Kapitel 20 ~ Drachenrat

Tag des Metalls, 24. Tag des Monats Dira, Jahr 3996 n.R.

Sie krallte sich etwas unbehaglich im Fell des großen Drachen Tsukiyu fest. Sie waren bereits einige Stunden unterwegs und trotz ihres eigenen Fells wurde es Mikaja langsam kalt. Irgendwie hatte sie noch nicht recht verstanden, warum sie mitkommen sollte. Suzanne hatte nur etwas von „Sicherheit“ erwähnt und dass man sie nicht alleine lassen könne. Dabei hatte sie in den letzten Tagen so viel gelernt! Aber die Übungen wurden nur immer strapaziöser und komplizierter... Sie hatte keine Lust mehr darauf und wäre lieber alleine zurückgeblieben.
Zumindest hatte Suzanne ihr ein wenig Freizeit versprochen, während sich die Drachen trafen, um irgendwelche wichtigen Dinge zu bereden. „Aber entferne dich nicht allzu weit“, hatte sie ihr noch gesagt, bevor sie sich auf Tsukiyus Rücken begeben hatten und dieser losflogen war.
Nach dem der Drache den Krater verlassen hatte und aufs offene Meer hinausgeflogen war, krallte sich Mikaja an Tsukiyus Fell fest, um nicht herunter zu fallen. Sie mochte Wasser überhaupt nicht und wollte daher jegliche Berührung damit vermeiden, wenn es nur irgendwie möglich war.
Allerdings beunruhigte es sie sehr, dass sie, seit sie ihre Heimat hinter sich gelassen hatten, bisher an keiner Insel und keinem Kontinent vorbeigekommen waren, so als ob sie jegliche Nähe zum Festland meiden wollten.
Als Mikajas Muskeln anfingen, sich zu verkrampfen und eine gewisse Müdigkeit einsetzte, schien sich die Umgebung langsam zu verändern: Nebel machte sich um sie herum breit. Die weißen Schwaden um sie herum waren so dicht, dass sie nur noch ihre eigene Nase sehen konnte, Tsukiyus Rücken, der nur wenig weiter entfernt war, konnte sie nur noch erahnen.
Panisch kniff sie die Augen zusammen und hoffte, dass dieser Flug bald vorbei sein würde. Als sie hin und wieder die Augen öffnete, musste sie leider feststellen, dass es nicht besser geworden war. Erst nach Stunden – so kam es ihr zumindest vor – klärte sich der Himmel auf und gab bald die Sicht auf eine kleine Insel frei, in deren Mitte ein riesiges Portal stand.
Die Insel war gerade groß genug für das Portal, außerdem fehlte ihr jegliche Vegetation, wodurch das ganze ziemlich fremdartig wirkte.
Derjenige, der das Portal entworfen hatte, schien sich zumindest große Mühe gegeben zu haben. Sie konnte noch einige kunstvolle Gravuren auf dem Portal ausmachen, bevor sie durch den oberen Teil des sanduhrartigen Gebildes flogen.
Augenblicklich schien die Umgebung zu verrutschen und zu zerfließen, um einer Wüste zu weichen, die in merkwürdig rötlichem Licht schimmerte. Als sich Mikaja umsah, konnte sie das Portal nicht mehr entdecken, aber dafür schien inmitten der Wüste eine kleine Stadt zu existieren.
Der Horizont erschien merkwürdig verzerrt und der Kontinent, über dem sie schwebten, schien irgendwie in der Ferne plötzlich im Nichts zu enden. Dafür ragten am Rand dieses Kontinents in gleichmäßigen Abständen merkwürdig geformte Gebilde empor, die in der Mitte ein schimmerndes Loch aufwiesen, wie das Portal, durch das sie hierher gekommen waren.
Mikaja überlegte einen Moment, wo diese wohl hinführen könnten, wurde aber durch das plötzliche Landemanöver Tsukiyus aus ihren Gedanken gerissen. Als sie schließlich sanft auf dem Boden aufsetzten, rutschte Mikaja erleichtert von Tsukiyus Rücken und stand schließlich auf leicht zitternden Beinen.
