Kapitel 3 ~ Flucht

Die Abendsonne brannte auf mich herunter, während ich mich langsam in Richtung Eba schleppte. Warum musste dieser vermaledeite Turm auch so weit von jeglicher Zivilisation entfernt stehen? Vollkommen ausgelaugt ließ ich mich an einem der wenigen Felsen, welche die Wüste zu bieten hatte nieder.
„Was machen wir jetzt?“, Rjusha klang besorgt.
„Wir müssen von diesem Kontinent verschwinden. Richard hat hier fast alle in der Hand... und dazu zählen auch einige der Stadtwachen und Kontakte im hiesigen Königshaus. Ich hoffe, dass wir möglichst schnell durch Eba kommen, bevor Richard seine Männer mobilisieren kann.“
„Er hat auch noch eine Rückreise vor sich.“
„Wenn er einen klaren Kopf hat, wird er sicherlich sofort reagieren und sich nach Hause teleportieren. Von da hat er garantiert leichten Zugang zu allen wichtigen Orten in allen Städten.“
„Dann solltest du dich beeilen!“ Rjusha zog an mir, um mich zum Weitergehen zu bewegen.
„Wir sind jetzt schon mehrere Stunden unterwegs... Ich brauche eine kleine Pause...“ Vorsichtig streichelte ich der kleinen Drachendame über den Kopf.
„Aber wenn er dich erwischt?“
„Das werde ich ihm nicht so leicht machen. Du weißt ja, dass ich in jeder Magie, die nicht zur Feuerdisziplin gehört, stärker bin als er. Wir werden uns schon irgendwie durchmogeln.“ Mein Lächeln stellte Rjusha nicht völlig zufrieden aber fürs erste gab sie keine Widerworte. „Das werden wir schon schaffen, Kleines...“ Ich nahm Rjusha in den Arm und drückte sie vorsichtig und leise schluchzend an mich. Sie kannte mich sehr gut. Sie wusste dass ich mir selbst große Sorgen machte und nicht wusste, ob wir das überleben würden...


Tag der Luft, 17. Tag des Monats Ig, Jahr 3996 n.R.

Die Nacht in der Wüste war unbarmherzig kalt. So sehr, wie die Sonne tagsüber auf der Haut gebrannt hatte, so sehr biss sich nun die Kälte in meine Haut. Ich hielt Rjusha möglichst nah an mich, um sie zu wärmen. Zu gerne hätte ich sie in ihr eigenes Reich zurück geschickt, aber solange Richard mich verfolgte musste ich die Anwendung von Magie auf ein Minimum reduzieren, um nicht vorzeitig von ihm gefunden zu werden.
Schlaf stellte sich zwischendurch nur für einige Minuten, maximal eine Stunde ein, wonach ich aufgrund eines Windstoßes oder einfach nur wegen der Kälte erwachte. Meine Gedanken kreisten immer wieder um die Geschehnisse im obersten Raum des Turmes, um den Tod Thomas, um Richards hasserfüllten und wahnsinnigen Gesichtsausdruck, nachdem mich das Siegel erwählt hatte.
Im Morgengrauen weckte ich Rjusha und wir machten uns schweigend auf den weiteren Weg nach Eba...
Mit der aufgehenden Sonne kam langsam wieder etwas angenehme Wärme in meine Glieder, jedoch würde mir auch bald wieder die extreme Hitze der Wüste zu schaffen machen. Gegen Mittag meldete Rjusha, dass sie in der Ferne eine Stadt sehen konnte. Ich hielt jetzt darauf zu, auch wenn es eine Fata Morgana war. Eine solche spiegelte nur eine falsche Entfernung wieder und würde bald wieder verschwinden.
Wenn ich danach aber trotzdem weiter in dieser Richtung unterwegs war, würde ich die Stadt dennoch erreichen.

Mit staubtrockener Kehle und am Ende meiner Kräfte erreichte ich im Rot der Abendsonne die Stadttore Ebas. Die Wachen musterten mich sorgfältig, als ich mich an meinem Stab, ohne auf jegliche Sicherheit zu achten, in die Stadt schleppte. Es handelte sich um eine kleine Stadt, die aufgrund ihrer Nähe zu einer größeren Oase entstanden war, aber da der Handel sich aufgrund großer Entfernungen durch die Wüste in Grenzen hielt, wuchs sie schon seit längerem nicht mehr. Die Straßen waren von Sand bedeckt; dennoch wirkten die großen, teils aus Lehm gebauten Häuser keineswegs baufällig. Ich suchte die nächstbeste Gaststätte auf, die den klangvollen Namen „Tahiras Heim“ trug und mich mit einem Platz zum Ausruhen förmlich anlockte.
Von innen war das Haus ziemlich spärlich eingerichtet. Neben einigen wenigen Tischen aus Holz, die von mehreren Stühlen umgeben waren, gab es nur noch eine Treppe nach unten und eine kleine Bar, die auch als Rezeption verwendet wurde. Außer zwei zwielichtigen Typen, die sich an meinem Erscheinen nicht sonderlich störten, war die Gaststätte leer. Ich ging schnurstracks – wenn man mein Torkeln so nennen konnte – auf die Wirtin zu, die mir direkt einen kleinen Krug mit Wasser gab. Nachdem ich meinen Durst mit einem großen Schluck aus dem Gefäß einigermaßen gestillt hatte, gab ich Rjusha den Rest, bat um ein Zimmer und die Möglichkeit ein Bad zu nehmen. Die hochgewachsene Frau, die sich mir als Tahira vorgestellt hatte, schaute mich skeptisch an, fragte aber erstmal nicht nach Bezahlung, sondern führte mich freundlich in ein Zimmer, das am Ende der Treppe nach einem langen Gang auf mich wartete. Die angenehme Kühle, die dort unten herrschte, ließ langsam meine Lebensgeister zurückkehren.
„Sie sehen aus, als hätten Sie sich mehrere Tage durch die Wüste geschleppt!“, Tahira traf mit ihrer Vermutung absolut ins Schwarze. „Wie kommt's?“, wollte sie von mir wissen, während sie mir eine Sitzgelegenheit anbot.
