Kapitel 23 ~ Donnerstiefel

„Wie kann man sich bloß so sehr irren?“
„Ich habe an genug andere Sachen gedacht und jetzt gib endlich Ruhe!“
Rjusha nervte mich schon den ganzen Tag – seit ich einen Fuß auf den Kontinent Salycia gesetzt hatte – damit, dass jeder andere nicht das falsche Schiff bestiegen hätte.
Gut, ursprünglich wollte ich eigentlich nach Florintha, um das dortige Artefakt zu suchen, aber da es auch auf Salycia eins geben sollte, war mir das relativ egal. Nur meinem kleinen Quälgeist nicht.
„Ich glaub’s echt nicht...“
„Dir ist es doch selbst auch nicht aufgefallen!“
„Ich war von dem Kampf auch noch etwas benommen...“
„Meinst du etwa, mich hätte das nicht mitgenommen?“
„Auf jeden Fall weniger als mich... schließlich hast du ja gewonnen!“
„Er hat mich gewinnen lassen, das habe ich dir auch schon ein paar mal gesagt. Außerdem habe ich jetzt wichtigeres zu tun!“
Ich war von Dalanium – der Stadt, in der sich mein Hafen befand – weiter nach Norden zur Stadt Tasmabus gereist, um von dort aus über einen dünnen Landweg auf den Hauptteil des Kontinents überzuwechseln, nämlich den Teil, der eigentlich nur aus einem riesigen Berg mit mehreren Spitzen besteht.
Der Weg war gut ausgebaut, weil er zur Regierungsfestung des Kontinents führte, die allerdings seit kurzem in Trümmern lag. Generell hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, seit ich hier ankam. Die gesamte Herrscherfamilie war verschwunden. Man hatte inzwischen die tote Königin und den ebenso toten König ausfindig machen können, aber die Prinzessin und der Prinz blieben verschwunden. Die Bewohner des Kontinents hatten daher eine temporäre Regierung eingeführt, die aber nicht gerade großen Erfolg zu haben schien. Dem ganzen Land ging es schlecht und die Hoffnung der Leute wurde nur noch durch die ansässige Kirche aufrecht erhalten. Schließlich beteuerte die Hohepriesterin, dass es dem Prinzen und der Prinzessin gut ginge, sie sich aber aus Sicherheitsgründen im Moment nicht zeigen dürften.
Ich zweifelte nicht daran, dass ihr Verschwinden etwas mit den Siegeln zu tun hatte und wenn es so war, so würde ich eventuell einem der beiden irgendwann gegenüberstehen... und gegen sie kämpfen müssen.
Mir gefiel der Gedanke überhaupt nicht, weshalb ich mich wieder auf den Weg konzentrierte.
Meine Nachforschungen hatten ergeben, dass es drei interessante Punkte für mich gab: Zum einen gab es die Ruinen des alten Litharnis-Schlosses, die allerdings wegfielen, weil sie einfach nicht alt genug waren.
Dann waren da noch die Greyfox-Ruinen, die sich auf der anderen Seite der Berge befanden, allerdings wusste ich von einem Kollegen, dass sie auch nicht ganz in die Altersklasse passten, die ich suchte. Es mochte sein, dass dort einmal etwas um das gesuchte Artefakt herum errichtet worden war, aber ich legte meine Hoffnungen vorerst auf ein anderes Ziel: Im südlichsten Teil der Berge befand sich ein alter Turm, den die Anwohner als Skyway Tower bezeichneten.
Um diesen Turm rankten sich zahlreiche Legenden, und bisher hatte kein Archäologe dessen Alter bestimmen können. Allerdings interessierten sich auch nicht viele für diesen Turm, da er angeblich nichts außer einem schönen Anblick bot.
Ob das so war oder nicht würde ich herausfinden, wenn ich dort ankam.