Sie waren vor einem riesigen Gebäude gelandet, direkt neben einem anderen Drachen, der Mikaja aufgrund seiner schwarzen Haut und seinem grimmigen Blick Angst einjagte. Der schwarze schnaubte einmal verächtlich und betrat das Gebäude durch zwei riesige Flügeltüren, durch die er gerade noch hindurch passte. Ihm folgte eine traurig drein blickende Gestalt, die dunkel gekleidet war und daher wirkte, als wäre sie nur ein Schatten. Die ausdruckslosen Augen und die große Sense, welche die Priesterin trug, tat ihr übriges, um sämtliche Haare Mikajas zu Berge stehen zu lassen.
„Das war Noxanium, der Drache der Dunkelheit, gefolgt von seiner Tochter Yamiko... Ein unheimlicher Anblick nicht wahr?“ Suzanne, die auch irgendwo bei Tsukiyu mitgeflogen war, hatte sich nun neben Mikaja gestellt und die unausgesprochene Frage beantwortet, die der Kleinen auf den Lippen brannte.
„Lasst uns reingehen, ich denke, die anderen sind schon da... Falls noch nicht, sollten wir ihnen den Platz freimachen, damit sie ebenfalls landen können...“ Tsukiyu brummte die Worte zu den beiden hinunter und betrat nun ebenfalls das Gebäude, Suzanne folgte ihm erhobenen Hauptes, Mikaja folgte den beiden langsam.
Das Innere des Gebäudes war noch viel größer, als es von außen den Anschein gehabt hatte: Ein langer, geräumiger Gang endete in einem großen Saal mit zehn großen und kleinen Nischen, die um einen großen Platz herum angeordnet waren. Jede der großen Nischen war groß genug, damit ein Drache darin Platz hatte, die kleinen waren für die Priesterinnen gedacht, die sie begleiteten. Die Mitte des Saals war nicht überdacht, so dass auch hier das Zwielicht, das überall auf diesem Kontinent zu herrschen schien, einfallen und den Platz erhellen konnte.
Bis auf drei Nischen waren bereits alle besetzt, weshalb sich Tsukiyu zielstrebig eine der verbleibenden Nischen aussuchte und sich dort niederließ. Mikaja folgte Suzanne, die sich in die entsprechende kleine Nische dazu begab und staunte über die Drachen-Priesterinnen-Paare, die bereits anwesend waren.
Augenscheinlich war der Altersunterschied zwischen dem Drachen der Zeit und seiner Priesterin um einiges größer, als bei anderen Drachen, denn er wirkte alt und weise, während seine Priesterin ein kleines Mädchen war, das sich in der aktuellen Position auch nicht sonderlich wohl fühlte.
„Soll ich dir vielleicht mal alle vorstellen?“, fragte Suzanne freundlich, die den neugierigen Augen Mikajas gefolgt war. Als diese kurz nickte, fing Suzanne an, ihr die Namen des Drachens, der Priesterin und deren Element zu nennen, sowie eine kurze Beschreibung über deren Charakterzüge, wie Suzanne sie kennen gelernt hatte.
„Als erstes hätten wir da Floryu, mit seiner Tochter Saphira...“ Dabei zeigte Suzanne auf den ersten Drachen, der aus einem halben Urwald zu bestehen schien. Die Priesterin an seiner Seite wirkte freundlich und sprach flüsternd mit ihrem Vater. Sie hatte langes dunkles Haar, das einen leichten Stich ins Grüne hatte, während ihre Augen saphirblau strahlten. Ihr Gewand hing lässig von ihren Schultern herab und schien eher Mittel zum Zweck zu sein... Aber irgendwie passte es so zu ihr. Sie wirkte anmutig und irgendwie schienen auch ihre Ohren leicht spitz zu sein. „Sie ist recht freundlich, stellt aber des Öfteren das Wohl von Tieren und Pflanzen über das anderer, also sei vorsichtig, dass du keine Blumen zertrittst.“
In der nächsten Nische fand sich nun ein eisblauer Drache, der es sich in einem kleinen See gemütlich gemacht hatte. Neben diesem stand eine Priesterin barfuß im Wasser und spielte mit ihrem leicht bläulichen Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden über ihrer Schulter hing. „Die beiden sind Mizuyo und Nami. Nami ist eher der ruhige Typ, wenn man sie verärgert, kann sie aber ganz schön eisig werden... wortwörtlich...“ Im Moment schien sie jedoch eher in schöneren Gedanken versunken, auch wenn die merkwürdige Halbrüstung die sie trug, den Anschein machte, dass sie auch andere Seiten aufziehen könne.
