Kapitel 2 ~ Glasturm

Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte gnadenlos auf uns hinab, als wir endlich den Turm erreichten. Wir betraten das beachtliche Gebäude, dessen Umgebung teilweise aus gläsernen Straßen bestand, die noch nicht zu feinem Glassand zerfallen waren. Überall waren große Trümmer und Glasstücke, die teilweise zersplittert waren oder Risse trugen, zu erkennen. Die Türen des Turmes, der als einziges noch unversehrt war, öffneten sich wie von Geisterhand. Im Inneren des imposanten Gebäudes herrschte eine angenehme Kälte. Diese Ruine musste ein Geheimnis bergen, vielleicht sogar ein mächtiges magisches Artefakt, wenn man bedachte, wie viele tausend Jahre es schon überdauert hatte. Davon abgesehen, dass die Kühlung noch funktionierte, für die wir alle äußerst dankbar waren. Vorsichtig schritten wir durch die große Halle zu den Treppen, von denen eine nach oben und eine nach unten führte.
„Wir sollten vorsichtig sein. Wer weiß, was hier drinnen für Fallen lauern...“ Richard gab diesen Hinweis nicht umsonst. Er hatte ein Näschen für Fallen, egal ob es darum ging, sie zu bauen, zu warten, zu entschärfen oder sie zu finden.
„Die hättest du wahrscheinlich gerne für deine Sammlung, oder?“
Richard grinste. Ich hatte ihn durchschaut. Wir beschlossen uns erst in den unteren Stockwerken umzusehen und erst später in die oberen zu gehen.
Wir schritten die gläserne Treppe langsam hinab und erreichten ein kleines Labyrinth aus Gängen, deren Wände aus schwarzem Glas zu bestehen schienen. Thoma kratzte mit einem kleinen Dolch an jeder Kreuzung Markierungen in die Wände, während wir uns umschauten. Richard und ich nutzten die Magie unserer Stäbe, um die dunklen Gänge auszuleuchten.
Viele der Räume, von denen es hier eine Menge gab, enthielten die unterschiedlichsten Sachen aus Glas. Thoma fand sogar ein Schwert, dessen Klinge aus Glas bestand. Allerdings erwies sich dieses als nicht magisch, als er die Klinge aus versehen an einer Tischkante zerschlug. Ein Stockwerk tiefer fanden wir einen großen Raum, in dem einige besondere Gegenstände lagen. In der Mitte war ein kleines Podest in das Schriftzeichen eingraviert waren.
„Weißt du, was das heißt?“, fragte mich Richard, als ich mich eingehender mit der Schrift beschäftigte.
„Ich meine diese Art Schrift schon einmal gesehen zu haben... Sie befanden sich am Eingang zu den Destanis-Ruinen, die bisher auch noch niemand betreten hat – Irgendein Kraftfeld blockiert da den Eingang. Dummerweise weiß ich nicht, was sie bedeuten.“
Von diesen Schriften gab es nicht sonderlich viele auf der Welt – daher war es nahezu unmöglich, sie zu entziffern.
„Schade.“ Thoma trat – anscheinend aus Neugierde – auch an das Podest. Seine Augen schienen den einzelnen Textzeilen zu folgen.
„Sag bloß, das kannst du lesen?“
Thoma nickte und begann den Text vorzulesen: „Sowie das Feuer Licht und Wärme bringt, so gefährlich und zerstörerisch ist es auch. Jene, die mit der Kraft des Feuers leichtfertig umgehen, werden vom Feuer gerichtet werden. Jene, die das Feuer respektieren, werden durch es beschützt.“
„Und was hat das nun zu bedeuten?“
Richard überlegte, während Thoma mit den Schultern zuckte.
Ich schritt an den Wänden des Raumes entlang, auf der Suche nach irgendwelchen weiteren Hinweisen. In den Wänden befanden sich insgesamt drei Einbuchtungen, die Gegenstände enthielten. Thoma war mir gefolgt und hatte kurze Zeit später in diesen auch ein Spielzeug für sich gefunden. Er hielt den Griff eines Schwertes in der Hand.
„Zu blöd, dass die Klinge fehlt, was?“
Richard wollte gerade weiter über den Sinn des Griffes lästern, als an der Stelle, wo die Klinge sein sollte mehrere Funken aus der Luft entsprangen und eine Klinge aus purem Feuer entstand. Sie sah nach kurzer Zeit so aus, als ob ein Schmied gerade eine Klinge aus dem Feuer geholt hätte, um sie weiter zu bearbeiten. Richard bekam sofort große Augen und griff in eine andere Nische, aus der er einen winzigen Handschild zu tage förderte. Eigentlich war es fast nur der Griff eines Schildes. Er hoffte natürlich, das daraus ein voller Feuerschild entstehen würde – ähnlich dem Schwert – und legte es an. Er wartete mehrere Minuten, jedoch geschah nichts. Mit einem kleinen grummeln warf er das Teil Thoma zu, der es dankbar anlegte. Bei ihm schossen sofort die Flammen heraus und der Schild bildete sich aus.
„Anscheinend eine Art Schutz, damit das nicht die falschen Leute benutzen“, kommentierte ich Richards ungläubigen Gesichtsausdruck grinsend. „Das ist wohl nicht für dich bestimmt!“
„Ja, danke, habe ich bereits gemerkt“ Richard wirkte beleidigt.
