Teil 6:
~ Rückkehr ins Nichts ~
Kapitel 25 ~ Finale

Vollkommen erschöpft betrat ich im Dunkeln erneut das Innere der Destanis-Ruinen. Ich schleppte mich einige Meter vorwärts, bevor ich merkte, dass sich das Erscheinungsbild der Ruinen geändert hatte. Firence oder auch einer der anderen Geister, die ich nun mit mir herum schleppte, tauchten nicht neben mir auf. Meine Umgebung blieb kalt und alles in mir schrie danach, erst einmal umzukehren und mich auszuruhen. Aber aus irgendeinem unbekannten Grund konnte ich nicht zurück. So schleppte ich mich durch das Zwielicht weiter nach vorne, eine kurze Treppe hinab... Die Treppe hatte ich länger in Erinnerung... Ich ging dennoch vorsichtig weiter, bis ich zur nächsten Merkwürdigkeit kam: Der Gang teilte sich auf – Es war so, als sei ich nicht in derselben Ruine, in der ich vor einiger Zeit schon war!
Seufzend ließ ich mich an einer Wand hinab und rief meine Geister zusammen, von denen nur Firence neben mir erschien.
„Wir haben uns gedacht, dass es so nicht so anstrengend für dich ist“, kommentierte er sein alleiniges erscheinen mit einem sanften Ton.
„Danke...“ Ich lächelte ihn einige Momente lang an, genoss erneut die Ruhe, auch wenn mir die Kälte meine letzte Kraft zu entziehen schien. „Sind wir wirklich in derselben Ruine wie vorher oder haben wir uns irgendwo verlaufen?“
Die Frage brachte Firence ins Grübeln. Er sah sich mehrmals in den Gängen um, bis er antwortete. „Anscheinend ändert sich der Zweck der Ruinen, sobald alle erwacht sind... Daher könnte ich mir auch vorstellen, dass sich hier drin einige Wege ändern, so dass wir nun zur Spitze des Berges vordringen können. Damals gab es ja keinen Weg weiter hinein, nach der einen Kammer...“
Erneut versetzte mich diese Ruine in tiefes Staunen, denn wenn das stimmte, was Firence vorschlug, musste hinter dem Ganzen entweder eine starke Magie oder eine ausgeklügelte Mechanik stecken... oder sogar beides. Was mich daran aber am meisten erstaunte, war die Tatsache, dass es so viele tausend Jahre lang tadellos funktioniert hatte. Aber andererseits war dies der Ort an dem „Götter“ geboren wurden, warum sollte es also nicht so sein?
Mühsam kämpfte ich mich wieder auf die Beine, um weiterzugehen, auch wenn Firence davon abriet. „Wenn du auf Gregor triffst, wird er deinen Zustand gnadenlos ausnutzen!“
Ich wusste, dass er Recht hatte, aber irgendetwas zog mich weiter in das Labyrinth hinein... Eine Abzweigung nach rechts, mehrere Gänge später nach links und noch einige andere Gänge später erreichte ich einen Ort, an dem mir warmes Licht entgegen strahlte.
Vorsichtig folgte ich dem Licht in eine warme Kammer, in der sich ein weiches Bett befand – ohne groß nachzudenken schlich ich auf das Bett zu und verkroch mich unter der Bettdecke, wo ich innerhalb kürzester Zeit einschlief...


Tag der Zeit, 6. Tag des Monats Tou, Jahr 3996 n.R.

Ich erwachte irgendwann später und fühlte mich wie neugeboren und dennoch wagte ich es für eine lange Zeit nicht aufzustehen. Ich hatte Angst – Angst, dass dieses Gefühl nun vorbeigehen und nie wiederkehren würde. Aber ich wusste, dass ich meinem Schicksal – dem, was vor mir lag – nicht aus dem Weg gehen konnte. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend stand ich schließlich auf, überprüfte ein letztes Mal, ob auch alle Artefakte an ihrem Ort waren und machte mich schließlich auf den Weg.
