Kapitel 21 ~ Ankunft

Es hatte einige Zeit in Anspruch genommen, wieder zum Anwesen von Gregor zurückzukehren. Die gesamte Reise war sehr anstrengend gewesen, weshalb ich mir vorgenommen hatte, nach einem kurzen Bad erstmal ein wenig zu ruhen. Doch anscheinend wurde ich bereits erwartet, denn ein Butler fing mich direkt in der Vorhalle ab. Ich möge doch bitte direkt die Gemächer des Hausherrn aufsuchen, da er etwas Wichtiges mit mir zu besprechen habe...
Seufzend machte ich mich auf den Weg durch das riesige Anwesen, die schwere Weltenklinge auf den Rücken gespannt. Als ich endlich vor der Eichentüre ankam, war ich außer Atem und leicht verschwitzt, weshalb ich mir erst einige Minuten Zeit gönnte, bevor ich klopfte. Es dauerte einige Minuten bevor sich Gregor endlich bemerkbar machte und mich herein bat.
„Schön, dass Ihr zurückgekehrt seid“, empfing er mich freundlich, nachdem er wieder hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte. „Aber sagt mir nächstes Mal bitte bescheid, wohin Ihr geht, ich habe mir Sorgen um Euch gemacht...“
Ich sah Gregor skeptisch an, antwortete aber nicht, sondern ließ meinen Blick durch das Zimmer schweifen, das sich in der Zwischenzeit doch stark verändert hatte. Einige Schränke standen woanders und die generelle Unordnung, die hier zuvor geherrscht hatte, war stark abgeklungen.
„Aber ich rief Euch nicht nur deshalb hierher“, begann Gregor schließlich erneut, nachdem er merkte, dass der erste Gesprächsfaden bereits seit einiger Zeit zerrissen war. „Meine... Freunde konnten teilweise einige Dinge von Interesse für Euch bergen... Allerdings nur unter großen Verlusten. Von daher würde ich nun lieber genauer über das Bescheid wissen, was Ihr sucht... Gehört dieses Monstrum auf Eurem Rücken zufälligerweise auch in diese Sammlung?“
„Ja, es gehört ebenfalls zu meiner Sammlung... Ein wirklich einzigartiges Stück, nicht wahr?“
„Nun... Ich dachte ursprünglich, es wären alles kleine Objekte und recht einfach zu beschaffen... Aber diejenigen, die wir gefunden haben, waren sehr gut gesichert und bewacht... Also, was für ein Spiel spielt Ihr hier?“
„Nun bisher habe ich auch nicht gefragt, welche Spielchen Ihr spielt. Vielleicht sollten wir es dabei belassen?“
Diese Antwort schien ihm nicht gerade zu gefallen, dennoch schien er vor seinem nächsten Schritt länger zu überlegen. „Nun“, antwortete er schließlich. „Ich denke, das ist ein guter Vorschlag... Allerdings solltet Ihr Euch um den Rest eurer Sammlung selbst kümmern. Ich kann keine weiteren Verluste verkraften... Andererseits kann ich mir nicht leisten, Euch zu verlieren, wenn Ihr versteht...“
Ich wusste durchaus, auf was er anspielte, antwortete aber nicht.
„Kommen wir zum Geschäftlichen... Nun, da ich Euch diese Gegenstände beschafft habe, könnt Ihr vielleicht etwas für mich tun...“
„Inwiefern?“
„Ihr kennt doch sicherlich noch unseren gemeinsamen... Freund... Richard Krels... Ich würde Euch darum bitten, ihm sein Siegel abzunehmen. Ihr habt ihn schon einmal bezwungen, also sollte es für Euch kein Problem sein, dies noch einmal zu tun, oder?“
„Ich habe zwar noch einige andere Dinge zu tun, aber wenn ich ihn zufälligerweise irgendwo treffen sollte, werde ich mich um ihn kümmern.“
„Oh, zufälligerweise? Ihr müsst nichts dem Zufall überlassen... Meine Quellen besagen, dass er sich im Moment in Arcaea aufhält, genauer gesagt wurde er zuletzt in Arcas gesichtet.“
Gregors Grinsen bestätigte mir meinen Verdacht: Er versuchte mich im Moment wie in einem Schachspiel auszunutzen... Daher beschloss ich, dass mein nächstes Ziel nicht mal in der Nähe von Arcaea liegen sollte. Ich beschloss in diesem Augenblick Florintha, dem Kontinent der Natur, einen Besuch abzustatten. Nicht nur seine äußere Form, die entfernt an eine Blüte erinnerte, sondern auch der dichte Wald des Kontinents sorgten schließlich dafür, dass man ihn auch als Kontinent des Lebens oder auch des Ursprungs bezeichnete.