Die dritte Nische wurde gerade erst besetzt, denn ein grauer Drache, der als lebendige Statue durchgehen könnte, ließ sich in dieser nieder. Ihm folgte ebenfalls eine Priesterin, allerdings wirkte diese unter anderem wegen der sehr kurz geschnittenen Haare eher männlich als weiblich. „Das sind Sorya und seine Priesterin Chisato. Ich mag sie irgendwie nicht so sehr, da sie irgendwie eine absolute 'Ist-mir-alles-gleich'-Haltung an den Tag legt. Sie schafft es dadurch tatsächlich – ohne irgendetwas zu tun – andere aufzuregen.“
„Die nächsten Beiden sind Ryu und Hikaru“, Suzanne deutete auf die Nische in der mehrere Fackeln brannten und in der sich ein rubinroter Drache befand. Die ganze Nische schien zu glühen und dennoch schien sich seine Tochter dort äußerst wohl zu fühlen. Hikaru wirkte äußerst sportlich, was durch die kurze Sturmfrisur noch besser hervorgehoben wurde. „Hikaru ist manchmal ziemlich ungeduldig, aber ansonsten ganz nett...“
Die nächste Nische war noch leer, als Suzanne sie erreichte. „Dort sind nachher Storyum mit seiner Tochter Felicia... der Luftdrache kommt immer etwas knapper, da er sich teleportieren kann.“ Kaum hatte sie zu Ende gesprochen blitze und donnerte es in der Nische und ein Drache mit gelblich zuckenden Konturen erschien dort. Als die Blitze endlich nachließen, blieb ein gelblich glühender Drache übrig, von dessen Rücken die Priesterin absprang. Sie war in ein luftiges weißes Gewand gehüllt und ihre Augen schienen so gelb zu sein, wie der Drache selbst. Sie trug blondes Haar, das frei über ihren Rücken fiel. Mikaja lief ein kleiner Schauer über den Rücken, da sie in Felicias Augen nirgendwo das Schwarze entdecken konnte, das jede andere Pupille besitzt. „Felicia ist eigentlich auch freundlich, außerdem sieht sie anders als wir. Sie hat es mir mal versucht zu erklären, aber irgendwie habe ich es nicht so ganz verstanden... Es ging dabei um Echos und Schall...“
„Dort drüben sind Luxa und Angelique“, Suzanne deutete auf die Nische in der sich ein weißer Drache befand. Die Priesterin des Drachens trug nur eine Schlichte Robe, mit einem etwas veränderten Wappen der Lichtkirche: Ein Drache, der aus einem achtzackigen Stern, eingeschlossen von zwei größeren ebenso achtzackigen Sternen, entsprang und sich über ihre Brust von der rechten zur linken Seite zog, anstatt sich einmal um den äußersten Stern zu winden. Angelique trug schulterlanges blondes Haar, das sehr gut zu ihren blauen Augen passte. Über ihre linke Wange zog sich eine rankenartige Tätowierung bis hinab unter die Robe und wahrscheinlich auch durchgehend bis zu den Füssen, an denen es erst wieder zum Vorschein kam. „Angelique ist äußerst freundlich und hilfsbereit... Ich würde sogar meinen, dass sie zu gutgläubig ist, aber das scheint in der Familie zu liegen.“
Der nächste Drache, der Mikajas Blick fing, hatte goldene Schuppen und hatte wohl einen Schmied an seiner Seite. Die Priesterin des Metalldrachens war tatsächlich eine äußerst gute Schmiedin, wie ihr Suzanne später erklärte, was auch ihren sehr muskulösen Körper erklärte. „Sie heißt Diamanta und ist unter allen Drachen-Priester-Paaren am engsten mit ihrer Mutter verbunden... Von den Drachen sind nur Auraya, Soirya und Luxa weiblich...“
Das letzte Paar, das noch übrig war bestand aus Noxanium und Yamiko, welche – laut Suzanne – eher wie eine lebende Statue wirkt. Sie zeige fast nie eine Gefühlsregung und wenn, dann nur in besonderen Momenten. „Ich habe sie noch nie lächeln sehen, wenn ich darüber nachdenke...“
Mikaja sah die Priesterin der Dunkelheit noch einige Augenblicke an, doch als sie sich abwenden wollte, traf sich ihr Blick mit dem der Priesterin.