Auch dieses Mal hatte ich das Gefühl, als würde mich eine unsichtbare Hand führen: Ich wusste nicht, warum ich genau in diesen Gang abbog, aber ich ging, da es sich richtig anfühlte und irgendwann erreichte ich schließlich eine Treppe, die nach oben führte.
Ich stieg die Treppe langsam empor und erreichte die Spitze des Berges. Alle Wege waren in einen zwielichtigen Schimmer gehüllt, während die Gegend immer wieder von Blitzen erhellt wurde.
Normalerweise hätte ich nun keinen einzigen Fuß vor die Höhle gesetzt, aber irgendetwas zog mich vorwärts. Ich stieg den Weg empor, den schon andere vor mir gegangen waren: eine in den Fels gehauene Treppe, vorbei an kahlen Felsen, die feucht schimmerten. Nach einigen Schritten kam ein weißer Turm in Sicht, von dem einzelne Blitze gen Himmel schossen und über dem die dunklen Wolken am dichtesten zu sein schienen. Einige Schritte vor dem Turm konnte ich Gregor sehen, der am Turm empor nach oben schaute und irgendwie sehnsüchtig wirkte.
Als ich einige Schritte näher kam, drehte er sich zu mir um, ein manisches Lächeln auf den Lippen. „Hier und heute wird es enden, nicht wahr Arche? Einer von uns wird das Antlitz dieser Welt für immer verändern...“
Irgendetwas an ihm oder an seinem Ausspruch ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
„Dann auf einen fairen Kampf“, antwortete ich – woraufhin Gregor in schallendes Gelächter ausbrach.
„Fair? Ihr nennt es fair, wenn Ihr mit gerade mal vier Geistern gegen mich antretet?“ Er lachte erneut auf und drehte sich schließlich zu mir um. „Gut, wenn Ihr mit all euren Waffen und Kleinoden da kämpfen wollt, dann könntet Ihr vielleicht wirklich recht haben... aber ich habe eher das Gefühl, dass sie Euch behindern, anstatt Euch zu helfen.“
Er ging einige Schritte auf mich zu und schüttelte kurz den Kopf.
„Wenn Ihr wollt, könnt Ihr noch einige Sachen ablegen... Ich würde sogar warten, bis Ihr alle abgelegt habt...“
Ich wollte gerade die Weltenklinge ablegen und auch das Zepter, sowie einige andere Dinge, die mich in dem Moment störten, aber aus irgendeinem inneren Impuls heraus ließ ich es bleiben. Stattdessen steckte ich das Zepter irgendwo in die Nähe des Schwertes auf meinem Rücken und zog die Weltenklinge aus ihrer notdürftigen Halterung.
Das riesige Schwert lag schwer in meinen Händen und ich hatte Mühe, die große Klinge gerade hoch zu halten.
„Ah, unbelehrbar, wie mir scheint... Genauso wie die kleine Prinzessin, die noch hier war... wollte einfach nicht aufgeben, dabei wäre ihr sonst ein schmerzhafter Kampf erspart geblieben... Na gut, dann lasst uns beginnen!“
Die nächsten Augenblicke machten mir gehörig Angst: Gregors Haut verfärbte sich und wurde zusehends schwärzer, bis ich den Eindruck hatte, dass ein Schatten vor mir stand. Schwarze Blitze zuckten um meinen Kontrahenten, der sich langsam auf alle Viere hinabließ und dann den dunklen Himmel anheulte. Dann sprang das merkwürdige Ungetüm in die Luft und blieb über mir wie ein drohendes Unheil in der Luft stehen. Mit einem kurzen Fauchen schleuderte es schwarze Blitze auf mich, denen ich nur knapp ausweichen konnte.
