Kapitel 4 ~ Prophezeiung

Tag der Dunkelheit, 20. Tag des Monats Ig, Jahr 3996 n.R.

Ich fühlte mich, als ob ich einen doppelten Kater hätte. Neben Kopfschmerzen nach zu viel Alkohol, hatte ich auch Muskelschmerzen, den berühmten Muskelkater. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich konnte die Helligkeit durch meine geschlossenen Augen erkennen. Dennoch konnte ich sie nicht öffnen, weil ich wusste, dass die Kopfschmerzen dann nur schlimmer werden würden. Ich blieb daher einfach regungslos liegen. Es verging etwas Zeit, bis langsam die Kopfschmerzen nachließen. Daher versuchte ich – wider besseres Wissen – mich aufzurichten. Kaum hatte ich mich ein Stück bewegt kamen allerdings diese verdammten Kopfschmerzen zurück. Stöhnend richtete ich mich dennoch auf und setzte mich aufrecht auf das Bett, das zu meiner Überraschung ziemlich weich war. Ich war nicht mehr in dieser Zelle eingesperrt? Langsam kehrte die Erinnerung an die Nacht meines Fluchtversuches zurück. Ich ging noch einmal gedanklich meine Flucht durch – vom Ausbruch aus der Zelle bis zu dem Zeitpunkt, als ich aufgehalten worden war... Plötzlich nagte an mir die Frage, warum ich noch lebte und nicht wieder in einer Zelle eingesperrt war? Quälen tat mich die Frage nur in geringem Maße, denn ich war froh, noch zu leben.
„May?“, fragte nun vorsichtig eine wohlbekannte Stimme neben mir. Ich öffnete gemächlich meine Augen und sah auf Rjusha, die vor dem Bett saß und fragend zu mir herauf sah. „Was ist passiert?“ Ich sprach langsam, da selbst meine Gesichtsmuskeln schmerzten. Meine Gedanken rasten förmlich im Kreis. Mir kam auch wieder jener Feuergeist in die Erinnerung, der mir bei der Flucht geholfen hatte. Ironischerweise hatte ich nicht mal seinen Namen. Hatte er überhaupt einen? Wenn nicht musste ich ihm wohl selbst einen geben. Johnny vielleicht? Ich schob diese Gedanken wieder zur Seite und versuchte meinen inneren Beschützer anzusprechen. Er meldete sich jedoch nicht, weshalb ich nach einigen Minuten aufgab.
Währenddessen hatte Rjusha fleißig erzählt. Ich bekam nur noch den letzten Teil mit: „...dann bist du zusammengebrochen“, das war wenigstens der Teil gewesen, an den ich mich noch einigermaßen erinnern konnte. Ich hatte also nichts verpasst.
„Die Wachen wollten sich gerade auf dich stürzen, als sie von dieser komischen Frau davon abgehalten wurden. Sie gab sogar die Order, dich in diesen Tempel hier zu bringen und auf das Bett zu legen... und seitdem hast du tief und fest geschlafen...“
Unterdessen rieb ich mir meine Schläfen.
Innerhalb der letzten halben Woche war mehr passiert, als in meinem ganzen Leben. Dazu noch viel mehr, was ich nicht verstand. „Danke, kleines“, mit einem kurzen Streicheln stimmte ich Rjusha erst einmal fröhlich. „Was zu Essen, zu Trinken und ein Bad wäre jetzt genau das, was ich brauche“, murmelte ich vor mich hin, bevor ich langsam meine Aufmerksamkeit auf den restlichen Raum richtete.
Die Wände, sowie der Fußboden bestanden aus rotem Marmor. Die Decke war aus weißem Gestein, auf dem kunstvolle Muster zu erkennen waren. Diese zeigten die Form von Flammen, die in der Raummitte zusammenliefen. Im Raum selbst standen einige Tische, wovon einer einen kleinen Korb voller Obst trug. Der Krug daneben, hoffentlich voller Wasser, bestand hauptsächlich aus Gold und war mit Verzierungen versehen, die wiederum Flammen darstellten.
Ich erhob mich langsam und stöhnend von dem weichen Bett, auf dem ich geschlafen hatte. Bei einem kurzen Blick über die Schulter konnte ich erkennen, dass auch dieses mit mehreren Schnitzereien verziert worden war. Anscheinend hatte der Künstler entweder eine Vorliebe für Flammen gehabt – oder jemand anderes hatte dieses Zimmer in seiner Feuermanie so ausgestattet. Ich dachte nicht weiter darüber nach, warum das jemand so wollte, es konnte mir schließlich egal sein. Ich griff zu dem Krug, aus dem ich mehrere Schlucke nahm. Er enthielt einen leicht süßlichen Saft, der äußerst schmackhaft war und Durst nach mehr machte.
