Kapitel 16 ~ Mondkind

„Ich kann das nicht so recht glauben, was du da erzählst...“ Ihre Stimme klang traurig und dennoch wusste sie, dass diese Geschichte so wahr war, wie ihr Leben selbst. Sie trug ebenfalls ein Siegel, wie er und auch sie hatte eine Erscheinung neben sich sitzen, die sie im Augenblick entsetzt anstarrte. Warum sollte der Rest der Geschichte, die er ihr erzählt hatte dann so gelogen sein? Sie schüttelte erneut ihren Kopf... Sie konnte und wollte es nicht glauben, was er da erzählte.
„Wenn du mir nicht glaubst, so kannst du gerne Luxa fragen... Sie sollte sich an die Geschichte erinnern...“ antwortete er und versuchte ihr fest in die Augen zu blicken... Aber sie wich seinem Blick aus.
„Ich denke nicht, dass wir Luxa stören sollten... Auch wenn sie ein sehr sanfter Drache ist... oder gerade deswegen möchte ich sie nicht damit belästigen...“ Raisana seufzte und blickte in die Ferne. „Kannst du mir sagen, ob er recht hat?“ Sie wandte sich gedanklich an ihren Geist, den sie Riza – nach der Lichtbringerin der Kirche – getauft hatte.
„Ich kann Euch nicht helfen, es zu glauben, ich kann Euch nur sagen, dass er mir bekannt vorkommt. Jemand, der so aussah wie er oder vielleicht sogar er selbst war der Freund von Riza, meiner damaligen Meisterin. Sogar an den Kampf zwischen ihr und dem dunklen Gott kann ich mich noch erinnern... er trug sich so ab, wie er es Euch berichtet hat... Aber als meine Meisterin starb, habe ich nichts mehr mitbekommen.“ In die melodische Stimme des Geistes mischte sich ein Unterton von Traurigkeit.
„Glaubst du denn, ich könnte wirklich ihre... Wiedergeburt sein?“ Sie drehte ihren Kopf zu dem leuchtenden kleinen Mädchen, das gerade traurig nach unten blickte. Sogar die Flügel, die ihr Geist trug, hingen nach unten... Raisana spürte förmlich die Traurigkeit, die von ihr ausging. „Du musst mir nicht antworten, wenn du nicht willst...“
Der Geist schüttelte kurz den Kopf. Ihre Stimme wirkte weiterhin traurig, auch wenn die Kleine lächelte. „Ihr seid meiner damaligen Meisterin sehr ähnlich... Ich habe wirkliches Glück, so jemandem wie Euch begegnet zu sein... und das eventuell sogar zweimal.“
„Danke...“ Raisana lächelte ihre kleine Riza freundlich an, bevor sie wieder Sarasra ansah.
„Glaubt Ihr mir nun?“ fragte er schließlich. Er hatte die lange Zeit, in der sich Raisana für ihn unhörbar mit Riza unterhalten hat, geduldig abgewartet.
„Sagen wir mal, ich glaube dir... Dann hast du mir aber noch einige andere Dinge zu erklären...“ begann die Priesterin, die nun wieder eine ernste Mine aufgesetzt hatte. „Was es mit dem Klan auf sich hatte, habe ich nun verstanden. Du willst dich einfach nur an den Drachen rächen, weil sie deiner Liebsten damals nicht geholfen haben... Wobei ich allerdings bezweifle, das sie gewollt hätte, dass du die Drachen tötest... Aber was war dein ursprünglicher Plan auf der Versammlung gewesen? Weshalb hast du mich aufgesucht? Dieser... Hawkeye hatte da etwas erwähnt...“
Ihr Gegenüber zuckte bei den letzten Worten förmlich zusammen. Nach kurzer Zeit gab er unter ihrem bohrenden Blick nach und seufzte. „Was weißt du über die Siegel... Was hat dir dein Geist erzählt?“
„Alles wichtige, was den großen Kampf am Ende anbelangt...“ antwortete Raisana mit einem fragenden Blick.
„Dann kannst du dir sicherlich denken, weshalb ich ursprünglich zu dir gekommen bin... Ich wollte das Siegel erringen, um den letzten Wunsch meiner Geliebten zu erfüllen... Wieso ich es letztendlich nicht tat, weißt du nun ebenfalls...“ Seine Antwort wirkte fest.