„Möglich, das es sich um einen erblichen Schutz handelt“, meldete sich nun auch Rjusha zu Wort, die bisher vor Staunen nichts gesagt hatte.
„Möglich“, antwortete ich und nahm das letzte jener Artefakte aus den Schächten. Es sah einem Armband ähnlich, das sich, nachdem ich es einige Sekunden betrachtet hatte, in einen Feuerring verwandelte, der sich selbständig um meinen linken Arm zuzog und dort wieder zum Armband wurde. „Na Super“, ich versuchte das Armband wieder abzustreifen, aber aus irgendeinem Grund bewegte es sich kein bisschen von der Stelle. Jeder Versuch es mit Gewalt zu bewegen verursachte mir nur Schmerzen, weshalb ich mich kurzerhand dazu entschloss das Armband anzubehalten. Ich würde es später versuchen zu entfernen, sobald es irgendwelche negativen Eigenschaften zeigte. Ansonsten wirkte es doch relativ schmückend, gerade wegen der fremdartigen Schriftzeichen, die auch darauf eingraviert waren.
Richard seufzte laut, da er anscheinend der einzige war, der leer ausging. Er stütze sich auf das Podest in der Mitte, woraufhin der Raum mit einem leichten Flackern plötzlich taghell erleuchtet wurde.
„Sieh an... wie hast du denn das hinbekommen, Richard?“, Thoma, der es anscheinend geschafft hatte, seine Gegenstände wieder zu deaktivieren wendete sich an den verblüfften Magier, der wohl selbst nicht ganz wusste, was gerade geschah.
„Willkommen, werte Jünger des Feuers!“ Wir alle drehten uns zu der unbekannten Stimme, die plötzlich durch den Raum hallte, um. „Nun könnt ihr beweisen, ob ihr wahrlich der Flamme folgt... Eure Aufgabe ist es, die Spitze des Turmes zu erreichen. Solltet ihr dies schaffen, so dürft ihr die Gaben des Feuers behalten... Wenn nicht... wird dies euer Ende sein. Viel Glück!“ Der Priester - so sah die Gestalt in der langen Robe auf die ein Flammenmuster gestickt war zumindest aus - verschwand genau so schnell, wie er erschienen war.
„Klingt nach einer Art Test“, Thoma war der Erste, der wieder Worte fand.
„Fragt sich nur, was geschieht, wenn wir den Test nicht bestehen“, Rjusha wusste, wie man die Stimmung in den Keller zog, zumal sich „wird das euer Ende sein“ nicht gerade positiv anhörte.
„Aber irgendetwas müssen wir doch unternehmen!“ Richard hatte einen großen Bogen um das Podest in der Mitte geschlagen, um diesem nicht unnötig näher zu kommen und womöglich noch irgendetwas schlimmes auszulösen.
„Wir könnten ja fürs Erste versuchen, den Ausgang zu erreichen“, mit diesen Worten machte ich den ersten Schritt auf die Treppe zu.
„Somit beginnt die erste Prüfung!“, schallte erneut die Stimme des Priesters durch den Raum. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter, dennoch kletterte ich die Stufen – wenn auch äußerst langsam – empor.
Mehrere brennende Gestalten drehten sich zu mir um und schauten mich mit rotglühenden Augen an.
„Mist, Feuerelementare... Jungs, könntet ihr mir mal bitte helfen?“.
Thoma zögerte keinen Augenblick und stellte sich schützend vor mich, während Richard sich neben mir positionierte. Feuerelementare sind Feuergeister mit menschlicher Gestalt, die man oft sehr gut mit Wasser – dem entgegengesetzten Element – besiegen kann. Allerdings erwies sich meine Befürchtung, das dieses hier nicht zutreffen würde, als richtig, was sich auch nach meinem ersten Versuch, einen Wasserzauber zu sprechen herausstellte. Der Zauber zündete nicht richtig, sondern wurde schon, bevor er sich ganz Manifestieren konnte, neutralisiert.
„Ich würde vorschlagen, das wir ausnahmsweise mal versuchen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen“, rief ich den anderen beiden zu und zog mich unterdessen heimlich zurück.
Richard kam dies gerade recht, da er sich auf Feuermagie spezialisiert hatte, während Thoma mit seinen neuen Spielzeugen ordentlich reinhauen konnte. Zum Glück waren diese Feuerelementare wirklich durch Feuer verwundbar, was nur eine vage Vermutung meinerseits gewesen war und die beiden konnten innerhalb kürzester Zeit die fünf Elementare bezwingen.
Thoma hatte durch sein Feuerschild einen sehr guten Schutz gegen jegliche Angriffe, die unsere Gegner aufboten – egal, ob es kleinere Feuerbälle, Feuerpfeile oder Feuerschwerter waren, die auf ihn niederprasselten – ihn juckte das sehr wenig. Dafür konnte er seine Gegner mit den Schwerthieben, die er austeilte sehr leicht bezwingen: Nach zwei bis drei Treffern wurde die Gestalt eines Feuerelementars zu einer einzigen großen Flamme, die schnell kleiner wurde und schließlich erlosch.
Richard hatte unterdessen seine eigenen Methoden, sich gegen die Angriffe zu wehren oder seine Gegner zu verwunden. Als Meister der Feuermagie hatte er innerhalb kürzester Zeit eine leicht rotglühende Barriere um sich herum aufgebaut, welche die hitzigen Angriffe einfach absorbierte. Zwischenzeitlich feuerte er aus seinem Schutzwall heraus einen Feuerball auf die vor ihm stehenden Gegner, die auf ähnliche weise verschwanden, wie die von Thoma.
