Kapitel 22 ~ Überwältigend

Tag der Zeit, 26. Tag des Monats Dira, Jahr 3996 n.R.

„Seid ihr Euch wirklich sicher, das wir diesen... Hawkeye hier finden werden?“ Richards Stimme klang ziemlich besorgt.
„Das ist leider die beste Spur, die wir haben... Die wenigen, die mir gegenüber noch loyal waren, haben einiges riskiert, mir soviel zu verraten. Was bedrückt euch denn?“
„Nichts... Nur hier in der Nähe wohnt ein Freund von mir, der auch zum Klan gehört... Ich wollte ihn überreden, auszusteigen...“
„Warum dann so besorgt? Vielleicht kann er uns auch weiterhelfen, und uns erzählen, wo wir Hawkeye finden!“
Richard atmete laut aus und ergab sich in sein Schicksal. Eigentlich wäre er lieber alleine gegangen, aber im Moment fühlte er sich in Begleitung sicherer. „Gut, er wohnt ein wenig außerhalb dieser Stadt... Ich denke wir könnten sein Haus zu Fuß innerhalb eines halben Tages erreichen.“
„Können wir uns nicht eine Kutsche mieten?“ Raisana blickte sich nach einem passenden Gefährt um. „Wenn mich nämlich dieser Hawkeye nicht zur Strecke bringt, dann ein halber Tagesmarsch in dieser Montur... Warum habe ich mir diese Rüstung nochmal aufschwatzen lassen?“
„Sie sind doch nur um deine Sicherheit besorgt, Priesterin...“ Sarasra hatte ein leichtes Grinsen im Gesicht.
„Mach dich ja nicht lustig darüber!“
„Würde ich nie tun!“
„Ist in Ordnung... Suchen wir uns eine Kutsche, aber Ihr zahlt... Nicht wahr Raisana?“ Richard blickte die Priesterin fragend an.
„Das dürfte ich mir noch leisten können, auch wenn ich dafür wäre, das wir uns den Fahrpreis teilen – schließlich profitieren wir alle davon! Außerdem habt ihr beide selbst genug Vermögen, dass ihr mich einladen könntet.“
„Das mit dem Geld regeln wir später, lasst uns erstmal jemanden finden, der uns zu Eurem Freund bringt... Kommt!“ Sarasra hatte wieder die Führung übernommen und ging voraus.
Es dauerte nicht lange, bis sie eine Kutsche gefunden hatten, die sie für ein recht geringes Entgelt zu dem Anwesen weit außerhalb der Stadt Ishtar brachte.
„Wisst ihr, Gregor hat vor langer Zeit in Cyrunne gewohnt, ist aber irgendwann nach Ishtar gezogen, weil er von dort aus besser handeln konnte.“ Richard brach irgendwann die Stille, als sie sich der Residenz Gregors näherten.
„Ich bin ja wirklich darauf gespannt, wie Euer Freund so ist.“
„Ihr dürftet ihn sofort erkennen: Etwas größer als ich, ziemlich kräftig und muskulös gebaut, grün-braune Augen...“
„Moment... Warum merkt Ihr Euch die Augenfarbe Eurer Freunde?“ Raisana blickte Richard ungläubig an.
„Eine kleine Angewohnheit meinerseits... Die Augen sind der Spiegel der Seele, ein Blick verrät einem vieles über den anderen, gerade in seinem Fall, da seine Augen sehr geheimnisvoll waren... So als verberge er ein tiefes Geheimnis. Als ich ihm das sagte, lachte er und hat es sogar bestätigt. Aber ich habe nie weiter danach gefragt.“
„Er trägt nicht zufälligerweise kurzes, blondes Haar?“ Sarasra war hellhörig geworden, als die Kutsche abbog und nun auf ein in einiger Entfernung stehendes Anwesen zufuhr.