Raisana schwieg. Sie antwortete nicht und ihr gingen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Hatte er sich so sehr in sie verliebt, dass er sie nicht töten konnte? Wäre das nicht sogar ein Vorteil für sie? Aber am Ende mussten sie kämpfen... und sie war wahrscheinlich am wenigsten dazu in der Lage, jemanden zu töten... Aber... musste sie dann nicht im Endeffekt gegen ihn kämpfen und er gegen sie? Auch wenn sie sich nicht an ein vergangenes Leben erinnerte, so mochte sie ihn doch sehr und die Vorstellung gegen ihn kämpfen und ihn eventuell sogar töten zu müssen, trieb ihr Tränen in die Augen. „Du Idiot!“ rief sie schließlich. „Warum hast du es nicht einfach getan? Warum hast du es uns beiden nun so schwer gemacht?“ Die Tränen liefen ihr die Wangen hinunter und sie schluchzte leise. Riza blickte sie traurig an und flüsterte „Es tut mir leid... wegen mir...“ sie schluchzte einige Momente und verschwand.
„Glaubst du wirklich, dass ich das hätte tun können? Nach so langer Zeit?“ flüsterte er mit einer sanften Stimme und nahm sie vorsichtig in die Arme, eine Geste, die es für sie immer schlimmer machte. Warum war das Schicksal... nein, warum war dieser Mann auf seine Art so grausam zu ihr? Sie schlug einige Male zu, wollte ihn loswerden, aber er gab nicht nach und schließlich ergab sie sich in seine Umarmung.


Tag des Wassers, 8. Tag des Monats Dira, Jahr 3996 n.R.

„Glaubst du, dass sie es irgendwann akzeptieren werden?“ Träumend blickte sie auf den Mond und schmiegte sich in das Fell der Priesterin.
„Vielleicht, Mikaja, vielleicht. Aber bis sich die Herzen der anderen erweichen, könnten noch Jahre vergehen und vielleicht wirst du es sogar erleben.“ Sie hörte Suzanne seufzen und spürte ihre warmen Hände auf ihrem Kopf.
In den letzten Wochen, die sie mit der Priesterin und deren Vater verbracht hatte, war Mikaja die Frau richtig ans Herz gewachsen. Bisher hatte sie nicht wirklich verstanden, was es mit diesem Kampf auf sich hat, aber sie würde dennoch ihr bestes für ihre große Schwester geben. Wenn sie gewann, hatte sie die Möglichkeit etwas daran zu ändern, dass Suzanne von allen anderen verachtet wurde... Sie hatte ein sehr weiches Herz und daher diese Behandlung der anderen nicht verdient. Warum sahen alle anderen die Priesterin nur als Monster? Der Gedanke daran machte Mikaja traurig, zumal ihr inzwischen von vielen die gleiche Verachtung entgegengebracht wurde. Nur ihre Mutter hielt noch zu ihr, wenn auch heimlich. Das kleine Mädchen zitterte unwillkürlich und wurde direkt von der Priesterin stärker gedrückt, was sie ein wenig tröstete und wärmte.
„Weißt du eigentlich, woher diese Türme stammen?“ erkundigte sich Mikaja plötzlich. Selbst für die Bewohner jenes sonderbaren Kontinents war die Geschichte der Türme, die aus dem Inneren des vulkanartigen Gebirges weit über den Rand des Kraters in den Himmel schossen, unbekannt. Mytycion war ein alter Kontinent, ein ehemaliger Vulkan, der von irgendeinem alten Gott bezähmt wurde. Dort wo sich der Krater befand, waren mehrere Städte entstanden und sogar das Wasser des Meeres fand seinen Weg ins Innere des Vulkans. Auf einer abgetrennten kleinen Insel standen die zwei großen Türme, zwischen denen sich Tsukiyu, der Monddrache, niedergelassen hatte und über die Mikaja mehr wissen wollte. Suzanne hatte das Mädchen auf den linken Turm, der als 'Moon Reading Tower' bekannt war, geschleift und beobachtete mit ihr den Mond. Der andere Turm, der noch ein gutes Stück höher war, als der, auf dem sie sich nun befanden, war als 'Sun Reading Tower' bekannt. Der Zweck der Türme war aber schon lange im Uhrwerk der Geschichte verschollen.
„Ich glaube, dass diesen Turm jemand erbaut hat, weil er den Mond so faszinierend und schön fand, wie wir...“ antwortete die Priesterin mit einem Lächeln.
„Da hast du wohl recht“, antwortete Mikaja und blickte wieder auf die fahle Scheibe des Vollmonds. Irgendwie hatte sie plötzlich das Gefühl, dass der Mond selbst lebte und sie anlächelte.
„Bist du nicht etwas jung?“ Die fremde Stimme ließ Mikaja plötzlich aufschrecken und brachte ihr einen fragenden Blick von Suzanne ein.
