Kapitel 18 ~ Weltenklinge

Tag der Dunkelheit, 20. Tag des Monats Dira, Jahr 3996 n.R.

Vorsichtig tastete ich mich auf dem dünnen Weg weiter in die Tiefe. Rechts von mir ragte die steile Felswand empor, während auf meiner linken Seite jegliches Licht von einem tiefen Abgrund verschluckt wurde.
Die kleine Flamme am Ende meines Stabes, die mir als Leuchte in der dunklen Höhle diente, war zwar stark, aber nicht stark genug, diesen Weg vollends auszuleuchten.
Inzwischen wünschte ich mir, dass mir die Fähigkeit des Fliegens angeboren oder ich im Besitz des Luftsiegels wäre. Neben der Metallmagie konnte ich dank Fierence in dieser Höhle nur Feuermagie verwenden, auch wenn dieses uns stärker zu schwächen schien als normal.
Niemals hätte ich diese riesige Höhle unterhalb des Wohnsitzes Xanias vermutet. Das Schloss und das Zentrum des Landes Mercaea, das sich einen Kontinent mit Thardana – dem Land der Erde – teilte, war auf einer riesigen Ruine errichtet worden, eine Ruine, die älter zu sein schien, als irgendeine Geschichtsschreibung. Kein Buch, keine Erzählung berichtet über die Entstehung dieser Ruinen, es gab nur vage Berichte über ihre Existenz, weshalb ich vermutete, dass dort eines der Objekte zu finden sei, die ich suchte.
Gregor hatte anderes zu tun und hatte ebenfalls einige seiner Leute beauftragt, andere solche Orte oder Gegenstände auf den anderen Kontinenten zu finden und zu durchsuchen, um mir bei meiner Suche behilflich zu sein, eine Geste, für die ich durchaus dankbar war, zumal mir meine innere Stimme sagte, dass nicht mehr viel Zeit blieb.
Ein loser Stein, der unter meinen Schritten nachgab, riss mich aus meinen Gedanken. Gerade noch rechtzeitig fand ich an der glatten Wand halt, bevor ich tiefer stürzte, als mir lieb war. Mein Herz raste und ich beschloss, erstmal eine kurze Pause einzulegen, da ich inzwischen nicht mehr wusste, wie lange ich dem Weg nach unten gefolgt war.
Als ich mich etwas genauer umblickte, stellte ich fest, dass sich die Umgebung verändert hatte: Aus den Wänden wuchsen vereinzelt einige Kristalle und auch die Farbe des Gesteins hatte sich geändert. Generell kam es mir so vor, als sei es um mich herum ein wenig heller geworden.
Die Kristalle reflektierten und brachen das flackernde Licht meiner magischen Fackel, so dass es schien, als hätten die Schatten um mich herum zu tanzen begonnen.
Im Moment hatte ich das dringende Bedürfnis, irgendjemanden an meiner Seite zu haben, aber Rjusha war für einige Tage in ihre Heimat zurückgekehrt und bei dieser Angelegenheit konnte ich nicht auf ihre Rückkehr warten. Ein Gefühl sagte mir, dass ich mich beeilen musste.
Vorsichtig schritt ich weiter den endlos erscheinenden Weg hinab in die Tiefe der Erde, das Hallen meiner Schritte als einziger Gefährte. Es dauerte nicht mehr lange, bis der Weg etwas breiter wurde und vor einer Öffnung in der Wand – anscheinend immer noch weit über dem Abgrund – endete.
Mit einem leicht mulmigen Gefühl betrat ich den Tunnel, der vom Alter bereits stark gezeichnet war. Zwar war noch der Einfluss derjenigen zu erkennen, die diesen Tunnel einst geschaffen hatten, da an den Wänden einige Mosaiken und Muster zu erkennen waren, aber der Zahn der Zeit hatte diese teilweise bis zur Unkenntlichkeit zernagt. Einige Stellen waren mit Rissen durchzogen, an anderen waren bereits kleine oder auch größere Stücke aus den Wänden gebrochen.
Meine Schritte führten mich bald einige Treppen und Biegungen tiefer, wobei ich hin und wieder an Skeletten von früheren Abenteurern vorbei kam, die einst versucht hatten, irgendetwas hier unten zu finden und dabei in eine Falle getappt oder anderen Unfällen zum Opfer gefallen waren.