„Doch, hat er... oder besser hatte er, als ich ihn das letzte Mal sah. Ist schon mehrere Jahre-“
„Bitte halten Sie hier!“
Auf Sarasras Ruf hin hielt die Kutsche mitten auf der Straße und er sprang unmittelbar aus dem Gefährt. „Bevor Ihr Euch mit Eurem Freund unterhaltet, möchte ich erst einen Verdacht bestätigen... bis dahin sollten wir uns nicht sehen lassen.“
„Aber... wieso denn?“
„Sagen wir mal so: Deine Beschreibung kommt mir sehr bekannt vor... Wenn wir Glück haben... oder Pech... ist dein Freund Gregor derjenige, den wir suchen. Wenn das der Fall ist, möchte ich ihm nicht direkt in die Arme laufen!“
Sarasra half Raisana aus der Kutsche und gab danach dem Fahrer bescheid, dass er umkehren konnte, während Richard ausstieg.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als sie am Rand des Weges zu Fuß weitergingen, immer darauf gefasst, hinter vereinzelt stehenden Bäumen oder Sträuchern in Deckung zu gehen, falls von weitem irgend etwas in Sicht kam, das sie verraten könnte.
Die Abenddämmerung setzte ein, als das Trio die Pforten zu dem Anwesen erreichten. Merkwürdigerweise stand die Pforte ein Stück offen, obwohl weit und breit keine Wache in der Nähe war.
„Scheint so, als ob wir Glück haben“, flüsterte Sarasra seinen Gefährten zu und schlüpfte durch das Tor. Richard, dem die Sache ein wenig unangenehm war, folgte zögerlich. Die Priesterin hingegen wollte eigentlich lieber draußen warten, aber letztendlich fühlte auch sie sich bei den anderen beiden sicherer und folgte schließlich durch das Tor.
Der Innenhof bestand aus einem großen runden Platz, der von einigen Bäumen und Sträuchern umsäumt wurde, die anscheinend gut von einem Gärtner gepflegt wurden. Vom Innenhof aus gingen drei Wege ab, von denen einer zur Haupttür führte, ein anderer weiter ins Grundstück hinein und am Haus vorbei und der letzte war der, über den die Eindringlinge das Anwesen betreten hatten.
Das Haus selbst erstreckte sich über zwei Stockwerke, war aber weit in die Länge gezogen und nur unwesentlich kleiner als ein Palast, ein Anzeichen dafür, dass der Besitzer sehr wohlhabend war.
Vorsichtig schlichen sie zwischen den Bäumen und Sträuchern entlang um den Platz herum, um ein Fenster zu finden, bis Sarasra seine Gefährten dazu aufforderte, sich nicht weiter zu bewegen.
Gerade als Richard nach dem Grund fragen wollte, sah er, wie jemand das Haus verließ und auf den Vorplatz schlenderte. Richard erkannte seinen alten Freund Gregor sofort, aber auch Sarasra wusste mit der Person etwas anzufangen. „Das ist er... das ist Hawkeye...“ Seine Stimme erklang nur in einem schwachen Flüsterton. Am liebsten wäre er sofort aufgesprungen und hätte sich auf Gregor gestürzt, aber er wusste es besser, als sich mit ihm anzulegen, ohne etwas darüber zu erfahren, ob er nicht schon mehr als einen Geist hatte.
Plötzlich wandte sich Richards alter Freund um und schien direkt auf ihr Versteck zu blicken. Richard gefror das Blut in den Adern, als er den eisigen Blick sah, der ihn anscheinend durchgehend musterte.
Richard stockte der Atem, als Gregor auch noch langsam auf sie zuging.
„Eigentlich bin ich eher dagegen, dass sich Gäste selbst einladen, aber ich glaube in Eurem Fall kann ich eine Ausnahme machen, nicht wahr, Richard, alter Freund?“ Gregors eiskalte Stimme brachte fast Richards Herz zum stehen. Woher wusste er, dass sie sich hier versteckten?
„Komm ruhig heraus, in den Gebüschen ist es ziemlich ungemütlich... Sarasra und Raisana dürfen übrigens auch vortreten...“ Als er den Satz beendete blieb er stehen, mehrere Schritte von dem Versteck entfernt.