„Dann sollte ich mich schleunigst auf den Weg machen, nicht wahr?“
„Tut dies... und enttäuscht mich nicht!“
Ich nahm mir noch schnell die drei Gegenstände, die auf seinem Schreibtisch lagen, an mich: Ein kleines Armband, das sich – ähnlich wie mein Feuerarmband – um mein Handgelenk schlang, einen kleines Tuch, das sich plötzlich wie ein Gürtel um meine Hüften legte, sowie einen kleinen Dolch, der sich perfekt in den neu erhaltenen Gürtel stecken ließ.
Gregor schaute sehr misstrauisch, als er das plötzliche Eigenleben der Gegenstände sah, verlor aber kein weiteres Wort darüber.
„Ehe ich es vergesse... Wo habt ihr diese Stücke denn gefunden?“ Ich stellte meine Frage, als ich das Zimmer schon fast halb verlassen hatte.
„Oh, das Armband stammt von Aquene, der Dolch stammt von Mytycion und das Tuch dort...“ Sein Gesichtsausdruck änderte sich, als ob ihm gerade etwas eingefallen wäre. Stattdessen antwortete er jedoch: „Habe ich leider vergessen. Vielleicht fällt es mir wieder ein, wenn ihr meinen Auftrag erledigt habt...“
„Danke, bis bald“, mit diesen Worten verließ ich zähneknirschend endgültig sein Büro, um mich endlich ein wenig ausruhen zu können, schließlich lag eine weitere lange Reise vor mir...

Ein langer Weg lag hinter ihr. Endlich stand sie vor der Ruine, zu der sie Sylph und Natalia geführt hatten. Die Ruinen waren nicht sonderlich beeindruckend, da man nicht gerade viel von ihnen sah. Ein Großteil der Anlage verschwand einfach im Berg und war nicht zu sehen.
Seufzend blickte sich Patricia um und sah noch einmal fröstelnd zum Himmel: Über dem Berg hingen schwarze Wolken, die gerade oberhalb der Barriere aufhörten, die den Berg umgab. Sie hatte es irgendwie im Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte und sie wäre liebend gerne auf der Stelle umgekehrt und zurück nach Hause gefahren.
„Ich kann mir gut vorstellen, wie du dich fühlst“, Sylph erschien neben ihr und sah sich ebenfalls sorgenvoll die Wolken über dem Berg an. „Anscheinend liegt mehr im Argen, als wir befürchtet hatten.“
„Stimmt... Leider...“ Natalia erschien nun ebenfalls und blickte auf die dunklen Wolken. „Noch ein Grund mehr im Inneren zu verharren...“ Natalia deutete auf den Horizont der sich leicht rot verfärbt hatte.
„Dann blicke ich nun meinem Schicksal ins Auge, oder?“
„Nein, ich glaube nicht, dass es jetzt schon so weit ist... aber es wird bald sein.“
Patricia nickte und trat durch den schimmernden Schild, der den Eingang zur Ruine schützte. Im Inneren war es kühl und feucht, aber anscheinend heller, als sie ursprünglich angenommen hatte. Als sie sich umdrehte, sah sie Sylph neben ihr stehen, die ein schwaches Leuchten umgab, das die kalten Steinwände erhellte.
„Keine Sorge, wir sind bei dir!“, sagte Sylph lächelnd und legte Patricia eine Hand auf die Schulter, die sie ungewohnterweise spürte. „Diese Umgebung erlaubt es uns, uns komplett zu manifestieren...“
Patricia nickte dankbar und drehte sich wieder um. Vor ihr lag eine kleine Treppe, die tiefer in den Berg hinab führte. Vorsichtig stieg sie die alten steinernen Stufen hinab und erreichte kurz darauf eine Kreuzung: Der Weg teilte sich in mehrere Richtungen.