„Das ist ja richtig übel... Sagten die Leute nicht, dass dieses Schloss erst vor kurzem in eine Ruine verwandelt wurde?“
Rjushas Stimme schreckte mich aus meinen Gedanken auf. Mein Blick fiel augenblicklich auf die Ruinen: Eingestürzte Mauern in Mitten eines halben Dschungels, der an einigen Stellen von Suchtrupps gelichtet worden war.
„Das bestätigt meinen Verdacht, dass hier Siegel im Spiel waren!“
„Dann war der Kampf, von dem uns berichtet wurde also wirklich...“
„...eine Schlacht zwischen zwei Quaseir. Ich hätte nie gedacht, das jemand zu solchen Zerstörungen fähig ist.“
„Allerdings... Ich hätte gerne die Schlacht mitverfolgt... aber die Leute haben die Spuren wohl recht gut verstecken können.“
„Stimmt, in der Stadt habe ich – zumindest auf die schnelle – keine Spuren eines Kampfes gefunden.“
Ich schüttelte noch einmal kurz den Kopf und hielt mich dann westlich, um über einen alten – nicht gerade gut gesicherten – Weg zu meinem Ziel zu gelangen.
Geländer gab es keine, nur an einigen Stellen, war ein Seil in eine Felswand eingelassen worden, an dem man sich festhalten konnte, um nicht vom dünnen Pfad abzurutschen.
Der Weg kostete mich auf diese Weise den Rest des Tages, so dass ich Skyway Tower erst im Dunklen erreichte. Der Turm selbst wirkte im fahlen Mondlicht wie eine alte, teilweise zerfallene Ruine. Hier und da lagen Steintrümmer auf dem Boden, die davon zeugten, dass Teile des Turms bereits herabgefallen waren.
Der Zugang selbst war teilweise verschüttet, die andere Hälfte wurde von einer morschen Eichentür versperrt, die aber nach einem kurzen Tritt meinerseits nachgab.
Das Innere lag in kompletter Finsternis, denn die noch stehenden Mauern waren zu hoch, als dass Mondlicht hätte eindringen können. Daher benutzte ich meinen Stab, um ein wenig Licht in die Umgebung zu bringen.
Auch hier lagen mehrere große Steine auf dem schwarzen Boden, der so ziemlich jedes auf ihn fallende Licht verschluckte.
An den Wänden waren noch einige schwache Zeichnungen zu erkennen, aber die meisten waren so sehr verblasst, dass man nicht mehr erkennen konnte, was auf ihnen dargestellt wurde.
Als ich mich im Raum umblickte, bemerkte ich in einer Ecke einen Stein, der nicht so wie die anderen heruntergefallen zu sein schien, denn er bestand aus einem ähnlichen Material, wie der Boden. Von außen wirkte er so glatt, wie poliertes Metall, aber er reflektierte kein Licht.
Neugierig näherten wir uns der merkwürdigen Formation, deren obere Kante schräg abgeschnitten zu sein schien. Auf dieser Oberfläche waren einige Symbole zu sehen, von denen einige hervorstachen – fast so, als ob man sie eindrücken könnte.
An einer anderen Stelle war eine Mulde in den Stein eingelassen worden, anscheinend, um irgendetwas aufzunehmen.
„Anscheinend doch eine Sackgasse“, äußerte ich mich schließlich und ließ meine Hand über das Pult streifen, während ich mich ein letztes Mal in dem Turm umblickte.
„Für den Rückweg ist es zu spät... Vielleicht sollten wir hier drinnen übernachten?“ Rjushas Vorschlag klang vernünftig.
„Ich würde ein Bett vorziehen, aber ich fürchte, wir haben keine andere Wahl...“
„Es ist allerdings sehr dumm, dass wir hier kein Dach über dem Kopf haben, falls es zu regnen anfängt!“
„Vielleicht können wir ja einige der Trümmer so übereinander stapeln, dass wir einen kleinen trockenen Platz haben, was meinst du?“
„Das wird auf jeden Fall ein schweres Stück Arbeit. Hast du eine Ahnung, wie viel solche Steinmassen wiegen?“
„Habe ich nicht... aber ich dachte auch nicht daran, sie mit den bloßen Händen zu bewegen. Dabei kann ich dann direkt ausprobieren, wie gut ich noch mit Telekinese umgehen kann.“
„Dann versuche es... Ich werde dich nicht dabei stören...“ Rjusha hob von meiner Schulter ab und landete auf dem Steinpodest, das wir uns vorhin etwas genauer angesehen hatten.
Unterdessen erinnerte ich mich an meine alten Lektionen auf der Akademie: Konzentriere dich auf das Objekt, das du bewegen willst, fokussiere es mit den Augen und ergreife es dann mit deinem Geist... Dann kannst du es beliebig bewegen. Gedacht, getan – Ich nahm mir einen großen Stein, den ich als Seitenwand der Behausung haben wollte, konzentrierte mich und hob ihn vorsichtig an... Zumindest versuchte ich es, aber der Stein rührte sich kein bisschen.
Ich versuchte es erneut und legte dieses Mal mehr Kraft in meine Anstrengungen, aber auch dieses Mal bewegte sich der Stein nicht.
Langsam begann ich an meinen Fähigkeiten zu zweifeln – Dabei war es doch etwas, das ich sonst ohne große Probleme tun konnte... Zugegeben, darunter war bisher nichts gewesen, das so schwer wie diese Steine war, aber Ich sollte doch in der Lage sein, den Stein richtig anzuheben?
Ich holte noch einmal tief Luft und konzentrierte mich erneut auf den Stein und dann fiel es mir auf: Ich rutschte von dem Stein ab und ergriff etwas völlig anderes: Die schwarze Platte, auf der ich stand.
Ich ließ los und versuchte es erneut, aber jedes Mal rutschte ich ab, ich bekam mein eigentliches Ziel nur für wenige Momente zu fassen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine volle Kraft in den ersten Momenten auf den Stein zu fokussieren – wenn er erstmal vom Boden angehoben worden wäre, würde es sicherlich leichter sein, den Stein direkt zu umfassen.
Ich begann mich also auf den Stein zu fokussieren und noch ehe ich mir sicher war, das ich ihn völlig umfasst hatte, legte ich alle meine Kraft in einen einzigen Impuls, um den Stein anzuheben.
Jedoch bewegte sich der Stein auch dieses Mal nicht – statt dessen begann der Boden leicht zu glühen. Mich beschlich eine leise Ahnung, was geschehen würde und ich hatte gerade noch Zeit, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend zu bekommen, bevor ich fest gegen den Boden gedrückt wurde.
Die Reise dauerte nur wenige Sekunden, bis die Plattform sanft langsamer wurde und schließlich zum stehen kam. Ein Blick nach unten jagte mir mehrere kalte Schauer über den Rücken: Durch die leicht leuchtende Plattform, auf der ich stand, konnte ich nach unten blicken... Der Kontinent, auf dem ich vor kurzem gewesen war, war nun nur noch so groß wie die Plattform, auf der ich stand: gut anderthalb Meter im Durchmesser. Wenigstens begann die Plattform nicht direkt herunter zu fallen.
„Rjusha...“ Auf einmal fiel mir auf, dass sie ja nicht mehr bei mir auf der Schulter saß. Sie lag in einer Ecke auf der Plattform und richtete sich gerade benommen auf. Merkwürdigerweise war sie noch mitgekommen, die Steine, die unten verstreut auf der Plattform lagen, allerdings nicht.
Behutsam nahm ich sie auf die Arme und leuchtete die recht dunkle Umgebung mit meinem Stab aus.
Um die Plattform herum war ein quadratischer Raum, an dessen einem Ende eine Treppe nach oben führte. Im Gegensatz zur Plattform sah der Rest des Gebildes sehr solide aus, weshalb ich mich auf die Treppe zurück zog.
Nicht mehr so frei schwebend fühlte ich mich jedenfalls um Längen besser. Schließlich bemerkte ich, dass die Umgebung – anders als der Turm unten – nicht aus Steinen sondern aus Metall bestand. Es erinnerte mich ein wenig an den Raum im Inneren der Schicksalsspitze, was in mir zum einen meinen Forscherdrang weckte und zum anderen auch ein mulmiges Gefühl bescherte.
Nach einigen Schritten begann sich der Gang zu erhellen und je weiter ich kam, desto mehr Lichter gingen an.
„Das erinnert mich an einen gewissen Turm, den wir mal besucht haben...“ Rjushas Bemerkung ließ mich ein wenig erzittern, denn der Glasturm war keine freundliche Erinnerung, auch wenn ich es letztendlich noch irgendwie überstanden hatte.
„Was glaubst du, erwartet uns dieses Mal?“
„Ich weiß es nicht... Aber vielleicht ist es zur Abwechselung ja mal ganz einfach?“
„Das kommt auf Euch an...“ Die plötzlich erklingende Stimme ließ mich zusammenzucken. „Aber kommt erstmal herein...“ Wenigstens klang die Stimme freundlich, auch wenn sie ein wenig rauchig wirkte. „Ihr habt es gleich geschafft...“
Tatsächlich waren es nur noch wenige Stufen, bevor wir einen großen Raum erreichten, wo wir von einem Zwerg mit Vollbart erwartet wurden.
„Überrascht hier oben jemanden wie mich zu sehen? Da seht ihr mal, welche Ironie mein alter Meister an den Tag gelegt hat. Aber genug davon. Willkommen auf der Orbitalstation Thor. Ich bin der Verwalter, Grifwakian Krachtinsgk oder auch Griffin für euch. Was bin ich froh, endlich mal wieder Besucher zu haben. Seit irgendjemand den Energiekristall aus der Konsole im Turm unten geklaut hat, kam niemand mehr hierher... Sagt, habt ihr ihn wiedergefunden?“
Wir schüttelten ein wenig perplex unseren Kopf, um ein Nein anzudeuten.
„Oh, schade... aber dann müsst ihr sehr kräftig sein, wenn ihr es schafft, den Mechanismus einfach so in Gang zu setzen. Aber egal, was kann ich für euch tun – braucht ihr ein Zimmer? Habt ihr Hunger? Oder wie wäre es mit ein wenig Entspannung? Wir haben alles mögliche, sogar ein friedliches Oberdeck mit perfektem Blick auf die Sterne!“
„Ich glaube, wir nehmen uns erstmal ein Zimmer... und etwas zu Essen wäre auch nicht schlecht...“ Ein wenig verwirrt blickte ich mich in der Halle um.
„Ah, kein Problem, ein Zimmer ist vorbereitet... das mit dem Essen ist allerdings so eine Sache... Das meiste ist... nunja... ein wenig grün geworden – außer die Salatpflanzen, wenn ihr versteht.“
„Etwas Obst und Gemüse tut es im Notfall auch, danke...“
„Gut, wenn ihr mir dann folgen wollt.“
Innerhalb von wenigen Sekunden setzte sich der Zwerg in einem Tempo in Bewegung, das man ihm gar nicht zugetraut hätte. Wir folgten ihm in einen Seitengang bis zu einer Tür, die sich vor uns öffnete und den Blick auf ein gemütliches Zimmer mit einem Bett, einem Fenster mit gutem Sternenblick und noch vielen anderen Annehmlichkeiten freigab.
„Ich wünsche denn wohl zu ruhen, das Essen kommt in Kürze!“ Der Zwerg verbeugte sich kurzerhand und verschwand schließlich einfach in der Luft.
„Irgendwie wirkt das alles ein wenig surreal, nicht wahr?“
„Wen stört’s? So lange wir uns hier ein wenig ausruhen können?“
„Zumindest hoffe ich, dass wir hier unser Ziel finden werden.“
„Du kannst dich ja morgen mit deinem Problem an den Zwerg wenden – Sieht so aus, als ob er richtig froh über ein wenig Gesellschaft ist.“
„Vielleicht kann er uns ja wirklich helfen... Auch wenn ich das ganze ein wenig merkwürdig finde...“ Seufzend ließ ich mich aufs Bett sinken und versank halb in der weichen Matratze, die mich einlud, sofort einzuschlafen...

Tiefe Dunkelheit umfing mich. In meinen Träumen war ich an einen Ort zurückgekehrt, der mir sehr bekannt vorkam und mich erschaudern ließ. Erneut stand ich in dem schwarzen Blut, auf dessen Oberfläche blutige Federn schwammen. Aber dieses Mal schwebte kein Engelskörper über dem geschehen sondern nur ein blutroter Mond, der sich in dem teerartigen Blut widerspiegelte.
Ich war bis zur Hüfte in dem Blut eingeschlossen und konnte mich kaum bewegen... Gemächlich sank ich tiefer, aber ich strampelte nicht... Ich wusste, dass ich sonst noch schneller einsinken würde. Schließlich sank ich nicht mehr ein, sondern ich wurde plötzlich von einer Strömung erfasst, die mich irgendwohin zog.
Ich legte einen langen Weg zurück – zumindest erschien es mir so – bis in der Ferne ein dunkler Fleck auftauchte, der knapp über dem blutigen Meer schwebte. In der Hand des dunklen Wesens blitzte eine Sense, deren Kopf ebenfalls knapp über der Oberfläche schwebte.
Urplötzlich drehte sich die Gestalt zu mir um und sah mir tief in die Augen. Innerhalb eines Augenblicks war das Gesicht eines Totenschädels nur wenige Handbreit von meinem Gesicht entfernt. In den leeren Höhlen des Schädels blitzte ein roter Punkt auf und es ertönte erneut das unheimliche Lachen, das mich schon in anderen Träumen heimgesucht hatte.
„Ich verstehe... du bist also der Schlüssel...“ Zischte das Skelett. „Versuche erst gar nicht, mir zu entkommen... Wir werden uns früher oder später wiedertreffen... und dann wirst du mir das geben, was mir zusteht...“
Ich wollte etwas erwidern doch meine Worte blieben mir im Hals stecken und im nächsten Moment holte es mit seiner Sense aus und schlug zu.


Tag des Metalls, 4. Tag des Monats Tou, Jahr 3996 n.R.


Ich erwachte unsanft neben dem Bett. Rjusha saß direkt vor meinem Gesicht und schaute mich besorgt an.
„Was ist passiert? Du hast irgendetwas gemurmelt und bist plötzlich aus dem Bett gefallen.“
„Ich habe nur schlecht geträumt...“
„Dafür hast du aber sehr lange geschlafen... Ich habe dich gestern Abend nicht mehr wach bekommen, als irgend so ein Ding hier das Essen hereinbrachte.“
„Ich war wohl zu müde...“ Etwas benommen richtete ich mich auf und rieb mir die steifen Glieder. Im Zimmer hatte sich bereits die Morgensonne breit gemacht und beschien die Reste die Rjusha vom Essen übrig gelassen hatte. Ich griff zu einer der Früchte und biss genüsslich hinein, bevor ich das Zimmer verließ, um den Zwerg aufzusuchen.
Griffin erwartete mich direkt vor der Tür, so dass ich, ohne es direkt zu merken, direkt durch ihn hindurchgelaufen war.
„Arrgh... Das passiert mir dauernd. Kann ich etwas für Euch tun, nun da Ihr erwacht seid?“
Im ersten Moment erstarrte ich vor Schrecken, aber dann war mir klar, dass auch er eigentlich nur eine Sinnestäuschung war. Keiner wäre in der Lage, so lange zu überleben – Sei er nun ein Zwerg, Elf, Mensch oder einer anderen Rasse zugehörig.
„Wir sind hierher gekommen, um ein Artefakt zu finden, das -“
„Ahhh... dann seid ihr diejenigen, auf die ich gewartet habe... folgt mir bitte.“ Der Zwerg legte erneut ein hohes Tempo vor, mit dem ich nur schwer Schritt halten konnte, ohne zu rennen. „Wie ich sehe, habt ihr schon einige andere Artefakte gesammelt... es wäre aber leichter gewesen, wenn ihr zuerst zu mir gekommen wärt.“
„Wie meint ihr das?“
„Ihr werdet gleich alles erfahren.“
Auf weitere Anfragen reagierte Griffin nicht mehr, weshalb ich ihm schließlich schweigend mehrere Gänge und Treppen nach oben folgte. Irgendwann erreichten wir das Dach des schwebenden Komplexes, wo der Zwerg endlich anhielt.
„Willkommen auf dem Dach der Welt. Dort vorne findet ihr das, weshalb ihr hergekommen seid. Jedoch bin ich nicht dazu befugt es euch einfach so zu überlassen... Obwohl ich euch dankbar bin, da ihr die ersten Gäste seit über fünfzehntausend Jahren seid.
Zumindest weiß ich, dass ihr klug, selbstlos, kräftig, einfallsreich und geschickt seid. Sonst würdet ihr nicht die Artefakte tragen, die ihr tragt. Von daher sind keine weiteren Tests meinerseits nötig... Aber...“
„Aber was? Wenn keine Tests nötig sind, was muss ich dann tun, um dieses Artefakt mitnehmen zu können?“
„Ihr müsst mir zuhören. Insgesamt fehlen euch noch vier weitere Artefakte. Ich will euch nun verraten, wo die restlichen drei zu finden sind.“
Kaum hatte Griffin den Satz zu Ende ausgesprochen, erschien vor mir ein kleines Modell des Kontinents, auf dem ich mich befand. Weit über dem Modell blinkte ein gelber Punkt.
„Ihr befindet euch hier... nun will ich euch zeigen, wo ihr noch hin müsst.“
Innerlich fiel mir ein kleiner Stein vom Herzen. Denn ich hatte Gregor nicht gefragt, wo er die drei Artefakte gefunden hatte... Andererseits wollte ich nicht zu viel Zeit mit ihm verbringen, weshalb ich sehr dankbar dafür war.
Vor mir breitete sich nun der Kontinent des Lichts aus, in dessen Mitte sich ein großer Wald ausgebreitet hatte. In dem Wald war ein kleiner See zu erkennen, der auf keiner Karte, dich ich kannte, eingezeichnet war. Schließlich waren bisher sehr wenige in das Territorium der Elfen eingedrungen, um dieses zu kartographieren. Im Süden und Westen des Waldes erhoben sich je zwei Gebirge, wovon das südliche für mich interessant zu sein schien. Mitten im Gebirge war ein Turm markiert, der – nach anderen Karten, die ich besaß – Sun Keep genannt wurde.
„Dort findet ihr ein Amulett, die dortige Wächterin wird es euch nun ohne große Probleme aushändigen. Ihr müsst nur noch dort hin reisen.“
Mit einem Handzeichen unterdrückte der Zwerg meine Erwiderung und zeigte mir die nächste Karte – dieses Mal von Asycion.
Der Kontinent der Dunkelheit war nicht viel größer, als der des Lichts, hatte aber vollkommen andere topographische Merkmale: Im Nordosten befand sich ein kleiner Wald, während sich ansonsten mehrere Gebirge auf Asycion erhoben. Eines spaltete den Kontinent sogar in zwei Hälften.
Im südöstlichsten Teil des Kontinents befand sich ein aktiver Vulkan, Heimat des Schattendrachens. Mein Ziel hier befand sich im nördlichen Gebirge, auf dem die sogenannten Blackdell-Ruinen lagen.
„Der Wächter wird euch nun die Schattenhandschuhe aushändigen, wenn ihr ihn darauf ansprecht. Aber seid vorsichtig – selbst als Illusion saugt er immer noch gerne Blut.“
Auch dieses Mal lies mir Griffin keine Zeit für Zwischenfragen, denn das Bild verschwamm erneut und gab den Blick auf Thardana frei – der Doppelkontinent, dessen andere Hälfte Mercaea war. Letzteres war der Kontinent des Metalls, wo ich bereits das Schwert erhalten hatte.
Mein Ziel lag allerdings auf Thardana – Mitten auf dem riesigen Berg des Kontinents befanden sich Ruinen, die auch auf keiner Karte verzeichnet waren.
„Dort findet ihr das letzte Artefakt, einen Gürtel... Nehmt ihn euch einfach, denn der Wächter ist schon vor langer Zeit verschwunden.“
Das Bild verschwand doch auch hier bekam ich keine Chance etwas zu erwidern.
„Wie ihr vielleicht wisst, hat jeder der Gegenstände eine besondere Eigenschaft... unter anderem der Schutz vor ihrem jeweiligen Element. Aber einige können noch mehr als das, so auch die Donnerstiefel, die ihr von mir erhaltet. Sie geben euch die Fähigkeit innerhalb von wenigen Augenblicken an jeden beliebigen Ort auf dieser Welt zu reisen. Ich habe die anderen Wächter kontaktiert und ihnen bescheid gegeben, dass Ihr kommt und sie erlösen werdet... Wenn ihr geht, nehmt bitte auch hier den Energiekristall an euch, so dass auch ich in Frieden ruhen kann.“
„Aber was wird dann aus all dem hier?“
„Keine Sorge, es wird in einen Ozean stürzen und dort untergehen... Bitte beeilt euch, denn sonst wird etwas Schreckliches geschehen.“
„Aber was genau wird geschehen?“
„Das System ist nun seid fast viertausend Jahren ohne Verwalter... ohne Stütze... Es ist kurz davor zusammen zu brechen... Ihr seid die einzige, die etwas dagegen tun kann. Daher beeilt euch, bevor der Schutzwall um die Schicksalsspitze einbricht und die dunklen Energien die Welt verschlucken.“
Ich nickte mit einem mulmigen Gefühl und lief zu dem Podest, auf dem die besagten Stiefel lagen.
Kurz bevor ich die Stiefel berührte, machten auch diese sich selbständig und waren innerhalb eines Augenblicks an meinen Füßen. Das Podest war nun – bis auf einen schwach leuchtenden Kristall leer.
„Denkt einfach an den Ort, an den ihr reisen wollt, und die Stiefel werden euch dort hin bringen... Bitte nehmt vorher noch den Kristall dort mit.“
Ich lächelte Griffin ein wenig wehleidig an – irgendwie war mir der Zwerg sympathisch geworden und dennoch erfüllte ich seine Bitte: Ich griff den Kristall und zog ihn aus dem Podest.
Griffin verschwand mit einem schwachen Lächeln und flüsterte ein letztes „Danke.“
Es dauerte nicht lange, bis ich die Auswirkungen meiner Tat bemerkte: Ich spürte, wie die anfängliche Schwerkraft ein wenig nachließ und der Boden anfing zu kippen. Ich verblieb noch einige Momente vor Ort, bevor ich Rjusha fest an mich drückte und mir das nächste Ziel meiner Reise vorstellte.
Die Reise war ein kurzer Rausch, eine Farbenpracht, die einem beinahe den Verstand raubte und noch ehe man begriff, was geschah, war die Sensation der Reise vorbei.
Ich stand im Dunkeln und sah in der Ferne ein kaltes leicht bläuliches Glühen. Vorsichtig schritt ich auf das unheimliche Gebilde zu, bevor mich ein leuchtender Geist begrüßte.
Der Geist deutete mir an ihm zu folgen und flog dann auf das unheimliche Gebilde zu. Neben zwei Handschuhen schwebte ein kleiner Kristall, der das unheimliche Licht aussendete. Ich wusste, was der Geist von mir wollte und griff nach den Handschuhen, die sich geschmeidig um meine Hände legten und entfernte schließlich den Kristall von seinem angestammten Platz.
Der Geist löste sich auf und mit ihm das letzte Licht, das diesen Ort erleuchtet hatte.
Wenige Augenblicke später stand ich im schwachen Licht der Sonne, irgendwo in der Ruine, die als Sun Keep bekannt war. Eine in schwarze Kleider gehüllte Person begrüßte mich, indem sie ein leises „Willkommen“ zischte. Dann führte sie mich zu dem Amulett, das wenige Schritte entfernt um den Hals einer Statue geschlungen war. Ich nahm das Amulett an mich und nahm auch den Kristall, der sich in der linken Hand der Statue befand.
Es dauerte nicht lange, bis ich an dem Ort war, wo sich das letzte Artefakt befinden sollte: Inmitten des Berges auf Thardana, in dessen Inneren ein schwach rötliches Glühen vorherrschte.
Ich stand am oberen Ende einer Treppe, die tiefer in den Berg hineinführte und von zwei grimmigen Drachenköpfen bewacht wurde.
Ich schluckte jegliche Zweifel hinunter und stieg dann die Treppe hinab, die mich in einen großen runden Saal führte, der außen von mehreren Drachenstatuen geschmückt war. In der Mitte lagen mehrere Trümmer eines riesigen Drachenkopfes verstreut am Boden, ein Podest war umgekippt und in der Ecke lag ein zerbrochener Kristall. Nun wusste ich, warum der Wächter dieser Ruine schon länger verschwunden war.
Ich blickte mich um und sah schließlich auch nach oben, wo ein Drachenkörper förmlich aus der Decke zu springen schien. Der Kopf war heruntergefallen und in tausend Stücke zerbrochen. Ansonsten wurde die Decke noch von einigen Ornamenten, Zeichnungen und schließlich sogar von Rissen geschmückt, die zweifelsohne von einigen Erdbeben in diese Kammer gerissen worden waren.
Irgendwann fiel mein Blick auch endlich auf das, weshalb ich gekommen war: Der Gürtel, den ich suchte, befand sich in einer noch intakten Klaue des Drachens an der Decke.
Ich musste Rjusha losschicken, um mir den Gürtel zu holen, da ich keine Möglichkeit hatte, bis zu der Klaue empor zu fliegen oder zu schweben.
Als Rjusha mir den Gürtel schließlich übergab, legte sich dieser unter dem Tuch perfekt um meine Taille. Rjusha spuckte unterdessen in die Ecke, weil sie den Geschmack des Leders überhaupt nicht mochte.
Seufzend blickte ich mich noch einige Male um und streichelte Rjusha gedankenverloren über den Kopf. Nun war es also soweit – Ich musste nun zur Schicksalsspitze reisen und meine Aufgabe erfüllen und damit ich dies konnte, musste ich von Rjusha vorerst Abschied nehmen. Zidawar hatte schließlich Recht gehabt, dass jemand auf die Idee kommen könnte, ihre Sicherheit aufs Spiel zu setzen, nur damit er gegen mich gewinnen konnte.
Aber es fiel mir schwer, ihr einfach so Lebewohl zu sagen – Ich wusste nicht, ob ich die kommenden Kämpfe überleben würde oder nicht. Eine lange Zeit stand ich schweigend in der Kammer mit Rjusha auf meiner Schulter. Sie wusste sehr gut, was in mir vorging und ließ mir viel Zeit, bevor sie sich selbst von mir verabschiedete.
„Ich habe Vertrauen in dich. Du wirst am Ende triumphieren und wir werden uns noch ein letztes Mal wiedersehen... Ich glaube fest daran...“

Erst einige Stunden, nachdem Rjusha sich in Sicherheit befand, reiste ich schließlich ab, um zu den Destanis-Ruinen auf Xanacea zu gelangen... Dorthin, wo mein letzter Kampf stattfinden und sich das Schicksal dieser Welt entscheiden würde.