„Hast du das denn nicht gehört?“ Unmittelbar spitzte Mikaja ihre Ohren, die nun wild links und rechts die Quelle der unbekannten Stimme suchten.
„Ich habe nichts gehört, meine kleine Mikaja“, antwortete Suzanne und wollte das Mädchen wieder beruhigend an sich ziehen aber die Kleine wehrte sich einige Momente dagegen. „War wohl nur der Wind...“ sprach die Priesterin mit beruhigender Stimme weiter, woraufhin sich Mikaja wieder entspannte.
„Da muss ein Fehler im System vorliegen... normalerweise werden immer ältere gewählt... welches Jahr haben wir eigentlich?“ Mikaja schreckte erneut auf und bemerkte plötzlich die Quelle der fremden, leicht quietschenden Stimme. „Komm wieder auf den Boden, meine Kleine, ich tue dir nichts“ antwortete das kleine Geschöpf, das sich auf ihren Beinen rekelte. Mikaja drehte sich mit einem fragenden Blick zu Suzanne um, von der sie aber nur einen verständnislosen Blick erntete.
„Da ist nichts“, versicherte die Priesterin.
„Aber...“, begann das Mädchen, wurde aber unterbrochen.
„Sie kann mich weder sehen noch hören, das kannst nur du!“ Die Stimme klang eindringlich aber freundlich. Das fremde Wesen entfaltete vier durchscheinende Flügel und kurz darauf hob die Elfe ab und flatterte vor Mikajas Augen hin und her. „Lass dich mal ansehen...“ sprach das Wesen und sah dem Mädchen von nahem in die Augen, so dass die Kleine schielen musste, um sie nicht aus den selbigen zu verlieren.
„Was hast du denn, meine Kleine?“ Suzanne schaute den Bewegungen der Kleinen interessiert zu, die nun eine Hand hob, so als wollte sie eine unsichtbare Fliege schnappen.
„Lass deine Tatzen unten!“ Der energische Ton ließ Mikaja in der Bewegung verharren. „Zumindest scheinst du Potential zu haben... Also kleines... wer bist du und welches Jahr haben wir?“
„M... Mi...kaja... ist mein Name...“
„Und welches Jahr haben wir, Mikaja?“ Die Stimme war sehr viel sanfter geworden, denn anscheinend hatte das Wesen bemerkt, das sich das Mädchen fürchtete.
„Dreitausend...neunhundert...sechsundneunzig... glaube ich...“
„Nicht Achtundneunzig oder Neunundneunzig?“ Die Stimme klang sehr besorgt. Als Mikaja energisch ihren Kopf schüttelte, setzte sich die Kleine wieder nachdenklich auf den Boden vor Mikaja. „Das macht mir große Sorgen... das System hat sich zu früh aktiviert...“ Die Elfe blickte nachdenklich zum Mond, wurde aber von Mikaja weiterhin neugierig gemustert.
„Wer bist du?“ brachte das Mädchen schließlich nach mehreren Minuten des Schweigens hervor.
„Ich bin... Der Geist des Mondes... Die Inkarnation des Siegels, das du trägst und von heute an bin ich ein Teil von dir und wir werden in der aufkommenden Schlacht gemeinsam kämpfen...“
Mikaja blickte den Geist verständnislos an. „Wie heißt du?“
„Ich? Ich habe viele Namen... aber normalerweise trage ich den Namen, den du mir gibst... so habe ich es bisher immer mit meinen Meistern gehalten, so wie alle anderen...“
„Dann bist du von heute an Luna!“ Das Mädchen lächelte, griff nach der kleinen Elfe und drückte sie fest an ihre Wange.
Nur das Mondlicht beleuchtete noch die beiden, Suzanne hatte sie alleine gelassen, wohl wissend, was geschehen würde.


Tag der Dunkelheit, 10. Tag des Monats Dira, Jahr 3996 n.R.

Langsam schritt er die lange Halle des uralten Tempels entlang, vorbei an unzähligen Säulen, auf denen die Geschichte der Welt festgehalten war. Die jahrtausendealten Zeichnungen erzählten von Freude und Kummer, von Hass und Liebe, Frieden und Krieg... Sie sprachen von Zeiten, die längst vergangen waren und von Begebenheiten, die sich immer wieder ereigneten... Er schritt vorbei an den Säulen, die von Zeitaltern der Moderne, der Technik und des Fortschritts erzählten... Zeiten, die verloren waren und auch für keinen mehr in der Zeit zugänglich waren, da sie zu weit zurücklagen... Er befand sich in einem Zeitalter der Magie, dessen Anfänge auch schon so weit zurück lagen, dass selbst der Herr der Zeit, der große Drache Chronos sie nicht besuchen konnte.