Einigen war wohl auch das Öl oder ihre Fackeln ausgegangen, so dass sie im lichtlosen Dunkel irgendwann ihrem Schicksal erlagen. Mich erschauerte es bei dem Gedanken, dass mir das gleiche Schicksal blühen könnte, da meine Kraft auch immer weiter nachließ und der Weg kein Ende zu besitzen schien.
Mit der Zeit veränderte sich die Umgebung erneut, nur wenige waren so tief vorgedrungen. Alte verrostete und noch aktive Fallen wurden häufiger. Ich musste mich öfter vorsehen, dass mir selbst nichts geschah, während ich an den gefährlichen Stellen vorbeihuschte.
Hier unten schien die Zeit teilweise stehen geblieben zu sein: Muster wurden kenntlich und auch Farbe war langsam zu sehen. Plötzlich endete der Tunnel.
Ich stand in einer riesigen Höhle, deren Decke mit Kristallen bedeckt war, die das Licht meiner Fackel nicht nur zu reflektieren sondern auch zu verstärken schienen.
Mitten in der Höhle befand sich eine große, antike Stadt: Häuser und Türme ragten hoch empor, so unangetastet von der Zeit, dass man meinen konnte, diese Stadt halte nur einen Winterschlaf und warte darauf, einfach wieder zu erwachen.
Das flackernde Licht meines Stabes tanzte über die Figuren und Formen einer Stadt, die mir so fremd erschien, wie ein Traum, ein ferner Traum, den ich nie geträumt hatte.
Jeder Turm und jedes Haus besaß seine eigene eigentümliche Schönheit, gespickt mit Kristallen und Metallen spiegelten sie die Umgebung wider und dennoch schienen sie matt und normal, wie Häuser aus Holz und Stein.
Ich ging weiter, über die uralten Straßen, Wege entlang, die vor mir jahrtausendelang kein Wesen mehr gegangen war, auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, wie es aussah. Ein Objekt, das die Macht eines Elementes enthalten sollte.
Erneut ärgerte ich mich darüber, wie vage diese Angaben gewesen waren, aber nun war es zu spät etwas daran zu ändern. Ich hatte nicht mehr die Möglichkeit, zurück in die Vergangenheit zu gehen und danach zu fragen... Ich musste meine eigenen, mir gut bekannten Wege gehen, um die Geheimnisse der Vergangenheit zu entschlüsseln, Wege auf denen sich dummerweise sehr viele und große Steine angesammelt hatten. Wenigstens waren die Straßen auf denen ich nun ging passierbar.
Mit der Zeit, die ich in den Straßen verbrachte, überwältigte mich die schiere Größe dieser Stadt. Ich war sicherlich schon mehrere Meilen gegangen, ohne dass das Ende dieser Stadt in Sichtweite gekommen wäre. Meine Hoffnungen, hier unten den Gegenstand zu finden, den ich suchte schwanden von Minute zu Minute, von Schritt zu Schritt.
Schließlich blieb ich seufzend stehen und blickte nach oben, schon darauf hoffend, dass der Himmel selbst mir eine Antwort gegeben würde. Die Nacht erschien mir besonders sternenklar, bevor ich mich daran erinnerte, dass ich unter der Erde war und an der Decke keine Sterne zu sehen waren. Von dort, wo ich stand fiel nur noch sehr wenig Licht auf die Kristalle in der Decke, so dass diese nun wie ein Sternenhimmel in der Dunkelheit wirkten.
Mit den richtigen Zaubern könnte man hier unten eventuell sogar leben, Pflanzen, Tiere sogar Menschen. Leben, das an diesen Ort zurückkehrt und dann vielleicht auch nachts zu diesen 'Sternen' aufblickt und in ihnen ihre Zukunft sucht und Konstellationen findet... Spielerisch versuchte ich das Glitzern der Kristalle einem Muster zuzuordnen und plötzlich fiel es mir auf: Die Punkte waren in unregelmäßigen Kreisen angeordnet, die irgendwo in dieser Stadt einem Mittelpunkt zustrebten. Es konnte durchaus Zufall sein, aber im Moment war es mein einziger Anhaltspunkt, dem ich nun folgte.