Ich labte mich also weiter an dem Trank, bevor ich mich dem Obstkorb zuwandte. Ich nahm eine von den Früchten, die ich als Fanenas erkannte. Es handelte sich hierbei um eine äußerst exquisite Wüstenfrucht, die einen intensiven süßen Geschmack hatte. Sie wird nur von einer Kakteenart getragen, die man sogar in der hiesigen Wüste sehr selten auffand – Ich verspeiste demnach ein kleines Vermögen.
Mit der leicht krummen feuerroten Frucht, deren Größe mit der einer geschrumpften Wassermelone vergleichbar war, in der Hand, torkelte ich zurück zum Bett, wo ich sie genüsslich aß. Rjusha gab ich noch einige Bissen ab, bevor ich mich wieder ein wenig hinlegte, um noch etwas auszuruhen. Ich war mir sicher, dass sich jene mysteriöse Spenderin noch bei mir melden würde. Ich hoffte nur, sie würde mir den Saft und die Frucht nicht in Rechnung stellen. Ich lag vielleicht wenige Minuten, als ich merkte, wie es mir langsam besser ging. Vielleicht befand sich im Saft ein kleines Heilmittel oder die Früchte hatten sogar eine besondere Nebenwirkung, was ihren Wert sicherlich noch etwas steigern würde.
Rjusha sah mich besorgt an, weshalb ich ihr ein Lächeln schenkte. „Sieht doch jetzt zumindest ganz gut für uns aus, oder?“
„Und wenn das eine Art Henkersmahlzeit ist?“
„Dann können wir auch nichts mehr daran ändern.“, eine Aussage, die der kleinen Drachendame überhaupt nicht schmeckte.
Plötzlich klopfte es an der Türe. Während ich mich aufrichtete rief ich beinahe wie selbstverständlich: „Herein!“. Die Türe öffnete sich auch direkt und die Frau mit den feuerroten Haaren betrat den Raum, die Türe wieder hinter sich schließend.
„Anscheinend geht es euch besser...“
„Ja, danke. Sehr viel besser!“, meine Antwort schien ihr zu gefallen.
„Ich habe mir erlaubt, Euch neue Kleidung anziehen zu lassen“, die Frau lächelte mich an. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich nicht mehr dasselbe trug, wie am Abend zuvor. Die Priesterin hatte ja das Oberteil zerrissen.
„Aber vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen... Mein Herr Ryu nennt mich Hikaru.
Andere kennen mich als die Hohepriesterin des Feuers...“
Eine der Element-Priesterinnen stand also vor mir, noch dazu die Hohepriesterin, eine Drachenjungfer, von denen man behauptete, dass sie das Blut eines Drachen in sich tragen. Gerüchte besagten, dass sie schon mehrere tausend Jahre alt seien – ein Alter, mit dem nur Elfen mithalten konnten und das auch nur in seltenen Fällen.
„Warum habt Ihr mir geholfen?“, fragte ich sie, meiner Verwirrung Ausdruck verleihend.
„Weil ich neugierig bin. Neugierig, warum jemand wie ihr anderthalb Jahre früher als normal erwacht ist. Neugierig, ob das was Ryu mir über euch und eure Bestimmung erzählt hat wahr ist. Und weil ich nicht den Fehler meiner Mutter wiederholen möchte, den sie wohl vor achttausend Jahren begangen hat.“
„Ein Fehler?“
„Darüber möchte... darf ich nicht sprechen“, die Priesterin kam auf mich zu und schaute mir tief in die Augen. Ich konnte ihre Pupillen erkennen, die denen eines Reptils sehr ähnlich waren:
Sie waren nicht rund, wie die eines normalen Menschen, sondern länglich verzogen. Allerdings war dieses Merkmal nicht so sehr ausgeprägt, wie bei einem Drachen, einer Schlage oder einem anderen Reptil.