Gregor ging in die Vollen, nutzte alle Kräfte, die er hatte auf einmal – alleine bei dem Gedanken wurde mir schwindelig. Die nächsten Sekunden des Kampfes kamen mir wie Stunden vor, da ich nur damit beschäftigt war, den unterschiedlichsten Geschossen – Felsen, Eisenpfeile, schwarze Blitze – auszuweichen, eine Aufgabe, die bald schon anstrengender war, als wenn ich selbst mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften zurückschlagen würde.
Im richtigen Augenblick nutzte ich die Kräfte der Zeit um mir einen Moment Ruhe zu gönnen und alle Geister, die mir halfen zu rufen, doch noch ehe ich alle Kräfte wirklich aktiv hatte und selbst zu einer leuchtenden Feuerkugel werden konnte, zerbrach der Zauber, der die Zeit anhielt, wie eine riesige Glasscheibe und ich krümmte mich vor Schmerzen, da mich eines von Gregors geschossen getroffen hatte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du so einen Treffer so gut wegsteckst“, lobte mich eine verzerrte, körperlose Stimme. „Der Kampf könnte noch sehr interessant werden!“
Sobald der Schmerz nachließ drehte ich mich so schnell ich konnte um und wirkte einen Zauber direkt über die Kraft der Geister. Der Effekt kam innerhalb eines Augenblicks zu tragen, während ein normaler Magier erst mehrere Sekunden für Konzentration und Zauberformeln gebraucht hätte: Um den Schatten herum tauchten Zonen auf, in denen die Luft vor Hitze flimmerte und andere an denen sie sich verflüssigte und teilweise zu Eis erstarrte. Die Kreatur heulte auf, wie ein verletzter Hund.
Eine weitere Handbewegung von mir löste den nächsten Zauber aus, der vor mir eine Kugel aus Licht erschienen ließ, die mehrere unterschiedlich dicke Lichtstrahlen aussandte, die durch viele unsichtbare Spiegel umgelenkt wurden, bis sie schließlich ihr Ziel trafen – für Zuschauer hätte dieses Schauspiel wie ein Inferno aus Licht gewirkt.
Erneut zuckte das Ziel zusammen und gab einen klagenden Ton von sich. Ich bereitete schon einen weiteren Angriff vor, als aus dem Schatten eine groteske Kreatur auf mich zugestürzt kam: Das Gesicht war rot und von Stacheln übersät, aus dem Rücken ragten geschundene und löchrige Fledermausflügel hervor, aber der Körper der Kreatur war die eines starken Kriegers.
Der Feuerball, der eigentlich für meinen Gegner bestimmt war, prallte an dieser Kreatur ab, ohne sichtbare Schäden zu hinterlassen. Bevor ich eine Gegenmaßnahme starten konnte, musste ich vor dieser Kreatur erst einmal zurückweichen und selber einen Kämpfer auf meine Seite rufen.
Als der kleine Engel erschien, stürzte sich der Dämon sofort auf das von mir gerufene Geschöpf, dass dem Angriff mit Leichtigkeit auswich.
Unterdessen hatte sich mein Gegner von meinen Angriffen erholt und hatte seine Strategie geändert: Der Schatten stand nunmehr aufrecht, mit der Statur eines Golems – breite, kantige Schultern und Gelenke, ausdrucksloses Gesicht, sofern ein Schatten einen Gesichtsausdruck besitzen konnte – und hielt ein ebenso großes Schwert, wie ich in den Händen.
Gut, ich schliff das Schwert eher über den Boden, als das ich es wirklich hielt, aber das änderte sich im nächsten Moment schlagartig. Der Riese kam auf mich zugestürzt und holte mit dem Schwert aus. Ich riss – so gut ich konnte – die Weltenklinge empor, die den Angriff scheppernd auffing. Urplötzlich war das riesige Schwert leicht wie eine Feder geworden, so dass ich nun, wenn auch mühselig, die Angriffe meines Gegners parieren konnte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du mir so viel Ärger bereitest... Hätte ich das gewusst, hätte ich dich direkt getötet und Yenova bis jetzt übrig gelassen...“ Seine Stimme klang gereizt, so als ob die jahrelang ausgearbeiteten Pläne eines Superhirns an einer Kleinigkeit gescheitert wären. „Aber gut, dann muss ich wohl andere Mittel in Erwägung ziehen!“
Nach einem weiteren Angriff sprang mein Gegner mehrere Meter von mir weg und ließ mich somit Luft holen – der bisherige Kampf war für mich schon sehr anstrengend gewesen, doch was er im nächsten Augenblick tat, ließ mir den Atem stocken.