Er blieb vor einer Säule stehen, die den Tod Rizas zeigte, eines lieblichen Engels, der das Böse letztendlich besiegt hatte und der äußeren Welt den Frieden schenkte. Er hätte sie so gerne kennengelernt und sie vor dem Tode bewahrt, aber Chronos hatte ihn gewarnt. „Der Lauf der Zeit lässt diese Veränderung nicht zu... Wenn du versuchst den Grund für eine Reise in die Vergangenheit zu eliminieren, wird es nie klappen... Das einzige was du tun könntest, wäre die Zukunft in unbekannten Ausmaßen zum schlimmeren zu verändern...“ waren seine Worte gewesen und er hatte recht gehabt.
„Die Zeit ist keine Macht, mit der man spielt“ hatte ihn sein Geist gelehrt. „Nicht einmal der, der schließlich Wächter über diese Welt wird, darf über seine eigene Zeit hinaus reisen... auch wenn er am ehesten dazu in der Lage ist!“ Er hatte selbst schon feststellen müssen, dass es ihn mehr seiner Kraft kostete, je weiter er in irgendeiner Richtung der Zeit vorstieß. Es wunderte ihn daher nicht, das Chronos sich vor langer Zeit zur Ruhe gesetzt hatte.
Seufzend nahm er seinen alten Weg wieder auf und betrat kurze Zeit später das innerste Heiligtum des Tempels, in dem sich das Auge der Hora befand. Die große blaue Kristallkugel wurde von einer großen steinernen Drachenklaue gehalten und glänzte matt im flackernden Licht der Fackeln, die ringsum brannten.
Im Inneren der Kugel, hinter dunklen Wolken verborgen, fanden sich die Bilder der anderen Auserwählten, sowie das Bildnis einer eigentümlichen Skulptur, die zehn kleine Kristallkugeln auf einem magischen Kreis beherbergte. Neun der zehn Kugeln brannten inzwischen mit einem rötlichen Flackern. Der Anblick ließ es ihm eiskalt den Rücken herunterlaufen.
„Wie ich sehe, gefällt dir das, was du siehst, auch nicht...“ die Stimme klang sehr ernst. Ein Mann war aus dem Nichts neben ihn getreten, sein langer Bart schimmerte silbern, und wirkte so, als ob er ständig wie Quecksilber fließen würde. In einer Hand hielt er einen Stab, an dessen oberen Ende sich eine Sanduhr befand, aber anstatt Sand sah man in den beiden Kammern je eine kleine Galaxie...
„Wenn das in dem Tempo weitergeht, sind spätestens in der nächsten Woche alle erwacht...“ antwortete er.
„Das ist nicht gut. Das wäre das erste Mal, dass das System alle Geister zu früh weckt. Ich fürchte, dadurch, das die letzten viertausend Jahre kein Wächter anwesend war, hat sich eine Fehlfunktion eingeschlichen...“
„Was bedeutet das?“
„Ich weiß es nicht... Aber ich habe ein ungutes Gefühl...“
„Dann hoffen wir mal das beste.“
Der andere Mann nickte und war verschwunden.


Tag des Feuers, 13. Tag des Monats Dira, Jahr 3996 n.R.

Langsam schritt er durch den knirschenden Glassand auf die Höhle des Drachens zu. Neben ihm schwebte sein Geist, das Zepter mit der Sanduhr erhoben und ergriff schließlich nach langer Zeit das Wort: „Du solltest vorsichtig sein, mit dem was du ihm sagst. Für meine Begriffe hat er sich schon oft genug in dieses Ritual eingemischt...“
„Ich weiß, Merlin, ich weiß. Aber ich will mich noch von ihm verabschieden, schließlich war er lange Zeit wie ein Vater für mich.“
„Zidawar, ich verstehe zwar deine Gefühle, aber dennoch rate ich dir, ihm nicht zuviel zu verraten. Vielleicht ist seine Einmischung auch schuld daran, dass das System vom ursprünglichen Plan abweicht.“ Der Geist sah Zidawar von der Seite aus eindringlich an.
„Ich glaube eher, dass es an etwas anderem liegt, aber ich werde darauf achten, ihm nicht mehr zu sagen, als notwendig.“ Sein freundlicher Blick schien den Geist nicht sonderlich zu überzeugen, aber er nickte dennoch und verschwand, sobald Zidawar den Höhleneingang erreicht hatte.