Für einige Momente sah es so aus, als ob Yamiko traurig auf Mikaja hinabblicken würde – äußerst traurig, so als ob der Tod selbst seine Geliebte ins Reich der Toten bringen müsste.
Mikaja blinzelte kurz und plötzlich sah die dunkle Priesterin wieder so teilnahmslos aus, wie zuvor, während Chronos seine Worte an die anderen Drachen richtete:
„Ich muss euch leider mitteilen, dass sich unsere Lage nicht verbessert hat“, erklang die tiefe grollende Stimme des Drachens. „Zwar sind inzwischen einige der Wege weggefallen, die ins Nichts führen, aber es sind immer noch viel zu viele vorhanden...“
Mikaja kam sich recht überflüssig vor, da sie keine Ahnung hatte, wovon dieser Drache sprach. Dennoch hörte sie aus Langeweile weiter zu, denn keiner schien sich um sie zu kümmern. Sogar Luna schien sich mehr für das Gerede zu interessieren, als für sie selbst.
„Unsere bisherigen Versuche, die Zukunft zu beeinflussen waren also wirklungslos?“ erkundigte sich Noxanium mit einem äußerst gefährlichen Unterton in der Stimme.
„Ich fürchte, wir haben zu spät reagiert“, antwortete Luxa, deren Stimme äußerst freundlich klang... beinahe schon zu hell für so ein riesiges Geschöpf.
„Zu spät... solche Worte sollten in den Hallen des Meisters der Zeit nicht fallen!“ Noxaniums Antwort klang trotzig.
„Du kennst die Regeln, die ich zu befolgen habe... die Zeit ist kein Element, mit dem man spielt, so wie ihr mit euren. Ich muss Regeln befolgen und aktuell verbieten es mir die Regeln zu reisen. Das heißt: Selbst wenn ich wollte, könnte ich nichts tun. Ich kann nur weiterhin die Zukunft beobachten und die möglichen Zweige beobachten, die das Schicksal gehen könnte.“
Es kam nur ein dumpfes Grollen als Antwort. Der schwarze Drache zog sich ein wenig in seine zeitweilige Behausung zurück und nahm fürs Erste nur eine Beobachterposition ein.
„Wie sollen wir nun weiter verfahren? Viele von uns haben ihren... Schützling aus den Augen verloren.“ Ryus Stimme klang respekteinflößend aber freundlich. „Diejenigen, die noch ein wenig Einfluss auf die Quaseir nehmen konnten, wissen nicht, ob es genug war, oder ob es nichts gebracht hat.“
„Oder ob es vielleicht sogar das Gegenteilige bewirkt“, antwortete Soirya, deren Stimme merkwürdig kühl und weder weiblich noch männlich klang.
„Im Moment können wir nur wetten, ein Glücksspiel gegen das noch ungeschriebene Schicksal spielen, und versuchen zu retten, was zu retten ist.“ Floryu schaute einmal alle Drachen an und blieb schließlich bei Storyum hängen.
„Soweit ich weiß hat dein Schützling es geschafft diese... Mörderin und Diebin zu besiegen? Vielleicht können wir sie in unsere Probleme einweihen...“
„Davon rate ich dringend ab! Patricia eine solche Last aufzuerlegen könnte sich als Fehler erweisen... Menschen, die wissen, dass viel von ihrem Handeln abhängt, neigen häufiger zu Fehlern, als jene die unwissend eine Aufgabe bestreiten.“
„Dem stimme ich zu“, antwortete Auraya knapp und sah kurz auf Mikaja und dann auf Tsukiyu. „Warum hast du die Kleine mitgenommen?“
„Aus zwei Gründen: Erstens will ich sie schützen und zweitens ist sie kein Mensch... Ihr Instinkt und Ihre Fähigkeiten übersteigen die eines normalen Menschen...!“
„Sie wird aber nicht gegen normale Menschen antreten“, erwiderte Auraya hitzig.
„RUHE!“ Chronos’ Einschreiten ließ die beiden Drachen unmittelbar verstummen. „Ich denke, wir können ihr genauso gut vertrauen, wie jedem anderen, dem wir unseren Segen gegeben haben...“
Einen kurzen Moment lang herrschte tiefes Schweigen im Saal. Luna nutzte den Moment, um sich um die gelangweilte Mikaja zu kümmern, die schon ein paar mal ein Gähnen unterdrückt hatte.
„Ich habe genug gehört... Die Lage ist ernsthafter, als ich ursprünglich angenommen hatte...“
„Ich verstehe nichts...“ antwortete Mikaja leise und sah Luna traurig an. Die kleine Feengestalt setzte sich auf Mikajas Nase und antwortete freundlich: „Das musst du auch nicht... Hier sind Mechanismen im Gange, die nicht einmal die Drachen begreifen würden.“
Mikaja nickte, fröhlich darüber, das sich wieder jemand um sie kümmerte.
Die Besprechung der Drachen ging noch über einige Stunden weiter, in denen Mikaja hauptsächlich mit Luna spielte, ohne sich über die Worte der Drachen irgendwelche Gedanken zu machen. Sie bekam nur zwischenzeitlich mit, wie – neben den Drachen – auch die Priesterinnen jeweils vortraten und einige Worte sprachen. Es fielen mehrere Namen, wie Richard Krels und Arche May Silver, die von Hikaru ein wenig beeinflusst worden waren.
Luna schien sich zwischenzeitlich sehr für die Namen der Quaseir zu interessieren, war aber enttäuscht, als nach Zidawar, Patricia Luanis, Sarasra Grei und Raisana Lantis keine weiteren Namen fielen. Anscheinend waren zwei weitere Mitspieler in diesem Schicksalsspiel noch unbekannt.
Luna schien noch aus anderen Gründen beunruhigt zu sein, antwortete aber jedesmal, wenn Mikaja danach fragte, dass es nichts sei, über dass sie sich Gedanken machen müsste.
Nach einigen Stunden erklärte Chronos den Rat für beendet und zog sich zurück. Einige der Drachen blieben noch im Saal und nutzten die Gelegenheit, um miteinander zu sprechen. Tsukiyu und Suzanne hingegen brachen schließlich auf.
Mikaja war über die Abreise sehr erfreut und kletterte neben Suzanne auf den Rücken des Drachens, um sich dort am Fell festzuhalten. Luna verzog sich fürs erste mit den Worten, dass sie nachdenken müsse.
Schließlich hob Tsukiyu ab und steuerte auf ein Tor am Rande des Kontinents zu, das aus einem riesigen Kreis bestand, der auf einem noch größeren Halbkreis gelagert war. Erneut zerfloss die Umgebung um sie herum, als sie in den gelblich schimmernden Horizont des Tores eintauchten und das dunkle rote Zwielicht machte einer klaren mondbeschienenen Nacht platz.
Sie befanden sich nun direkt oberhalb von Mytycion. Das Kraterinnere der großen aus einem riesigen erloschenem Vulkan bestehenden Insel war erleuchtet, und an der Küste glühten die Lichter fünf kleiner Städte wie die Eckpunkte eines Sterns.
Tsukiyu landete auf der kleineren der zwei Inseln, die sich in der Kratermitte befanden, genau zwischen den zwei großen antiken Türmen... Sie waren zu Hause.
Der Drache zog sich unmittelbar in eine kleine, nach oben offene Behausung zurück, geschwächt von der langen Reise.
Suzanne, die auch etwas müde war, wollte Mikaja dazu bewegen, sich mit ihr schlafen zu legen, aber diese ließ sich nicht dazu überreden. Im Gegensatz zu den anderen beiden war sie nun wieder fit und wollte noch ein wenig die Sterne beobachten.
„Bleib aber nicht mehr zu lange, hörst du?“ meinte sie noch freundlich, als sie sich zurückzog.
Mikaja seufzte und setzte sich auf den spärlich mit Gras bewachsenen Boden und blickte verträumt auf den Halbmond.
„Es ist eine schöne Nacht, nicht wahr?“ Die fremde Stimme ließ Mikaja hochfahren. Sie blinzelte ins Dunkle, und erkannte eine Gestalt, die sich aus dem Schatten des Mondturmes löste.
Ein leises Fauchen entfuhr ihr, als sie sich vorsichtshalber in Verteidigungsstellung begab.
„Gemach, meine Kleine. Im Moment bin ich nur hier, um mit dir zu reden... am Besten ungestört... Du kennst sicherlich einen Ort, an dem du dich wohl fühlst, oder?“ Die Stimme klang freundlich, obwohl sie leicht rau und ziemlich tief war. Der Mann trug eine Robe und hatte lange schwarze Haare. Ein Auge wurde von einer schwarzen Klappe verdeckt, während das andere fast in der Dunkelheit der Nacht verschwand.
Der Mann lächelte freundlich, woraufhin auch Mikaja eine weniger angriffslustige Position einnahm, aber noch blieb sie vorsichtig. Sie überlegte kurz, wo sie sich am Besten ungestört mit dem Fremden unterhalten könne und wählte schließlich die Spitze des Mondturmes, da sie dort sehr oft gewesen war, sollte sie auf diesem einen Vorteil besitzen, wenn der Fremde auf die Idee kommen sollte, sie anzugreifen.
„Wie du wünschst... erlaube mir, voraus zu gehen, dann kannst du dir sicher sein, das ich dir nicht in den Rücken fallen werde...“ antwortete er mit einem Nicken, als er ihren Vorschlag hörte und machte kehrt, um durch eine der großen eisernen Flügeltüren die Treppen des Turmes zu besteigen.
Das Innere wurde von schwachen mondförmigen Laternen erleuchtet, die die schweren Steintreppen in ein schwaches gelbliches Licht tauchten. An einigen Wänden schimmerten noch grüne Reliefs, die davon zeugten, wie das Innere vor Jahrtausenden ausgesehen hatte: Reliefs aus Jade, die wahrscheinlich irgendwelche Motive zeigten...
Die Spitze des Turmes war noch am besten erhalten, aber auch hier waren die Motive bereits zu stark verblasst, um noch erkannt zu werden.
„Also, was wollen Sie?“ Mikaja platzte mit der Frage, unmittelbar nach Ankunft auf der Spitze, heraus.
„Ich will einen Auftrag erfüllen, aber das kommt erst später... Ich will dich etwas fragen... Was haben sie dir alles verraten... über dein Schicksal?“
„Über mein Schicksal? Verraten?“
„Hast du dich nie gefragt, was dieses Siegel bedeutet, das du trägst? Was der Geist in deinem Inneren zu bedeuten hat, der mit dir spricht?“
„Woher wissen Sie-“
„Ich besitze ebenfalls beides... Einen Geist und ein Siegel!“
Mikaja schwieg, geschockt von dem, was ihr gerade offenbart worden war.
„Sie haben dir also nichts Genaues darüber verraten, weshalb sie dich das kämpfen lehrten und was auf dich zukommen wird?“
Lange Minuten standen sich die beiden schweigend gegenüber. Mikajas Gedanken rasten im Kreis, innerlich rief sie nach Lunas Unterstützung.
„Ich weiß, dass ich gegen andere kämpfen und siegen muss...“ antwortete sie schließlich leise, als Luna neben ihr erschien.
Nun breitete sich wieder ein schwaches Lächeln auf den Lippen des Fremden aus. „Weißt du auch, was passiert, wenn du verlierst, wenn jemand anderes über dich siegt?“
Mikaja schüttelte betreten den Kopf.