„Eine Verkettung äußerst unschöner und unglücklicher Umstände und Geschehnisse.“, antwortete ich.
„Aber ich nehme an, sie können das auch entsprechend bezahlen oder? Mit den zwei zwielichtigen Typen da oben wollte ich das nicht fragen, Sie verstehen?“
Ich nickte und holte einen kleinen Beutel, der an meinem Gürtel hing hervor. Ich suchte eine kleine Goldmünze heraus und reichte sie Tahira, welche die Münze nach einem prüfenden Biss akzeptierte.
„Ich mache Ihnen dann eine Kleinigkeit zu Essen und bereite das Bad vor. Ich komme Sie dann holen, wenn es soweit ist!“ Ihr Lächeln bewies, das mich dass Glück noch nicht vollkommen verlassen hatte. Vielleicht war Richard irgendetwas dazwischen gekommen? Oder Eba stand noch nicht unter seinem Einfluss?
Ich machte mir keine weiteren Gedanken darüber und kraulte Rjusha den Kopf. „Dann hoffen wir mal, dass es noch weiter so gut geht!“ Das Lächeln der kleinen Drachendame zeigte, dass auch sie wieder guter Hoffnung war. Bis das Bad und das Essen soweit waren, nutzte ich die Gelegenheit meine Kleidung etwas vom Sand zu befreien, der sich während meiner Wanderung durch die Wüste darin eingenistet hatte. Die Haare würden sich später im Bad erledigen. Es war noch ein langer Weg bis zur nächsten Hafenstadt und ich hoffte, dass es, sobald ich da ankommen würde, auch einigermaßen glatt ging.
Tahira reichte mir zuerst etwas zu Essen, dass aus einem großen Stück Fleisch mit einigen Früchten als Beilage bestand. Da mir selbst nicht so sehr nach Fleisch zumute war, gab ich Rjusha davon einen Großteil ab und aß die Früchte, deren saftiger Geschmack mich vollends ins Leben zurück holte. Bald darauf konnte ich mein Bad genießen. Beim Entkleiden fiel mir jenes Armband aus dem Turm wieder ins Auge, welches ich auch jetzt noch nicht ablegen konnte. Ich stieg also mit der kleinen Drachendame, die sich mal wieder tierisch dagegen sträubte, in den großen Bottich mit heißem Wasser. Rjusha schmollte wegen dem ungewollten Bad, aber ich beachtete das nicht, sondern nahm den Armreif noch mal näher unter die Lupe. Was mir plötzlich Angst machte war, dass ich in den Symbolen, die ich zuvor nicht hatte erkennen, geschweige denn entziffern können, plötzlich Sinn sah. Ich konnte lesen, was auf der Außenseite des Armbandes stand: 'Die Ewige Flamme ist mit dem Träger dieses Armreifes und wird ihm Schutz gewähren.' Bisher hatte ich nicht viel davon merken können, aber was noch schlimmer war: Es stand nicht drauf, wie man es wieder entfernen konnte.
Ich ließ den Arm ins Wasser sinken und sah die Sache positiv: Wollte Richard mir mit seiner Feuermagie auch nur irgendwie schaden, so hatte ich nun einen kleinen Vorteil ihm gegenüber. Gemütlich lehnte ich mich zurück und genoss die wohltuende Wärme des Bades.
Ich hatte einige Zeit im Wasser verbracht, vielleicht war ich sogar eingeschlafen, als ich langsam merkte, dass das Wasser immer kühler wurde. Rjusha hatte den Bottich längst verlassen und so tat ich es ihr gleich. Ich trocknete mich mit einem Stück Stoff einigermaßen ab und begab mich danach auf mein Zimmer, um mich auf das Bett zu legen, wo ich innerhalb von Sekunden einschlief...


Tag des Wassers, 18. Tag des Monats Ig, Jahr 3996 n.R.

Mehrere laute Schritte auf dem Flur rissen mich aus meinem traumlosen Schlaf. Rjusha war ebenfalls wach geworden und mahnte mich zur Eile. So schnell es ging schnappte ich mir meine Habseligkeiten. Keinen Moment zu früh hatte ich meinen Stab wieder in der Hand, als die Türe eingetreten wurde. Eine zwielichtige Gestalt mit einer Narbe, die sich durch sein rechtes Auge zog, starrte mich mit seinem noch intakten Auge an. Ein breites Grinsen, das seine teilweise verfaulten Zähne zeigte, bedeutete nichts Gutes.
„Jungs, ich habe sie gefunden!“, rief er halb über die Schulter und kurz darauf deuteten mehrere Schritte darauf hin, dass der Rest ebenfalls zur Türe schritt. Eine ganze Horde starrte durch die offene Türe, um einen Blick auf mich zu werfen, nur um kurze Zeit später Platz für jemanden zu machen, der sich den Weg durch die Leute bahnte.
„Da hatte ich ja den richtigen Riecher“, Richard stand lächelnd in der Türe. „Ich kenne Dich doch besser, als ich dachte. Wenn Du uns bitte nach draußen folgen würdest... Ich will dieses Zimmer nicht unnötig verwüsten!“, er machte einen Schritt zur Seite und deutete mit einer Gentlemangeste an, das ich vorgehen sollte.
„Falsche Schlange“, zischte Rjusha, die es sich wieder auf meiner Schulter mehr oder weniger bequem gemacht hatte. Richards kalter Blick sorgte sofort dafür, das die Drachendame schwieg.
„Ich habe ja anscheinend keine Wahl, oder?“, fragte ich und ging langsam an Richard vorbei, aus dem Raum heraus.