Die Höhle von Chronos, dem Drachen der Zeit, befand sich ein wenig außerhalb von Chronea, der einzigen Stadt des gleichnamigen Kontinents. Chronos war das Oberhaupt der relativ kleinen Kirche der Zeit, genoss aber unter den wenigen Gläubigen – allen Einwohnern des Kontinents – sehr hohes Ansehen. Er hatte schließlich den ganzen Kontinent vor dem Untergang bewahrt. Da die Bewohner den Kontinent jederzeit verlassen konnten, fühlte sich auch keiner gefangen, dennoch taten dies nur sehr wenige, da sich die Rückkehr als äußerst schwierig erwiesen hatte.
Zidawar war den Gängen in eine der hinteren Kammern gefolgt, in denen sich der betagte Drache aufhielt. Die lange Zeit, die er inzwischen lebte – er war in der Zeit zurückgereist und hatte den ersten Wächtern geholfen – war nicht spurlos an ihm vorüber gegangen.
Kaum hatte er die Höhle ganz betreten, regte sich der Drache und lächelte den Neuankömmling an. „Schön dich noch einmal wieder zu sehen“, begann Chronos und deutete Zidawar mit einem Kopfnicken an, näher zu treten und sich irgendwo hinzusetzen. „Ich weiß, weshalb du gekommen bist, daher werde ich dich nicht lange aufhalten.“
„Ich wollte Euch nur noch Lebewohl sagen, da ich nicht glaube, dass wir uns wiedersehen werden.“
„Wer weiß... Ich sehe Veränderungen kommen, ein neues Zeitalter, das beginnen wird und ein altes, schon viel zu lange andauerndes beendet.“
„Ich danke Euch für Euer Vertrauen in meine Fähigkeiten und hoffe, dass ihr Recht behalten werdet“, Zidawar nickte leicht und sah sich in der Höhle um. „Wo ist eigentlich Eure Tochter?“
„Die ist mit ihrer Mutter unterwegs, ich denke mal, sie werden jeden Moment wieder hier sein“, Chronos lachte, als ein zwei junge Mädchen die Höhle betraten. Eine der beiden war ungefähr zwanzig Jahre alt, während das andere, Chronos Tochter, sechs Jahre alt war. „Schaut mal, wer zu Besuch gekommen ist!“
Die Kleine rannte unmittelbar los „Onkel Zidawar“ rufend, während die Mutter nur freundlich lächelte und sich zu Chronos begab. „Spielst du mit mir?“ fragte das kleine Mädchen und sah ihn aus großen echsenartigen Augen an.
„Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden... Ich werde einige Zeit weg sein und kann daher nicht mit dir spielen“, antwortete er freundlich.
„Wohin gehst du denn? Kann ich mitkommen?“, fragte die Kleine ganz aufgeregt.
„Bleib lieber bei deinem Vater und deiner Mutter... die beiden würden dich vermissen, wenn du mit mir kommst.“
„Aber bei den beiden ist es so langweilig!“
„Dort, wohin ich gehe ist es noch viel langweiliger, Aurania.“
„Und warum gehst du dann dahin?“
„Weil ich dahin gehen muss...“
„Und warum musst du dahin gehen?“
„Weil ich dort etwas erledigen muss...“
Aurania gab sich mit Zidawars Antwort nicht zufrieden. „Du wirst doch nicht etwa an diesem Ritual teilnehmen und mich anlügen? Ich weiß genau, das die Chancen eins zu zehn stehen, das ich dich dann wiedersehe!“
Der Angesprochene schluckte schwer. „Woher weißt du...“
„Halt mich nicht für blöd, ich mag zwar noch sehr jung sein, aber ich bin die Tochter Chronos. Sei wenigstens ehrlich!“
Leicht lächelnd schüttelte er schließlich den Kopf und gab auf. „Das ist der Grund, weshalb ich dich gern habe... wünsche mir Glück.“
„Versprich mir wenigstens, dass du versuchst zurückzukommen...“ die Tränen in ihren Augen und ihr Gesichtsausdruck waren nun wieder die eines Kindes, das Abschied nahm. „Ich kann nämlich nicht sehen, was sein wird...“
„Das kann ich auch nicht, mein Schatz, das kann ich auch nicht.“ Schweren Herzens nahm er die Kleine in die Arme und drückte sie fest an sich.
Er verbrachte lange Zeit mit der kleinen Halbdrachin in den Armen, bevor er die Höhle des Drachens verließ und sich zum Rande des Kontinents aufmachte. Seine Reise ins Ungewisse begann nun und obwohl er den Geist der Zeit bei sich hatte, wusste er nicht, was die Zukunft - seine Zukunft - bringen würde. Schweren Herzens sah er noch einmal auf seine alte Heimat zurück, bevor er ein Portal öffnete und in den regulären Strom der Zeit eintauchte. Bald würde es beginnen... sehr bald...