Da die Feuerelementare mit den anderen beiden beschäftigt waren konnte ich mir in aller Ruhe einen sicheren Platz suchen, von dem aus ich die beiden anfeuern konnte, ohne großartig in die Schusslinie zu geraten.
Kaum hatte Thoma den letzten Elementar bezwungen erschien erneut der Priester im Raum. „Die erste Prüfung habt ihr gemeistert, so gehet nun zur nächsten!“
„Ich will keine weitere Prüfung!“, ich war frustriert – zum einen, weil ich in dieser Prüfung total nutzlos gewesen war, zum anderen weil ich Prüfungen eh schon immer verabscheut hatte. Allerdings störte sich dieser komische Priester, der sich mal wieder in Luft aufgelöst hatte überhaupt nicht daran. Richard und Thoma zuckten nur mit den Schultern und gingen voraus.
Wir stiegen die Stufen empor zur Eingangsebene, die verlassen schien.
Richard versuchte den Turm zu verlassen, die Türen öffneten sich allerdings nicht, also versuchte er das einzig Richtige, was man da noch tun konnte: Er versuchte es mit Gewalt. Der Priester - anscheinend der Aufpasser dieses Turmes - mochte wohl nicht, dass jemand die Einrichtung beschädigte und fing Richards Feuerball ab. Mit einem drohenden Unterton sprechend machte er uns eines klar: „Die Prüfung, die ihr begonnen habt, kann nicht unterbrochen werden. Ihr MÜSST sie beenden, bevor ihr gehen könnt.“
„Warum nur hatte ich genau DAS im Gefühl?“
„Rjusha?“
„Ja?“
„Halt die Klappe!“. Die kleine Drachendame wollte zwar eigentlich noch etwas sagen, überlegte es sich jedoch unter den bösen Blicken aller anders. Alle drei wollte sie wirklich nicht gegen sich haben.
„Die nächste Prüfung findet ihr auf der nächsthöheren Ebene!“ Mit diesen Worten verschwand der Priester und die Treppe, die nach oben führte wurde beleuchtet. Mit einem mulmigen Gefühl stiegen wir die endlos lang erscheinende Treppe empor, die vor einer massiven Tür aus schwarzem Glas endete. Wie von Geisterhand öffnete sich auch diese, als wir näher traten. Der Priester erwartete uns im Raum. „Nun wird euer Geschick auf die Probe gestellt. Ihr müsst dieses Becken überqueren, um die zweite Prüfung zu bestehen“
Kaum hatte er das Becken erwähnt, verschwand ein Großteil des Bodens und gab die Sicht auf ein Lavabecken frei. Ich wunderte mich etwas, warum das Glas, in dem die Lava aufbewahrt wurde nicht schmolz, aber darauf würde ich garantiert keine Antwort bekommen.
„Möge die zweite Prüfung beginnen!“ Der Priester ließ uns erneut alleine.
Vor uns befand sich also ein Becken mit glühender Lava und nur wenige Plattformen führten über dieses. Dummerweise waren diese gerade mal groß genug, das man darauf stehen konnte. Und der Schlaumeier, der sich diese vermaledeite Prüfung ausgedacht hatte musste diese auch noch so weit auseinander platzieren, das man von einer zur anderen springen musste. Mein Tag wurde immer besser.
„Bei dieser Hitze kann man ja braun werden“, kommentierte Thoma das ganze und schätzte seine Lage ein. „Sonnenbräune habe ich mir anders vorgestellt.“ Thoma grinste – wie konnte er das ganze bloß so gelassen nehmen?
„Flugzauber funktionieren hier wahrscheinlich auch nicht, da sie der Luftdomäne angehören und in der Feuer-Domäne gibt es keine Flugzauber“, Richard hatte die Lage – die mir schon länger absolut klar war – inzwischen auch richtig erkannt. Wir standen vor einem Problem, denn der Rückweg war auch versperrt.
„Bringt ja alles nichts! Was soll schon schlimmes passieren...?“ Thoma legte etwas Rüstung ab und begann von Plattform zu Plattform zu springen, um sich langsam auf die andere Seite vorzukämpfen. Manchmal sah es so aus, als ob er fallen würde, aber er konnte sich noch im letzten Moment fangen, wodurch er etwas länger brauchte. Aber er schaffte es ohne große Probleme auf die andere Seite.
Richard machte sich seufzend als zweiter auf den Weg, nachdem ich ihm freundlichst den Vortritt gelassen hatte. Er bestand zwar die ganze Zeit auf 'Ladies first', aber nach dem ersten Schubser hatte er es sich anders überlegt.
Richard tat sich um einiges schwerer als Thoma und wäre beinahe beim letzten Sprung abgestürzt, wenn Thoma ihn nicht noch an der Hand fest gehalten hätte und ihm somit einen feurigen Tod ersparte. Alleine bei dem Gedanken, das ich als nächstes über die Plattformen springen musste lief mir trotz der Hitze ein kalter Schauer über den Rücken.
„Geht lieber ohne mich weiter!“, rief ich über das Becken und wollte mich gerade herumdrehen, als Rjusha mich näher an das Becken schubste.
