Kapitel 17 ~ Sylph

Tag der Luft, 17. Tag des Monats Dira, Jahr 3996 n.R.

Die ersten Sonnenstrahlen tauchten das Zimmer im Dachgeschoss der Herberge in ein sanftes Licht und weckten Patricia aus einem kurzen Schlaf. Sie hob ihren Kopf vom Tisch und lehnte sich im Stuhl zurück, um ein wenig die schmerzhaften Verspannungen zu lösen.
Sie hatte über vieles nachgedacht und war irgendwann einfach eingeschlafen. Die letzte Müdigkeit abschüttelnd stand sie von ihrem ungemütlichen Schlafplatz auf und sah auf Thimonis, der friedlich in einem der zwei Betten des Zimmers schlief. Der kleine Bruder, der sie früher oft geärgert oder in Schwierigkeiten gebracht hatte, den sie aber dennoch so sehr mochte und nun beschützen musste, lag dort wie ein kleiner Engel.
„Wieso ist es nur soweit gekommen?“ fragte sie sich leise selbst. Vorsichtig schritt sie an das Bett heran und setzte sich auf die Bettkante, strich ihrem kleinen Bruder wie eine Mutter liebevoll über das Gesicht und unterdrückte die Tränen, als dieser Moment schmerzvoll in ihr Gedächtnis zurückrief, dass er ihr letzter Verwandter war.
Ihr Blick schweifte langsam von ihm ab und aus dem Dachfenster auf das rötliche Licht des Morgengrauens, welches das Zimmer erhellte. Leise schluchzend lief ihr eine Träne die Wange hinunter, als sie an die letzten Worte dachte, die ihr Onkel ihr zugeflüstert hatte. Daraufhin war es ihre Entscheidung gewesen in die nächstgrößere Stadt zu ziehen und sich dort zu verstecken. Sie hoffte, dass diese verrückte Frau sie dort nicht suchen würde, sich hoffentlich auch nicht trauen würde eine ganze Stadt anzugreifen.
Wenigstens hatte sie niemand erkannt, so dass sie sich heimlich mit ihrem Bruder in einer Herberge einmieten konnten. Seit ein Erkundungstrupp von der Festung zurückgekehrt war und berichtet hatte, wie die Festung vorgefunden wurde, wurden in der Stadt die Wachen verstärkt. Patricia fühlte sich so wenigstens etwas sicherer, hatte aber immer noch Angst. Diese Frau war in der Lage gewesen, die größte Kriegerin des Kontinents innerhalb eines Augenblicks zu besiegen und zu töten... Sie hatte es geschafft die Festung, die als uneinnehmbar galt, dem Erdboden gleich zumachen, wie eine Naturgewalt... Vor so etwas konnte man sich nur schwer verstecken.
Sie hatten Glück gehabt, dass ihr Onkel sich eingemischt hatte und sie konnte durchaus davon ausgehen, dass der Respekt, vielleicht auch die Angst vor dem Drachen des Windes diese Frau bisher in Schach gehalten hat.
Eine Bewegung neben ihr ließ sie aufschrecken, Thimonis öffnete langsam die Augen und sah sie mit einem schwachen Lächeln an. Seit er erfahren hatte, dass ihre Eltern tot waren, hatte er sehr viel seiner üblichen Fröhlichkeit eingebüßt.
„Morgen, Thimonis“
„Morgen, Mama“
Die Antwort ihres Bruders überrasche Patricia etwas, sie schüttelte dennoch nur leicht den Kopf. Sie brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass ihre Mutter nicht mehr bei ihnen sein konnte. Traurig stand sie auf und realisierte plötzlich, dass sie nun für Thimonis sorgen musste, dass sie seine neue Mutter sein würde.
Als sie sich wieder zu ihrem Bruder umdrehte, saß er aufrecht im Bett und sah sie traurig an. Er hatte inzwischen bemerkt, dass sein Wiedersehen mit seiner Mutter nur ein Traum gewesen war.
Sie wusste nicht, wie sie nun mit dieser Situation umgehen sollte... Würde es reichen, ihn einfach nur in die Arme zu schließen? Ihm so ein wenig Trost und Wärme zu geben? Oder gehörte dazu etwas mehr und sie wusste nicht was. Vielleicht wollte er auch gar nicht so behandelt werden und lieber alleine sein, wie sie, wenn sie traurig war?