„Folge einfach dem Wind... Er kennt den Weg durch das Labyrinth...“ Sylph zwinkerte ihr zu, woraufhin Patricia eine leichte Brise spürte, die ihre Haut streifte.
„Gut, dass ich dich dabei habe... sonst wäre ich ganz schön aufgeschmissen. Von diesem Labyrinth stand schließlich nichts in diesem komischen Buch.“ Innerlich ärgerte sie sich, es gekauft zu haben, da es ihr bisher nicht sonderlich weiter geholfen hatte.
„Jeder Geist hat eine Möglichkeit, einfach durch dieses Labyrinth zu finden.“ antwortete Natalia. „Mir weisen die ganzen Pilze und Pflanzen, die in den kleinen Ritzen zwischen den Steinen wachsen den Weg...“
„Aber wozu soll es dann gut sein? Ich dachte eigentlich es sei ein weiterer Test?“
„Wir nehmen an, das es sich um eine weitere Schutzmaßnahme handelt, falls es jemand schaffen sollte durch das Portal am Anfang zu brechen... Vielleicht ist es auch nur ein Überbleibsel aus Tagen vor unserer Zeit...“
„Auf jeden Fall ist es ein Hindernis, das ich zu bewältigen habe...“
Patricia folgte dem Wind, durch zahllose Gänge, vorbei an kaputten und stillgelegten Fallen, sie ging mehrmals links und rechts, hatte manchmal das Gefühl einfach im Kreis zu laufen, bis sie schließlich an einer Treppe ankam, die nach oben führte.
Halb erschöpft schleppte sie sich nach oben und stand bald im Freien: Sylph und Natalia waren wieder so geisterhaft wie zuvor und sie stand in absoluter Dunkelheit. Plötzlich zuckte ein Blitz, der die steinerne Landschaft um sie herum für einen Augenblick erhellte und dem Ganzen ein gespenstisches Aussehen verlieh. Allerdings war der Donner, der unmittelbar auf den Blitz folgte, viel schlimmer, da sie das tiefe Grollen in allen Knochen fühlte: Ein Knall, der einer Explosion gleich kam und sie zurückzucken ließ.
Zitternd stieg sie wieder in die schützenden, aber kalten Mauern des Labyrinths hinab. Vorsichtig glitt sie an einer Mauer zu Boden und umschlang ihre Knie. „Ihr seid euch sicher, dass wir hier richtig sind? Das ist ja absolut lebensgefährlich da oben!“
„Wir sind hier richtig, allerdings habe ich den Gipfel auch noch nie so erlebt... vielleicht gibt sich das Gewitter ja bis Morgen...?“
„Ich hoffe es zumindest...“ Patricia antwortete leise und versuchte es sich schließlich auf dem kalten Boden gemütlich zu machen, wo sie schließlich trotz des anhaltenden Donners im Hintergrund einschlief...

Sie rannte, verfolgt von einem schwarzen Schatten. Warum war sie überhaupt so weit von zu Hause weggelaufen? Dabei hatte man sie noch gewarnt, dass es in den äußeren Gefilden des Waldes zu gefährlich sei, gerade für jemand so junges wie sie...
Erneut hörte sie das Rascheln des Gebüschs hinter sich, lauter als zuvor. Ihr Verfolger kam immer näher. Warum konnte sie ihn nicht abhängen? Lag es daran, dass sie zu jung war? Oder war es etwas anderes, etwas, das diese Bedrohung förmlich anlockte?
Sie wich einer kleinen Pfütze aus und bog in einen dichteren Teil des Waldes ab, in der Hoffnung dort ihren Verfolger abhängen zu können. Sie dachte darüber nach, was es sein könnte, aber sie unterschied sich eigentlich durch nichts von den anderen... durch nichts... außer durch das Mal, das seit ihrer Geburt halb auf ihrer rechten Wange prangte und sich zu ihren rechten Ohr hinüberzog.
Konnte das der Grund sein? Der Grund, warum sie nie das Dorf verlassen durfte, der Grund weshalb sie von einigen so kühl und abweisend behandelt wurde und schließlich weglief?
Ihr liefen Tränen die Wange hinab, während sie weiterhin um ihr Leben rannte. Aber die Präsenz war immer noch hinter ihr, auch wenn sie nicht mehr näher kam.