Ich weiß nicht wie, aber er riss plötzlich eine Spalte in die Luft, griff in die entstandene Öffnung und holte eine kleine Gestalt aus dem sich daraufhin wieder schließenden Loch. Als ich begriff was los war, fiel mir die Weltenklinge urplötzlich aus den Händen. Gregor hatte Rjusha aus ihrer Welt geholt und bedrohte gerade ihr Leben.
„Ich weiß genau, wie wichtig dir dieser nervige kleine Schreihals ist... Wenn dir also ihr Leben wichtig ist, dann gibst du nun am Besten auf! Also, was soll es sein: Ihr Leben oder deines... wähle weise...!“
Jetzt wusste ich zwar, dass er auch das damit gemeint hatte, als er über meinen Ausdruck „Auf einen fairen Kampf“ lachte, aber nun war es zu spät. Urplötzlich verließ mich meine Kraft und mein Willen gegen dieses Ungetüm zu kämpfen. Was sollte ich nun tun? Ich fühlte mich wie gelähmt.
Gregor nutzte das natürlich sofort aus und kam langsam auf mich zu. Er schwang mehrmals probehalber und provozierend sein Schwert, bis er nah genug war, um mich mit einem Schlag zu töten.
„Ich wusste, dass du so reagieren würdest.“ Seine Stimme klang fremdartig, obwohl ich sie eindeutig erkannte... dennoch schien noch irgendetwas anderes dahinter zu stecken... aber das konnte mir nun egal sein.
Er holte aus und dann... ein grelles Licht, ein spitzer Schrei und es war vorbei...
Ich weiß nicht genau warum, aber die Weltenklinge hatte im letzten Moment selbständig reagiert und steckte nun in Gregors Brust, dessen Haut langsam wieder seine normale Färbung annahm. In seiner ausgestreckten Hand Rjusha, die sich nicht rührte. Ich sank langsam auf die Knie und nahm Rjusha in meine Arme. Mein Herz raste, ich streichelte vorsichtig über den Kopf der Kleinen, in der Hoffnung, sie würde aufwachen, aber je länger ich den kleinen Körper in den Händen hielt, umso verzweifelter wurde ich. Schließlich schrie ich meine Verzweiflung gen Himmel, der mit einigen Blitzen und sofort darauf folgendem Donnergrollen antwortete.
Behutsam legte ich Rjusha an einem ruhigen Ort zwischen den Felsen ab und bettete sie so, als würde sie nur schlafen, dann wandte ich mich mit einer wachsenden Wut im Bauch Gregor zu, der inzwischen ebenfalls regungslos am Boden lag. Mit einem kräftigen Ruck riss ich das Schwert aus seinen Rippen und stach blind mehrmals auf den reglosen Körper ein, bevor ich halbwegs erschöpft zusammensank und leise schluchzte. Der Himmel antwortete auf meine Gefühle mit einsetzendem Regen, der langsam auf mich, Rjusha und Gregor hinabtropfte und das Blut, sowie meine Tränen in der Umgebung verteilte. Das war es einfach nicht wert gewesen.
Als ich erneut auf die geschundene Leiche von Gregor blickte, erkannte ich, wie sich mehrere Siegel erhoben und auf mich zu kamen: Ein hellblaues, ein gelbes und ein grünes, ein braunes und ein goldenes und mit jedem kam die Last weiterer Erinnerungen auf mich zu. Gefühle, Träume und Wünsche anderer, die nicht erfüllt worden waren.