„Nein“, antwortete er gelassen und folgte mir und der 'Eskorte' Räuber, die mich die Treppe hinauf nach draußen geleiteten. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, das er mehrere Goldstücke auf den Tresen legte. „Ich denke, das sollte die Reparaturkosten decken“, sprach er, bevor er uns auf die staubige Straße folgte. Normalerweise hätte ich ihn mit meiner Magie im wahrsten Sinne des Wortes kalt machen können aber die Räuber, die mich umringten hätten mir durch jeden Zauber einen Strich gemacht, den ich versucht hätte. Richard hatte durch seine Spezialisierung auf Feuer einen Geschwindigkeitsvorteil mir gegenüber. Er war zwar nur marginal aber in dieser Situation musste ich mich auf das verlassen, was ich hatte: den Reif.
„Ich nehme an, du weißt, was jetzt kommt?“, fragte Richard provozierend.
„Ich kann es mir vorstellen!“
„Warum denn so betrübt? Ich hatte wirklich nicht vor dir zu schaden, aber leider lässt du mir keine andere Wahl!“ Mein Blick sprach für sich, als Richard seinen Stab senkte, um mich mit demselben Zauber zu töten, den er auch bei Thoma angewendet hatte. Aus der Spitze seines Stabes löste sich ein Strahl aus Feuer, der wie in Zeitlupe auf mich zugeschossen kam. Ich hoffte, dass die Inschrift auf dem Armband wahr war, dass es mich beschützen würde. Mein Herz raste. Im nächsten Moment traf mich der Feuerstrahl mit voller Wucht.
Ich spürte aber nur einen leichten Druck auf meiner Brust, ansonsten nichts weiter: Keine Hitze, kein Brennen, nichts.
Ich blickte auf meinen Arm und bemerkte, dass die Zeichen auf dem Armreif glühten. Der Strahl ließ in der Intensität nach und ich sah in Richards entsetztes Gesicht.
Ich wollte ihm gerade mit einem breiten Grinsen zeigen, das er keine Chance hatte, mich zu töten, als ich plötzlich von einem Brennen auf meiner Brust übermannt wurde. Es hatte schwach angefangen, wurde aber mit jedem Herzschlag immer stärker, weshalb ich instinktiv versuchte die Stelle mit meinen Händen zu schützen. Der Schmerz ließ jedoch nicht nach, weshalb ich auf meine Knie sank.
„Was ist los?“, ich erkannte Rjushas besorgte Stimme, kurz bevor mir schwarz vor den Augen wurde und ich mein Bewusstsein verlor.

Mit unglaublichen Kopfschmerzen kehrte mein Bewusstsein aus einem tiefen Schwarz zurück. Ich wollte mir an den Kopf fassen, was sich als unmöglich erwies, da man meine Arme festgekettet hatte. Mit der Zeit ließen meine Kopfschmerzen zwar nach, aber verschwanden nicht völlig.
Dennoch öffnete ich langsam meine Augen. Die feuchten Wände eines Kerkers begrüßten mich wieder unter den Lebenden. Rjusha war nirgendwo zu sehen, wie auch der Rest meiner Ausrüstung. Richard hatte mich also letztendlich doch erwischt. Ich wusste nur nicht, warum er mich noch nicht direkt getötet hatte? Musste ich dafür bei Bewusstsein sein? Oder hatte es vielleicht andere Gründe, die ich nicht kannte?
Eine lange Zeit verbrachte ich in der dunklen Einsamkeit – um mich herum nur kalter nasser Stein. Die Stille wurde nur durch das leise und entfernte Tropfen von Wasser unterbrochen, das sich den Weg in den unterirdischen Kerker bahnte... bis in der Ferne langsam Schritte durch diese Katakomben hallten. Dann das dumpfe Geräusch eines schweren Schlüssels der ein ebenso schweres Schloss öffnete gefolgt von dem Quietschen einer sich öffnenden Türe. Richard stand im Rahmen und befahl der Wache ihn mit mir alleine zu lassen. Diese schloss die schwere Holztüre hinter Richard ab und verschwand mit verhallenden Schritten in der Ferne. Richards Gesicht war teilweise in Stofffetzen eingehüllt.
„Ich würde dich jetzt liebend gerne sofort töten, aber leider ist es mir nicht gestattet!“, Richard sprach mit einer absolut kalten Stimme, während sein freies Auge mich hasserfüllt fixierte. Er wirkte immer noch wie ein Wahnsinniger.
„Was hindert dich denn daran?“, meine Stimme klang ebenso freundlich wie seine.
„Die Regierung! Nach dem, was du getan hast, erwartet dich erst eine kurze gerichtliche Verhandlung und danach die Exekution. Das heißt, das ich mich nicht persönlich dafür rächen kann...“ Er zeigte mit einem Finger auf den Verband um seinen Kopf.
„Was soll ich denn getan haben?“ In meine Stimme mischte sich etwas Neugier. Ich sollte für etwas hingerichtet werden, von dem ich nicht wusste, das ich es getan hatte? „Ich habe doch nichts getan, oder?“
„Ach, sag bloß du erinnerst dich an nichts?“, Richards kaltes Lächeln ließ mich erschauern. „Vielleicht sollte ich dir erzählen, was den Zorn einer ganzen Stadt und des Regenten auf dich gezogen hat... Vielleicht sollte ich es aber auch lassen. Aber da ich glaube, dass es schlimmer für dich ist, darüber Bescheid zu wissen, werde ich es dir erzählen... in allen Einzelheiten.“, Richard hatte erneut das wahnsinnige Grinsen im Gesicht und begann mit seiner Erzählung:
„Kurze Zeit nachdem ich dich mit meinem Feuerstrahl getroffen hatte, brachst du zusammen. Ich hatte geglaubt, dass er aus irgendwelchen Gründen erst später die gewollte Wirkung zeigte. Allerdings erwies sich das als eine falsche Annahme. Plötzlich wurde dein Körper von blauen Flammen eingehüllt, während du dich langsam aufrichtetest und bald darauf vor uns allen in der Luft schwebtest. Deine Augen glühten mit einem inneren Feuer und fixierten mich. Meine Männer versuchten dich anzugreifen, jedoch hast du das mit mehreren Feuerbällen unterbunden. Für jeden Mann einen und einige, die diese verfehlten trafen die Stadt. Wie du ja weißt explodieren Feuerbälle beim Aufschlag – Du hast also nicht nur einen Großteil meiner Leute getötet, sondern auch viele Unschuldige! Davon abgesehen, das du mehrere Häuser zerstört hast! Ich musste etwas unternehmen und versuchte dich mit meinen mächtigsten Feuerzaubern zu besiegen – wie die Feuerelementare im Glasturm, denen du zunehmend ähnlicher wurdest. dich ließ das aber vollkommen kalt.