„Komm schon, schlag hier keine Wurzeln“
Manchmal konnte sie eine echte Giftziege sein. „Du kannst ja auch fliegen“ Rjusha störte sich an meinem Kommentar herzlich wenig und zwang mich, mit einem weiteren Anstupsen, dazu meinen ersten Sprung zu wagen. Irgendwie hatte ich es geschafft, mit den Füßen auf der Plattform zu landen, jedoch wollte mein Oberkörper nicht so recht da bleiben. Rjusha half mir wenigstens dabei, mein Gleichgewicht wieder zu finden.
„Dafür hast du auf jeden Fall nachher etwas gut bei mir“, flüsterte ich der Kleinen zu, die sich sichtlich schon auf etwas Bestimmtes freute. Mehr schlecht als recht kam ich so von Plattform zu Plattform und schließlich auf die andere Seite. Thoma musste mir beim letzten Sprung, der etwas weiter war als die anderen, ebenfalls helfen.
„Beeindruckend“, das plötzliche Erklingen der Stimme dieses komischen Priesters versetzte mir einen solchen Schrecken, das ich beinahe nach hinten ins Becken zurückgefallen wäre, aber Thoma hielt mich lächelnd mit einer Hand fest.
„Nicht viele haben es hierher geschafft. Gratulation. Nun begebt euch zur dritten Prüfung.“
Thoma hatte eigentlich gehofft, das er nach der Prüfung seine Rüstung wieder auflesen konnte, aber diesen Gedanken musste er in den Wind schreiben.
Erneut stiegen wir eine endlos wirkende Treppe empor, an deren anderen Ende sich hinter einer weiteren Tür die Kammer der dritten Prüfung befand.
„Hier werden nun eure Weisheit und eure Kombinationsmöglichkeiten getestet.“ Der Priester deutete auf den langen Gang vor uns. Kommt lebend an der anderen Seite an und ihr habt diese Prüfung gemeistert.“
„Was ist das denn für eine doofe Prüfung, wenn man verliert und dabei stirbt?“
„Eine, bei der du dich nachher nicht schämen musst verloren zu haben“ Ich warf Thoma einen bitterbösen Blick zu, aber seinem erneuten Lächeln konnte ich nicht lange böse sein.
„Ich wette, hier gibt es tausende von Fallen...“ Richard, der sich die Hände rieb und wahrscheinlich direkt versuchen würde, einige auszubauen ging voran. Selbst wenn er es nicht schaffen würde eine Falle mitzunehmen, so konnte er sich wenigstens etwas Inspiration verschaffen, sobald er das nächste Mal eine bauen würde. Unter seiner Führung ging es daraufhin zwar langsam voran, jedoch war Richard sehr erfahren, was das Aufspüren von Fallen anbelangte. So tasteten wir uns langsam bis zur Hälfte des Weges vor.
Ich staunte nicht schlecht, wie Richard ohne große Mühe gewisse Steine als Auslöser fand und diese einfach mit einer Kleinigkeit blockierte, die er in die Ritzen steckte. An anderen Stellen zeigte er uns den genauen Weg, wie wir unsere Füsse setzen mussten, um nicht eine Falle auszulösen.
Manchmal mussten wir uns auch einfach unter einer Falle – ein pendelndes Messer – hindurchmogeln.
Aber auch dem besten geschehen irgendwann Fehler – in diesem Falle auch Richard, der aus Versehen eine Falle auslöste und von einem Pfeil getroffen wurde. Thoma reagierte sofort, brach den Pfeil ab, riss sich einen Ärmel vom Hemd und versorgte die Wunde fachmännisch.
„Ich hätte ja einen Heilzauber vorgezogen...“, grinste Richard.
„... aber in der Feuer-Domäne gibt es auch keine Heilzauber“, vollendete ich seufzend seinen Satz. „Erinnere mich bitte daran, das ich nie wieder mit dir auf so eine Expedition gehe!“
Richard grinste. „Wieso denn nicht? Ist doch ganz spaßig.“
Plötzlich fiel mir ein Mal, schon fast eine Tätowierung ins Auge, das Thoma auf dem Oberarm trug: Um einen kleinen Stern wanden sich die Silhouetten von zwei Drachen, wie sie in den Wappen der Magie-Religionen benutzt wurden. Ich hatte so etwas ähnliches bereits gesehen – allerdings wusste ich nicht mehr wo. In den Wappen der Religionen kam es zumindest nicht vor, das war gewiss.
„Dieses Mal trage ich schon seid meiner Geburt“, befriedigte Thoma ein wenig meine Neugier, da er bemerkt hatte, dass ich das Zeichen eingehend musterte.
„Können wir weiter?“, Richard war das Zeichen ziemlich egal, er wollte so schnell wie möglich diesen verdammten Turm verlassen und ging nun noch etwas vorsichtiger vor als vorher. Die Falle, die ihn erwischt hatte arbeitete mit einem dünnen Lichtstrahl, der die Falle aktivierte sobald er unterbrochen wurde. Richard wusste nun, worauf er achten musste und wurde von keiner weiteren Falle erwischt. Nach einer halben Ewigkeit, die wir schweigend verbrachten, um Richards Konzentration nicht zu stören, erreichten wir endlich die andere Seite.