Sarasra knirschte mit den Zähnen. Auf die Distanz konnte er seinen Gegner nicht überraschend angreifen.
„Ich weiß genau, wo ihr seid, da ihr euch auf meinem Grundstück befindet. Es bringt euch also nichts euch weiter zu verstecken! Ihr raubt uns nur kostbare Zeit!“
Richard seufzte schließlich und gab sich als erster preis. Sarasra und Raisana folgten erst mehrere Augenblicke später.
„Freut mich euch wiederzusehen... Unser letztes Treffen war recht kurz und unter unangenehmen Umständen.“ Gregor lächelte kalt und deutete eine kurze Verbeugung an.
„Nun, was Euch angeht, Richard, so bin ich doch recht enttäuscht. Zuerst schafft Ihr es nicht, ein Siegel sicherzustellen und dann stellt Ihr Euch noch gegen meinen zweiten Abgesandten... und nun auch gegen mich! Wobei mich brennend interessiert, wie Ihr den Bann, der auf Euch lag, brechen konntet?“
Nun war Richard soweit: Er stürmte vor, holte aus und schlug so kräftig er konnte in den Magen Gregors, doch dieser fing den Schlag mit seiner Hand einfach ab, verdrehte Richard den Arm auf den Rücken und schubste ihn zurück zu den anderen.
„Glaubt Ihr ehrlich, dass ich so leicht zu überwältigen bin? Ich habe von Euch wirklich mehr erwartet, Richard.“
„Falsche Schlange...“ Richard zischte die Worte und spukte vor Gregor auf den Boden.
„Wir wollen doch nicht unsere Manieren vergessen, oder?“
„Vor jemandem wie Euch muss man keine Manieren zeigen!“ Sarasra trat vor und zückte sein Schwert, das er auf Gregor richtete.
„Wie ich sehe, kommt ihr schnell zur Sache. Meinetwegen sollt ihr Euer Duell haben, auch wenn ich denke, das ich nun im Vorteil bin!“
„Es steht drei gegen einen, wie könnt ihr da im Vorteil sein?“
„Ah, meine liebe Priesterin, ihr wisst ja nichts von den Regeln... Aber dass selbst Euch diese Regel nicht bekannt ist, Sarasra erstaunt mich... oder irre ich mich und ihr wisst, dass nur einer von Euch gegen mich kämpfen kann?“
„Wir können es ja versuchen und euch einfach gemeinsam angreifen, was haltet ihr davon?“ Richard lächelte und sah Gregor herausfordernd an.
„Versucht es... aber ihr werdet scheitern...“ Der angesprochene nahm ebenfalls eine Kampfposition ein und aktivierte seinen Geist. Richard konnte erkennen, wie Gregors Körper langsam zu einer steinernen Statue wurde. Noch ehe er reagieren konnte, aktivierte auch Sarasra seinen dunklen Geist und wurde selbst zu einem Schatten.
Richard zögerte nun nicht mehr und bat Mira um Hilfe, doch bevor sich die eisige Macht ganz über Richard ausbreiten konnte, wurde er von etwas weggestoßen. Auch Raisana fand sich plötzlich mehrere Meter weiter hinten – in der Nähe des Tores – wieder. Egal wie oft sie es versuchten – Sie kamen nie nahe genug an die beiden heran, um in den Kampf einzugreifen. Anscheinend waren ihnen wirklich die Hände gebunden.