Anstatt dir zu schaden hast du sie einfach absorbiert! Natürlich hast du mich angegriffen, nachdem ich deine Aufmerksamkeit so auf mich gezogen hatte. Ich konnte mich kaum gegen die unglaubliche Macht, die du ausstrahltest wehren und zog mir schwere Verbrennungen durch deine Aura zu, als du mir aus der Nähe in die Augen sahst. Danach brach ich irgendwie zusammen... Als ich wieder zu mir kam wurdest du bereits von einigen Wachen weggebracht, während in der Stadt selber mehrere große Krater im Wüstensand prangten.“
Während seiner Erzählung wurden meine Augen immer größer und mein Puls immer schneller. Mehrere Schauder liefen mir den Rücken herunter, als er diese Schreckensgeschichte über mich erzählte. „Das... glaube ich dir nicht...“, stotterte ich. Aber es stimmte nun mal, das ich mich an nichts erinnern konnte. Er ging auf diesen Kommentar nicht ein, sondern fixierte mich erneut mit jener Kälte in den Augen, die er gehabt hatte, als er Thoma tötete.
„Ich hätte nicht geglaubt, dass sich das Siegel bei dir aktivieren würde. Das es ausgerechnet DICH als würdigen Träger aussuchen würde, wo du so wenig Ahnung von Feuermagie hast! Da ihr beide keinen Nutzen mehr für mich habt, wünsche ich dir bei deinem Prozess und deiner Hinrichtung viel Spaß.“
„Du hast also das Siegel aufgegeben?“, fragte ich frech. Vielleicht konnte ich ihn ja irgendwie dazu provozieren, mich aus dem Kerker herauszuholen, um mich irgendwo anders zu töten. So hätte ich wenigstens eine Chance zu entkommen.
„Nein, ich weiß nur, dass es dich beschützen wird und ich nicht noch einmal dabei sein möchte, wenn es das auf der Exekutionsplattform tut!“, er grinste manisch. „Wir werden uns wiedersehen, sobald ich ein anderes Siegel gefunden habe. Erst dann habe ich wieder die Möglichkeit dich zu besiegen und das Siegel zu erhalten!“
Mit einem Klopfen an der Türe teilte er den Wachen mit, das er gehen wollte. „Eine Frage hätte ich noch!“
„Ja?“, Richard drehte sich nicht einmal zu mir um.
„Wo ist Rjusha?“
„Ach, dein kleines unausstehliches Drachenbalg? Die wird in einer anderen Zelle angekettet aufbewahrt. Sie wollte sonst keine Ruhe geben.“ Langsam näherten sich Schritte und kurz darauf öffnete sich die Zellentüre. „Adios!“, Richards letzte Worte klangen fast normal. Als ob er es bereute, was geschehen war. Aber das war unmöglich. Wie sollte er auch? Die Wache verschloss wieder die Zellentüre, nachdem Richard nach draußen getreten war.
„Na klasse“, seufzte ich. Ich war angekettet, sollte bald hingerichtet werden und konnte nichts dagegen tun. Vor allem nicht gegen das, was passieren würde, wenn Richard recht behielt. Vielleicht konnte ich das Siegel ja unter meine Kontrolle bringen? Nur wie? Ich musste es irgendwie aktivieren und es schaffen, nicht bewusstlos zu werden. Gut, ich hatte also einen Plan – nur wusste ich nicht, wie ich ihn in die Tat umsetzen sollte.
Ich verbrachte Stunden mit dem Versuch das Siegel zu aktivieren, versuchte mich an den Zeitpunkt zu erinnern, als es sich von selbst aktiviert hatte. Ich hoffte, dass es irgendwie auf meine Gefühle reagierte, dass ich es so steuern konnte, aber es gelang mir nicht. Ich versuchte es immer wieder, bis mich irgendwann die Müdigkeit überkam und in die Welt der Träume hinab riss...

Ich irrte durch die Dunkelheit... Durch die bekannten Wälder meiner Heimat, auf dem Kontinent Xanacea, in der Tiefe der Nacht. Ich hatte mich verirrt, obwohl ich den Wald sehr gut kannte. Ich erkannte zwar mehrere Plätze und folgte den Wegen, die mich dann aus dem Wald heraus führen sollten, jedoch führten sie mich immer wieder zurück in die Dunkelheit. Vorbei an einem kleinen Wasserfall erreichte ich bald den Rand einer großen Lichtung, in deren Mitte ein kleines Feuer glühte. Langsam und vorsichtig näherte ich mich jener Flamme, deren Hitze mich dazu zwang immer langsamer vorwärts zu gehen. Dennoch stand ich nach einiger Zeit direkt vor ihr und konnte erkennen, dass es sich um einen kleinen Feuergeist handelte, der mir ängstlich in die Augen blickte. „Hallo, Kleiner“, begrüßte ich den Geist mit einem Lächeln. Nach dem er für lange Zeit weiterhin schwieg fragte ich ihn freundlich: „Was machst du hier so alleine?“
Erst nach einiger Zeit antwortete er mit knisternder Stimme: „Ich habe auf dich gewartet.“
„Wieso auf mich?“ Erneut schwieg der Geist lange Zeit.
„Weil du die neue bist... Die zwölfte...“
Die Worte des Geistes verwirrten mich. „Wer bist du?“
„Ich bin ein Abbild des Siegels, das dir nun innewohnt. Das Siegel des Feuers...“
Ich sah den kleinen flammenden Geist eine lange Zeit an, ohne etwas zu sagen. Plötzlich realisierte ich, was geschehen war... warum es geschehen war. „Du... Du warst das“, brachte ich schließlich mit tränenden Augen hervor. „Du hast mir das also alles eingebrockt...“
Der kleine Geist sah mich geschockt mit großen Augen an. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
„Du bist Schuld, dass man versuchen wird, mich zu töten...“, ich schrie ihn förmlich an. Der Geist schwieg, bis er nach mehreren Minuten antwortete.