Der Priester erwartete uns bereits und begrüßte uns mit den folgenden Worten: „Gut gemacht, ihr seid des Feuers würdig. Gehet nun in die obere Kammer und löst das dortige Rätsel. Dies wird eure letzte Prüfung sein.“
„Na endlich mal was ungefährliches!“, Rjusha hatte ihrer Meinung nach lange genug geschwiegen und flatterte uns nun hinterher. Thoma und ich stützten Richard, den die ganze Prozedur aufgrund seiner Verletzung einiges an Kraft kostete. Wir folgten erneut einer endlos langen Treppe in die Kammer, in der wir die letzte Prüfung erwarteten. Der Priester stand in der Mitte und schaute uns teilnahmslos an. Langsam wussten wir, das es sich nur um eine Illusion handelte, auch wenn er täuschend echt aussah.
„Nur wenige sind bis hierher gekommen... und noch keiner hat die letzte Kammer betreten. Um euch herum seht ihr neun Türen, wobei ihr gerade durch die Türe des Feuers diesen Raum betreten habt. Die restlichen acht Türen, die an den anderen Spitzen des Nonagrammes, stehen für die anderen Elemente.
Ihr müsst diese nun in der richtigen Reihenfolge betreten. Aber seid gewarnt, solltet ihr falsch gehen stürzt ihr zu Boden... allerdings den im Keller des Turmes... ohne Rettungsleine.“
„Dem hat also sogar wer Humor einprogrammiert“
„Rjusha?“
„Ja?“
„Wie war das mit ungefährlich?“
„Ähm...“
„Ich glaube Du solltest nur noch was sagen, wenn es wirklich wichtig ist!“
„Hmpf... jaaaaaaa...“, ihre Antwort wirkte ziemlich geknickt.
„Was ist denn die richtige Reihenfolge... und welche Türe steht für welches Element?“, Richard merkte man an, dass er keine Lust mehr auf diese Prüfungen hatte, auch wenn er noch versuchte es zu überspielen.
„Das müsst ihr selbst herausfinden. Ihr habt jedoch eine kleine Hilfestellung:
Hinweise, welche Türe für welches Element steht findet ihr an der Wand neben der Türe. Einen Hinweis darauf, in welcher Reihenfolge ihr die Türen betreten müsst, findet ihr an dem Ort, wo sich das Element der Zeit in diesem Magischen Zirkel aufhält.“ Der Priester verschwand und ließ uns mit einem großen Rätsel alleine im Raum zurück.
„Wow, interaktiv“
„Rjusha?!“
„Ok,ok!“
Thoma gab als erster auf – er war eindeutig nicht der Typ, der Rätsel löste.
Richard setzte sich lieber zu Boden, um seine Wunde nicht noch weiter zu strapazieren oder sogar zu vergrößern, weshalb ich dieses Rätsel alleine lösen musste.
Ich seufzte und dachte erneut über die Worte des Priesters nach. Jener magische Kreis war ein Nonagramm, also eine Abwandlung eines Pentagramms und hatte – anstatt fünf – neun Ecken, an deren Ende sich jeweils eines der neun Elemente befand: Wasser, Feuer, Erde, Luft, Natur, Metall, Mond sowie Licht und Schatten. Manchmal zeichnete man in die Mitte noch das zehnte Element, die Zeit ein. Ein solcher Deca-Magischer Kreis wird nur sehr selten benutzt, da es äußerst schwierig ist, die Magien darin auszubalancieren. Man gab sich daher oft mit vier, fünf, sechs oder acht 'Ecken' zufrieden. Dieses Nonagramm hier war jedoch noch etwas anders aufgebaut, als die, die ich kannte. So waren noch drei um vierzig Grad versetzte Dreiecke eingezeichnet, sowie zwei Linien, von denen eine die Ecken direkt und die andere jede zweite Ecke verband. Derjenige, der diesen Kreis entworfen hat, hatte ein Meisterwerk vollbracht.
Ich Schritt in die Mitte und untersuchte den Boden auf Besonderheiten. Mit den Fingern glitt ich über die extrem glatte Oberfläche, bis ich eine kaum wahrnehmbare Vertiefung spürte, die mit dem bloßen Auge nicht erkannt werden konnte. Ich folgte der Linie und merkte, das sie einen kleinen Kreis beschrieb. Auf gut Glück drückte ich in der Mitte des Kreises die Platten etwas nach unten. Jener Kreis gab ein Stück nach, woraufhin dieser dann als Säule aus dem Boden empor fuhr, die ungefähr Thomas Größe hatte.
„Nicht schlecht“, meinte Richard im Hintergrund.
Rjusha flog um die Säule herum und rief mich zu sich, als sie etwas interessantes entdeckt hatte. Ich folgte ihr um die Säule und fand eine Inschrift, welche aus den gleichen Schriftzeichen zusammengesetzt war, wie jene, die wir im untersten Stockwerk des Turmes fanden.
„Thoma? Könntest du mir das hier mal bitte vorlesen?“
Auf meine Bitte hin stand Thoma ein wenig grummelnd vom Boden auf und stellte sich neben mich, die Inschrift betrachtend.
„Noch so ein Text“, murmelte er und las ihn vor:
Im Licht des Tages, unter der Obhut des Himmels strahlt die Macht des Feuers. Genährt von der Natur und gefürchtet zugleich erstrahlt seine Kraft auch im Dunkeln der Nacht und im Schein des Mondes. Fürchtet das Metall auch manchmal das Feuer so sind die Weiten der Meere und die Tiefen der Erde dem Feuer zu wider. Folge den Verbündeten des Feuers bis zu seinen Feinden.