Es war nicht leicht durch die ganzen Straßen, Biegungen und Sackgassen meinem angestrebten Mittelpunkt näher zu kommen, aber es gab tatsächlich etwas Besonderes an diesem Ort. Die Decke der Höhle lief an diesem Punkt zusammen und näherte sich wie ein riesiger Strudel dem Boden, wo sich irgendetwas Magisches zu befinden schien. Ich war noch weit von dem Ort entfernt und spürte dennoch, die unglaubliche Kraft, die an dem Ort zusammenlief. Eine Kraft, die mich von dem Ort weg drückte und mir das Vorwärtskommen erschwerte.
Es kam mir so vor, als würde ich gegen eine Flutwelle ankämpfen, eine Welle die immer kräftiger wurde und mich mitzureißen drohte und je näher ich dem Ort kam desto schwächer wurde die Flamme, die ich mit mir trug.
Als ich mich bis auf wenige Meter der Quelle dieser Kraft genähert hatte, erkannte ich schließlich den Ursprung: Ungefähr zwei Meter unter dem spitzen Ende der kristallenen Decke steckte in einem Podest aus weiteren Kristallen ein wunderschönes Schwert. Eine lange und zwei kurze Klingen ragten aus dem Griff, verziert mit einer goldenen Naht und fremden, mir merkwürdig bekannt erscheinenden Runen. Dies musste das Objekt sein, das ich suchte.
Mit einer großen Kraftanstrengung näherte ich mich dem Schwert und ergriff es. Plötzlich fiel der merkwürdige Druck, den ich die ganze Zeit verspürt hatte ab und kurze Zeit später schien das Schwert einen Sog aufzubauen, der aber nur für kurze Zeit anhielt.
„Wer bist du, der du die Klinge der Welt begehrst?“ Neben mich trat eine fremde Gestalt, deren bleiche Züge schwach vom Licht meiner Flamme erhellt wurde. Auf ihre eigene Art war diese Elfe wunderschön: Ihr langes weißes Haar floss über ihre Schultern und den Rücken wie ein Wasserfall und hob sich nur schwach von der hellen Haut ab. Ihre Kleidung war merkwürdig durchscheinend wie Seide und ihre Augen wirkten wie ein tiefer Brunnen.
„Wer bist du, der du die Klinge der Welt begehrst?“ Sie legte ihre Hand auf die meine, die noch immer den Griff des Schwertes hielt. Die Berührung war kühl aber nicht unangenehm.
„Ich bin Arche...“ antwortete ich zögernd. Ich wusste nicht genau, was ich ihr alles verraten durfte. Wer war sie überhaupt und woher war sie gekommen?
„Warum willst du diese Klinge dein Eigen nennen?“
„Weil ich hoffe, dass sie das ist, was ich suche... Ein Artefakt aus längst vergangener Zeit...“
„Das beantwortet nicht meine Frage... Ich kann dir diese Klinge nicht überlassen, ohne zu wissen, ob deine Gründe dafür gerecht sind.“
„Ich suche die Klinge, um ein altes Unrecht zu beseitigen“, antwortete ich nach mehreren Minuten des Überlegens.
„Ich fühle, dass du die Wahrheit sprichst, dass du von dem überzeugt bist, was du sagst... Dennoch muss ich dich zuvor prüfen, wenn du nicht dazu bereit bist, mir alles zu erzählen.“ In ihren Zügen spiegelte sich plötzlich eine tief sitzende Trauer wieder.
Ich zögerte einige Sekunden, jedoch ehe ich mich wirklich entschieden hatte, ob ich es ihr anvertrauen konnte, spürte ich dort, wo sie mich berührte, eine stechende Kälte. Als ich auf die Stelle sah, konnte ich noch sehen, wie ein flüssiges Metall begann, mich zu verschlingen. Bevor ich noch irgendwie reagieren konnte, war ich bereits umhüllt. Meine Gedanken, mein ganzes Selbst wurden von der Schwärze, die mich umgab, in einen tiefen Abgrund gezogen und mein Bewusstsein verschwand in der Dunkelheit.

Sonnenstrahlen und ein angenehm kühler Wind weckten mich. Für einige Momente wusste ich weder wo ich mich befand, noch wie ich an diesen Ort gekommen war.
Ich stand auf und suchte in meiner Umgebung nach irgendwelchen Anzeichen danach, wo ich mich befand. Anscheinend war ich in irgendeinem Wald gelandet, denn soweit ich sehen konnte, umgaben mich Bäume. Ich selbst stand auf einer kleinen Lichtung, mitten in einer Blumenwiese, eine Pracht, die mir vorkam, wie in einem Märchen.