„Tut mir leid, aber ich hatte keine andere Wahl! Ich konnte nicht zulassen, dass mich dieser, dieser... wahnsinnige Kerl bekam!“
Erneut schwieg er. Es dauerte etwas, bevor er mich anlächelte. „Aber ich werde dich von nun an weiterhin beschützen.“ Seine Stimme klang aufmunternd – im Gegensatz zu meiner, verzweifelt klingenden Stimme, in der sich mein Schmerz und auch meine Wut widerspiegelten.
„So wie das letzte Mal? Ohne mein Wissen Unschuldige töten?“ Er zuckte zusammen, als ich ihn mit diesen Worten anschrie. Die Tränen, die mir langsam über mein Gesicht liefen, ließen ihn verzweifeln.
„Aber...“, begann er, jedoch überlegte er es sich anders. Geknickt verschwand er und mit ihm der Wald... Ich blieb alleine in der Dunkelheit zurück. Mein Schmerz und meine Trauer hielten noch eine lange Zeit an, bis nur noch die Einsamkeit übrig blieb. Eine Einsamkeit in der ich bald nur eine Stimme hörte. Eine Stimme die nur eines von mir verlangte: Aufzuwachen...


Tag des Mondes, 19. Tag des Monats Ig, Jahr 3996 n.R.


„AUFWACHEN!“, eine Wache trat mir in die Seite, als ich langsam aufwachte. „Das war jetzt schon das zehnte Mal. Das man immer erst handgreiflich werden muss!“, die Wache die mich getreten hatte, machte ihrem Ärger lauthals Luft. Meine Seite schmerzte und ich konnte sie immer noch nicht schützen, da man mir meine Arme, während meines Schlafes, hinter dem Rücken zusammengekettet hatte. Noch dazu hatte man meine Beine auch mit Ketten versehen, so dass ich erst gar nicht auf die Idee kommen konnte, zu fliehen. Zwei der Wachen zogen mich auf meine Beine, und ich wurde aus der Zelle hinaus geführt. Durch einen langen Gang, der nur von einigen Fackeln beleuchtet wurde, schleiften sie mich am Ende eine Wendeltreppe empor. Sie warteten nicht einmal darauf, das ich die Stufen mitstieg, so dass mir nach kurzer Zeit die Füße weh taten. Wir erreichten bald einen freundlicher gestalteten Korridor, der in Stein gehalten war und von einigen Statuen geziert wurde, die alle möglichen Tiere darstellten. Unerbittlich zogen mich die Wachen weiter, bis wir einen marmornen Gang erreichten. Ab hier sollte ich selbst gehen – wenn auch von den Wachen weiterhin gestützt. Sie hatten wahrscheinlich Order, den Boden nicht zu beschädigen. Am Ende des Ganges befand sich eine Tür, hinter der ich kurzerhand vor einer Jury auf den Boden geworfen wurde. Eine der Wachen richtete mich auf Geheiß eines der drei Jurymitglieder auf, so dass ich diesen ins Gesicht sehen konnte. Die linke Frau, ihrem geschmeidigen Gesicht und den spitzen Ohren nach zu Urteilen, eine Elfe, sah mich über den Rand einer kleinen Brille mit ihren blauen Augen an.
„Miss... Arche May Silver?“, fragte sie. Die kurzen lockigen Haare machten aus ihr eine langjährige aber hübsche Bürokratin.
„Ja...“, antwortete ich mit ein wenig Resignation in meiner Stimme.
„Gut. Sie sind angeklagt, die halbe Stadt Eba verwüstet und mehrere Bürger dieses Landes ohne Grund angegriffen und getötet zu haben“, sprach nun die rechte Frau, die eindeutig menschlich war, aber durch ihre kurzen braunen Haare jugendlich wirkte. Zweifellos war sie sicherlich älter als sie schien. Ihre braunen Augen blickten nun von dem Papier vor ihr empor und fixierten mich. Nach einer eingehenden Musterung meinerseits, sah sie wieder auf ihre Unterlagen.
„Haben Sie etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen?“ Der Mann in der Mitte, wahrscheinlich der Richter, schaute mich ungläubig an, als wolle er sagen: 'Das kann nicht sein.' Seine mittellangen Haare und schwarzen Augen hinterließen bei mir einen äußerst positiven Eindruck. Wenigstens wurde ich von jemandem gerichtet, der gut aussah.
Dummerweise musste ich seine Frage verneinen – schließlich hätte ich schlecht sagen können: 'Ich war es nicht! Das war so ein komischer Feuergeist in meinem Unterbewusstsein!' Gut, er hatte es getan, um mich und sich selbst zu verteidigen, aber ob der Richter mir das in diesem Ausmaß glauben würde?
Ich merkte, das der Mann vor mir enttäuscht auf mich herab sah. „Da keine Verteidigung vorliegt, wird das Schweigen als Geständnis angesehen. Die Exekution wird morgen Mittag stattfinden.“ Der Mann in der Mitte seufzte.
„Hat die Angeklagte noch einen letzten Wunsch?“ Er schaute mich lächelnd an und bekam daraufhin von der rechten Frau einen Ellbogen in die Rippen gerammt. Sein Lächeln verstummte sofort, aber er behielt seine Kontenance.
