hauch von Traurigkeit. „Aber genug davon, erzählt bitte weiter...“
Richard nickte „Die Vergangenheit lässt sich leider nicht ändern, auch wenn ich das selber gerne würde... Ich weiß, wie es ist, wenn man jemanden verliert, der einem sehr wichtig ist.“ Der Raum wurde einige Momente von absoluter Stille erfüllt, nicht einmal der Wind schien sich zu regen.
„Ich suchte also schließlich Gregors Residenz in Cyrunne auf...“

Die Stadt lag nördlich der Pedan-Ruinen und war von vielen kleineren Kanälen durchzogen, die den Geruch des Meeres noch ein Stück in die Stadt hereintrugen. Gregors Residenz befand sich ein Stück außerhalb der Stadt und wurde noch von einem Kanalausläufer berührt, so dass man das Anwesen nur über eine Brücke betreten konnte. Als Richard an die Tür klopfte, öffnete nach einiger Wartezeit ein muskulöser junger Mann, dessen grünbraune Augen Richard einen kurzen Moment lang musterten.
Sein kurzes blondes Haar war ein wenig zerzaust, so als ob der Mann gerade erst aufgestanden war und dennoch lächelte er Richard freundlich an. „Danke, dass du gekommen bist, Richard...“
„Keine Ursache, Gregor... Ich habe lange und gründlich über das nachgedacht, was du mir gesagt hast...“ Gregor winkte kurz den Rest des Satzes ab und bat Richard, das Haus zu betreten.
„Darüber sprechen wir lieber drinnen weiter, wer weiß, was hier alles Ohren hat...“ Er lächelte freundlich und trat zur Seite, um Richard Einlass zu gewähren.
Das Innere des Hauses schmückte eine besondere Skulptur: Ein großer bläulicher Kristall, in dem einige Federn eingeschlossen waren, befand sich in der Mitte des Raumes. Den Rest der Einrichtung konnte Richard gut mit seinem Haus vergleichen, nur dass hier sehr viel weniger Fallen zu sehen waren.
„Hast du dir überlegt, ob du uns beitrittst?“ Gregor führte seinen Freund durch einen Korridor in einen kleinen Nebenraum, von dem aus eine Treppe in den Keller des Hauses zu führen schien.
„Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, euch beizutreten... Der Kirche und den Drachen habe ich nie ganz getraut...“ Der rotgekleidete Magier ließ seinen Blick durch den Raum streifen, fand aber nichts, das ihn großartig interessierte.
„Eine weise Entscheidung... Folge mir bitte nach unten, dann erledigen wir die Formalitäten“, der andere schritt langsam die Treppe hinab, sein Gewand wehte leicht in einem von unten kommenden Wind.
Die Treppe wand sich einige Male um sich selbst, bevor die beiden Männer einen Raum betraten, in dem das Zeichen des Klans auf den Boden gemalt war. Gregor bedeutete seinem Gefährten, sich in die Mitte des Kreises, auf den eingezeichneten Dolch zu stellen und nahm ein Buch von dem kleinen Tisch, der im Raum stand. Er zitierte einige fremde Worte und vom Boden hob sich – wie schwarzer Schleim – eine Kopie des Symbols ab, das kurz rot glühte und sich von oben auf Richards Schulter einbrannte.
„Du bist nun offizielles Mitglied des Klans...“

„Ich wusste nicht, dass ich mich damals in die Fänge eines schlimmeren Biestes begab, als die Drachen je sein konnten. Aber nun werde ich Gregor davon überzeugen, den Klan zu verlassen, da ich vorhabe, diesen auszulöschen...“ Richards Augen funkelten förmlich vor Zorn.
„Habt Ihr denn je jemand anderes außer Gregor kennengelernt?“ Die Priesterin interessierten seine persönlichen Rachegelüste eher wenig.
„Nicht viele, daher erhoffe ich mir von Euch einige Informationen über die Klanführung.“
„Viel kann ich Euch auch nicht darüber erzählen, außer dass es auf jedem Kontinent jemanden gibt, der wohl das Sagen hat. Um wen es sich da jedes Mal handelt, weiß ich allerdings nicht, da der Klan das selbst untereinander geheim hält. Aber vielleicht könnt Ihr von Sarasra Graei etwas in Erfahrung bringen.“
Richard blickte die Hohepriesterin, die sich gerade von ihrem Stuhl erhob fragend an. „Wieso? Wer ist das?“
„So wie es aussieht, ist er der ehemalige Kopf des Klans, der Gründer. Auf der kirchlichen Versammlung gab es einen öffentlichen Putsch und er ist 'abgesetzt' worden, wurde mir berichtet. Aber seid vorsichtig... Mir wurde zugetragen, das er ein Quaseir ist... wie ihr...“ Sie drehte sich um und ging einige Schritte in Richtung Tür.
„Aber woher wisst ihr...“
„Ich habe meine Quellen... und außerdem bin ich nicht blind.“ Sie schritt durch die Türe und drehte sich nur kurzzeitig einmal um. „Lebt wohl... und für die kommende Auseinandersetzung viel Glück...“ Dann verhallten ihre Schritte im Korridor.
„Dieses 'Ritual' ist auch nicht mehr das, was es war.“ Miras Stimme ließ Richard aufschrecken.
„Was meinst du?“
„Nun, früher war das ganze eher geheim... Aber heutzutage weiß das ja fast jeder...“
„Vielleicht ist es ja besser so... wenn irgendwer weiß, was auf sie zukommt...“
„Ich fürchte, keiner von denen die wissen, was kommen wird, kann sich das Ausmaß der Schlacht vorstellen, die zwischen uns Wächtern toben wird. Keiner hat eine Ahnung davon, welche Verluste so etwas nach sich ziehen kann und keiner weiß, für wen sich das Schicksal entscheiden wird...“
Richard antwortete Mira nicht, sondern blickte durch eines der zerbrochenen Fenster in das rote Glühen der untergehenden Sonne, die langsam am Horizont verschwand.