„Hast du schon eine Ahnung, was das bedeutet?“ Richard mischte sich mal wieder ein, um mich zu ärgern.
„Klar, ich schaue mir das fünf Sekunden an und ich weiß alles!“ Richard grinste über meinen Sarkasmus. Thoma zuckte mit den Schultern und wollte sich gerade wieder hinsetzen. „Tut mir leid, Großer, aber dich brauche ich noch. Da sind noch Texte an den Türen zu entziffern“
Den großen Krieger störte es ein wenig, das ich ihn am Ohr hinter mir her zur ersten Türe zog, jedoch ließ er mir das in dieser Situation durchgehen. Ich nahm ihn mit zu der Türe, die rechts neben der war, durch die wir den Raum betreten hatten.
Es herrscht fast überall und ist Freund vieler Elemente. Nur ein anderes verabscheut dieses vollkommen.
Thoma durfte mir danach auch alle anderen Texte vorlesen, denn mit den anderen Beschreibungen zusammen würde es mir wahrscheinlich möglich sein eine Aussage zu treffen, welche Türe zu welchem Element gehört. Der Reihe nach, immer nach Rechts gehend lauteten die Texte:

Geboren aus dem Feuer lebt es um zu dienen

Eine mystische Macht die in der Dunkelheit erstrahlt

Sie nährt das Leben und bettet alle Elemente, manche bezeichnen sie als die Mutter aller Dinge

Ursprung des Lebens, kraft der Jugend, durchsichtig und dennoch schwarz wie die Nacht

Wurzel des Dunklen, verbündeter der Diebe, er umhüllt alles und ist dennoch nicht sichtbar

Die andere Seite der Medallie, jene die in der Dunkelheit glänzt

Mutter und Hüterin des Leben, von einigen Beschützt von anderen Missbraucht


„Wurzel des Dunklen und verbündeter der Diebe... Das trifft ganz klar auf den Schatten zu.“
Der Rest stimmte mit mir überein. Nun blieben nur noch sieben Zuordnungen übrig.
„Geboren aus dem Feuer lebt es um zu dienen... für mich klingt das nach einem Schwert“, meldete sich Thoma zu Wort.
„Demnach könnte es sich dabei ums Metall handeln, gut... Vielleicht kannst du doch einige Rätsel lösen, Großer!“
Thoma winkte ab. „Ich hab keinen Gehirnschmalz, ich hab' Muskeln!“
Grinsend lenkte ich meine Gedanken zurück auf das Rätsel. „Das Element das fast überall herrscht und Freund vieler Elemente ist. Meiner Meinung nach handelt es sich dabei um die Luft.“
„Die andere Seite der Medallie... Ich wette das ist das Licht, während die mystische Macht, die in der Dunkelheit erstrahlt den Mond symbolisiert.“ Richard gab sich ziemlich zuversichtlich in seiner Aussage.
„Dir ist klar, das du hier um mein Leben wettest?“
„Ja, durchaus!“ Richard hatte wieder seine Gesichtsmuskeln in eine Lachposition gelenkt.
„Dann ist ja gut!“ sagte ich sarkastisch. Aber Richard hatte irgendwo recht, eine andere Zuordnung machte auch für mich keinen Sinn.
„Ursprung des Lebens, Kraft der Jugend, durchsichtig und schwarz zugleich – Hierbei handelt es sich garantiert um das Wasser. Im Meer erscheint es bläulich und schwarz wie ein tiefer Abgrund aber dennoch ist es durchsichtig. Bleiben also nur noch zwei – Erde und Natur.“
Die Zuordnung fiel etwas Schwerer, aber wir entschieden uns dafür, das 'die Mutter und Hüterin' die Natur bezeichnete, während das Element, das alle anderen bettete die Erde sein könnte.
Nun kam das Ordnen nach der Reihenfolge. „Freunde des Feuers zuerst... und Feinde zuletzt... von daher würde ich das Wasser an die letzte Position setzen.“
Soweit konnte ich Richard zustimmen, jedoch würde der Rest um einiges schwieriger werden. Wie konnte man unter Elementen eine Freundschaft beschreiben?
„Hat jemand von euch ein Seil?“
„Wozu ein Seil?“ Richard guckte etwas verwundert.
„Für den Fall, das wir irgendwo falsch liegen. Ich möchte nicht auf den Grund des Turmes fallen!“
„Wieso nicht? Ist sicherlich lustig!“
„Du hast es aber heute mit deinen schlechten Witzen, oder?“ Richard pfiff sich aus der Affäre. Thoma hatte leider auch kein Seil dabei. Seufzend sah ich auf die einzelnen Türen. „Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als sie einzeln durchzuprobieren und mich ein wenig auf meine Intuition zu verlassen.“
„Du hast sowas?“
„Schon mal etwas von weiblicher Intuition gehört?“
„Ja, schon, aber nicht, dass die viel taugt.“ -
„Tut mir leid, dass ich nichts besseres habe. Kannst ja deine nutzen und für mich durch die Türen gehen!“ Richard hielt sich sofort seine verletzte Schulter und fing an zu jammern.
„Schon gut!“ Ich hätte schwören können, das er Thoma ein spezielles Zeichen gab, da dieser plötzlich loslachte. Unterdessen fragte ich mich, ob Metall oder Luft mit Feuer besser befreundet war. Metall wird im Feuer geboren allerdings auch darin gefügig gemacht. Die Luft nährt es - ohne Luft kann das Feuer nicht leben.