„Siehst du, Sarasra? Nur du und ich... Endlich können wir unsere Meinungsverschiedenheiten ein für alle Mal klären. Ich werde das zu Ende bringen, was du angefangen hast: Ich erobere alle Siegel, zerstöre die Drachen und dann...“ Gregor begann zu grinsen, bevor er weitersprach: „... das wirst du eh nicht mehr miterleben!“
„Genug geredet!“ Sarasra stürmte vor, verschwand teilweise in den langen Schatten, welche die umgebenden Bäume und Büsche warfen und schwang schließlich sein Schwert in einer schnellen Drehung gegen den Hals seines Gegners. Mit einem lauten Klirren blockte plötzlich ein anderes Schwert den Weg von Sarasras Klinge. „Woher hast du?“
„Rate doch mal...“ Das steinerne Gesicht seines Gegners verzog sich zu einem manischen Lächeln, als Sarasra von diesem mit Leichtigkeit ein Stück weg geschleudert wurde.
„Unmöglich... es sei denn...“
„Es sei denn – was? Dass ich mehr als nur einen Geist habe? Ich sagte dir doch, dass ich im Vorteil bin, nicht wahr?“
„Selbst wenn du mehrere Siegel auf deiner Seite hast, bedeutet es nicht, dass ich dich nicht besiegen kann. Schließlich musst du deine Stärke aufteilen...“ Erneut griff Sarasra an – diesmal mit mehr Kraft hinter seinen Schlägen, so dass Funken sprühten, sobald sich die Klingen der Kontrahenten berührten.
Sarasra kombinierte mehrere Bewegungen, drehte sich links und rechts herum, schlug hoch und tief – bewegte sich unheimlich schnell um seinen Gegner herum, um ihn von hinten anzugreifen, doch Gregor schien jeden Schlag ohne Mühe abwehren zu können.
Es vergingen mehrere Minuten in denen Raisana und Richard bange dem Kampf zusahen und mit Sarasra mitfieberten. Allerdings schien dieser nicht die Oberhand gewinnen zu können.
Schließlich machte Sarasra eine kurze Pause, um mehrere Schritte von Gregor entfernt Luft zu holen. Raisana sah besorgt auf die beiden Kontrahenten, denn Gregor schien der bisherige Kampf kein bisschen angestrengt zu haben.
„War das etwa schon alles, Sarasra? Ich dachte du wärest ein wenig stärker, bei deiner Erfahrung... oder ist es das Alter?“
Sarasra holte einmal tief Luft. „Ich denke, das war erst die Aufwärmphase... Jetzt werde ich dich richtig angreifen!“
„Ich habe auch nicht weniger von dir erwartet, alter Freund!“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir je Freunde gewesen sind!“
„Ich dachte wir kennen uns lange genug, dass ich dich so nennen kann!“
„Jemanden lange zu kennen, macht ihn nicht automatisch zu einem Freund!“
„Da ist etwas wahres dran... Also, sollen wir fortfahren?“
„Wie Ihr wünscht!“
Unmittelbar veränderte sich Gregors Aussehen: Sein äußeres bekam plötzlich einen metallenen Glanz, während die zuvor vorherrschende steinerne Struktur verschwand: Er war nun ganz aus Metall, und musste sich so nicht vor normalen Schwerthieben in Acht nehmen.
Sarasra hatte aber auch seine eigenen Tricks auf Lager. Sein Schwert hüllte sich in eine dunkle Aura und verschwand somit schließlich auch in den Schatten. Dann tauchten mehrere schwarze Kugeln auf, die langsam um die beiden Kämpfer kreisten.
„Schwarze Magie... bin gespannt, was Gregor dagegen setzt...“ flüsterte Richard, der noch immer gebannt den Kampf beobachtete. Raisana hingegen hatte Probleme hinzusehen. Sie hatte ein schlechtes... dunkles Gefühl, das gegen ihre Hoffnung ankämpfte und – je länger der Kampf dauerte – zu gewinnen drohte.
Inzwischen war Sarasra vorgestürmt und schlug erneut auf seinen Gegner ein, der dem ersten Hieb ausweichen konnte, den zweiten jedoch blocken wollte – allerdings glitt Sarasras Schattenklinge durch die Verteidigung und verletzte Gregor an der Schulter.