Sie fühlte sich so hilflos, beinahe noch hilfloser, als an dem Tag, an dem sie von dieser Frau verfolgt worden waren. Traurig und beschämt blickte sie zu Boden, unfähig etwas zu tun.
„Patricia...“ Thimonis Worte durchbrachen schließlich als erstes die lange Stille. „Was werden wir denn nun tun?“ Seine Worte klangen ernst und obwohl er sie nicht direkt ansah, wusste sie, was er fühlte. „Wir können diese Frau nicht damit durchkommen lassen, dass sie unsere Familie getötet hat, oder?“ Er blickte nun direkt auf Patricia, in seinen Augen standen Tränen und dennoch sprach er mit einer festen und ernsten Stimme. „Du musst sie besiegen! Du musst Mutter und Vater rächen, bitte!“
Nun fühlte sie sich noch hilfloser als vorher. Wie sollte sie diese Frau besiegen, wenn nicht einmal ihre Mutter, die stärkste Kriegerin dieses Kontinents, dazu in der Lage war?
Nach einigen Momenten wich sie seinem Blick aus und sah in die Ferne. „Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage bin, sie zu rächen...“ Ihre Antwort war sehr leise und schon beinahe zitternd. „Es gibt noch keinen, der ausgezogen ist, eine Naturgewalt zu besiegen und es überlebt hat.“
„Verstehe“ Thimonis klang traurig und enttäuscht. „Ich hatte gedacht, du wärst dazu in der Lage... Dir ist doch sonst immer alles geglückt...“
Als sie sich zu ihm umdrehte, hatte er sich wieder hingelegt und die Decke über seinen Kopf gezogen. Warum war es nur so schwer, eine Mutter oder eine ältere Schwester zu sein?
Langsam schritt sie zur Tür und öffnete diese, um den Raum zu verlassen, wurde aber jäh davon abgehalten, als sie eine Frau in der Tür stehen sah, die sie kurz von oben bis unten musterte.
„Hallo Patricia“, wurde sie von der Frau angesprochen, deren Stimme so sanft klang, wie ein morgendlicher Windhauch auf der Haut. Ihre Stimme hatte nichts mit der Verrückten gemein, was Patricia ein wenig erleichterte, aber dennoch war sie weiterhin misstrauisch.
Die leicht bekleidete Frau sah Patricia aus hellblauen, echsenartigen Augen an, ihre helle Haut schimmerte durch den dünnen seidenen Stoff, der ihr als Bekleidung diente, und auch die hellen, fast weißen Haare flossen ihr bis zu den Schultern hinunter. Je länger Patricia die Frau betrachtete, desto unheimlicher wurde sie ihr... Sie wirkte beinahe wie eine Manifestation des Windes.
„Ich währe dir sehr verbunden, wenn du mich rein lassen würdest. Dein Onkel hat mich geschickt und ich soll mich ein wenig um euch kümmern.“
Patricia blickte verwirrt in den Gang, als sich die Frau schon an ihr vorbei in das Zimmer drängelte. Langsam schloss sie wieder die Tür und blickte der Frau hinterher, die neugierig Thimonis betrachtete, der sich nun ängstlich unter seiner Decke versteckte.
„Wer bist du?“
„Oh, ich bin die Tochter eures Onkels... Felicia, die Hohepriesterin des Windes. Nun schau nicht drein, als ob du einen Geist gesehen hättest und keine Sorge, ich bin hier aufgetaucht, ohne dass mich jemand gesehen hätte. Aufmerksamkeit könnt ihr beide im Moment überhaupt nicht gebrauchen.“
„Warum bist du hier?“
„Um mich um euch zu kümmern. Mein Vater hat so vieles zu tun und bat mich, eine zeitlang auf euch zu achten, da er im Moment nicht dazu in der Lage ist.“
„Aber wann-“
„Wann er über euch gewacht hat? Die ganze Zeit! Der Wind erzählt ihm vieles und im Notfall wäre er sofort bei euch aufgetaucht. Aber da er nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann, hat er mich geschickt.“
Patricia war sprachlos. Diese Frau redete schneller, als sie mit ihrer Lanze zustechen konnte – und das mochte schon was heißen. Zumindest war die Vertrauensfrage für sie erst einmal geklärt. Von den Hohepriesterinnen hatte sie schon genug gehört und zusammen mit ihrem Auftreten und Aussehen passte alles ins Bild. Nur warum hatte ihr Onkel sie ihr nie vorgestellt? Fürs erste verkniff sie sich jedenfalls lieber diese Frage, denn anscheinend redete Felicia sehr gerne.