Entschlossen, aber mit einem mulmigen Gefühl, nahm ich die Tür rechts neben der, durch den wir den Raum betreten hatten. Ich schritt vorsichtig in die Dunkelheit und folgte einem langen Gang bis ich wieder aus der Türe trat, in die ich gerade gegangen war.
„Ob das so in Ordnung war? Zumindest bin ich nicht gefallen...“
„Ich denke mal, das war in Ordnung. Jetzt ist die Chance, das du die nächste richtige Türe nimmst auf jeden Fall höher.“
Richard lächelte. „Danke, und wie viel höher ist sie?“
„Garantiert so ein bis zwei Prozent!“
„Vielen Dank für die Aufmunterung!“
Meine Gedanken rasten, was wohl als nächstes kommen würde. Was beim ersten Mal geklappt hat, wird vielleicht auch beim zweiten Mal klappen. Natur steht auch für Holz und ohne Holz kommt das Feuer nicht aus – also nahm ich dieses mal die Türe links von der des Feuers und landete erneut im selben Raum.
„Ich dachte, du würdest durch die Türe gehen, aber kann es sein, das du dich im letzten Moment immer umentscheidest?“ Richard konnte manchmal echt nerven.
„Ich versuche mich hier zu konzentrieren. Könntest mir lieber mal helfen!“ Grummelnd durchschritt ich die Türe des Metalls – da es ja dem Feuer entsprang sollte es auch eine gewisse Freundschaft zu diesem Element hegen.
„Bleiben jetzt noch fünf.“, kommentierte ich meine Reise, als ich wieder im selben Raum stand.
„Licht ist auch etwas, das das Feuer spendet, daher würde ich vorschlagen, du nimmst als nächstes die Türe des Lichtes und danach die des Mondes. Der Stärke des Lichtes nach sortiert.“ Thoma lächelte.
„Willst du nicht auch mal eine Türe nehmen?“, fragte ich ihn mit hochgezogener Augenbraue, was er mit einem Kopfschütteln verneinte.
„Du machst das prima!“
Mit einem Seufzen schritt ich nacheinander durch die nächsten beiden Türen. „Bleiben noch Dunkelheit und Erde. Mit der Erde kann man das Feuer auch löschen, während die Dunkelheit ihm nichts tut, also zuerst Dunkelheit und dann Erde, meinst Du nicht auch?“
Richard, von dem der Vorschlag kam, zeigte auf seine Verletzung, als ich ihm vorschlug, dass er seine Theorie selbst überprüfen solle.
Ich schritt also auch diese Türen in der vorgeschlagenen Reihenfolge ab und betrat zuletzt die Türe des Wassers. Nach jener Prozedur standen nun alle Türen offen.
„Ich würde ja sagen, das wir das Rätsel gelöst haben... und wie geht es nun weiter?“
Kaum hatte ich die Frage ausgesprochen begann ein orange-rotes Leuchten sich über das Nonagramm auszubreiten, bis dieses ganz in einer feurigen Farbe glühte. Im nächsten Moment verschwamm die Umgebung um uns herum und wir standen in einem ähnlichen Raum wie der, den wir gerade verlassen hatten, allerdings waren bis auf eine Türe, die geschlossen war, alle anderen verschwunden.
Thoma hatte seine Rüstung wieder und Richards Wunde war verheilt.
„Netter Nebeneffekt!“, Rjusha, die sich ganz aus der Lösung des Rätsels herausgehalten hatte traute sich wieder Kommentare abzugeben.
„Hättest uns ruhig helfen können“
„Wieso denn? Hast du doch auch alleine geschafft!“ Sie wusste, das ich ihr nicht lange böse sein konnte.
„Sollen wir dann weiter und schauen, was uns oben erwartet?“ Richard drehte sich zu der Türe um, die sich vor ihm öffnete.
Wir stiegen die Treppe hinauf und erreichten einen Raum. In dessen Mitte stand eine kleine Säule über der ein rotglühender Kristall schwebte. Die Wände waren mit einigen Zeichnungen und Schriften versehen, die wieder nur Thoma lesen konnte, für die er sich aber im Moment nicht wirklich interessierte.
„Willkommen in der Kammer der Weisheit“ Der Priester war erneut erschienen. „Ihr habt euch des Wissens, das hier seit Ewigkeiten schlummert würdig erwiesen. Meine Aufgabe ist nun beendet. Nehmt den Kristall mit euch, wenn ihr geht.
Sobald ihr das Nonagramm im Raum unter diesem betretet, werdet ihr zum Ausgang gebracht. Möge das Feuer euch ewig beschützen... und... vielen Dank!“
Die Gestalt, die uns durch die ganzen Prüfungen geführt hatte verschwand, und wir wussten, dass wir ihn nie wieder zu Gesicht bekommen würden.
Richard war unterdessen mit der Wand beschäftigt. „Äußerst interessant, was hier steht...“ murmelte er.
„Ich dachte du kannst das nicht lesen?“, wendete ich mich an ihn.
„Das... war gelogen. Ich wusste das Thoma die Schrift lesen konnte, also musste ich nicht offenbaren, das es mir auch möglich war“, sein freundliches Lächeln, das er dabei aufsetzte verzog sich langsam immer mehr zu einem irren Grinsen.