Da ich außer den Bäumen und der Wiese nichts sah, entschloss ich mich dazu, blind in eine Richtung zu gehen, in der Hoffnung irgendwann auf Anhaltspunkte zu stoßen, die mir helfen würden, meine Position zu bestimmen.
Auf alle Fälle war mir klar, dass ich diese Prüfung bisher für äußerst merkwürdig empfand. Hätte sie mir nicht auch noch sagen können, was meine Aufgabe hier war? Ich holte tief Luft und folgte weiter dem Pfad, den ich eingeschlagen hatte.
Zwischen den Bäumen tauchten immer wieder größere und kleinere Kristalle auf, die im diffusen Licht des Tages leicht glitzerten. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich – trotz des blauen Himmels – keine Sonne sehen konnte. Die Gegend wurde mir allmählich suspekt.
Nach einigen weiteren hundert Schritten bestätigte sich mein schlechtes Gefühl. Vor mir baute sich eine große gläserne Wand auf, die im Himmel zu verschwinden schien. Ich näherte mich der Wand und erkannte kurz darauf, dass ich mich im Schwert befand. Draußen konnte ich noch die Elfe sehen, die traurig auf das Schwert blickte... Ich war verschwunden.
Musste ich den Weg nach draußen finden? War das meine Aufgabe? Während ich diesen Gedanken weiter verfolgte, bemerkte ich, wie die Elfe selber verschwand. Was hatte das zu bedeuten?
Ein Hilferuf ließ mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Irgendjemand brauchte Hilfe, über dieses Mysterium und meine Flucht konnte ich auch später noch weiter nachdenken.
Ich folgte den weiteren Hilferufen, die nun immer verzweifelter wurden, so gut ich konnte, bis zu der Stelle, an der mir ein kleines Mädchen plötzlich in die Arme lief. Sie wirkte sehr jung und von ihrem langen blonden Haar klebten einige längere Strähnen auf ihrer verschwitzen Stirn. Die junge Elfe war völlig außer Atem und sah mir bittend in die Augen.
„Lass nicht zu, dass sie mir etwas tun... bitte...“ Ihre Stimme zitterte und ihr Körper ebenso.
Ohne ein Wort zu sagen, kniete ich mich, so dass ich auf einer Höhe mit ihr war und nahm sie vorsichtig in die Arme. Ihr Zittern ließ ein wenig nach, bis plötzlich eine Truppe von fünf Rittern in voller Montur mit Pferden durch das nächste Gebüsch brachen und vor uns zu stehen kamen. Einer von ihnen hob das Visier seiner Rüstung hoch und musterte mich mit einem strengen Blick.
„Gut, dass Ihr die Ausreißerin gefasst habt. Würdet Ihr sie nun wieder in unsere Obhut geben?“ Seine Stimme klang zwar freundlich, hatte aber einen Unterton, der mir nicht gefiel, auch wenn ich ihn nicht genau einordnen konnte.
„Sie scheint aber nicht mit euch gehen zu wollen!“ Meine Antwort schien die Kleine ein wenig zu beruhigen, aber ich spürte noch immer ihre Angst.
„Das tut nichts zur Sache... Sie gehört nicht hierher, wir müssen sie zurück bringen! Wenn Ihr kooperiert, werden wir Euch fürstlich belohnen und den Weg zurück in Eure Welt zeigen.“
Zwar klang dieses Angebot verlockend, aber ich wusste, dass es einen Haken gab. Die eine Elfe hatte von einer Prüfung gesprochen und so leicht konnte es nicht sein. Außerdem konnte ich es nicht über mein Herz bringen das Mädchen auszuliefern.
„Auch wenn ich es bereue, so muss ich Euer großzügiges Angebot ablehnen!“ Während meine Worte das Mädchen noch ein wenig beruhigten, schien es die Ritter zu verärgern.
„Gut, wenn Ihr unbedingt wollt, dass wir Euch dazu überreden müssen...“ Alle fünf zogen plötzlich ihr Schwert und führten ihre Pferde auf uns zu.