„Nun erzählt mir, wie lange ihr das Siegel eines Quaseirs schon tragt...“
„Was ist das überhaupt?“
„Ein Auserwählter oder eine Auserwählte. Die Bezeichnung ist schon sehr alt und nur wenigen bekannt, aber dir sollte sie eigentlich geläufig sein!“
„Ist sie aber nicht. Nur Richard hatte sie einmal erwähnt, bevor er Thoma tötete und danach versuchte mir das Leben zu nehmen!“
Hikarus Blick verriet mir, dass ich sie überrascht hatte. „Richard? Richard Krels?“
„Genau der!“ Hikaru schritt etwas zurück und überlegte.
„Er hat, soweit es mir berichtet wurde, ausgesagt, das Ihr ihn töten wolltet, aber wenn er...“ Sie schwieg kurz und überlegte. „Wisst Ihr, ob er eine Tätowierung in Form eines Dolches, der ein Auge aufspießt, trägt?“
Ich grübelte über das Symbol nach, versuchte es mir vorzustellen... Das Symbol, das sie beschrieben hatte, sagte mir tatsächlich etwas und es formte sich auch ein entsprechendes Bild, aber ich meinte nicht an Richard irgendwo so eine Tätowierung gesehen zu haben. Allerdings hatte er auch nie viel Haut gezeigt – das überließ er lieber den Frauen. Ich kramte in meinem Gedächtnis, ging in meiner Erinnerung zurück und kam an dem Zeitpunkt an, als ich sein Haus betrat. Dann ging ich zu dem Zeitpunkt, an dem mir Richard Thoma vorstellte und dann in seinem Arbeitszimmer die Karte zeigte... Moment, da war etwas bevor er die Karte ausrollte...
„Ich glaube, ich habe ein solches Zeichen auf einem Brief in seinem Arbeitszimmer gesehen. Nur weiß ich nicht, was darin stand.“
„Dann ist er wohl diesen Bastarden beigetreten... Das wird Ryu gar nicht gefallen...“ Hikaru wirkte plötzlich etwas feurig, um nicht zu sagen extrem verärgert.
„Worum geht es eigentlich?“ Die Priesterin schien mich für einen kurzen Augenblick vergessen zu haben, kam aber nun auf mich zu, beugte sich zu mir herunter und sah mir tief in die Augen. „Seid wann habt Ihr das Siegel?“, fragte sie nachdrücklich.
„Seit Thoma starb“, antwortete ich, eingeschüchtert durch den feurigen Blick, mit dem sie mir in die Augen sah. „Wieso seid Ihr im Besitz des Siegels, wenn Richard diesen... Thoma tötete?“
„Ich weiß es nicht!“ Sie sah mich noch einige Augenblicke mit jenem Unheil verheißenden Blick an, bevor sie sich etwas zurückzog und wieder lächelte. Die Frau konnte schneller ihre Gefühlswelten wechseln, als ich einen Zauberspruch sprechen.
„Demnach wählt das Siegel nicht immer denjenigen, der den Vorbesitzer tötet.“ Sie betrachtete mich weiterhin aus den Augenwinkeln, während sie vor mir auf und ab schritt. „Das wichtigste ist, dass Ihr diesen Kontinent verlasst... Ich konnte euch zwar etwas Zeit verschaffen, weil hier alle unter einem gewissen Einfluss der Kirche stehen, aber auch ich kann die Gesetze und Regeln hier nur ein wenig zu meinen Gunsten beugen. Daher muss ich Euch also früher oder später wieder an die Wachen übergeben.
Aber ihr könntet während der Abendmesse verschwinden... Diese zu besuchen ist für alle Feuergläubigen Pflicht... und da alle Einwohner der Insel Feuergläubige sind...“, Hikaru grinste und überlegte sich weiter, wie ich wohl am Besten Indyrica verlassen konnte.
„Ich würde aber gerne wissen, was eigentlich los ist? Was soll das Ganze?“
„Ihr seid hier in eine Geschichte geraten, deren ganzes Ausmaß Ihr selbst noch nicht begreift.
Daher müsst ihr es auch selbst herausfinden. Ich kann es euch nicht erklären. Ihr würdet es mir wahrscheinlich sowieso nicht glauben. Aber einige Anhaltspunkte werde ich Euch geben, da ihr noch anderthalb Jahre habt, bis der Tag der Entscheidung kommt. Bis dahin solltet ihr euch rüsten und so viele Informationen wie möglich sammeln. In den Destanis-Ruinen auf Xanacea werdet ihr einen Teil der Antworten finden, die ihr sucht. Nutzt die Zeit also weise!“
Ich sah die Priesterin finster an. „Warum könnt ihr mir nicht einfach das erzählen, was ihr wisst? WARUM muss ich diesen Mist mitmachen?“ Ich kam mir in diesem Moment wie ein Charakter am Anfang einer Erzählung vor. Diesem wurde auch immer gesagt: 'Das musst du selbst herausfinden'... oder so etwas in der Art.