„Wobei hatte ich dich eigentlich gestört? Es sah so aus, als wolltest du das Zimmer verlassen?“ Felicias Aufmerksamkeit galt nun wieder dem älteren Teil des Geschwisterpaares.
„Ich wollte nur ein wenig in die Sonne, etwas frische Luft schnappen und mich nach Neuigkeiten umhören.“
„Ganz alleine?“
Auf diese Frage antwortete Patricia nicht. Innerlich wusste sie, dass sie einfach nur vor dem Konflikt mit ihrem Bruder weglaufen wollte... aber war das wirklich angebracht? Konnte sie ihn einfach alleine lassen?
„Du solltest nicht einfach gehen und ihn alleine zurücklassen, das wäre ihm gegenüber sehr unfair...“ Die Worte der Priesterin klangen anders, irgendwie, als ob sie noch einen tieferen Sinn haben würden. In den Worten lag eine Sorgfalt, die sie erschaudern ließ. „Wenn du raus gehst, dann nimm ihn mit. Ich werde heimlich an eurer Seite sein, so unauffällig wie der Wind.“
Patricia schaute zwischen Felicia und Thimonis hin und her. Es würde ihrem Bruder sicherlich gut tun, dieses Zimmer mal wieder zu verlassen. Sie hatten sich schließlich lange genug darin versteckt. Schließlich nickte sie und ging zu dem Jungen ans Bett. „Kommst du mit?“ Ihre Stimme war sanft und freundlich, alle Sorgen, die sie zuvor noch gehabt hatte, waren in ihrer Stimme nicht mehr zu hören gewesen und dennoch zögerte Thimonis. Sein Blick streifte mehrmals von seiner Schwester zu Felicia und zurück, bis er sich letzten Endes dazu entschied, dass es ungefährlich war. Er stand auf, zog sich sein weißes Hemd über und seine Schuhe an und ergriff schließlich Patricias Hand. Gemeinsam gingen sie durch die Tür, die sie hinter sich verschlossen und verließen die Herberge. Felicia hingegen war zurückgeblieben, hatte ihnen aber versprochen jederzeit bei ihnen zu sein, falls es nötig sein sollte.
Die Straßen der Stadt Tasmabus, die sich am Fuße der gewaltigen Berge erstreckte, die den Großteil Salycias ausmachten, waren voll. Die Einwohner gingen rege ihren Geschäften nach, obwohl ungewöhnlich viele Wachen auf Patrouille waren. Patricia fragte sich, ob die anderen Städte, die auf der seichten Halbinsel des Kontinents lagen und nur durch einem dünnen steil ansteigenden Steg an den Rest des Kontinents angeschlossen waren, auch schon von dem Unglück erfahren hatten. Salycia war immer ein defensiver Kontinent gewesen und konnte sich trotz der wenigen benutz- und bewohnbaren Fläche gut behaupten, da er durch die steilen Klippen und die hohen Berge fast unmöglich zu erobern war. Aber nun, da die Feste gefallen war... vielleicht war das alles auch nur der Vorbote eines gewaltigen Krieges? Sie verwarf den unangenehmen Gedanken sofort und sah auf Thimonis, dessen Aufmerksamkeit den unterschiedlichen Menschen galt, die sich auf den Straßen aufhielten.