Plötzlich merkte sie ein Blitzen hinter sich und aus Neugier wandte sie kurz ihren Blick nach hinten, konnte aber nichts erkennen, doch plötzlich stieß sie im Lauf gegen etwas am Boden, stolperte und fiel. Mühsam raffte sie sich auf und wollte gerade weiter rennen, als ihr ein Schatten den Weg versperrte.
„Aber nicht doch, meine Kleine... Wo willst du denn hin?“ erklang eine rauhe Stimme vor ihr. „Halt still, dann tut es auch nicht lange weh, versprochen...“ Der gefährlich süße Ton lies ihr beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Sie zögerte nur einen Moment und wollte weiterlaufen, als sie unmittelbar darauf einen stechenden Schmerz verspürte und sich schließlich die Dunkelheit über sie legte, Dunkelheit und Kälte...
Eine lange Zeit verging und plötzlich wurde ein Bild klarer, das Bild einer jungen Elfe, die blutüberströmt auf einem Waldboden lag, ein kleiner blutrot verfärbter Dolch in der eigenen Hand und ein manisches Lachen, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ...


Patricia schreckte auf, ihr Herz raste und ihre Gedanken kreisten um den Traum, den sie gerade gehabt hatte. Und langsam wurde ihr klar, was sie gesehen hatte: Die Frau, die sie die ganze Zeit gejagt hatte, die ihr nach dem Leben trachtete und ihre Familie ausgelöscht hatte, war die selbe Frau, die jene junge Elfe tötete, um von ihr das Siegel zu erhalten. Sie durchfuhr ein Zittern, das von einem leisen Donnern unterstrichen wurde. Aber wie kam es dazu, dass sie plötzlich diese Vision im Traum hatte? Seufzend sah sie auf Sylph und Nataila, die es sich neben ihr bequem gemacht hatten und ebenfalls ruhig schliefen. Vielleicht war es ja eigentlich Natalias Traum... ging ihr durch den Kopf. Sie seufzte leise und blickte die Treppen empor, die weiter oben in ein diffuses graues Licht getaucht wurden.


Tag des Lichtes, 25. Tag des Monats Dira, Jahr 3996 n.R.

Endlich wieder mit Rjusha als Gefährtin, gut ausgeruht und frisch, konnte ich mich heute wieder unter die Leute wagen und meine Reise nach Florintha antreten. Was mich allerdings am meisten störte und mir neuerdings die meisten Schwierigkeiten machte, war, das alle meine neuen und besonderen Gegenstände irgendwie an mir klebten, wie eine Klette.
Wenn ich mich mehr als zwanzig Meter von der Weltenklinge entfernte, hatte ich plötzlich das Gefühl gegen eine Glaswand zu laufen, etwas das meiner Nase nicht gerade gut tat, da sie nun schon von mehreren Ereignissen dieser Art gebeutelt war.
Rjusha lachte sich unterdessen schlapp und es ist etwas außergewöhnliches einen Drachen – sei er auch noch so klein – zu sehen, der vor Lachen keine Luft mehr bekommt.
Jedenfalls hatte ich keine andere Wahl: Ich musste das riesige Schwert mitnehmen, auch wenn ich mir dabei etwas... merkwürdig vorkam.
„Gibt es nicht eine Möglichkeit das Schwert etwas kompakter zu verstauen?“, fragte Rjusha schließlich nach einiger Zeit – unter Kichern – nach.
„Ich kenne zumindest keine... obwohl es praktisch wäre, wenn es eine magische Scheide hätte, in der ein Großteil der Klinge einfach verschwinden würde... aber das ist wohl Wunschdenken...“
„Kannst du nicht selber eine anfertigen?“
„Eventuell, aber dafür habe ich keine Zeit... außerdem ist es trotzdem ein komisches Gefühl die ganze Zeit mit einem Schwert an der Seite umherzulaufen.“
„Hättest du vielleicht doch was anderes lernen sollen!“
„Was? Mich dumm rumkloppen und meinen Verstand in 'ner Kneipe wegsaufen? Nein, das liegt mir nicht...“
„Wie du meinst.“
Mit Rjusha an meiner Seite machte ich mich schließlich auf den Weg. Gregors Anwesen lag wenigstens relativ nah an einem Hafen, in der Nähe von Ishtar. Trotz allem war es bis dahin noch ein Fußmarsch von einem halben Tag, den ich vor mir hatte, da mir der Hausherr keine seiner Kutschen zur Verfügung stellen konnte – oder wollte und das obwohl ich theoretisch in seinem Auftrag unterwegs war. Zumindest war ich für dieses Wegstück vollkommen unbeobachtet, auch wenn ich mir halbwegs sicher war, das Gregor mir nicht wirklich traute und mich beschatten ließ.