„Weil... mein Meister mir gesagt hat, dass ich mich nicht in den Lauf dieser Geschichte einmischen soll, dass es keiner von uns darf! Eigentlich habe ich schon zuviel getan. Aber eins sage ich Euch: Wenn ihr diesen Mist, wie ihr es so schön bezeichnetet, nicht mitmacht, werdet ihr wohl irgendwann sterben... Wobei die Chance um so größer ist, das es früher passiert, als es euch lieb ist! Vor allem, wenn ihr den Mist nicht mitmacht“, ihr Blick verriet, das ich nicht weiter fragen sollte.
Nicht einmal Rjusha muckte. Sie war allein von der Präsenz der Priesterin eingeschüchtert. „Verlasst also dieses Zimmer in den Abendstunden, wenn die Sonne am Horizont wie Feuer wirkt und folgt dem Teppich im Gang bis zur Hauptstraße. Dort wird ein Wagen auf Euch warten, der Euch zur nächsten Hafenstadt bringt. Von dort seid ihr wieder auf euch alleine gestellt.“
Nach diesen Worten verließ Hikaru das Zimmer und ließ mich mit mehreren neuen Fragen alleine. Die Tür wurde noch ein Mal kurz aufgestoßen und die Priesterin steckte ihren Kopf in das Zimmer:„Achja, traut niemandem! Gerade nicht denen, die die Tätowierung mit dem Dolch tragen.“ Dann war sie vollends verschwunden.
Ich schwieg. Anstatt irgendeine Antwort zu erhalten, wurde alles immer komplizierter. Auf Fragen kamen neue Fragen. Ich hatte inzwischen genug Fragen, um ein ganzes Haus damit zu bauen! Ich fühlte mich wie eine Schachfigur in einem großen Schachspiel. Nachdenklich nahm ich mir noch eine der Früchte und vertrieb mir die Zeit ein wenig mit Rjusha, welche von der ganzen Problematik schon längst konfus war.

Als das Rot der Abendsonne ins Zimmer fiel, verließ ich den Raum, wie Hikaru es mir geraten hatte. Auf dem langen marmornen Gang befand sich ein ebenso langer feingeknüpfter roter Teppich. Nur einige kleine Säulen mit Kunstobjekten sowie einige Türen säumten meinen Weg. Das Gebäude war wie ausgestorben, was mir durchaus zum Vorteil gereichte. So erreichte ich nach kurzer Zeit eine große Halle, aus der zwei riesige Flügeltüren ins Freie führten. Draußen angekommen lenkte ich meine Schritte in Richtung einer kunstvoll gestalteten Kutsche, deren Fahrer mir die Tür aufhielt. Ich bestieg das Gefährt, dessen Innenraum mit rotem Samt ausgekleidet war und setzte mich auf die hintere Sitzbank. Auf der mir gegenüberliegenden Seite lag ein kleines Buch, das in großen goldenen Buchstaben den Titel 'Die Bibel des Feuers' trug. Der Fahrer schloss die Türe hinter Rjusha, während ich das Buch langsam an mich nahm und genauer betrachtete. Während ich das in rotem Leder eingebundene Buch genauer betrachtete rollte die Kutsche los.
Es war mit mehreren Flammen und dem Zeichen der Kirche des Feuers verziert: Die Silhouette eines Drachens wand sich darin um ein Feuer, das aus einem Pentagramm entstand. Ich schlug das Buch auf der ersten Seite auf und entdeckte einen Zettel: „Möge dieses Buch euch Weisheit gewähren... Lest die Passage, die ich markiert habe.“ Mit einer hochgezogenen Augenbraue blätterte ich durch die Seiten und entdeckte bald ein Lesezeichen. Das Kapitel, das oben angegeben war nannte sich 'Prophezeiungen'.

Das Zeichen zweier Drachen, des Ursprungs der Welten, tragend, betreten die Auserwählten in regelmäßigen Abständen die Welt, um den Platz eines Gottes einzunehmen. Sie schaffen somit eine neue Ära. Viertausend Jahre nach dem Erscheinen eines neuen Gottes wird der Tag der Entscheidung beginnen, wenn sich alle Auserwählten im Kampf um unbegrenzte Macht und Unsterblichkeit gegenüberstehen!