In der Hoffnung, dass der Markt nicht nur Thimonis glücklicher machen würde, sondern auch sie von der Problematik der Politik ablösen würde, bog sie in die entsprechende Straße in Richtung Marktplatz ab. Tasmabus war eine bemerkenswerte Stadt: Die Häuser waren teilweise in den Stein gehauen worden, während andere auf guten Fundamenten aufgebaut worden waren. Bei einigen Häusern wurde diese Technik sogar vermischt und je prunkvoller die daraus resultierenden Werke waren, desto reicher war der Besitzer. Zumindest erklärte diese Bauweise, warum die Straßen sehr breit waren. Sofern man von Straßen reden konnte - oft handelte es sich dabei nur um glatt gelaufene Felsen, in die hin und wieder Treppen geschlagen wurden, um zum einen den Höhenunterschied auszugleichen und zum anderen um über die Tatsache hinwegzutäuschen, das man die Strassen nicht extra ausgehoben hatte. Die Einwohner dieser Stadt waren mindestens so geschickt wie Bergziegen. Hätte man hohe Mauern gebaut, währe diese Stadt sicherlich eine gute Bastion gegen Angreifer gewesen...
Erneut ertappte sich Patricia bei Überlegungen, von denen sie sich abzulenken suchte. Sie hatten den Marktplatz inzwischen erreicht und waren ein Stück darüber gegangen. Thimonis hatte bereits genügend Ablenkung gefunden, während Patricia sich noch immer suchend umsah, bis sie bemerkte, dass Thimonis etwas sehr spannendes entdeckt zu haben schien. Sie folgte ihm zu dem Warenstand, dessen Verkäufer durch eine rote Plane von der Sonne geschützt war. Der alte Mann beäugte seine neuen eventuellen Kunden ohne große Neugier und wartete ab.
Ohne große Neugier wanderte ihr Blick über das Angebot des Händlers und blieb plötzlich an einem alten, halb zerfledderten Buch hängen. Der Ledereinband war schon sehr mitgenommen, die Buchseiten sahen aus, als ob sie öfters Wasser und Sonne abbekommen hätten, aber dennoch wirkte das Buch nicht so, als ob es oft gelesen worden wäre. Schwach zierte die Oberseite des Buches ein Symbol, das sie zu kennen glaubte und auch die merkwürdige Schrift darunter schien ihr etwas sagen zu wollen.
Gerade, als sie das Buch aufheben und genauer betrachten wollte, spürte sie, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief, sie fühlte sich so, als ob sie jemand beobachten würde. Sie hielt in ihrer Bewegung inne und drehte sich langsam um.
Suchend glitt ihre Aufmerksamkeit von einer Person zur nächsten, um die Quelle dieses unangenehmen Gefühls zu finden, bis sie plötzlich von hinten gepackt wurde.
„Hast du mich vermisst?“ Sie wusste sofort, wem diese unangenehm vertraute Stimme gehörte. „Ich habe dich jedenfalls vermisst... Dich und deinen kleinen Bruder...“ Der erste Schock und ihre Lähmung ließen nach. Sie musste etwas tun und wehrte sich gegen den Griff von hinten, während ihr Blick Thimonis suchte. „Sollen wir das wirklich hier und jetzt regeln? Oder suchen wir uns vorher einen ruhigen Ort...“
Inzwischen bildete sich um das Geschehen eine Menschentraube, die aufmerksam beobachtete, was wohl gerade vorfiel und worum es eigentlich ging. Thimonis zog sich von den beiden ängstlich zurück.
„Wenn dir das Leben deiner Schwester lieb ist, solltest du da stehen bleiben, wo du bist!“ Die Stimme der Angreiferin ließ den Jungen zusammenzucken und auch die Schaulustigen etwas zurückzucken. Aber warum griff niemand ein? Warum half ihr niemand? Wo war Felicia?
„Ich würde dir empfehlen, sie los zu lassen, sonst muss ich dir sehr weh tun.“ Felicias Stimme ließ Patricia aufatmen. Sie hatte sich irgendwie hinter ihre Angreiferin gestellt und bedrohte diese nun.
Aber aus irgendeinem Grunde ließ es die fremde Frau völlig kalt. „Ich denke nicht, dass du in irgendeiner Lage bist, mir zu drohen, Halbdrachenschlampe!“ Die Stimme klang sehr kalt und hasserfüllt. „Vor deinem Vater muss ich mich hüten... aber nicht vor so einer... Pestbeule wie dir! Ich hab die längeren Fäden... und ich habe zwei Geiseln in der Hand...“ Wie um diese Worte zu unterstreichen, bildeten sch Risse im Felsen und Pflanzenranken schossen empor, die Thimonis fest packten und zu erwürgen drohten.