Ich hatte ein gutes Stück des Weges hinter mich gebracht, als sich mir urplötzlich eine fremde Gestalt in den Weg stellte.
„Guten Tag, Miss... Silver...“
Ich hatte ein ungutes Gefühl, denn normalerweise war es nichts Positives, wenn ein Fremder deinen Namen kennt.
„Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“
„Ich bin Zidawar. Träger des Siegels der Zeit... Ich bin hier, um Euch zu testen, denn Ihr habt eine große Aufgabe vor euch. Ich will wissen, ob Ihr auch wirklich dazu bereit seid!“
Mein erster Schock legte sich, nur um erneut aufzuflammen: Der Träger des Siegels der Zeit? Wie soll man jemanden besiegen, der mit der Zeit förmlich verbündet ist? Die Zeit beugte sich nichts und niemandem... außer vielleicht der Dunkelheit selbst, die jegliche Magie aufheben konnte. Wobei... testen? Mir fiel sofort etwas auf, das mir überhaupt nicht passte!
„Noch ein Test? Zuerst wurde meine Stärke getestet, irgendwo anders mein Mitgefühl, an anderen Orten meine Kombinationsgabe! Was wollt Ihr denn jetzt noch testen?“
„Bitte, bleibt ganz ruhig... vorerst zumindest. Was ich teste möchte ich Euch nicht offenbaren... noch nicht. Als aller erstes will ich Euch eine Frage stellen: Nehmen wir an, Ihr gewinnt wirklich und erhaltet die Macht das System zu ändern... was würdet Ihr dann tun? Wie würdet Ihr diese Welt ändern?“
„Ich...“ Ich stockte. Bisher hatte ich nicht darüber nachgedacht, was sein würde, wenn ich alles gefunden und am Ende gewonnen hätte...
„Was geht dich das denn an?“ Mischte sich Rjusha ein.
„Das geht mich sehr viel an, kleine Drachendame, denn wenn ich nicht davon überzeugt bin, dass sie es verdient hat, werde ich es zu verhindern wissen... Es ist bisher nicht vielen gelungen den Wächter der Zeit zu besiegen, wenn dieser sich einmal festgelegt hat, verstehst du?“
Rjusha schluckte hörbar und schwieg.
„Ich erwarte eine Antwort, Miss Silver...“
„Ich weiß nicht...“ Antwortete ich schließlich. „Habe ich später nicht genug Zeit, um darüber nachzudenken?“
Zidawar nickte kurz, zeigte aber kein bisschen, ob ihm diese Antwort gefiel, oder nicht. „Vielleicht entscheidet sich das Schicksal gegen Euch, so dass Ihr nur wenige Sekunden habt... dann solltet Ihr aber das Richtige tun, denkt also noch einmal darüber nach...
Meine zweite Frage: Nehmen wir an, Ihr trefft erneut auf Richard, der Euch dieses Mal um Hilfe bittet, was würdet Ihr tun?“
„Woher wisst ihr von...“
„Ich bin der Wächter der Zeit... Ich habe mich zuvor umfassend über Euch informiert.“
„Ich wüsste nicht, warum ich Richard helfen sollte!“
„Und wenn er Euch seine Gründe verrät – für sein Handeln im Glasturm und weshalb er Euch nun um Hilfe bittet?“
„Kommt auf die Gründe an und um was er mich bittet...“
Zidawar nickte erneut. „Nun, eine letzte Frage habe ich noch... was würdet Ihr tun, wenn ich Eure kleine Drachenfreundin bedrohe und somit Euer Leben fordere?“
Diese Vorstellung erfüllte mich plötzlich mit einem kleinen Schock. Rjusha war mir sehr wichtig, wichtiger noch als diese dumme Suche oder alles andere auf der Welt.