Ich schloss das Buch und legte es zur Seite. „...den Platz eines Gottes einnehmen. Wer es glaubt... “, murmelte ich vor mich hin. Rjusha sah mich mit einem fragenden Gesichtsausdruck an, jedoch ging ich nicht darauf ein. Sie war schon verwirrt genug und musste nicht noch mit komischen Prophezeiungen konfrontiert werden. Ich war sowieso noch nie jemand gewesen, der den Prophezeiungen oder Geschichten der Kirche – oder eher gesagt einer der Kirchen – geglaubt hatte. Wir verließen innerhalb kürzester Zeit die Festung und fanden uns in der Wüste wieder. Links und Rechts von mir wanderten nun langsam endlos erscheinende Sanddünen vorbei...

Als ich wieder in das Innere der Kutsche blickte, saß der Feuergeist vor mir und lächelte mich an. „Glück im Unglück, oder wie siehst du das?“
Ich schaute ihn fragend an – Er hätte sich auch früher bei mir melden können.
„Du träumst wieder... das ist die beste Art, wie wir in Kontakt treten können. Sonst fühlst du dich wieder wie heute Morgen.“
„Wie wäre es denn, wenn du mir jetzt mal ein paar Fragen beantwortest?“ Ich wirkte leicht genervt. Er war jemand, der die ganze Prozedur schon mindestens zwölf Mal mitgemacht hatte. Er musste also irgendetwas wissen... und dennoch schien er sich ein wenig zu wundern. „Ich bin neu... ich habe keine Ahnung, was hier passiert...“, erklärte ich mit einem ausdruckslosen Gesicht.
„Nun gut, ich werde dir etwas über die Geschichte des Siegels erzählen...“, anscheinend hatte er kapiert, was ich von ihm wollte. „Alles begann vor einigen Ewigkeiten, als eine Kreatur auf dieser Welt das erweckte, was die alten Götter den Kreaturen, die hier lebten, vorenthalten hatten: Die Magie.
Allerdings war jene Kreatur nicht dazu in der Lage die enormen Kräfte zu kontrollieren, die sie erweckt hatte. Sie nutzte daher das bisschen Kontrolle, über das sie verfügte, dazu die Magie in zehn Aspekte – die jetzigen Elemente – zu teilen. Diese Macht übertrug sie dann in Form von uns Geistern, die als Wächter der Magie gelten, auf andere Kreaturen, so dass diese allen anderen die Macht der Magie näher bringen sollten. Ihre Aufgabe war es, darauf zu achten, das niemand die Magie missbrauchte, da die ursprüngliche Intention nur die Nutzung für das Gute vorsah... Viele Jahre lang ging dieses auch gut, bis jene Kreatur starb – woran ist mir nicht bekannt.
Die zurückbleibenden Wächter begannen sich bald zu streiten, wer nun anstatt dieser Kreatur die Wächter leiten sollte, wer die Nachfolge dieser Kreatur antreten sollte. Es entbrannte bald eine fürchterliche Schlacht zwischen den Wächtern, die dabei einer nach den anderen ihr Leben ließen... bis nur noch ein einziger übrig blieb. Er hatte beim Sieg über die anderen Wächter deren Fähigkeiten und Geister übernommen. Aber nun spürte er, warum jene Kreatur damals ihre Kraft geteilt hatte: Es war für ihn zu anstrengend, die Kräfte auf ewig kontrollieren zu können. Spätestens nach viertausend Jahren hätte er seinen Verstand dabei vollkommen verloren. Daher entschloss er sich dazu, ein System einzurichten, das alle viertausend Jahre neue Wächter wählen sollte. Wächter, die dazu bestimmt waren, dasselbe Schicksal zu erleiden, wie er: Der Stärkste würde wieder diese Macht übernehmen und für viertausend Jahre über diese Welt herrschen, bis der nächste Zyklus beginnt... Der Name Quaseir wurde den Wächtern aufgrund ihrer großen Stärke in ihrem Element gegeben. Es sollte ihre Quasi-Allmächtigkeit wiedergeben“, er machte eine kurze Pause in seiner Erzählung. „Jenes System ist immer noch aktiv und du bist nun ein Teil davon“
Das war der Moment, in dem ich mir überlegte, diese Bibel doch etwas ernster zu nehmen. Aber mich interessierte eines: „Warum hat kein Nachfolger das System geändert?“
Der Feuergeist schüttelte mit dem Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wie das System genau funktioniert... Das weiß nur derjenige, der es erschaffen hat... Und keiner hat neben dieser Allmächtigkeit auch Allwissenheit erlangt.“
Ich seufzte. „Also kann ich davon ausgehen, das Richard versucht über diesen Weg allmächtig zu werden?“
„Möglich wäre es... Allerdings stellt sich mir die Frage, woher er die Bedeutung des Siegels kannte.“
Ich überlegte etwas.