„Das wagst du nicht!“ Man konnte deutlich Felicias Anspannung hören.
„Nicht? Ich habe es mit einer ganzen Festung aufgenommen, da kann ich es ruhig auch mit einer Stadt aufnehmen, nicht wahr, Patricia Luanis?“
Der Name löste ein Raunen in der Menge aus. Wortfetzen wie „Ich dachte, es wären alle getötet worden...“ drangen an Patricias Ohr, die sich aus Angst um ihren Bruder nicht zu bewegen wagte. Am Rande des Marktplatzes kämpften sich nun die ersten Wachen zum Geschehen vor.
„Sieht so aus, als ob ich die Entscheidung, wen von euch ich zuerst töten möchte, selbst treffen muss...“ Noch ehe sie den Satz ganz ausgesprochen hatte, hörte sie, wie Felicia aufgrund eines Schlages zurücktaumelte und kurz darauf spürte sie selbst einen stechenden Schmerz im Nacken.
Die Welt schien sich plötzlich um sie zu drehen, die Geräusche wirkten alle Dumpf. Ihre Glieder wurden schwer und ihr wurde immer kälter. Die Schwärze suchte gezielt ihr Bewusstsein, drohte sie ins Dunkel zu ziehen.
„Patricia!“ Die verzweifelte Stimme ihres Bruders drang zu ihr durch. Sie konnte nicht einfach aufgeben... Sie musste ihn beschützen... Ohne ihn wäre sie ganz alleine...
„Gib nicht auf... ich werde dir helfen... helfen deinen Bruder zu befreien und sie zu besiegen... gib nicht auf...“ Eine sanfte Stimme, wie die einer Fee, drang zu ihr hervor und schien ihr Kraft zu verleihen. „Du wirst nie mehr alleine sein... solange du lebst, werden wir zusammen kämpfen...“ Plötzlich spürte sie, wie alle ihre Glieder anfingen zu kribbeln, wie sich von innen her Wärme ausbreitete... sogar Hitze... Ein angenehmes Gefühl der Stärke breitete sich aus...
Sie öffnete ihre Augen und nahm wieder ihre Umgebung wahr. Sie lag auf dem felsigen Boden, hatte sich beim Sturz mehrere Schürfwunden zugezogen. Vorsichtig tastete sie nach der Stelle, an der sie getroffen wurde und spürte schmerzen. Mit irgendetwas wurde sie getroffen und blutete! Aber das war jetzt unwichtig. Sie stand auf und sah, wie die Frau Thimonis gerade mit einem Schwert töten wollte, sah, wie sie diese Bewegung ausführte... Aber alles um sie herum wirkte so langsam... so unglaublich langsam, bis sie begriff, das sie so genug Zeit hatte, um die Tat zu verhindern.
Sie stürmte vor und warf sich gegen die Frau. Einen Moment krachte und blitze es und dann verging die Zeit wieder normal. Die Angreiferin flog mehrere Meter weg, gegen einige der Menschen, die den Kampf beobachteten und krümmte sich vor Schmerzen. Patricia merkte nun auch, dass ihre Schulter schmerzte, mit der sie die Frau umgeworfen hatte.
„Also warst du es...“ Die Angreiferin presste die Worte förmlich zwischen ihren Zähnen durch und stand wieder auf. „Du bist zäh... Das du diese Wunde überlebt hast... aber anscheinend habe ich nicht genau getroffen. Daran ist diese Schlampe schuld!“ Ihr Blick verriet ungeheure Wut. Als sich schließlich ihre Haut grün zu färben begann, erschraken die ersten Menschen und versuchten zu fliehen.
„Du wirst meinem Bruder kein Haar krümmen!“ antwortete Patricia und verfluchte sich innerlich dafür, ihre Lanze in der Herberge gelassen zu haben.
„Das dürfte ein interessanter Kampf werden... Die Natur gegen eine Naturgewalt... Wind und Donner gegen die Kräfte des Waldes und der Heilung...“
„Lass uns zusammen kämpfen...“, mischte sich erneut die fremde freundliche Stimme ein, aber Patricia hatte nichts dagegen.
„...und siegen.“ antwortete sie.