Ich schaute ihm in die Augen und antwortete: „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn möglichst wenige bei der Hinrichtung anwesend sind!“
Der Mann sah mich verwundert an und zuckte mit den Schultern. „Wenn das Ihr Wunsch ist, so sei er Ihnen gewährt. Obwohl ich nicht verstehen kann, warum Ihr Euch dieses wünscht.“ Er schaute mir lange in die Augen. Ich konnte ihm nicht sagen, das sich die Tragödie wahrscheinlich wiederholen würde und es so weniger Opfer gab. Nach einigen Augenblicken gab er auf: „Die Verhandlung ist hiermit beendet. Bringt sie wieder hinunter, aber seid etwas sanfter...!“
Er stand auf und verließ mit den anderen beiden den Raum. Ich hätte wetten können, dass er erneut einen Schlag in die Rippen bekommen hatte, aber die Wächter zerrten mich wieder auf meine Beine und den ganzen Weg zurück in die Zelle. Sie ketteten mich wieder an die Wand und lösten mir danach wenigstens die Fußfesseln. Dann verließen sie den Raum, mich meinem Schicksal überlassend. Die Zeit verging langsam... sehr langsam. Egal, ob Stunden, Minuten oder Sekunden – jede einzelne von ihnen wirkte wie eine Ewigkeit und irgendwann driftete ich langsam in einen tiefen Schlaf ab, versank wieder in der Dunkelheit meiner Träume.

Langsam durchschritt ich die unbekannte Höhle, in der ich mich in meinem Traum befand. Die Tunnel wurden nur durch das leichte feurige Glühen der Wände erhellt, was dafür sorgte, dass ich mich nicht traute, selbige zu berühren. Kreuzung um Kreuzung passierte ich, auf der Suche nach jenem Feuergeist aus meinem letzten Traum. Instinktiv wusste ich, das er irgendwo in diesen Gängen verborgen sein musste. Ich ließ meine Schritte vollkommen von meinen Gefühlen leiten und achtete nicht auf Logik bis ich eine Höhle erreichte, in deren Mitte ich jene Flamme wiedererkennen konnte. Es hatte sich nur eines geändert: Sie war nun genauso groß, wie ich geworden. Dennoch wusste ich irgendwoher, dass er es war. Der Geist stand in mitten eines großen Hexagramms, dessen Spitzen ungleich groß gezeichnet waren. Dennoch war der Kreis symmetrisch. Am äußeren Ring des Kreises standen mehrere Wörter, geschrieben mit jenen merkwürdigen Schriftzeichen, die ich im Turm gesehen hatte. So sehr ich auch versuchte die Wörter zu lesen, ich konnte es nicht. Jedes Mal, wenn ich ein Schriftzeichen mit den Augen fixieren wollte verschwamm es und wurde unscharf. Keine Wörter formten sich in meinem Kopf, wie bei dem Armreif.
„Warum bist du hier hergekommen?“, fragte mich die Flamme. „Ich verstehe dich nicht. Erst rette ich dir dein Leben – Du zeigst dich aber kein bisschen dankbar. Ich habe gemerkt, wie du mich abgelehnt hast. Das du nichts mit mir zu tun haben wolltest! Und nun suchst du mich selbst auf...
Wieso?“
Ich schwieg. Nach einer Weile schritt ich langsam auf den Feuergeist zu, der mich mit einem fragenden Ausdruck in seinem flammenden Gesicht musterte. „Was... Was wirst du morgen tun, wenn man versuchen wird, mich zu töten?“, fragte ich ihn – mit möglichst ruhiger Stimme.
„Ich werde deinen Körper weiterhin beschützen. Viertausend Jahre sind eine lange Zeit... und die möchte ich nicht in Dunkelheit verbringen.“
Ich wusste nicht, was er von mir wollte. „Seit du das Siegel trägst und ich dich das letzte Mal beschützt habe, sind wir eins geworden. Daher hat nur noch jemand, der ebenfalls ein solches Siegel trägt, Anrecht darauf, es von dir zu nehmen. Solltest du vorher umkommen, werde ich die nächsten viertausend Jahre in der einsamen und dunklen Obhut des Todes verbringen“, er wirkte bei diesen Worten abwesend, als ob er sich an eine Zeit erinnern würde, in der dies schon einmal der Fall gewesen war. Es herrschte Stille zwischen uns. Ich verstand langsam, warum er es getan hatte, warum ihm keine Wahl blieb. Dass er eigentlich nicht wusste, wer mir alles etwas antun wollte.
„Gibt es denn eine Möglichkeit, mich zu schützen, ohne dass du andere verletzt?“, fragte ich freundlich.
Er sah mich fragend an, das Feuer seiner Augen schien heller zu leuchten, als er antwortete: „Warum sollte ich das versuchen? Sie versuchen dich – nein, uns zu töten! Ich habe das Recht mich meines Lebens zu wehren...“, er schwieg einen Moment, bevor er weiter sprach. „Außerdem hast du es nicht verdient, zu sterben. Du hast ein sehr reines Herz... Ich bin froh, dich gewählt zu haben.“
Ich schwieg. Ich spürte, wie mir das Blut zu Kopf stieg, das ich förmlich errötete. Ich versuchte meine Gedanken wieder zurück zum Thema zu lenken, aber ich hatte keine Idee, wie ich ihm erklären sollte, dass es Gesetze gab. Gesetze an die er sich nicht gehalten hatte, Gesetze die uns den ganzen Schlamassel eingebracht hatten.
„Was ist los mit dir?“, fragte er plötzlich und ging einige Schritte auf mich zu. Vielleicht verstand er ja auch, das ich eigentlich niemanden töten wollte? Ich wollte ihm dieses gerade erklären, als er mich von selbst mit sanft knisternder Stimme fragte: „Wenn ich dir verspreche, die Leute nicht zu töten... Akzeptierst du mich dann, tief in deinem Inneren?“
Ich war nicht darauf vorbereitet, dass er mich plötzlich in den Arm nahm. Dennoch verharrte ich eine lange Zeit in seiner Umarmung. Irgendwie strahlte er eine angenehme Wärme aus und sein flammender Körper fühlte sich so an, wie der meines Vaters. Ich genoss seine Umarmung und nickte leicht. Ich sah zu dem Geist empor, der einen halben Kopf größer war als ich und konnte ein Lächeln wahrnehmen.
„Das wird es uns beiden leichter machen. Es wird nicht mehr so anstrengend für uns sein, da du mich ein wenig in dein Herz geschlossen hast. Ich schlage vor, das wir nun gehen...“ Erneut nickte ich.