Instinktiv suchte ich irgendeine Waffe: Meine Augen glitten über den näheren Boden, fanden aber nichts Passendes in Reichweite. Meine Wassermagie versagte ebenfalls, allerdings schaffte ich es ein Feuerschwert in einer Hand erscheinen zu lassen. Die brennende Klinge ließ die Pferde der Ritter scheuen, aber auch das Mädchen wich ein wenig vor der heißen Glut in meiner Hand zurück.
Ich spürte, dass ich nicht viel Zeit hatte. Das Schwert nur zu halten, zog mir in der Umgebung langsam die Kraft aus meinem Körper. Also handelte ich nach einem alten Leitspruch, 'Angriff ist die beste Verteidigung', und griff ihren Anführer an. Er war eindeutig geübter im Nahkampf, so dass ich mir schnell etwas einfallen lassen musste. Zwar konnte ich ein wenig mit Feuermagie hantieren, aber das könnte mich soweit schwächen, dass ich gegen die anderen vier nichts ausrichten könnte.
Andererseits hoffte ich, die vier Verbliebenen würden direkt fliehen, da ihnen ihr Vorteil mir gegenüber nicht bekannt war... Mit diesem Gedanken im Kopf setzte ich schließlich alles auf diese eine Karte. Dummerweise waren die anderen nicht gerade Ritter der Sorte, die darauf warteten, dass ein Duell beendet sein würde. Immer wieder musste ich ihnen ausweichen, was es mir erschwerte, meine nötige Konzentration aufzubringen und zu halten.
Schließlich gelang es mir einen kleinen Feuerball auf ihren Anführer zu werfen, der nicht mehr die Zeit fand auszuweichen... Eine schwere Schockwelle riss uns alle plötzlich zu Boden, der gesamte Raum bebte kurzzeitig und als sich der Rauch endlich verzog, war von einem der Angreifer nichts mehr übrig.
Mit dem verschwinden des fünften Ritters kehrte Ruhe ein, keiner der vier wagte es, sich zu bewegen. Ich wollte den Fremden gerade zurufen, dass ihnen das gleiche Schicksal blühen würde, wenn sie das Mädchen nicht ziehen lassen, doch einer der Männer war schneller bei Sinnen, als mir lieb war und packte die Kleine, die während des kurzen Scharmützels ungeschützt gewesen war.
„Ich weiß nicht, was du bist und was du da gerade getan hast, aber wenn dir das Leben der Kleinen hier so wertvoll ist, dann solltest du jetzt ja keine falsche Bewegung machen!“ Die Stimme des Fremden bebte fast vor Wut aber zitterte auch vor Angst.
Ich wusste nicht, was ich nun hätte tun können. Ich fühlte mich so schwach, in meinem Kopf drehten sich einige Gedanken im Kreis, meine Augen schmerzten und drohten zuzufallen... Schließlich sank ich langsam auf die Knie, und ich verlor mein Bewusstsein...

Als ich langsam wieder zu mir kam, fühlte ich mich seltsam erholt. Vorsichtig öffnete ich die Augen und fand mich auf dem Boden vor dem Schwert wieder. Die merkwürdige Elfe stand neben mir und schaute auf mich herab. Ein Teil ihrer Traurigkeit war einem Lächeln gewichen, aber dennoch schien sie immer noch etwas zu bedrücken.
„Leider war der Ausgang des Szenarios derselbe wie immer, auch wenn du mich etwas überrascht hast...“
„Ich verstehe nicht -“
„Keine Sorge, das musst du auch nicht. Du hast deine Prüfung bestanden, in dem du Herzensstärke bewiesen hast. Denn trotz der Aussicht auf eine schnelle Flucht hast du mich nicht im Stich gelassen... Auch wenn du am Ende nicht stark genug warst, um etwas zu ändern... Wenn so jemand wie du damals anwesend gewesen wäre, hätte mich das Schicksal vielleicht verschont so zu enden...“
Irgendwie wusste ich immer weniger, je mehr sie erklärt und gesagt hat. „Aber was ist da drin geschehen? Mit mir und... dir?“
Die Elfe stand auf und wartete geduldig, bis ich auch wieder stand. „Was du da drin erlebt hast, ist ein Teil meiner Vergangenheit. Ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre es her ist, aber unter dem ersten Wächter hatte es sich bei den Menschen irgendwie herauskristallisiert, Elfen zu jagen. Vielleicht weil wir neu auf der Welt waren... oder fremd... Vielleicht ließ sie auch nur der Neid auf unsere lange Lebensspanne so werden... Jedenfalls wurde ich eines Tages gefangen genommen, nur damals war keiner dort, der mir geholfen hätte.