„Ich gebe dir eine Waffe... strecke deine Hand aus...“
Patricia tat, wie ihr geheißen wurde und sie sah, wie ihre Hand sich hob: Durchsichtig wie die Luft, nur von gelblich-weißen zuckenden Blitzen umrandet, Blitze, die in ihrer Hand stärker wurden und schließlich eine Lanze aus tanzendem Licht wurden.
Ihre Gegnerin war inzwischen zu einem wandelnden Baum mutiert... Einem Baum mit Bogen und Pfeilen in der Hand, Pfeile die grünlich leuchteten.
Im nächsten Moment stürmten sie auf ihre Gegnerin zu, tat sich dabei aber sehr schwer, dem Pfeilhagel auszuweichen. Sie bekam es nur aus den Augenwinkeln mit, aber ihre Gegnerin hatte plötzlich eine Vielzahl von Händen und Bögen, die alle Pfeile auf sie schossen. Sie musste mehrmals zurückweichen, um nicht getroffen zu werden. Sie musste etwas tun, sie musste von weitem angreifen. Und schließlich kam ihr die Idee, die Lanze einfach zu werfen. In einem günstigen Augenblick warf sie den Blitz. Getroffen sank ihre Gegnerin auf die Knie oder besser Wurzeln. Verkohltes Holz splitterte ab, sie brannte plötzlich, reagierte aber sofort. Es wuchsen mehrere Blätter, die das Feuer erstickten und schließlich wuchs die zerstörte Stelle sofort nach.
„Diese Schlacht kannst du nicht mit einem einzigen Treffer beenden, du musst alles einsetzen, was du hast, genau wie sie...“ erklang die inzwischen vertraute Stimme. Aber Zeit, um über die Worte nachzudenken hatte sie nicht. Sie merkte, wie der Boden aufbrach und Ranken emporschossen. Unmittelbar sprang sie nach oben, um diesen auszuweichen und entdeckte sofort ein neues Talent: Sie konnte fliegen. Allerdings blieb das nicht lange unbemerkt und sie musste neuen Pfeilen ausweichen. Mit den nun einsetzenden Angriffen spitzer Äste und Ranken, die emporschossen wurde es langsam unmöglich etwas gegen ihre Gegnerin zu unternehmen.
Liebend gern hätte sie einen Gewittersturm auf diese wahnwitzige Frau losgelassen, aber das hätte zu viele Opfer gekostet, außerdem hätte sie sich mit diesen Ranken davor schützen können! Sie musste irgendwie näher heran kommen, um ihr einen Schlag zu versetzen, aber dafür musste sie die Frau ablenken.
„Die Luft ist auch das Element der Illusion...“ die freundliche Stimme, die nun stets bei ihr war, wirkte schwächer als vorher. „Ich werde Abbilder von dir erschaffen, die ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden... nutze den Augenblick um sie zu treffen... wir haben nicht mehr viel Zeit.“
Neben ihr erschienen plötzlich weitere Gestalten, durchzuckt von Blitzen, wie Donnergestalten, die schließlich von ihr weg flogen und weiterhin dem Pfeilhagel auswichen. Sie musste sofort handeln, denn je mehr Zeit verging, desto eher würde sie entdeckt werden. Mit mehreren ihrer Abbilder wagte sie einen Sturzflug, knapp an einigen Häusern und Ranken vorbei direkt auf den Boden und knapp über diesen auf ihre Gegnerin zu. Erneut schien die Zeit um sie herum stehen zu bleiben, bis sie schließlich zwei Donnerlanzen in ihre Gegnerin rammte.
„Wir müssen sie noch entwurzeln, sonst kann ihr Naturgeist sie jederzeit ohne Probleme heilen“, die Stimme war inzwischen sehr schwach geworden und auch Patricia merkte, wie ihre Kräfte zu schwinden begannen, dennoch strengte sie sich an, ihre Gegnerin am Stamm zu packen und hoch zuheben.
Schließlich hörte sie es krachen und knacken, als irgendwann die Wurzeln nachgaben und sie mit dem Baum gen Himmel abhob. Sie merkte, wie neue Wurzeln nach unten wuchsen, neuen Kontakt zum Boden suchten, unterband dieses jedoch mit mehreren Blitzen, bis das Feuer ihre Gegnerin komplett umhüllte. Erst jetzt ließ sie die Frau los und sank dann ebenfalls zu Boden. Sie spürte ihren Körper wieder, aber mehr und schmerzhafter, als ihr lieb war.