Zuletzt erhob sich noch ein schwarzes Siegel, doch als dieses die Hälfte des Weges zwischen mir und Gregor zurückgelegt hatte, schoss eine schwarze Hand aus der Leiche, packte das Siegel und zerrte es zurück in den toten Körper.
Erschrocken wich ich mehrere Schritte zurück, als sich der Tote aufrichtete und mich mit glühenden Augen ansah.
„Mag sein, das du alle anderen besiegt hast...“ zischte plötzlich die Leiche. „Aber ich habe dir gesagt, dass wir uns wiedertreffen... und nun werde ich mir holen, was eigentlich mir zusteht...“ Die Stimme des Toten jagte mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken: Ich erkannte diese Stimme. Ich hatte sie oft genug in meinen Träumen gehört und nun war der Alptraum Realität geworden. „Eigentlich hätte ich schon viel früher die Kontrolle über diesen Stümper übernehmen sollen, aber dafür war ich bis jetzt nicht stark genug... Fast alles lief so, wie ich es geplant hatte... Nur DU, du passt nicht so recht ins Bild... von Anfang an hast du das Bild meiner Zukunft irgendwie gestört und daher werde ich dich nun entfernen... dann kann ich wieder herrschen...“
Mein Herz raste – ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle und musste erst einmal meine Gefühle beruhigen. Aber dafür brauchte ich Zeit, also fragte ich dieses... Ding, was denn nach seinem Plan gelaufen sei.
„Du kannst nichts mehr daran ändern, also kann ich dir auch ruhig alles erzählen...“
Die Stimme jagte mir weiterhin Angst ein, ich hatte Probleme mich zu konzentrieren, was noch dadurch verschlimmert wurde, dass es um uns herum immer dunkler wurde. Der Turm im Hintergrund blieb der einzige Lichtschimmer, weshalb ich meinen Geist auf diesen Punkt konzentrierte. Unterdessen sprach der Unbekannte weiter.
„Es fing alles vor einigen Jahren an, als dieser Gregor hier in den Pedan-Ruinen ein altes Buch von mir fand... Ein Buch, das meine letzte Verbindung zu dieser Welt war, nachdem mich dieses Flittchen von Priesterin verbannt hatte.
Ich schaffte es Gregor zu manipulieren, was sehr einfach war, da er sehr machthungrig war und somit allen Ratschlägen folgte, die ich ihm gab... oder besser, die er las. Mit der Zeit schuf er so eine Verbindung zwischen ihm und mir, wodurch ich immer mehr Einblick in diese Welt bekam und so konnte ich seine Position, die er in einem gewissen Klan innehatte, für mich nutzen.
Während er neue Mitglieder für den Klan – oder besser für sich – rekrutierte, schlich ich mich in so ziemlich jedes Mitglied, das er rekrutierte, ein. So konnte ich sogar deinen Freund Richard gegen dich aufbringen, auch wenn die Szene damals im Turm anders ablief, als ich sie mir ursprünglich vorgestellt hatte. Selbst dass Richard sich aus meinem Bann befreien würde, hätte ich nicht gedacht, aber egal... Ich habe danach weiter meine Fäden gezogen und habe zwei Siegel an Leute gebracht, die für mich arbeiteten. Eines ging kurzfristig verloren, aber das konnte ich zurückerobern. Das andere hat seine Dienste erfüllt und mir noch ein weiteres gebracht. So hatte ich am Ende sechs der zehn Siegel... Aber du hast es nun geschafft, mir fünf wieder abzunehmen. Wenn ich jedoch richtig darüber nachdenke, so sind die anderen eh nur Ballast, den gegen die wahre Dunkelheit bist du machtlos.“
Während ich mir den Vortrag dieses Verrückten anhörte, wurde mir einiges klar. Von Anfang an hatte dieses... Ding... seine Finger im Spiel gehabt. Der Angriff auf mich... der Tod von Azalyn... die nahezu komplette Ausrottung einer Königsfamilie, die komplette einer anderen... und bald wurde meine Angst von meiner Wut verdrängt.