„Steht ja eigentlich fast so im Reintext in der Bibel hier.“ Ich deutete dabei auf das Buch vor mir.
„Ich bezweifle aber, das er diese Bibel genau gelesen hat. Ich glaube eher, das nur die Priester und Priesterinnen das gesamte Buch gelesen haben. Des Weiteren: Woher wusste er, das ich mir einen neuen Wirt suche, wenn der alte vernichtet wird? Woher wusste er, das ich den Wirt nicht mehr wechseln kann, nachdem meine Macht einmal durch den Körper des Wirts gewirkt hat?“
„Könntest Du aufhören, mich als Wirt zu bezeichnen?“
Der Geist sah mich kurz verwirrt an, kapierte aber schnell, was ich meinte. „Entschuldigung“
„Schon gut. Aber ich glaube, das weiß er alles aus dem Glasturm. Da hat das wahrscheinlich irgendwer mit alten Schriftzeichen an die Wand geschrieben“ Der Geist sah mich erstaunt an. „Aber solltest du das nicht auch wissen?“
„Ich kenne nur deine Gefühle, nicht deine Erinnerungen... Daher kann ich mich gar nicht an die Zeit erinnern, bevor ich... dein Leben rettete... Davor konnte ich nur spüren, wo ich am Besten aufgehoben war...“ Er lächelte etwas unbehaglich. Er wollte mich wohl nicht an jenes Ereignis erinnern.
„Was mich noch interessieren würde: Woher wusste er, das dieses Geheimnis im Glasturm zu finden war? Mir scheint, dass er diesen damals zielstrebig mit uns aufgesucht hat.“
Auf diese Frage wusste keiner von uns eine Antwort. Ich konnte nur spekulieren, dass wahrscheinlich dieser komische Bund oder Klan dahinter stecken könnte.
„Dieser komische Klan könnte damit etwas zu tun haben...“, sprach der Geist meine Gedanken aus. „Am besten, wir suchen erstmal die Destanis-Ruinen auf. Ich weiß, dass da noch einige Antworten auf deine Fragen stehen könnten.“
„Kannst du mir das nicht einfach so erzählen, wie das andere auch?“ Der Feuergeist schwieg.
„Sage mir nicht, das du das vergessen hast? Wie oft warst du schon dort?“
„Mehrere male, aber immer im Abstand von mindestens viertausend Jahren! Außerdem löscht das tolle System, von dem ich dir erzählt habe immer diesen Teil!“
„Wie meinen? Wie sollen wir denn dann darein kommen? Innerhalb der letzten viertausend Jahre hat eine Barriere den Eingang zu den Ruinen beschützt – Wie sollen wir also dann diese betreten?“
„Mach dir da mal keine Sorgen“, der Feuergeist grinste kurz und war im nächsten Augenblick verschwunden, während die Kutsche von der Dunkelheit verschluckt wurde.


Tag der Erde, 21. Tag des Monats Ig, Jahr 3996 n.R.


Ich erwachte noch vor dem Morgengrauen. Rjusha war eingeschlafen und hatte es sich auf dem Sitz neben mir gemütlich gemacht. Ein Blick nach draußen in die langsam endende Dunkelheit verriet mir, dass wir nicht mehr in der Wüste waren. Einzelne Pflanzen und hohes grün-gelbes Gras ließen auf eine Steppe schließen. Ich lehnte mich ein Stück aus dem Fenster, um auf den Weg vor mir zu schauen. In einiger Entfernung konnte ich eine Mauer entdecken, die sich von der Dunkelheit der Umgebung leicht abhob.
Anscheinend waren wir die ganze Nacht in hohem Tempo gereist, da die Strecke zwischen der Oase und der nächsten Hafenstadt kein Weg war, den man mal so eben überbrücken konnte. Ich hatte mir die Tiere vor der Kutsche vorher nicht genau angesehen, aber ich wunderte mich dennoch, wie sie über diese lange Strecke der unglaublichen Belastung standgehalten hatten. Kaum hatte ich meinen Gedanken zu Ende gedacht bremste das Gefährt sanft ab. Der Kutscher stieg vom Kutschbock herunter und öffnete die Türe zur Kabine.