„Aber zuvor müssen wir noch deine Kleine abholen.“
„Woher... - ?“
„Ich bin nun ein Teil deines Herzens, ich weiß daher, dass sie dir sehr viel bedeutet und du nicht ohne sie gehen kannst.“ Mein Herz schlug schneller, eigentlich wollte ich schon immer bei ihm bleiben. „Nun... Wach auf. Es ist noch Dunkel... und solange wir in der Nacht fliehen, kann ich mich eher an deinen Wunsch halten“ Noch ehe ich antworten konnte verschwamm er mit der Umgebung, um in der Dunkelheit zu verschwinden.


Ich erwachte in der Dunkelheit der Zelle. Nur durch die Gitterstäbe in der Türe fiel der flackernde Schein einer Fackel, die draußen auf dem Flur angebracht war.
„Bereit?“, hörte ich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf.
Es dauerte einen Moment, bis ich meine Verwirrung überwunden hatte, merkte, das es der Geist war.
„Ja“
„Die Kontrolle über deinen Körper überlasse ich dir. du kommst damit besser zu recht, als ich. Wenn ich dir Bescheid sage ziehst du deine Hand aus den Fesseln. Alles klar?“ Ich hatte immer noch Probleme mich an die Stimme in meinem Kopf zu gewöhnen.
Nachdem ich dieses bejaht hatte spürte ich langsam wieder ein Brennen auf der Brust, wie jenes, als ich das erste mal mein Bewusstsein verloren hatte. Aber dieses mal wurde es nach einiger Zeit zu einer angenehmen Wärme. Ich konnte sehen, wie meine Haut anfing zu brennen, gefolgt von meiner Kleidung. Ich erschauderte bei dem Anblick, obwohl ich keinerlei Schmerz verspürte und die Haut, sowie die Kleidung auch nicht verbrannte. Die blauen Flammen, die meinen Körper nun einhüllten tanzten und zuckten langsam, tauchten die Zelle in einen leichten blauen Schimmer.
„Jetzt“, hörte ich die Stimme des Geistes und zog meine Hände so kräftig wie ich konnte herunter – was eindeutig ein Fehler war. Ich spürte keinerlei widerstand und bevor ich meine Hände stoppen konnte schlugen diese auf dem Boden ein. Ich rieb meine Hände und verzog vor Schmerz das Gesicht.
„Vielleicht hätte ich dich vorwarnen sollen, dass ich deine Hände kurzzeitig dematerialisiere...“, erklang erneut die Stimme in meinem Kopf.
„Danke für die frühe Warnung! Was machen wir jetzt mit der Türe?“
„Niederbrennen?“
Ich schwieg.
„Es geht nicht anders... Ich kann zwar deinen ganzen Körper zu einer großen Flamme machen, was dir erlaubt, durch diese Türe zu gehen, aber dass sie dabei kein Feuer fängt, kann ich dir nicht versprechen. Außerdem... die Türe lebt nicht! Auch wenn ich mich darüber immer mit dem Naturgeist streite.“
Ich seufzte und stellte mich vor die Türe.
„Los!“
Auf Geheiß des Geistes schritt ich durch die Türe. Ich konnte sehen, dass meine Beine kurzzeitig nur aus Feuer bestanden, was mir erneut einen Schauer über den Rücken jagte.
„Was ist los?“, fragte mich der Geist, als ich einige Zeit im Gang stehen geblieben war.
„Tut mir leid, ich muss mich erst an diesen Zustand meines Körpers gewöhnen“, antwortete ich.
„Ich wäre dir aber dankbar, wenn du das ein wenig schneller tun könntest. Wir suchen noch jemanden und wir haben keine Ahnung, wo sie steckt!“
Ich nickte und rannte in die Richtung des Ganges, die ich noch nicht kannte. Ich konnte noch aus den Augenwinkeln heraus erkennen, dass die Türe inzwischen lichterloh brannte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Wachen dies bemerken und Löschversuche unternehmen würden.
Spätestens dann würden sie auch anfangen nach mir zu suchen. Da ich unter Zeitdruck war, rief ich immer wieder Rjushas Namen, bis ich in der Ferne ein leises „Meister“ vernahm. Rjusha nannte mich nur selten 'Meister', meist nur, wenn sie etwas von mir wollte.
Den Rufen folgend erreichten wir bald eine massive Tür aus Eisen. „Verdammt, ich konnte noch nie Schlösser ohne Magie öffnen!“, leise fluchte ich.
„Rein kommen wir auch so“, kommentierte die Stimme in meinem Kopf das Problem.
„Aber wie kommen wir wieder heraus?“, fragte ich zurück.
„Wird dir zwar nicht gefallen... aber da müssen wir wohl sprengen. Es sei denn dir fällt gerade wieder der Zauberspruch zum öffnen von Schlössern ein... Des Weiteren kannst du mir glauben, dass Eisen nicht lebt! Aber sag dem Metallgeist nichts davon, darüber streiten wir nämlich auch immer.“
„Na egal“, antwortete ich und ging dann in Flammenform durch die Tür. Meine Augen durchsuchten so schnell sie konnten die Kammer, in der allerhand Ausrüstung herumlag. Meine lag auch sauber verstaut in einer Ecke. Als ich Rjusha sah merkte ich, dass sie mich entsetzt und ängstlich ansah. Man hatte sie in einer Ecke des Raumes angekettet. Langsam ging ich auf sie zu „Shhh... Ich bin es ...“, sagte ich mit einer sanften Stimme, aber mein flammendes Äußeres störte sie immernoch.
Ihr ängslicher Blick erinnerte mich daran, wie ich sie gefunden hatte...
Damals war sie ebenso ängstlich gewesen als ich vor ihr stand. Ich hatte ihr zu dieser Zeit einfach etwas zu fressen gegeben und sie gestreichelt, was sie weniger misstrauisch mir gegenüber gemacht hatte, bis ich irgendwann ihr Vertrauen erlangt hatte.
„Kann ich sie berühren, ohne das ich ihr schade?“, fragte ich den Geist.