Schließlich sperrte man mich in eine Zelle, folterte und beschimpfte mich, stellte mich zur Schau... bis ich eines Tages starb. Elric Fist kam in dem Moment zu mir und machte mir ein Angebot: „Wenn ich dieses Schwert hier solange bewachen würde, bis jemand erscheint, der würdig ist, es zu führen und reinen Herzens ist, dann würde er für die Sicherheit meines Stammes sorgen. Ich nahm schließlich an und verbrachte seitdem die Zeit hier...
Es waren schon viele hier, die ich auf die Probe gestellt habe... aber entweder waren sie schwach, hinterhältig oder gingen immer den einfachen Weg. Kriegsherrn und Banditen sind hier verschwunden, weil sie die Macht des Schwertes suchten... Nur taten sie es aus den falschen Gründen. Ich weiß zwar nicht, weshalb du es brauchst, aber ich weiß, dass ich es dir anvertrauen kann.
Damit endet endlich meine Pflicht hier, ich danke dir dafür...“
Nun lächelte sie wirklich und legte mir eine Hand auf die Schulter.
Irgendetwas kratze an meinem Gedächtnis, während sie mich zum Schwert führte und meine Hand wieder auf den Griff legte.
„Ziehe es heraus... Dann kann ich endlich in Frieden ruhen und in die nächste Welt weiter ziehen. Vielleicht sehen wir uns dort eines Tages wieder. Danke, Arche...“
Die Erscheinung verblasste langsam und ich stand alleine in der großen leeren Stadt und plötzlich fiel es mir wieder ein: Der Wächter im Glasturm war so ähnlich wie diese Elfe gewesen... Auch er wollte in Frieden ruhen. Sollte das etwa bedeuten, dass der Kristall der gesuchte Gegenstand war? Aber dieser war doch zerstört worden? War mein ganzes Unternehmen nun schon in den Anfängen sinnlos geworden?
Ich zog am Schwert, das sich langsam aus seinem Sockel löste und schließlich so leicht wie eine Feder in meiner Hand lag. Unmittelbar bemerkte ich eine Änderung um mich herum: Das diffuse Licht, das meine Umgebung erhellt hatte, erlosch und ließ mich in völliger Finsternis zurück.
Vorsichtig tastete ich mich zurück an die Stelle, an der ich erwacht war, um meinen Stab aufzuheben, den ich dort liegen gelassen hatte. Als an dessen Spitze wieder die kleine Flamme brannte, die mir auf dem Hinweg genügend Licht gespendet hatte, sah ich, dass plötzlich alle Häuser und Straßen mit Rissen überzogen waren.
Ausgehend vom Sockel des Schwertes begann der Zerfall der unterirdischen Stadt. Als die ersten Kristalle von der Decke neben mir einschlugen rannte ich los. Die riesige Höhle war im Begriff einzustürzen und mich zu begraben.
Ich rannte die endlosen Straßen der verfallenen Stadt entlang und musste feststellen, dass ich mich verlaufen hatte. Jede Ecke sah plötzlich gleich aus und an die Richtung, aus der ich kam konnte ich mich nicht erinnern. In mir stieg Panik auf. Neben mir fielen nicht nur Kristalle zu Boden, die in tausend kleine Stücke zerbrachen, in denen sich meine Flamme spiegelte, sondern auch Steinbrocken, die weitere Risse in den Weg rissen, den ich einschlug. Das Schwert, das ich immer noch in meiner Hand hielt bemerkte ich schon seit einiger Zeit nicht mehr – es war wie ein Teil von mir selbst geworden...
„Warum teleportierst du dich nicht einfach in Sicherheit?“ Erklang plötzlich eine vertraute Stimme neben mir. Firence hatte es sich auf einem der herunter gefallenen Felsen gemütlich gemacht und wirkte eher gelangweilt.