„Jetzt habe ich erstmal nur eine Sache zu erledigen!“ Er zeigte mit seinem Stab auf Thoma. „Tut mir ehrlich leid Junge, aber du musst leider sterben!“
Noch ehe ich reagieren konnte schoss ein Strahl aus Feuer auf Thoma zu, welcher sich einen Moment lang mit dem Feuerschild schützen konnte, das wir im Keller gefunden hatten. Der Strahl wurde jedoch sofort intensiver und drohte durch den Schild zu durchbrechen. Ich versuchte Richard aufzuhalten, wollte die Richtung seines Stabes abändern, aber er hatte im selben Moment ein Kraftfeld erzeugt, das mich immer weiter zurück warf und mich gegen die Wand drückte.
Ich musste hilflos mit ansehen, wie das Schild in Zeitlupe wie Glas zerbrach und Thoma von Richards Strahl durchbohrt wurde.
Schwer verwundet sackte er zusammen, hustete Blut und versuchte sich noch einmal aufzuraffen, um Richard anzugreifen, jedoch war dieser schneller und durchbohrte sein Herz direkt mit seinem Stab.
„Thoma!“ Mein Ausruf erschütterte Richard herzlich wenig. Er blickte mich an, als sei er wahnsinnig geworden.
„Tut mir leid, May, liebes, aber das musste sein. Ich kann nicht zulassen, das jemand wie er als Quaseir erwacht. Er ist es nicht würdig, die Macht die damit zusammenhängt zu besitzen!“
„Wovon redest du da? Er hat dir einmal das Leben gerettet und ein zweites Mal eventuell auch? Wie kannst du ihn da umbringen?“ Eine gewisse Trauer stieg in mir hoch und trieb Tränen in meine Augen... Wie konnte er plötzlich so kaltherzig sein?
„Auch wenn er mir geholfen hat, so konnte ich doch nicht meinen ursprünglichen Plan abändern. Dass er sterben muss, damit ich seine Macht übernehmen kann, konnte ich vorher nicht wissen. So ist halt der Lauf der Dinge.“
Langsam wurde das Kraftfeld schwächer und ich kam wieder von der Wand los, während Richard sich zu Thoma begab. Ich kämpfte mich vor, wollte irgendetwas tun.
„May, unserer Freundschaft zuliebe solltest du lieber dort bleiben, wo du bist... Sonst muss ich dich auch noch liquidieren.“
„Freundschaft? Ich habe mir einen Freund anders vorgestellt!“ Inzwischen vermischte sich meine Trauer ein wenig mit aufsteigender Wut.
Ich hatte die Hälfte des Weges geschafft und stand unmittelbar hinter dem Kristall.
„Momentan bin ich mächtiger als du, da deine Kräfte alle versiegelt sind, während ich über das volle Potenzial der Feuermagie verfüge!“ Er tauchte Thoma in ein Flammenmeer und richtete sich auf, seinen Stab auf mich richtend. „Ich bitte dich, zwinge mich nicht dazu!“
Er sah fast mitleidig aus, hatte Tränen in den Augen im Kontrast zu seinem weiter anhaltenden irren Grinsen. Ich erkannte meinen Freund nicht wieder, der drohend und fast ohne jegliches Gefühl zu zeigen die rotglühende Spitze seines Stabes auf mich richtete.
„Das Siegel des Quaseir wird sich nun einen neuen Wirt suchen und es wird den nehmen, der den alten Meister besiegt hat. Es wird mich wählen, weil ich mächtiger bin!“
Richards Lachen, das nun erklang, ließ mich erschauern und plötzlich fiel mir der Traum von letzter Nacht wieder ein.
Das höhnische Lachen, das im Traum erklungen war, war dem von Richard ähnlich. War der Traum prophezeihend gewesen? Beim Gedanken daran, dass ich eventuell sterben könnte, zog sich mein Innerstes zusammen. Ich hatte Angst. Unglaubliche Angst. Ich schaute auf die Flammen, die Thomas Körper langsam verzehrten und sah, wie das Zeichen, das ich bei Thoma auf dem Arm gesehen hatte sich rotglühend in die Luft erhob. Es drehte sich langsam, so dass ich es ganz erkennen konnte.
„Nun komm zu mir!“ Richard stand der Wahnsinn immer noch ins Gesicht geschrieben. Er erwartete das Siegel mit geöffneten Armen. Aber es entschied sich anders... Innerhalb eines Augenblickes schoss es an Richard vorbei, zerschmetterte den Kristall, traf mich mit voller Wucht und schmetterte mich an die Wand.
Richard stand der Zorn des Wahnsinns im Gesicht. Mir war trotz der Schmerzen, die ich gerade verspürte, klar was er als nächstes tun würde. Ich dachte nur daran, mich zu schützen und sprach so schnell ich konnte einen Teleportzauber. Ich hoffte es würde klappen, dass es der Kristall war, der meine Macht versiegelte hatte und das sie nicht mehr blockiert war seit der Kristall zerstört war. Kurz bevor mich Richards Strahl treffen konnte verschwamm die Umgebung um mich und ich fand mich in der Wüste wieder, weit außerhalb des Turmes im brennenden Sand. Mein Rücken schmerzte, ich konnte kaum atmen, aber ich wusste, das ich hier nicht verweilen durfte. Ich quälte mich langsam vorwärts zu der Stadt, die ich in der Ferne erkennen konnte. Auf Richards Karte war südlich des Glasturmes eine Oase eingezeichnet gewesen... mit einer Stadt... Diese würde nun mein Ziel sein...