„Ab hier müsst ihr alleine weiter reisen. Die Nachricht, dass ihr gesucht werdet sollte nicht vor heute Nachmittag diese Stadt erreichen. Bis dahin solltet ihr euch ein Schiff gesucht und den Kontinent verlassen haben... Viel Glück!“
Der Mann, der die Kutsche gesteuert, hatte half mir aus selbiger auszusteigen. Rjusha nahm ich dabei vorsichtig auf den Arm, um sie nicht aufzuwecken. Er schloss die Türe hinter mir und verabschiedete sich, bevor er sich wieder auf die Kutsche begab und weiterfuhr – auf die Stadt zu. „Ein Stück weiter hätte er mich ja noch mitnehmen können...“, grummelte ich vor mich hin. Aber er hatte wahrscheinlich seine Gründe dafür. Ich ging langsam auf die Stadt zu, während die Sonne ihre ersten Sonnenstrahlen die Landschaft um mich herum erhellen ließ.
Ich erreichte die Stadttore einige Zeit nach dem Morgengrauen, als Rjusha erwachte. Sobald sie bemerkt hatte, was passiert war, sprang sie auf und flatterte einige Zeit umher – Ihr war es peinlich, dass ich sie wie ein schlafendes Baby getragen hatte.
„Warum hast du mich nicht geweckt?“, wollte sie wissen.
„Du sahst so süß und unschuldig aus...“, erwiderte ich und ging durch das Stadttor. Rjusha brauchte einen Moment, bis sie mir folgte.
Ich hätte wetten können, dass sie unter ihren Drachenschuppen tiefrot geworden war. Wir gingen durch die, noch ruhigen Straßen, in Richtung des Hafens, wo schon jetzt reges Treiben herrschte. Einige Kapitäne ließen ihre Schiffe bereits beladen, damit sie im Morgengrauen ablegen konnten.
„Entschuldigung, fährt eines dieser Schiffe nach Xanacea?“, fragte ich einen Matrosen, der gerade mit einem Sack über der Schulter auf eines der Schiffe gehen wollte.
„Fragen Sie da am besten den Hafenmeister. Sie finden ihn im Lagerhaus fünf.“
Ich bedankte mich höflich und folgte den Lagerhäusern, die große Nummern auf den Toren trugen. Das Haus mit der Nummer fünf hatte die Tore weit offen stehen. Im Haus stand nur eine einzige Person, die demnach der Hafenmeister sein musste. Er stand im Augenblick mit einem Notizblock vor einem großen Stapel Kisten, den er durchzählte.
„Entschuldigung ?“ Ich sprach den dunkelblonden Mann an, als er gerade eine Zahl auf seinen Block schrieb.
Er schaute kurze Zeit später zu mir hoch: „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich suche ein Schiff, das nach Xanacea fährt.“
„Hmm... lassen sie mich kurz überlegen“, der Hafenmeister schloss seine dunkelbraunen Augen und antwortete mir kurze Zeit später: „Da wäre einmal die Farenhait und dann noch die Georcas... Wann wollen sie denn in See stechen?“
„Je früher, desto besser.“
„Dann fragen Sie am besten bei der Farenhait. Deren Kapitän wollte ablegen, sobald das Schiff vollständig beladen ist. Normalerweise nimmt Harfner zwar keine Passagiere mit, aber vielleicht können Sie ihn ja dazu bringen, bei ihnen eine Ausnahme zu machen.“ Er zwinkerte mir bei diesem Satz zu.
„Vielen Dank“ Ich verabschiedete mich von dem Hafenmeister und suchte das Schiff, das den Namen Farenhait trug. Von den fünf Schiffen, die im Hafen vor Anker lagen, war die Farenhait das Beeindruckenste. Ein stolzer Viermaster, der gerade von mehreren Matrosen beladen wurde. Die Galionsfigur stellte eine Meerjungfrau dar und war in gutem Zustand. Ich näherte mich der Person, die gerade das Beladen überwachte.
„Kapitän Harfner?“, sprach ich den Mann an, dessen linkes Auge stark zugenkiffen war. Das andere Auge starrte mich an, als er antwortete.
„Aye?“
„Ich würde gerne auf ihrem Schiff mit nach Xanacea fahren...“
„Nope“. Ich schaute den Mann etwas ungläubig an.