„Das ist er...“ ertönte plötzlich eine geflüsterte Stimme... Nach und nach erschienen die Geister neben mir und sahen entsetzt auf den Schatten, der langsam mit der Dunkelheit verschmolz. „Seine Aura hat sich geändert, aber ich erkenne ihn wieder...“ Mira flüsterte die Worte ängstlich... ehrfürchtig und teilweise besorgt.
„Wer ist er?“
„Der vorletzte Wächter der Dunkelheit... Trafalus...“
„Die Inkarnation des Bösen?“ Mir stockte der Atem.
„Jetzt schon... früher war er anders, aber das ist nun schon viele tausend Jahre her... Er war derjenige, der diesen Ort als letzter erreichte und nur neun Siegel gesammelt hatte, weil jemand den Geist des Feuers... Firence... oder eher seinen Besitzer getötet hatte, aber den Teil kennst du ja bereits.“
Ich nickte und blickte mich in der nun vollkommenen Dunkelheit um – Mein Gegner war nirgends zu sehen und auch meine Umgebung war in völlige Finsternis getaucht.
„Damals war Trafalus noch Felix Mentrus und derjenige mit dem besten Charakter unter den damaligen Auserwählten.“ Sylph setzte nun Miras Vortrag fort, während ich versuchte, irgendwie Licht in die Dunkelheit zu bringen, indem ich mich aller mir bekannten Lichtzauber bediente. „Er betrat das Innere Heiligtum, obwohl wir ihm davon abrieten... Aber er wusste – sollte er nicht gehen, dass diese Welt eine Katastrophe nach der anderen befallen würde, er hatte es ebenfalls in den Destanis-Ruinen erfahren... Der einzige andere, der je die dortige Prüfung überstanden hatte.“
Ich war nicht die erste gewesen? Firence konnte nicht wissen, das vor mir jemand die Prüfung bestanden hatte.
Dennoch verwirrte mich weiterhin der Text auf der Steintafel, aber auch dieser schloss nicht aus, das jemand anderes vor ihr erfolgreich war...
Unterdessen verschluckte die Dunkelheit jegliches Licht, das ich aussandte und ich hatte es wohl meinem Glück zu verdanken, das ein Angriff von meinem Gegner nicht traf, sondern genau neben mir einschlug. Reflexartig sprang ich zur Seite, nur um in der Dunkelheit ungünstig aufzukommen und direkt hinzufallen. Ich nahm meine Kräfte zusammen und erhob mich nun in die Lüfte, jedenfalls so gut es ging – Irgendeine Kraft schien mich am Boden festhalten zu wollen.
„Als er im Inneren des Turmes stand, wurde ihm schließlich die Aufgabe als oberster Wächter übertragen“ Luna erzählte weiter, während ich die Kräfte der anderen nutzte, um mich zu verteidigen. „Wir wurden unserer normalen Aufgabe zugewiesen und haben die Kräfte der Elemente reguliert, diese Last von seinen Schultern genommen, so dass er – wie jeder andere – eigentlich nicht allzusehr vom System belastet wurde, aber da Firence fehlte, musste er sehr viel Kraft aufwenden, um die Kräfte des Feuers unter Kontrolle zu halten...“
Die nächste Zeit verließ ich mich auf meine anderen Sinne, versuchte die Richtung der Angriffe zu erspüren, aber das gelang mir nur sehr selten. Mehrmals musste ich schwere Treffer einstecken, die ich ohne meine Artefakte wahrscheinlich nicht überlebt hätte.