„Kein Problem“, antwortete dieser, woraufhin ich Rjusha streichelte und an der Kehle kraulte – etwas was sie sehr gerne mochte.
Nach dem Kraulen hatte ich sie sofort wieder auf meiner Seite. „Mami!“ So fröhlich hatte ich sie lange nicht mehr gesehen.
Der Geist war mir bereits einen Schritt voraus und bat mich darum, die Kette in meine linke Hand zu nehmen, um sie einfach durchschmelzen. Rjusha staunte nicht schlecht, als ein Teil der Kette glühend auf den Boden fiel. Der andere Teil hing noch an ihrem Hals, kühlte aber relativ schnell ab und der geschmolzene Teil behielt den Abdruck meiner Hand zurück. Ich schnappte mir noch meine Ausrüstung und wies Rjusha an, sich hinter mir in Sicherheit zu begeben.
Dann hob ich den rechten Arm und der Geist tat das übrige: Aus meiner Hand löste sich ein kleiner rot-weiß glühender Ball, der beim Aufprall auf die Türe explodierte. Diese riss scheppernd auf, sowie alles andere im Raum, was nicht irgendwie hinter mir in Sicherheit war, um. Der Gang außen wimmelte inzwischen vor Wachen, die sich, durch den Krach der gesprengten Türe angelockt, um diese versammelten. Als sie mich sahen, richteten sie sofort ihre Speere und Schwerter auf mich, hielten jedoch einen gebührenden Abstand von mir, abgeschreckt durch die Feueraura, deren Hitze sie sicherlich spüren konnten. „Geht mir aus dem Weg!“, befahl ich den Wachen vor mir im Gang. Als sie sich nicht rührten hob ich meinen rechten Arm, wo sich nun ein Schwert aus Feuer formte. „Ich will euch nicht verletzen“, rief ich und deutete nun mit der Spitze des Schwertes in den Gang, durch den ich gehen wollte. „Also geht mir aus dem Weg!“ Von der Geste sichtlich beeindruckt machten sie mir Platz und zogen sich zurück. Ich schritt nun langsam den Gang entlang, mir den Weg mit dem Schwert bahnend.
„Wenn möglich, könntest du dich etwas mehr beeilen?
Momentan stehen wir beide unter einer großen Belastung. Lange halten wir das nicht mehr durch... und wenn wir zusammenbrechen, haben wir ein Problem. Ich wette die werden dann keinen Augenblick mehr zögern“
Der Anweisung des Geistes folgend begann ich zu rennen. Die Wachen machten mir auf dem weiteren Weg Platz, mein Feuer und das des Schwertes fürchtend. Einige sprangen auch erst im letzten Moment zur Seite. Ich erreichte bald die Treppe, über die man mich früher an diesem Tage zum Gerichtssaal gezerrt hatte. Ich erreichte also ohne nennenswerten Widerstand den marmornen Korridor, dem ich nun in die entgegengesetzte Richtung folgte. Ich hoffte dort den Ausgang zu finden. Langsam begann ich zu spüren, was der Geist mit der großen Belastung meinte. Der Arm, in dem ich das Schwert hielt wurde immer schwerer. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ich in diesem keine Kraft mehr hatte. Ich stürmte durch die großen Eisentüren am Ende des Ganges, welche von den Wachen geöffnet worden war, damit sie das Gebäude durchsuchen und das Feuer im Kerker löschen konnten. Kaum hatte ich den Hof erreicht, erkannte ich am anderen Ende des Hofes eine Figur, die mir den Weg aus der Festung versperrte, in der ich mich befand. Ich vermutete, das ich mich in der Königsfestung Itanias, der Sitz der Regierung Indyricas, auf der anderen Seite der Oase befand.
„Halt!“, rief die Gestalt vor mir mit donnernder Stimme, als ich ohne auf diese zu achten weiter auf das Tor zu hielt.
„HALT!“, rief sie erneut, dieses Mal mit einer grollenden Stimme, die meine Ohren strapazierte und mich fast zum Stolpern gebracht hätte. Die Wachen, die sich im Hof befanden, mussten sich die Ohren zuhalten. So wie es aussah, tat ihnen die Stimme sogar richtig im Ohr weh, während ich von der Aura einigermaßen beschützt wurde. Die Wachen hielten von uns beiden gebührenden Abstand. Ich hielt abrupt an. Die Gestalt vor mir konnte mit ihrer Stimme noch viel mehr Schaden anrichten, sagte mir meine Intuition. Nun merkte ich auch, dass ich meinen Arm nicht mehr heben konnte und das Feuerschwert verschwand in meiner Hand.
Vor mir stand eine Frau, deren Haare feuerrot waren und an Flammen erinnerten. Ihre ebenso roten Augen fixierten mich, während sie den restlichen Wachen, die vor ihr eindeutig Respekt hatten, klar machte, das sie uns nicht näher kommen sollten.
„Wen haben wir denn hier?“, fragte die, wie eine Priesterin gekleidete Frau. Ihre weiße Robe war mit mehreren gestickten Flammen geschmückt, was man selbst im fahlen Licht des Mondes erkennen konnte.
„Ist es nicht ein wenig zu früh für das Erscheinen des ersten Auserwählten?“ Sie sprach die Worte äußerst ruhig aus, so als ob sie sagen wollte, dass ich eine Fälschung sei. Nur eine Fälschung wovon? Was meinte sie mit 'der erste Auserwählte'? Wusste sie etwas über die Siegel? Ich hatte keine Ahnung, wie ich antworten sollte.
Langsam schritt die selbst in ihrer Robe sportlich wirkende Priesterin auf mich zu, griff, ohne sich an den Flammen um meinen Körper zu stören, durch meine Feueraura und riss mein Oberteil entzwei. Als sie das Siegel auf meiner Brust sah stockte sie.
„Warum? Wieso?“, fragte sie sichtlich geschockt, während die Aura um mich herum langsam erlosch. Ich schaute der Priesterin noch einige Sekunden in die Augen, bevor ich das Bewusstsein verlor.