„Warum nicht?“
„Frauen an Bord machen immer Ärger!“, seine Antwort wirkte bestimmt.
„Kann man sie irgendwie umstimmen?“ Der Mann musterte mich einen Moment, überlegte kurz und antwortete dann: „Vielleicht gibt es eine Möglichkeit. Sie sehen mir nach jemandem aus, der sich mit Magie auskennt. Auf der See bin ich normalerweise von der Laune des Wetters abhängig. Wenn Sie es schaffen, das zu ändern, so dass wir immer volle Segel haben, lässt sich darüber sprechen.“
Ich überlegte. Wetterkontrolle war durchaus etwas, was nur sehr Fortgeschrittene konnten. Ich hatte es bisher nie versucht, aber die Prinzipien dahinter und einige Aufzeichnungen befanden sich in meinen Büchern. „Ich kann es versuchen.“
„Nun gut, dann kann ich für Sie eine Ausnahme machen... Aber halten Sie mir ja dieses Balg im Auge“, er deutete mit einem Finger auf Rjusha. „Ich will kein Feuer an Bord meines Schiffes!“
„Ich bin kein Balg!“, widersprach Rjusha, woraufhin sie sich einen finsteren Blick von Harfner einfing. Sofort schwieg sie.
Wow, dachte ich mir, schon der dritte, der Rjusha einschüchtern konnte.
Harfner schnaubte. „Geht schon einmal an Bord, ich denke wir werden in Kürze ablegen!“
Ich bedankte mich und betrat das prachtvolle Gefährt über eine der Planken, die zum Beladen ausgelegt waren. Mir war es sehr Recht, das der Kapitän mir erlaubte, das Schiff schon jetzt zu betreten. So waren meine Chancen heil von diesem Kontinent zu entkommen um einiges höher.
Gegen Mittag war das Schiff fertig beladen. Kapitän Harfner gab den Männern den Befehl alles für die Abreise fertig zu machen während er die restlichen Formalitäten erledigte. Kurze Zeit später kam er zurück und wollte das Schiff betreten, als er von zwei Wachen aufgehalten wurde. Ich verbarg mich vor den Blicken jener Wachen und wirkte einen Zauber, um mithören zu können, was sie von ihm wollten.
„...diese Frau ist Gefährlich. Ich würde ihnen nicht empfehlen, sie zu verstecken!“
„Ich verstecke niemanden. Sie wollte zwar bei mir mitfahren, aber ich habe sie weggeschickt. Durchsucht lieber die anderen Schiffe, ich habe Geschäfte zu erledigen!“ Der Kapitän ging auf das Schiff zu.
„Wenn ihr sie nicht versteckt, habt ihr sicherlich nichts dagegen, wenn wir das Schiff durchsuchen.“
Kapitän Harfner drehte sich auf halbem Wege wieder zu den Wachen um. „Ich denke wohl, ich weiß am besten, wer auf meinem Schiff ist, und wer nicht. Diese Frau ist definitiv nicht auf meinem Schiff! Wenn ihr mich noch weiter aufhaltet, anstatt eurer Pflicht nachzukommen und sie woanders sucht, werde ich mich über eure Inkompetenz bei eurem Vorgesetzten Krainer beschweren!“
Die Wachen schluckten hörbar. „Wir wünschen ihnen eine angenehme Fahrt!“, antworteten die beiden, woraufhin sich der Kapitän umdrehte und das Schiff betrat. Er ließ die Planke einholen und gab den Befehl zum ablegen. Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Kapitän Harfner suchte mich kurze Zeit später auf, als wir den Hafen verlassen hatten. „Ich würde zwar zu gerne wissen, was ihr böses getan haben sollt, aber es gibt wohl einen guten Grund dafür...“
„Wieso haben sie mich beschützt?“ Er schaute mich mit einem Lächeln an, als er antwortete: „Um ehrlich zu sein... Ihr erinnert mich an jemanden... Außerdem seht ihr mir nicht danach aus, als ob ihr einer Fliege etwas zu leide tun könntet.“
Er führte mich danach in eine Kabine, die ich während der Reise nach Xanacea bewohnen durfte. Ich fragte ihn nicht, an wen ich ihn erinnerte, da ich keine schmerzhaften Erinnerungen wecken wollte.
So verließ ich den Kontinent Indyrica, in eine Geschichte verwickelt, deren ganzes Ausmaß ich damals wie heute nicht begreifen konnte...