Dieser sprang ein Stück zurück und berührte aus Versehen eine der schwebenden schwarzen Kugeln, die bei Berührung explodierte und dafür sorgte, das sich nun alle anderen Kugeln auf ihn zu bewegten. Einigen konnte er ausweichen, während andere ihn voll trafen.
Wut zeichnete sich nun auf seinem Gesicht ab, als er sich schwer atmend eine Wunde am Arm zuhielt. „Die Dunkelheit ist wirklich eines der mächtigsten Elemente. Aber mal sehen, wie dir deine eigene Medizin schmeckt!“
Was nun geschah jagte Richard einen Schauer nach dem anderen über den Rücken: Um Gregor herum baute sich eine schwarze Wand auf, die ihn langsam vollständig verschluckte und ihn nun ebenfalls zu einem Schattenwesen werden ließ.
Auch Sarasra stand wie angewurzelt da, als er einem Ebenbild ins Gesicht blickte: Schwarz wie die Nacht durchströmte den Gegner nun ebenfalls die Dunkelheit, wie ihn selbst. Aber wie war das möglich? War Gregor so sehr in den Künsten der schwarzen Magie bewandert?
Nun war es Gregor, der angriff und Sarasra derjenige, der sich verteidigen musste. Die Gegner waren sich nun vollkommen ebenbürtig: Abwechselnd griff einer an und der andere verteidigte, nur um daraufhin zu kontern.
„Ist es normal, dass Gregor sich ebenfalls so verwandeln kann, wie Sarasra?“ Raisana klang besorgt und auch Richard teilte diese Sorge.
„Eigentlich kann jeder Magier, der genug Erfahrung mit der Schattenmagie hat, sich so verwandeln... aber zum einen kostet es eine Menge Kraft und zum anderen viel Konzentration und dennoch scheint Gregor kein bisschen müde zu werden. Sarasra dagegen wird langsam schwächer...“ Richard betrachtete den Kampf mit Sorge und langsam wurde ihm eines klar: Sollte Sarasra verlieren, hätten er oder Raisana keine Chance gegen Gregor.
Inzwischen wich Sarasra immer weiter zurück, verlor an Boden. Seine Bewegungen wurden träger und er hatte Mühe den weiterhin gleichbleibend starken Angriffen Gregors auszuweichen.
Schließlich musste Sarasra auf die Kräfte seines Siegels verzichten, sonst wäre er direkt hilflos zusammengebrochen.
„Anscheinend hast du keine Chance gegen mich. Aber vielleicht sollte ich es wieder etwas fairer machen und wie vorher gegen dich kämpfen...“ In Gregors Stimme lag ein feiner Hauch des Hohns, als sich auch seine dunkle Aura auflöste. Allerdings blieben seine Augen völlig schwarz, so als ob sie aus polierten Obsidianen bestehen würden.
Raisana konnte nicht mehr hinsehen und vergrub ihr Gesicht irgendwo in Richards Kleidung.
Gregor war weiterhin im Vorteil: Mit frischer Kraft hieb er auf Sarasra ein, welcher diese nur noch knapp und unter größter Anstrengung abwehren konnte. Er war schweißgebadet, gab aber nicht auf. Jedes Mal, wenn Richard dachte, dass es nun vorbei wäre, gelang es Sarasra erneut, irgendwie die Hiebe abzuwehren. Irgendwann schien er sogar langsam genug Kraft zurück erlangt zu haben, um selber einige Angriffe zu starten und dennoch wirkte es die ganze Zeit so, als ob Gregor nur mit ihm spielen würde.
„Es reicht... Wir haben genug gespielt!“ Gregor sah Sarasra plötzlich ernst an, als er diese Worte sprach und im nächsten Augenblick konnte Richard nur noch sehen, wie Sarasras Körper von mehreren Klingen durchbohrt wurde, von denen bis auf eine alle anderen genau so schnell verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. „Du hast verloren... Bei den Rechten, die mir dieses Ritual zugesteht, verlange ich nun dein Siegel als Preis!“ Als er den letzten Satz beendete zog er das Schwert aus Sarasras Körper, der daraufhin zusammenbrach.
„Flieht...“ rief er mit heiserer Stimme und hustete Blut. Dies war eine Warnung, die sich Richard nicht zweimal sagen ließ. Er griff nach der zur Salzsäule erstarrten Priesterin, die voller Schock auf den Toten blickte, von dem ein dunkel glühendes Siegel aufstieg, und zog sie durch das Tor auf die Straße hinaus.
„Wir können nichts mehr für ihn tun! Gegen Gregor können wir alleine auch nichts ausrichten... Wir brauchen Hilfe!“ Raisana schien seine Worte nicht wirklich zu hören und stolperte ihm mehr hinterher, als dass sie mit ihm lief.
„Lauft nur, so schnell ihr könnt... Ihr entkommt mir nicht!“ Gregors Stimme klang ihnen nach, während sich langsam die Dunkelheit der Nacht über sie legte.
Er hatte erst einige Meter zwischen sich und das Tor gebracht, als ein Aufschrei von Raisana seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen hinter ihnen lenkte. Gregor folgte ihnen und kam schnell näher.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er sie weit genug eingeholt hatte, um nach Raisana zu greifen, doch dann wurde er plötzlich langsamer und rang nach Luft. Ihn schien plötzlich die Erschöpfung einzuholen, die er schon während des Kampfes mit Sarasra hätte spüren müssen.
Schließlich blieb er stehen und rief ihnen hinterher: „Sobald es dunkel geworden ist, werde ich euch finden und ebenso besiegen, wie Sarasra... verlasst euch darauf!“
Richard beachtete diese Worte nur teilweise: Bis es richtig dunkel sein würde, gingen noch ein oder zwei Stunden ins Land und bis dahin wollte er soviel Platz wie möglich zwischen sich und Gregor bringen.
Irgendetwas war an ihm nicht normal und er hatte keine Lust herauszufinden, was es war. Jedenfalls war ihm eines klar: Er brauchte Hilfe... weitere Geister, mit denen er Gregor besiegen konnte. Aber er kannte nur noch eine, deren Hilfe er in diesem Falle in Anspruch nehmen konnte. Ob sie ihm diese Geschichte abnehmen würde? Er verschob diese Sorge auf später und rannte mit Raisana im Schlepptau weiter.
Sobald Gregors Anwesen außer Sichtweite war gönnte er Raisana und sich eine kurze Pause. Zumindest hoffte er, ein wenig in Sicherheit zu sein, bis sie für den weiteren Weg genug Kraft gesammelt hätten.
Gerade, als sie sich einigermaßen von dem anstrengenden Lauf erholt hatten, kurz bevor die Sonne ganz hinter dem Horizont verschwand, zückte Raisana von irgendwo aus ihrer Kleidung einen Dolch.
„Was wollt ihr denn damit? Ihr habt keine Chance gegen Gregor!“ Richard hatte seine Stimme ein wenig erhoben, um die Hoffnungslosigkeit einer solchen Aktion hervorzuheben.
„Keine Sorge...“ Raisana sah ihn aus traurigen Augen an und ging einige Schritte auf ihn zu. „Dieser Dolch ist nicht für Gregor bestimmt...“ Die letzten Worte hauchte sie und kam Richard gefährlich nahe. Wollte sie etwa ihn töten, um mehr Kraft zu haben? Wollte sie auf diese Weise Sarasras Leben rächen? Er wollte gerade aufspringen und einen kleinen Abstand zwischen sich und Raisana bringen, als sie eine seiner Hände ergriff und den Griff des Dolches hineinlegte.
„Aber... was?“ stotterte Richard, doch er wurde aus dem traurigen Lächeln Raisanas nicht schlau.
„Versprecht mir bitte, dass ihr Sarasra rächt... Ich hätte es vor kurzem nicht gedacht... aber...“ Im nächsten Moment zog sie mit einem kurzen Ruck an Richards Hand, die noch immer den Griff des Dolches umklammert hielt. „... ich kann ohne ihn nicht leben...“ beendete sie schließlich den Satz.