„Ihr braucht mir nicht antworten“, sprach der Fremde weiter. „Aber achtet darauf, wenn ihr das nächste Mal Gregor auf der Schicksalsspitze aufsucht, dass sie dann in Sicherheit ist...“
Ich nickte beklommen.
„Nun, es ist Zeit, dass wir unsere Kräfte messen“, der Fremde nahm eine mir unbekannte Kampfhaltung ein und wartete darauf, dass ich dasselbe tat. Sehr zögerlich tat ich es ihm gleich, behindert von der Weltenklinge konnte ich mich gar nicht richtig bewegen. Rjusha hatte unterdessen das Feld geräumt.
„Euch fällt also noch etwas auf... Zwar sind Eure Talismane im Kampf teilweise sehr hilfreich, aber ich fürchte, das Ihr auf Waffentypen während eines solchen Kampfes verzichten solltet. Könnt Ihr Euch nicht richtig bewegen, so kann Euch Euer Gegner innerhalb von wenigen Augenblicken mit einer normalen Waffe niederstrecken. Legt also euer Schwert und den Dolch ab und dann können wir beginnen...“
Ich tat wie mir geheißen und war innerlich dankbar, das er mir so half... aber warum wollte er dann immer noch mit mir kämpfen? Wollte er den Kampf vielleicht nur etwas fairer machen? Ich wurde aus diesem Menschen einfach nicht schlau...
Kaum hatte ich meine störende Ausrüstung abgelegt und war wieder zu ihm zurückgekehrt, als er auch schon auf mich los stürmte. Ich konnte gerade noch einen Schlag mit meinem Stock parieren, aber ein anderer traf mich direkt in der Magengegend, wodurch ich unter Schmerzen auf die Knie sank.
„Ihr müsst aufmerksamer sein, sonst werdet Ihr nie gewinnen... vor allem nicht, wenn ich ernst mache!“
In seiner Hand erschien nun wiederum ein Stab, welcher wie ein kleines Zepter geformt war. An der Spitze befand sich eine Glaskugel, in deren Innerem sich eine Sanduhr befand, die sich perfekt dem Inneren der Glaskugel anpasste. Unaufhörlich ran der Sand durch die Sanduhr, während ich mich wieder auf die Beine kämpfte.
Innerlich bat ich Firence um Hilfe, woraufhin seine feurige Kraft durch meine Adern floss und Flammen um mich herum aufstiegen.
Ohne ein weiteres Wort stürmte Zidawar erneut auf mich zu und griff an, doch dieses Mal konnte ich seinen Schlägen ohne Probleme ausweichen und Gegentreffer erzielen. Nach einem sehr heftigen Treffer, durch den er mehrere Meter zurückgeschleudert wurde, fing der Fremde an zu lächeln.
„Eindrucksvoll... doch die Zeit zum Spielen ist jetzt abgelaufen“. Während er diese Worte sprach war er schon wieder aufgestanden und hatte sich teilweise verändert: Sein Körper erschien schlanker, dünner aber dennoch nicht ohne Muskeln. Seine Augen verfärbten sich ganz ins Schwarze und in seinem Gesicht prangte urplötzlich ein weißer etwas längerer Bart.
Auch sein Zepter hatte sich angepasst: Es war nun so lang wie ein Stab und trug nun eine echte Sanduhr auf beiden Seiten.
„Die Zeit ist gegen Euch... Könnt Ihr dennoch gewinnen?“ Seine Stimme klang viel älter aber auch weiser. Mir war klar, dass auch er nun die Kräfte seines Geistes nutzte und das meine Chancen zu siegen stark gesunken waren. Dennoch: Ich konnte nicht einfach aufgeben, also tat ich das einzige, was ich tun konnte: Ich griff an!
Nach den ersten Schlägen fiel mir auf, das seine Bewegungen sehr viel geschmeidiger waren, als vorher. Was mich jedoch wunderte war, dass er mit meiner neuen Geschwindigkeit mithalten konnte.
Selbst wenn er Schläge von mir abblockte, Schläge die dank Firence jeden Kämpfer bewusstlos zu Boden sinken lassen würden, schien ihn das nicht mehr als ein müdes Lächeln zu kosten.