„Dann wende dich an deinen Geist, er oder sie kann es dir erklären...“
Mikaja richtete ihre Augen auf den kleinen Geist, der traurig neben ihr schwebte und nun die Frage beantwortete: „Wenn du verlierst... wird das dein Tod sein...“
Mikajas Augen weiteten sich, als sie an dem Geist vorbei ins Leere starrte. Lange Minuten vergingen, bevor sich der Fremde wieder meldete: „Nun weißt du alles und bist auf das Schlimmste vorbereitet, daher kann ich dir ja das offenbaren, was du sicherlich schon die ganze Zeit über geahnt hast: Ich werde dein erster Gegner sein...“
Mikaja nickte benommen, während der Fremde an sie herantrat und ihr nun tief in die Augen sah. Eines seiner Augen drückte ein wenig Traurigkeit aus, als er ihr in eines ihrer Spitzen Ohren flüsterte: „Eigentlich würde ich dich ja gewinnen lassen, aber es steht leider zu viel auf dem Spiel... Meine Familie ist mir wichtiger, als du... Ich hoffe du verstehst das...“
Dann trat er wieder einige Schritte zurück, auf die andere Seite des Turmes. „Ich verabscheue unfaire Kämpfe, daher warte ich darauf, bis du bereit bist... Übrigens, Mikaja... Man nennt mich Yenova Wangalis und mein Siegel ist das des Metalls. Nun solltest du genau so viel über mich wissen, wie ich über dich!“
Das junge Mädchen blickte mehrmals traurig zwischen dem Fremden und Luna hin- und her, fragte sich ständig 'Warum'? Aber keiner antwortete ihr.
Luna betrachtete beklommen ihren Schützling. „Es tut mir leid... aber du schienst mir zu jung, um schon alles zu erfahren... Und wenn du es dir recht überlegst, kannst du dich im Moment nicht gut auf einen Kampf konzentrieren.“
„Hätte ich es vorher gewusst, wäre ich jetzt vielleicht besser darauf vorbereitet gewesen!“ Mikaja fuhr den kleinen Geist an. Wut verdrängte nun ihre Verzweiflung und ihre Trauer.
„Bitte handle jetzt nicht unüberl-“
„Ich bin bereit!“ Mikajas Ausruf schnitt Lunas Satz mittendrin ab.
„Oh!?“ Yenova wandte sich wieder zu Mikaja um, er hatte während der letzten Minuten schweigend den Mond beobachtet. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich so schnell erholst. Nun gut, dann lass uns diesen hässlichen Kampf hinter uns bringen!“ Er warf seine Robe ab, woraufhin unter seiner Kleidung eine schwere Eisenrüstung erschien. In seiner Rechten materialisierte sich unmittelbar ein golden schimmerndes Schwert, das er mit beiden Händen über den Kopf anhob, bereit, jederzeit zuzuschlagen.
Mikaja begab sich ebenfalls in Angriffsstellung, lies sich wie ein Tier auf alle vier Pfoten nieder und hielt den Fremden im Blick. Leicht würde er es nicht mit ihr haben.
„Das schaffst du nicht alleine!“ Luna schwebte neben sie und sah ihr verzweifelt ins Gesicht. „Lass mich dir wenigstens helfen!“ Mikaja nickte leicht und behielt den Fremden weiterhin im Auge.
Als Luna verschwand spürte Mikaja plötzlich eine Energie in sich, die wie heißes Feuer durch ihre Adern floss. Sie spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten und eine ungeahnte Kraft entfalteten. Unwillkürlich zog sie ihre Krallen an, woraufhin der Boden an den Stellen aufbrach, wo sie stand.
Langsam wurden ihre Instinkte immer stärker und ihr Geist trat in dem Kampf in den Hintergrund, das Tier in ihr ergriff Besitz und stürmte vorwärts.
Yenova parierte den Hieb ihrer Tatze mit dem Schwert und holte sofort neu aus, um zurück zuschlagen. Mikaja konnte dem Hieb knapp ausweichen und ging wieder auf Distanz. Der Fremde nahm wieder seine Ausgangsposition ein und rührte sich nicht, wartete darauf, das Mikaja angriff.
„Er spielt ein Geduldsspielchen mit uns“ drang Lunas Stimme leise in den Geist des Tieres vor, das von Mikaja Besitz ergriffen hatte.
Mikaja griff erneut an, ebenso erfolglos wie zuvor und zog sich an einem Vorderbein eine Schnittwunde zu, die ihr beiges Fell rot verfärbte.