„Ich... wie?“ Irgendwie ließen sich meine Gedanken nicht ordnen... sie waren wie ein Stapel Blätter, der vom nächsten Windhauch umgeworfen wurde und neu geordnet werden musste. Ich war in dem Moment so panisch, das ich nicht einmal gemerkt hatte, wie das Feld, das einen Großteil meiner Fähigkeiten blockiert hatte inzwischen verschwunden war. Auf das Beste hoffend konzentrierte ich mich, und die gefährliche Gegend um uns herum verschwamm, dem friedlichen Bild eines Gebirgsflusses Platz machend. Irgendwie hatte ich es zurück auf die Bergspitze gebracht, das Schwert noch in der Hand und in Sicherheit.
Ich holte mehrmals tief Luft und genoss die kühle Abendluft des Berges, aus dessen Inneren ich gerade entkommen war. Erleichtert, dieses Abenteuer unverletzt überstanden zu haben, setzte ich mich auf einen Felsen und blickte auf das faszinierende Schwert.
Endlich erkannte ich die Runen, die in das Schwert eingearbeitet worden waren. Es war dieselbe Schrift, die ich auf dem Feuerarmband, im Glasturm und den Destanis-Ruinen gesehen hatte. „Der Ursprung des Metalls ist die Substanz dieser Klinge. Jede andere soll an ihr zerbrechen auch jene, die nicht geschmiedet wurden.“ Die Schrift und der Wortlaut hatten einen ähnlichen Stil, wie mein Armband, weshalb ich einen kurzen Blick darauf warf. Einige der Runen leuchteten schwach, wie nun auch auf der Klinge. Erneut fiel mir die Ähnlichkeit zwischen dem Glasturm und der kristallenen Stadt auf... Sollte ich wirklich Glück gehabt und schon zwei der gesuchten Gegenstände erhalten haben? Aber der Wächter im Glasturm hatte nie etwas derartiges erwähnt? Auch konnte ich mir nicht jene Inschriften in der oberen Kammer erklären oder die Tatsache, das Richard davon wusste...
Vielleicht hatte Elric Fist noch viel mehr geplant, als er mir verraten hatte? „Firence?“
„Ist was passiert?“ Der Feuergeist tauchte bereitwillig neben mir auf und wartete auf meine Antwort.
„Du hast doch den ersten Wächter gekannt... Elric Fist... Kannst du mir sagen, was er für ein Mensch war?“
Firence schwieg eine lange Zeit, bevor er antwortete. „Ich weiß leider nicht viel über ihn, denn meine Zeit mit ihm war eher kurz... Als er das System einrichtete sorgte er dafür, dass er über all unsere Fähigkeiten verfügen konnte und schickte uns dann für viele Jahre schlafen... Er schien ein Idealist zu sein... Zwar freundlich und zuvorkommend, aber in einer Traumwelt, einer idealen Welt gefangen, die er letzten Endes auch nicht erschaffen konnte, wie du bemerkt hast.“
Leider half mir seine Antwort nicht gerade weiter, auch wenn mir jener Idealismus bekannt vorkam. Auch Richard war mal so gewesen, bevor er so mordlüstern und habgierig geworden war... Vielleicht waren sich er und Elric ja sehr ähnlich... Vielleicht war auch Trafalus einst so gewesen?
„Erinnerst du dich noch an Trafalus... den dunklen... Gott?“
Meine Frage schien Firence zu beunruhigen... Anscheinend erinnerte er sich nicht gerne an den Mann, der viertausend Jahre lang die Völker terrorisiert hat.
„Um ehrlich zu sein...“ Seine Antwort kam zögerlich. „Ich habe ihn nie kennen gelernt... Mein damaliger... Wirt... wurde von einer Frau getötet und ich fiel in die Dunkelheit, von der ich dir einst erzählte...“
„Aber wie... Wie konnte er dann zu einem Wächter werden, wenn er am Ende nur neun der zehn Siegel besaß?“
Als ich Firence fragend ansah schüttelte dieser nur mit dem Kopf. „Ich weiß es nicht... Vielleicht war das System auf eine solche Notfallsituation vorbereitet... oder es musste ihn ohne mich zulassen...“
'Ich fürchte jedoch, dass einige unter der Last zugrunde gehen', hatte Elric gesagt. Vielleicht waren es die große Anstrengung und das Fehlen eines Elements gewesen, die Trafalus wahnsinnig werden ließen?
Ich seufzte und malte mit meinem Schwert kleine Bilder in den staubigen Boden, und dachte weiter über all das nach, was ich erfahren hatte, während am Horizont die Sonne verschwand, um dem Mond und den Sternen Platz zu machen...