„Als wir ihn Jahre später wiedersahen, hatte er sich stark verändert – sein guter Charakter war von der Aufgabe total verbrannt worden. Wir wissen nicht, wie lange er es bei klarem Verstand durchgehalten hatte, aber wir hatten schon mitbekommen, dass er sich verändert hatte. Schließlich griff er Riza an, als sie die Aufgabe von ihm übernahm und sie tat das einzige, was ihr in dieser Situation einfiel: Sie verbannte ihn aus dieser Welt... Auch wenn wir nicht wissen, wie und wohin, so scheint er zumindest einen Weg zurück gefunden zu haben...“
Ich wusste nun nicht mehr, was ich genau fühlen sollte – weiterhin den Hass auf dieses Monster? Oder Mitleid, für das Geschöpf, das sich einst aufgeopfert hatte, um den Untergang der Welt zu verhindern.
„Aber warum ist die Welt nicht zwischenzeitlich, nach Rizas Tod, dem Untergang anheim gefallen?“
„Das wissen wir nicht“, gestand Merlin. „Vielleicht lag es daran, dass sie kurzzeitig eingesetzt war... Vielleicht hat auch Trafalus dunkler Geist etwas damit zu tun, aber wie du siehst hat das auf Dauer auch nicht geholfen, denn sonst hätte das System den Kreislauf nicht schon so viel früher neu gestartet und wenn du dir das Wetter hier oben ansiehst, dann merkst du auch, dass es sehr nötig war...“
Inzwischen schmerzte mein Körper an allen Ecken und Enden. Sogar Stellen von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie hatte, taten mir weh.
Ich verdrängte alle Fragen, die ich im Moment noch hatte und konzentrierte mich nur noch auf meine Wut und dann setzte ich alles auf eine Karte. Ich nahm all meine verbliebenen Kräfte zusammen und bündelte sie auf einen Punkt vor mir. Ich spürte, wie die Kraft meinen Körper verließ, wie einzelne Glieder einschliefen, aber das war mir egal. Ich versuchte die ganze Energie so lange wie möglich zu konzentrieren und an einem Ort zusammenzuhalten, bis ich schließlich die Kontrolle verlor.
Urplötzlich explodierte die Kraft, schleuderte mich einige Meter nach hinten, wo ich erschöpft liegen blieb, aber ich hatte mein Ziel erreicht: Von dem Punkt aus wurde eine Kraft freigesetzt, die sich wellenförmig um das Zentrum ausbreitete: eine Feuersbrunst, gefolgt von einer Flutwelle... einer Pfeilwelle, die sich wie die Nadeln eines Kaktus ausbreitete, der gerade explodiert war, danach ein Ring aus Blitzen, gefolgt von Scharfkantigen Juwelen, die sich wie die Pfeile zuvor verteilten und später noch in kleinere Splitter zersprangen, im nächsten Moment wurde anscheinend die Magie der Zeit aktiv, die sich in zwei Strahlen, wie Beute suchende Tiger, aufteilte und in einem unsichtbaren Ziel einschlug, das nun dort gefangen war. Danach feuerte sich eine gelbliche Welle ab, die schneller als alle anderen zu sein schien und alle schon abgefeuerten Objekte umlenkte: Die Juwelensplitter und Pfeile machten in der Luft kehrt, die weiter entfernte Flutwelle erstarrte zu Eis und zersplitterte ebenfalls in viele kleine Teile, die nun auf das neue Ziel zuflogen... Sogar die Feuerwelle machte kurz vor mir halt und sammelte sich dann in einer immer größer werdenden Feuerfront auf dem Ziel. Unterdessen war noch das Licht in vielen kleinen Strahlen auf dem Weg zum Ziel, während kurz danach eine grünliche Welle über das Terrain fegte, das langsam wieder sichtbar wurde.
Dort wo die grünliche Welle entlang kam, wuchsen plötzlich Pflanzen auf dem sonst kahlen Felsen und als diese Welle mich erreichte, heilte sie meine von Kampf verursachten Wunden.
Als ich auf die Gestalt sah, die von dieser Wucht getroffen wurde, explodierte sie in einer schwarzen Wolke und nur das Schattensiegel blieb zurück, das sich nun den Weg zu mir suchte.
Ich hatte nun endgültig gesiegt und fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf...