Kapitel 24 ~ Rückkehr

Tag des Lichtes, 5. Tag des Monats Tou, Jahr 3996 n.R.

Die Vegetation rund um die Destanis-Ruinen wurde im warmen Licht der ersten Sonnenstrahlen erhellt. Die Luft roch frisch, wie nach einem Regenguss. Alles in allem ein idyllischer Anblick, wären da nicht die dunklen Wolken gewesen, welche die Schicksalsspitze verdeckten.
„Es wird Zeit...“ bemerkte Merlin, der ebenfalls besorgt den Himmel musterte.
„Ich weiß...“ Man hatte es mir schließlich oft genug gesagt, auch wenn dieser Anblick mir ein mulmiges Gefühl gab. Gemächlich schritt ich auf den Eingang zu den Ruinen zu, wurde aber durch den Ruf einer unerwarteten Stimme davon abgehalten.
„Arche! Ich habe auf dich gewartet, habe gehofft, dass du auftauchst!“ Die Stimme bekam mir sehr bekannt vor und ließ mich sofort erstarren.
„Richard“ presste ich förmlich durch meine Lippen. Aufmerksam blickte ich mich um, bis ich schließlich sah, wie er aus einigen der umliegenden Büschen herausgeklettert kam. Er hatte sich stark verändert: Inzwischen trug er einen Vollbart, seine sonst sehr elegante Kleidung wirkte verwahrlost und in seinen Augen spiegelte sich eine tiefe Sorge wider. Er wirkte anders, als der Richard, der mich auf dem Glasturm hatte töten wollen.
„Es tut mit leid... Das auf dem Glasturm war nicht ich... Es war irgendetwas, das von mir Besitz ergriffen hatte...“ Er stammelte die Worte bloß und sah sich immer wieder verstohlen um. „Ich bin gekommen, um dich zu warnen und um deine Hilfe zu erbitten... Aber vielleicht sollten wir das an einem anderen Ort besprechen...“
„Ich denke, du kannst mir all das, was du mir zu sagen hast, auch hier und jetzt sagen. Ich habe keine Zeit mehr, also beeile dich!“ Ich traute ihm nicht so ganz – schließlich konnte er jederzeit wieder ausflippen und mich töten wollen, gerade weil er ja auch ein Siegel trug.
„Nun... Es geht um einen Rivalen von uns beiden: Gregor Jones. Er ist inzwischen im Besitz von vier Siegeln und mir somit haushoch überlegen... Außerdem scheint er noch irgendwelche anderen außergewöhnlichen Kräfte zu besitzen... Ich kann ihn nicht alleine besiegen! Aber ich muss ihn besiegen, ich habe ein Ziel zu erfüllen, eine Aufgabe... Ich muss zu ihr zurückkehren... Sie wartet auf mich...“
Irgendwie bekam ich den Eindruck, dass Richard ein wenig paranoid geworden sei, dass irgendetwas seinen Verstand geraubt hatte.
„Er hat durchaus Recht mit dem, was er behauptet!“ Die nun erklingende Stimme ließ Richard sichtbar zusammenzucken, aber auch mich machte die Ankunft dieser Person nervös. „Ehrlich gesagt bin ich auch etwas überrascht, euch beide hier zu sehen, gerade nach dem ihr vorsätzlich das falsche Schiff bestiegen habt, Arche.“
Gregors Worte schienen Richard einen weiteren Stich zu versetzen. Er wich einige Schritte in das Gebüsch zurück, aus dem er aufgetaucht war.
„Ich fürchte, ihr habt bei der falschen Person um Hilfe gebeten, mein alter Freund. Arche und Ich sind eine Partnerschaft eingegangen und sie wird garantiert ihren Teil der Abmachung einhalten, nicht wahr?“ Gregor schritt aus dem Schatten des Urwalds hinter ihm hinaus ins Licht und stellte sich neben mich, während er Richard mit einem breiten Grinsen fixierte.
„D... das ist nicht wahr... Das kann... das darf einfach nicht wahr sein... Du lügst!“
„Oh, aber überhaupt nicht, mein Freund. Du kannst sie gerne selber fragen...“
Richard blickte mich fragend an, ein Funken Hoffnung lag in seinem Gesichtsausdruck, aber dieser erstarb als ich Gregors Aussage bestätigte.
„So ist das Leben, alter Freund... voller Überraschungen. Wenn ihr zwei mich nun bitte entschuldigen würdet, ich gehe schon mal vor, denn ich werde erwartet. Ich gehe mal davon aus, dass ihr das hier zügig und sauber regeln werdet, nicht wahr, Miss Silver?“
Meine Antwort war nur ein schiefes Lächeln, das Gregor aber anscheinend genügte, denn er setzte sich wieder in Bewegung und ging an mir und Richard vorbei auf den Eingang der Ruine zu. Gregor winkte nochmal spöttisch, bevor er im Dunkel des Gangs verschwand.
Es verging eine lange Zeit, bevor Richard die Stille zwischen uns beiden brach. „Wieso?“ brachte er heiser hervor.
„Ich hatte keine Wahl... Du verstehst es vielleicht nicht, aber ich hatte triftige Gründe mich mit jemandem zu verbünden, der überall großen Einfluss hat. Außerdem warst du derjenige, der mich in dieses... Spiel... hineingezogen hat.“
„Ich hatte nicht beabsichtigt, das du das Siegel bekamst!“
„Stimmt, wenn es nach dir gegangen wäre, würde ich nun schon lange tot im Glasturm liegen und du stündest hier!“
„Nein... Ich hatte nie vor, dich zu töten. Der Grund weshalb ich so... ausgerastet bin ist Gregor. Ich stand damals unter einem Fluch, den ich erst später brechen konnte. Leider war es zu spät um jemanden zu retten, der mir sehr nahe stand.“
„Das soll ich dir nun glauben?“
„Ich erwarte nicht von dir, das du mir glaubst. Ich hoffe nur, das du mir hilfst.“ Seufzend erhob sich Richard wieder und ging einige Schritte auf mich zu. „Um mit Gregor fertig zu werden, müssen wir unsere Kräfte vereinen... Also entweder bekomme ich deine oder du meine.“
„Wobei es dir wahrscheinlich lieber wäre, wenn ich dir meine abtrete, nicht wahr?“
Richard antwortete nicht, aber ich spürte... wusste das ich recht hatte. Er war entschlossen, denn er kämpfte für etwas – oder jemanden – der ihm wichtiger war als alles andere. Diesmal hatte ich keine Angst vor ihm, denn nun konnte ich ihn respektieren, seinen Wunsch nachvollziehen.
„Ich fürchte, dass ich dir nicht einfach das geben kann, worum du mich bittest. Ich habe auch etwas, für das ich kämpfe und ich lasse mich weder von dir noch von Gregor aufhalten.“
„Das freut mich... Wenn du gewinnst hoffe ich daher, das du mir einen Gefallen tun wirst.“
„Kommt ganz darauf an, um was du mich bittest.“ Ich schnallte das Lederband ab, das die Scheide mit der Weltenklinge auf meinem Rücken festhielt, welche daraufhin scheppernd zu Boden fiel.
„Das wirst du vielleicht nie erfahren“ antwortete Richard, der kurz darauf auf mich zugestürmt kam. Ich konnte einigen seiner Hiebe geschickt ausweichen, während mich andere streiften und kleine Wunden hinterließen. Letztendlich gelang es mir Richard mit einem Feuerstoß in seine Schranken zu verweisen und den Angriff abzubrechen. Erst jetzt konnte ich sehen, das er mich mit Dolchen aus Eis angegriffen hatte.
„Du bist seid unserem letzten Treffen stärker geworden... aber dieses Mal habe ich Mittel und Wege mich gegen dein Feuer zu schützen.“ Mit einem frechen Grinsen im Gesicht ließ Richard die Dolche fallen, die daraufhin in kleine Stücke zersplitterten. Er musterte mich einige Augenblicke lang und ließ ein Schwert aus Eis in seinen Händen erscheinen. Ich rief Firences Kräfte und ließ ein Feuerschwert erscheinen.
Wir umkreisten uns einige Male, immer auf der Suche nach einer Unaufmerksamkeit des anderen, die einem die Chance gab anzugreifen und einen guten Hieb zu landen. Der Schrei eines Vogels gab Richard diese Chance, da ich für einen Moment nach der Quelle des merkwürdigen Geräusches Ausschau hielt. Ich sah nur noch in den Augenwinkeln die angreifende eisige Klinge. Ich riss im letzten Moment mein Schwert hoch, um den Angriff abzufangen. Mir gelang es den Angriff abzuwehren, was Richard in seiner Balance störte – denn unsere Klingen neutralisierten sich an der Stelle, an der sie aufeinander trafen.
Einen Moment lang blickten wir beide auf die kurzen übrig gebliebenen Stummel, die daraufhin wieder zur vollen Größe anwuchsen.
Der weitere Kampf hatte bei jedem Hieb die gleichen Auswirkungen, weshalb dieser Schlagabtausch nicht lange dauerte, da wir uns beide nicht an das Verhalten der Schwerter gewöhnen konnten.
Schwer atmend ließen wir die Schwerter verschwinden und verschnauften einige Augenblicke.
„Genau deshalb kämpfen Magier normalerweise nie mit solchen Waffen“ kommentierte Richard das vergangene Geplänkel. „Es wird Zeit, dass wir mit dem richtigen Kampf anfangen... Nicht wahr?“
Richards Ansage den Kampf auf die nächste Stufe zu heben folgte seine erste Tat: Er zerfiel einfach wie ein riesiger Regentropfen, der den Boden erreicht.
Da er nun die Form eines Wasserelementars gewählt hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als ebenfalls in die Form eines Elementars zu wechseln. Nun musste ich darauf warten, das sich Richard wieder in irgendeiner Form zeigen würde, denn ich wusste nicht, was er vorhatte.
Als ich bemerkte, was Richard geplant hatte, war es schon zu spät: Das Wasser, das in Pfützen auf den Steinplatten stand oder zwischen diese gesickert war, begann zu frieren. An einigen Stellen platze der Boden durch die innere Kraft des Eises, das die Steine auseinander drückte.
Innerhalb von Sekunden stand ich in einer Eiswüste und erst jetzt erschien Richard wieder vor mir: Er hatte die Gestalt einer Eisskulptur, die allerdings langsam um mich herum schritt und abschätzte, was mit mir los sein könnte.
„Ich bin erstaunt, das dir diese Kälte nichts ausmacht, du scheinst besser zu sein, als ich dachte...“
„Ich habe schon schlimmeres erlebt, als das hier... Sag, was hast du nun vor... willst du Eisbären auf mich hetzen?“
„Warum eigentlich nicht?“
Noch ehe ich mich fragen konnte, was Richard genau gemeint hatte, musste ich feststellen, das er meine Bemerkung über Eisbären sehr wörtlich genommen hatte: Bären aus Eis schlichen auf mich zu, auf der Suche nach Beute, die sie vielleicht reißen könnten. Ich schluckte schnell einen Kloß hinunter, spannte einen Bogen aus Feuer und schoss mehrere Pfeile auf die Ungetüme ab, aber die brennenden Geschosse erreichten ihr Ziel nicht.
Jetzt dämmerte es mir langsam: Eigentlich sollte ich nicht dazu in der Lage sein, meine Elementargestalt beizubehalten, es sei denn, da gab es etwas, das mich vor der bitteren Kälte schützte. Innerlich küsste ich das Armband, das von Aquene stammte, während ich einigen Angriffen der Bären auswich.
Nun musste ich den Spieß umdrehen, Richard in seine normale Gestalt zurückdrängen und diesen Kampf beenden. Mithilfe des Zeitgeistes konnte ich genug Zeit aufbringen, um zweimal denselben Zauber zu aktivieren: Einmal, um Richards Eishölle aufzuheben und ein zweites mal, um den Ort in ein richtiges Abbild der Hölle zu verwandeln.
Es brauchte noch einige Momente, in denen ich bereits anfing, die Anstrengung dieses Kampfes zu spüren, bis das Eis um mich herum schließlich zu schmelzen begann.
„Wie hast du?“ Richard stockte, als er merkte, wie seine Eisbären schmolzen, aber auch er begann wieder eine flüssige Gestalt anzunehmen. „Du hast also auch mehr als einen Geist... Dann kann das ganze ja noch richtig interessant werden!“
Im nächsten Moment hob Richard einen seiner Arme und irgend ein Licht blendete mich.
„Dann lass mal sehen, ob dein zweites Element gut genug ist, um es mit meinem aufnehmen zu können!“

Urplötzlich schreckte sie hoch. Irgendein Geräusch hatte sie aus ihrem schwachen Schlaf geweckt. Es dauerte einige Momente, bis sie realisierte, wo sie im Moment war.
Der Raum, in dem sie sich befand war in ein sanftes Licht getaucht, hell genug, um noch alle Einzelheiten im Raum erkennen zu können und dunkel genug um schlafen zu können. Sie hatte den Raum im unterirdischen Labyrinth auf dem Weg nach draußen entdeckt. Sie hatte nur wenige Stunden am Ausgang verharrt, nach dem sie dort aufgewacht war. Dann hatte sie beschlossen, irgendwo anders zu warten – an einem Ort an dem es wärmer und gemütlicher war, als in diesem Gang auf den kalten Steinen. Auf dem Rückweg hatte sie dann wohl irgendwo eine falsche Abzweigung genommen oder sie hatte diesen Raum auf dem Hinweg einfach übersehen – auf jeden Fall hatte sie sich vom schwachen Licht in diesen Raum leiten lassen, der alles nötige für einen längeren Aufenthalt bot:
Ein gemütliches Bett, eine Dusche mit warmem Wasser – man musste nur an komischen Knöpfen drehen – und sogar eine Vorratskammer mit vielen köstlichen Kleinigkeiten, die sich nach jedem Griff sogar nachzufüllen schienen. Grob gesagt fand sich dort unten ein kleines Paradies, denn in einer Nische fand Patricia sogar Kleidung nach ihrem Geschmack, so dass sie nicht die ganze Zeit in den selben Klamotten stecken musste... um genau zu sein hing ihre normale Kleidung gerade in dem Raum mit der Dusche, um zu trocknen – sie hatte diese gegen eine Hose und ein gut sitzendes Hemd in hellblauer Farbe getauscht.
Sie hüpfte aus einem der fünf Betten, die dort unten standen, zog sich ihre Stiefel an und nahm ihre Waffen zur Hand, dann schlich sie leise durch ein unsichtbares Kraftfeld, das die Wärme des Raumes vom Rest des Labyrinths abschirmte. Sie unterdrückte den Impuls zu zittern und schlich weiter, ihre Ohren und anderen Sinne bis aufs Äußerste angespannt, um herauszufinden, wer der eventuelle Eindringling sein könnte.
Ein paar Gänge weiter hörte sie dann wieder das Geräusch, das sie aus ihrem Schlaf geweckt hatte: Schritte. Irgendwer hatte sich in die Ruinen verirrt, irgendwer, der nun ihr Gegner sein würde.
Ihr war klar, dass es nun um alles ging – Ihr Leben stand auf dem Spiel und nicht nur ihres.
Vorsichtig schlich sie weiter, darauf bedacht, dass sie möglichst nicht entdeckt werden und somit ihren Vorteil – das Überraschungsmoment – nicht verlieren würde.
Es dauerte eine Weile, bis sie ihrem Opfer näher kommen konnte, ohne bemerkt zu werden, denn der Fremde hatte sich dem Ausgang genähert und das immer noch anhaltende Donnern, des dort herrschenden Gewitters übertönte ihre Schritte.
Sie schlich den Gang entlang, die Treppe empor und konnte nun die in schwarz gekleidete Gestalt erkennen, welche mitten im Gewitter stand und die Arme ausgebreitet hatte, als ob sie den unnatürlichen Regen willkommen heißen würde.
Patricia schluckte ihre Zweifel und Unsicherheit herunter und griff an. Sie hob ihren Speer und rannte in dem Augenblick, als ein Blitz einschlug los. Die Sekunden zogen sich zu Minuten, jeder Schritt dauerte eine Ewigkeit, bis sie hinter der Person stand und zustach...
Aber ihr Angriff verfehlte das Opfer, denn dieses wich im letzten Moment dem tödlichen Hieb aus und hielt die Speerspitze an der Klinge fest, so als sei es kein scharfkantiges Mordwerkzeug sondern nur ein zu groß geratener Zahnstocher.
„Ah, Prinzessin Luanis... Schön euch endlich kennen zulernen. Nach eurem Sieg über meine Abgesandte, wollte ich euch unbedingt treffen, aber leider ist es uns bis jetzt nicht vergönnt gewesen... und dann muss es auch noch unter so unschönen Bedingungen bei diesem garstigen Wetter geschehen.“
Mit einem Mal war Patricias Geist umnebelt – Ihr präzise geplantes Vorgehen war dahin. Jegliche Vorsicht war verloren... Wut stieg in ihr hoch. Er war für den Tod ihrer Eltern verantwortlich. Er war derjenige, der hinter allem steckte. Er würde dafür bezahlen... Jetzt sofort!
Mit einem kräftigen Ruck löste sie Trifox aus der Hand ihres Gegners, in der kurzzeitig rote Linien zurückblieben, die vom Regen weg gespült wurden.
„Ihr wollt euch also nicht noch eine Weile mit mir unterhalten? Meinetwegen, wir haben nicht viel Zeit und je eher du stirbst, desto früher kann ich mich auf das Eintreffen des letzten Quaseir vorbereiten... Ich hoffe du hast nichts dagegen, wenn ich direkt mit allem Angreife, was ich habe!“
Patricia blieb keine Zeit, um irgendetwas zu erwidern – Die Gestalt des Fremden veränderte sich, wurde zum Abbild eines grotesken Tieres... Ein riesiger schwarzer Wolf, Klauen die golden blitzten und dunkle Augen, so dunkel wie Pech.
Sie schauderte. Hatte sie überhaupt eine Chance gegen dieses skrupellose Ungetüm? Jedenfalls hatte sie keine andere Wahl, sie musste kämpfen und ebenfalls all ihre Kräfte mobilisieren...

Als das blendende Licht endlich nachließ stand neben Richard plötzlich ein Geschöpf, dass so atemberaubend schön und rein war, das es mir fast den Verstand raubte: Ein Engel. Ihre Flügel waren weit ausgebreitet, als wolle sie sich nach einem langen Schlaf strecken. Das Geschöpf selber sah aus wie ein zwölfjähriges Mädchen, gehüllt in weiße Kleidung, die langen blonden Strähnen glänzten wie ein goldener Wasserfall, der den jungen Körper entlang zu Boden floss und in Hüfthöhe sein Ende fand.
Ihre großen und klaren blauen Augen blickten mich wissend an, bevor sie sich schweigend daran machte, einen Zauber zu wirken.
Richard nutzte die Gelegenheit um mich von zwei Seiten anzugreifen und schien nun ebenfalls einen neuen Zauber zu wirken.
„Ich sehe, dass es dir sehr ernst ist... Daher tut mir sehr Leid, was ich als nächstes tun muss.“ Ich sprach die Worte gerade so laut, dass Richard sie verstehen konnte. Irgendwie war es ziemlich schwer für mich die nächsten Schritte zu gehen, aber mir blieb keine andere Wahl: Ich musste das alles beenden.
Ohne auf eine Antwort von Richard zu warten rief ich Merlins Kraft und stoppte die Zeit – ein Effekt der sich unmerklich schnell von mir ausdehnte und jegliche Bewegungen einfror. Einzig das Licht blieb völlig unbeeindruckt, was ich durch einen stechenden Schmerz merkte, als mich ein kräftiger Lichtstrahl in der Seite traf. Ich wusste nicht, wieso ich den Schmerz spürte, vielleicht war der Zauber einfach zu stark, um vollständig von meinem Amulett absorbiert zu werden, vielleicht lag es aber auch daran, das es in Wechselwirkung mit der angehaltenen Zeit nicht funktionierte.
Der von Richard gerufene Engel konnte sich jedenfalls noch bewegen, und versperrte mir nun den Weg, als ich auf Richard zugehen wollte. Noch ehe ich genau wusste, was ich gegen dieses Problem tun konnte, drehte sich der Engel erschrocken zu Richard um.
Urplötzlich lief die Zeit normal weiter und Richard sank geschwächt auf die Knie, erstochen von... mir selbst. Als ich mir selbst in die Augen sah, erkannte ich, was ich nun zu tun hatte – Ich wechselte mit meinem anderen ich den Platz und nutzte die Kräfte des Zeitgeistes, um wenige Sekunden in der Zeit zurückzukehren und so hinter Richard zu erscheinen, der gerade in der Zeit eingefroren war. Ich zögerte einen Moment, zog aber dennoch den Dolch, den ich im Gürtel trug, und stieß zu...
Als mein vorheriges Ich also in der Zeit verschwand, beugte ich mich vorsichtig zu Richard hinab, der inzwischen am ganzen Körper zitterte. Der schweigende Engel sah traurig zwischen uns beiden hin und her, bevor er in einer kleinen Explosion in viele kleine leuchtende Teilchen zerfiel, die sich kurz darauf auflösten.
„Verzeih mir...“ flüsterte ich dem Sterbenden zu.
Richard rang sich ein müdes Lächeln ab. „Eigentlich bin ich derjenige, der dich um Verzeihung bitten müsste... Ich denke mal wir sind Quitt.“ Richard holte tief Luft und hustete mehrmals, bevor er fortfuhr: „Bitte kümmere dich um Azalyn... Mira wird dir alles erzählen...“
Gerade als ich vorsichtig nickte, begann Richards Körper sich aufzulösen, während zwei blitzartige Linien auf mich übersprangen. Es dauerte einige Augenblicke, bis ich realisiert hatte, dass es sich um die zwei Geister handelte, die Richard besessen hatte.
Im nächsten Augenblick brach eine Flut von Erinnerungen über mich herein: Richards Erinnerungen... Bilder von einem Baby, das er in den Armen hielt, wie er später das Mädchen wieder sah und mit ihr spielte... Weitere Bilder über den Moment, an dem er realisierte, was ihr Schicksal war... wie er versuchte dieses abzuwenden und scheiterte... und letztendlich saß ich alleine vor der Ruine, mit Tränen in den Augen, während sich in mir ein leeres Gefühl breit machte. War ich wirklich dazu berechtigt das zu tun, was ich tat? Wären andere nicht eventuell besser geeignet gewesen, diesen Kreislauf zu beenden? Ich blieb eine lange, lange Zeit ratlos und traurig vor den Ruinen sitzen und begab mich erst im Schein des Mondes ins Innere...

Was sie auch tat, sie kam nicht gegen dieses Biest an. All ihre Attacken waren bisher fruchtlos gewesen und inzwischen spürte sie, wie sie allmählich schwächer wurde – im Gegensatz zu ihrem Gegner.
Sie stand einige Meter von dem schwarzen Biest entfernt, das gegen ihre Blitzattacken immun zu sein schien und sich auch von irgendwelchen naturbasierten Zaubern nicht beeindrucken ließ. Schwer atmend überlegte sie, was sie als nächstes tun könnte, denn auch wenn sie dieses Ungetüm mit ihrem Speer angreifen und zurückdrängen konnte, so nutzte es ihr überhaupt nichts, wenn sie keine Kraft mehr hatte... Aber vielleicht... Vielleicht würde es ja etwas bringen, wenn sie versuchte Trifox mit aller Wucht in den Körper des Feindes zu Rammen. Bisher hatte sie ihn nur streifen und verletzen können, aber wenn sie ihren Angriff richtig abstimmte, den passenden Zeitpunkt fand... Zumindest würde diese Attacke den Kampf entscheiden – den wenn sie traf, überlebte sie, ansonsten würde sie es wahrscheinlich nicht überleben... Aber da sie keine andere Wahl hatte.
Sie ging erneut in Angriffsposition, eine Aktion die ihren Gegner zu amüsieren schien, aber das störte sie weniger. Sie nahm all ihre Kräfte zusammen, holte nochmals tief Luft und stürmte förmlich – Angetrieben durch ihre eigenen Beine und einem starken Wind hinter ihr – auf das schwarze Tier zu, sie senkte den Speer und dann gab es einen starken Ruck und sie verlor das Bewusstsein...