Als Richards Blich tiefer wanderte und den Dolch in der Brust der Priesterin wieder sah, ließ er vor Schreck den Griff los.
Raisana fiel auf ihre Knie und sah Richard bittend an. „Bitte versprecht... es mir...“ Richard nickte schwach, was ihm ein letztes Lächeln der Priesterin einbrachte, bevor sie ganz umfiel.
Mit leeren Gedanken sah er, wie das Siegel des Lichts weiß glühend von ihrem Körper aufstieg und sich sanft mit dem vereinte, das er trug. Kurz darauf bemerkte er nur noch aus den Augenwinkeln wie kleine Flocken aus Licht in die Luft stiegen und dort durch einen leichten Wind überall hin verteilt wurden.
Schließlich blickte er auf die Hand, die zuletzt den Griff des Dolches umfasst hatte. Auch wenn er nichts sehen konnte, so spürte er Blut an der Hand kleben und fragte sich, wie so jemand wie Raisana so grausam zu ihm gewesen sein konnte.
So stand er einige Zeit regungslos im kühlen Abendwind, bis ihm irgendetwas eine Gänsehaut bereitete. Als er sich im nächsten Moment an die Situation erinnerte, in der er sich befand, blickte er sich panisch um. Die Sonne war gerade erst untergegangen und dennoch war es so dunkel, als wäre es Mitternacht. Wenn er sich nicht völlig täuschte, so schien es immer dunkler zu werden und dann begriff er plötzlich was los war.
Gregor musste sie irgendwie finden und das ging am einfachsten, wenn er Richard dazu brachte, Licht zu erzeugen, denn dann konnte er einfach dem Lichtschein folgen. Das Spiel kann man auch zu zweit spielen, dachte er sich und schickte mehrere Lichter in unterschiedliche Richtungen los, um dann im Dunkeln langsam weiter zu gehen. Er hoffte, das diese Lichter seinen Verfolger lange genug ablenken würden, bis er weit genug gekommen war.
So muss sich ein Blinder fühlen, dachte er sich, als er sich mit Hilfe seines Stabes den weiteren Weg ertastete. Hin und wieder trat er dabei allerdings gegen Steine oder Wurzeln und stolperte beinahe. Manchmal unterdrückte er einen deftigen Fluch, wenn er sich dabei irgendwie verletzte. So kämpfte er sich Meter um Meter vorwärts, immer weiter von der Stelle weg, an der Raisana ihm so übel mitgespielt hatte und immer nur ein Ziel vor den Augen: Weit genug von Gregor weg.
Er glaubte mehrere Stunden unterwegs gewesen zu sein, als sich die unnatürliche Dunkelheit wieder hob. Ihm schauderte, wenn er daran dachte, über wie viel Kraft Gregor verfügen musste, wenn er nach dem Kampf mit Sarasra nach einer kurzen Pause diese Dunkelheit so lange aufrecht erhalten konnte – gerade in einem so großen Gebiet.
Als er langsam wieder seine Umgebung erkennen konnte, musste Richard allerdings feststellen, das er nicht sehr viel weitergekommen, sondern einen Teil des Weges im Kreis gelaufen war.
Er blickte sich noch einmal vorsichtig um und verfiel schließlich in einen leichten Laufschritt, um möglichst schnell zum nächsten Hafen zu kommen.
Er wusste zwar noch nicht wie, aber er musste Arche aufspüren und irgendwie ihre Hilfe gewinnen. Sie war nun seine letzte Hoffnung und er kannte nur einen Ort, an dem sie letztendlich auftauchen musste, der Ort, an den es ihn auch schon seid einiger Zeit zog: Die Destanis-Ruinen auf Xanacea.
Allerdings würde auch Gregor dort früher oder später auftauchen, dennoch war es der einzige Anhaltspunkt, den er hatte.
Ich werde für euch tun, was ich kann... wartet so lange, Azalyn... Raisana...