„Das wird so nichts, du musst ihn anders angreifen“, erneut drang Lunas Stimme zu ihr vor und dieses Mal zeigte es Wirkung. Der Griff des Tieres wurde schwächer. Mikaja konnte etwas klarer denken und erhob sich nun wieder auf zwei Beine.
Plötzlich stürmte Yenova vor und schlug mit dem Schwert auf sie ein. Mikaja konnte einigen Hieben nur knapp ausweichen. Sie ließ sich dabei immer weiter zurückdrängen, bis sie hinter sich die Mauer spürte, welche die Platform von einem freien Fall nach unten abgrenzte. Mit einem geschickten Sprung nach hinten landete Sie auf der Mauer, rannte über den dünnen Pfad auf die andere Seite und sprang von hinten auf ihren Gegner zu. Dieser wirbelte augenblicklich herum und fing den Hieb mit einem in seiner Hand erschienenen Schild ab. Mikaja sprang zurück, um wieder einigen Abstand zwischen sich und den Fremden zu bringen. Beide begannen sich nun vorsichtig zu umkreisen, um den Treppenabgang in der Mitte herum.
Urplötzlich schnellte Mikaja mit einer ihr selbst unbekannten Schnelligkeit nach vorne und versetzte Yenova einen Schlag, der ihn zurück taumeln ließ. Von diesem Erfolg beflügelt, ließ sie nun Schlag um Schlag auf den Gegner niederprasseln, bis plötzlich die Rüstung des anderen zerbrach. Sie sprang zurück, um einen weiteren Schlag mit voller Wucht ansetzen zu können. Kurz bevor ihr tödlicher Schlag traf, duckte sich der Fremde unter ihr hinweg und traf sie am Bauch. Als Mikaja sich umdrehte sah sie Yenova, wie sich dieser schwer keuchend wieder auf seine Beine erhob. Er lächelte Mikaja traurig an und flüsterte leise: „Du hast verloren...“
Plötzlich spürte sie dort, wo Yenova sie getroffen hatte einen stechenden Schmerz. Als sie nach unten sah bemerkte sie, wie dort der Griff eines Dolches im Mondlicht blitzte. Die Kraft, die noch vor kurzem durch ihre Adern floss versiegte urplötzlich und sie sank auf die Knie.
Kälte breitete sich langsam in ihr aus, während die Welt vor ihr verschwamm und in Dunkelheit versank. Ein letzter Gedanke leuchtete wie ein Feuer in der Dunkelheit, das nun zu erlosch: Warum... Warum ich?

„Verzeih mir bitte“, flüsterte er, als er sich über den Körper des jungen Mädchens bückte und das Siegel des Mondes in Empfang nahm. „Du warst eine würdige Gegnerin... Ich hoffe wir sehen uns irgendwann wieder... unter erfreulicheren Umständen...“
Behutsam nahm er den leblosen Körper auf die Arme und trug sie die lange Treppe des Turmes hinab, wo ihm Suzanne entgegen kam. Ohne ein Wort zu sagen legte er der Priesterin das tote Mädchen in die Arme.
Er blickte Szuanne kurz in die Augen, die ihn halb traurig, halb wütend ansah und ließ sie dann in der sternenklaren Nacht zurück.
Er hatte seinen Auftrag erfüllt und hoffte, dass er nicht noch einmal eine so traurige Aufgabe zu erledigen haben würde... Vielleicht würde Gregor nun auch seine Familie freigeben? Er dachte betrübt an die ängstlichen Augen seiner Frau und seiner Kinder, als Gregor deren Leben bedroht hatte, wenn er ihm nicht dienen würde.
Er hatte beschlossen fürs erste sein Spielchen mitzuspielen, bis er stark genug wäre, ihn zu besiegen... Nun war der Augenblick gekommen... er hatte zwei Geister und er war es nicht nur sich selbst und seiner Familie schuldig, Gregor zu besiegen, sondern auch dem kleinen Mädchen, das er hatte töten müssen.
Mit diesem dunklen Gedanken an Rache machte er sich auf den Weg, diesen Kontinent zu verlassen.
Wer mit dem Leben anderer spielt, hat sein Eigenes längst verwirkt...