Auch ihr Rücken wurde wieder kälter, ihr wurde langsam schwindelig, aber noch gab sie nicht auf. Sie beobachtete weiterhin die Mörderin ihrer Eltern, die auf dem Boden aufschlug, bei der nun mehrere Äste abbrachen und die dann regungslos liegen blieb.
Schließlich wandelte sich ihr Äußeres zurück und am Boden lag nur noch eine blutüberströmte Frau, deren Kleidung zerrissen und in Fetzen um sie herum lag. Auf ihrer Schulter pulsierte in einem angenehm grünen Licht ein Zeichen, das Zeichen, das sie auf dem Buch gesehen hatte. Das Zeichen, an das sie sich endlich erinnerte und das auf ihrem Rücken prangte.
Vorsichtig landete sie neben der Frau und sah diese einige Augenblicke mit Abscheu an, während das Pulsieren des Zeichens schwächer wurde und schließlich ganz erlosch.
Gerade, als sie sich der Dunkelheit, die sie zu verschlingen drohte, hingab, wurde unter der fremden Frau ein magischer Kreis immer größer. Mehrere Blitze brachen von den neun Ecken hervor und lösten das Mal von dem toten Körper, welches daraufhin aufstieg, auf Patricia zu schwebte und sich auf deren Oberarm niederließ. Und plötzlich spürte sie eine Veränderung: Sie fühlte neue Kraft in sich, fühlte, wie sich ihre Wunden schlossen und das Mal auf ihrem Rücken verschwand. Dafür änderte sich das auf ihrem Arm und zeigte nun drei Drachen, die sich hintereinander um den Ursprung hüllten.
Plötzlich fiel ihr ein, dass sie ihren Bruder suchen musste und sah sich suchend nach ihm um. Sie schritt schnell durch den neu entstandenen Dschungel, bis sie Thimonis schließlich sicher in den armen Felicias fand, der seine Schwester mit großen Augen ansah. „Das war unglaublich! Genial!“
Lächelnd und erleichtert sank sie schließlich zu Boden. „Endlich ist es vorbei“, seufzte sie.
„Ich fürchte, es hat gerade erst angefangen“, antworteten plötzlich drei neue Stimmen. Eine kam von Felicia, die sie ernst ansah, eine weitere von der Stimme, die sie während des Kampfes begleitet hatte und eine dritte unbekannte. Als sie sich nach der neuen Stimme umsah standen dort zwei Frauen mit spitzen Ohren, wovon eine fast weiße Haut hatte und eine gezackte Kleidung trug. Ihre Augen waren nicht zu sehen, aber sie wusste sofort, dass sie es war, die ihr geholfen hatte. Die andere sah aus, wie eine Elfe, nur das sie anstatt Haare Efeu trug und sie mit klaren grünen Augen ansah.
„Vielen Dank, das du mich befreit hast. Die, gegen die du gekämpft hast, war eine Tyrannin. Sie nannte mich Natalia...“
„Was mich angeht, so musst du mir erst einen Namen geben, wenn du willst“
Patricia war verwirrt. Anscheinend musste sie tatsächlich dieses Buch kaufen und hoffen, das es ihr Antworten geben würde. Aber fürs erste hatte sie keine große Lust, weiter darüber nachzudenken. Sie war erstmal glücklich darüber, dass ihr Bruder in Sicherheit war.
„Ich glaube ich nenne dich nach einem alten Windgeist: Sylph“
„Wie du willst“, antwortete der Geist lächelnd und verschwand zusammen mit Natalia im Nichts.

In der tiefen Dunkelheit des Nichts auf der anderen Seite der Welten beobachtete er in aller Ruhe das Geschehen. Bisher lief alles, was er geplant hatte perfekt. Es würde nicht mehr sehr lange dauern, bis seine Zeit kam. Bald würde sein einsames Dasein ein Ende haben, bald würde er wieder frei sein!
„Das Spiel hat begonnen“, erklang seine tiefe, furchteinflößende Stimme und wurde durch ein noch furchtbareres Lachen abgelöst, das langsam in der Dunkelheit verklang...