Mit der Zeit schien er immer schneller zu werden, weshalb ich beschloss, meine stärksten Zauber auf ihn anzuwenden. Mit Firences Hilfe warf ich mehrere Feuerbälle auf ihn, doch ohne Erfolg: Er wich jedem locker aus und schaffte es letztendlich, mir seinen Stab in den Magen zu rammen. Sofort brach meine Konzentration und ich sackte an Ort und Stelle zusammen.
Noch während ich mich von diesem Schlag erholte traf mich ein weiterer Schlag auf den Rücken, der mich endgültig niederstreckte.
Mühsam rollte ich mich zur Seite, um meinem Angreifer in die Augen blicken zu können. Er sah mit ausdruckslosen Augen auf mich herab, hob seinen Stab und... zögerte. Ich konnte nicht ganz erkennen, warum, bis ich Rjusha sah, die Zidawar angriff und kurz darauf einfach mit einem Schlag zur Seite geschickt wurde.
Verzweifelt tastete ich in meiner Umgebung nach irgendetwas, dass ich verwenden könnte, als Waffe, um mich zu wehren... um Rjusha zu verteidigen! Und plötzlich fand ich den kleinen Dolch, der zu den Artefakten gehörte.
Unterdessen wandte sich der Fremde wieder mir zu, er hob den Stab, zögerte einen Augenblick und... ich warf den Dolch so kräftig ich konnte.
Die Klinge bohrte sich in das Herz des Fremden, der nun in seiner Bewegung innehielt, mich kurz anlächelte und dann nach hinten umfiel.
Firence zog sich zurück, um meine Kräfte zu schonen, die ich nun nutzte, um mich neben Zidawar zu knien, der mich schwer atmend anlächelte.
„Warum habt Ihr gezögert? Wolltet Ihr etwa, das ich gewinne?“
„Allerdings... Schließlich habt Ihr eine Aufgabe zu erfüllen...“
„Aber warum? Warum habt Ihr mich dann angegriffen?“
„Seid ehrlich... Wäret Ihr... dazu imstande... gewesen... mich einfach so... zu töten?“
Ich schüttelte langsam den Kopf. „Aber...“
„Kein Aber... im Moment... gibt es keinen... anderen Weg... aber vielleicht... könnt Ihr... etwas verändern... Passt bitte... gut auf... Merlin... auf...“
„Das werde ich...“
„Danke...“, mit diesem Wort schloss Zidawar die Augen und sein Siegel ging auf mich über und veränderte die Form und das Aussehen meines Siegels. Einige Momente später begann sich sein Körper aufzulösen: Mehrere kleine glänzende Körper, die zum Himmel aufstiegen und dort wie Sand durch den Wind fortgetragen wurden... Nur sein Zepter zeugte noch davon, dass hier der Fremde verstorben war.
Ich blieb noch einige Augenblicke dort, bevor ich nach Rjusha sah, die bewusstlos am Wegesrand liegen geblieben war. Anscheinend hatte sie keine Verletzung davongetragen, würde aber bis auf weiteres eine Beule zurückbehalten.
„Es tut mir leid, aber wir hatten keine andere Wahl“, meldete sich plötzlich eine neue Stimme in meinem Kopf und ein spitzhütiger, langbärtiger älterer Kauz erschien neben mir.
„Ist schon in Ordnung... aber seid Ihr... Merlin?“
„Das bin ich...“
„Tauchen jetzt alle Geister hier so auf?“
„Aber natürlich...“
Ich seufzte. „Mein Geist ist doch keine Gaststätte!“
„Damit werdet Ihr eine Weile leben müssen... Übrigens solltet ihr das Zepter an Euch nehmen, das Zidawar hinterließ, es ist einer der Gegenstände, die Ihr sucht!“
„Das befürchte ich auch!“
Damit ergab ich mich in mein Schicksal, nahm die Sachen wieder auf, die ich für den Kampf beiseite gelegt hatte und machte mich dann, mit der bewusstlosen Rjusha auf dem Arm, wieder auf den Weg zum nächsten Hafen, nach Ishtar, und ich wusste, das meine weiteren Kämpfe anstrengender sein würden, als dieser...