Teil 2:
~ Auf den Spuren des Wassers ~
Kapitel 5 ~ Eis

Tag der Erde, 1. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Vorsichtig legte die Ahrenia im Hafen der Stadt Arcene an. Die Überfahrt hatte eine knappe Woche gedauert, was dank einiger Windmagier und dem Prototypen eines so genannten Motors äußerst schnell war. Er hoffte nun auf dem Kontinent, auf dem er sich nun befand, das zu finden, was ihm in Indyrica entwischt war. Er musste sich beeilen und den Träger des Siegels finden, bevor diesen ein anderes Mitglied des Klans fand.
„Sie haben uns wertvolle Informationen zukommen lassen, daher werden wir trotz ihres Versagens keine Strafe verhängen“, so hatte es einer der Vorsitzenden des Clans ausgedrückt. „Ferner geben wir ihnen noch eine Chance, ein Siegel für uns zu gewinnen.“ Natürlich galt das nur, falls er schneller darin war einen solchen Träger zu finden, als jemand anderes im Clan. „Solltet Ihr erneut versagen, so kommen wir nicht umhin, die Todesstrafe zu verhängen!“
Dieses Mal würde er jedenfalls nicht versagen. Er hatte Freunde in Aquene, Freunde auf höchster Ebene, die ihm helfen konnten einen Siegelträger zu finden.
Inzwischen hatte er das Schiff verlassen und sah sich innerhalb der Stadt um. Die Stadt mit der Landesfestung – dem Sitz der Regierung – lag auf einer Anhöhe inmitten der größten Insel dieses Kontinents. Aquene konnte man eigentlich nicht so sehr als Kontinent bezeichnen, da er eher aus Inseln bestand, aber man kam über den Landweg fast überall hin.
Der König, Frostlore, hatte mit aufwendigen Mitteln antike Brücken, die noch aus einer Zeit vor Trafalus stammten, instand setzen lassen. Am stolzesten waren die Aquenianer daher auf die Drachenkopfbrücke, die gute zwei Kilometer lang war. Den Namen bekam die Brücke, weil auf beiden Seiten äußerst kunstvolle Drachenköpfe aus Stein angebracht waren. Er musste noch eine lange Strecke zurücklegen, um beim König vorsprechen zu können.
Insgeheim freute er sich darauf, die kleine Prinzessin wieder zu sehen, deren Taufpate er war. Ganze acht Jahre war es her, seit er den König zuletzt gesehen hatte, dem er einst das Leben gerettet hatte.
Während Richard Krels weiter in Erinnerungen schwelgte betrat er einen kleinen Laden, um sich für diese Region passende Kleidung zu kaufen. Es dauerte nicht lange, bis Richard einen Wintermantel und passende Schuhe gefunden hatte und einen Taxi-Service aufsuchte, der ihn zur Residenz des Königs bringen sollte.


Tag der Natur, 2. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Im Rot der Abendsonne hielt die von Richard gemietete Kutsche vor den Toren des Anarctica Schlosses. Er verließ die Kutsche, gab dem Fahrer ein kleines Trinkgeld und betrat durch das große hölzerne Tor den Innenhof. Die Wachen wunderten sich zwar etwas über den Verband, den Richard um den Kopf trug, ließen ihn aber – ohne nachzufragen – passieren. Der Hof war noch genau so, wie ihn Richard in Erinnerung hatte: In der Mitte stand ein großer kunstvoller Brunnen, auf dem eine Meerjungfrau aus einer Amphore Wasser in das Becken darunter plätschern ließ. Links und Rechts von dem Rundweg um den Brunnen, der in einem kleinen Stück Garten stand, fanden sich Kanäle, durch die seicht Wasser plätscherte. Frostlore teilte Richards Leidenschaft für Pflanzen, was man an dem gut gepflegten Garten in der Mitte erkennen konnte. Auf dem Grundstück standen in einiger Entfernung sogar große Bäume. Das Schloss selbst wurde von mehreren Pflanzen umrankt, von denen eine sogar Blätter in Form von Wassertropfen trugen. Hätte das Schloss nicht einen so schönen Vorgarten und intakte Fenster gehabt, hätte man es für verlassen gehalten. Langsam schritt er auf die große eiserne Türe zu, die von mehreren Abbildungen von Fischen, Walen und anderen Wassertieren geziert wurde.
Er klopfte mit einem der schweren Eisenringe an die Tür, die ihm auch nach einiger Zeit geöffnet wurde. Ein Bediensteter blickte Richard etwas verwirrt in die Augen und schien einen Moment zu überlegen, bevor er ihm die Türe öffnete.
„Sir Krels. Was führt sie denn in unser bescheidenes Heim?“
„Eine wichtige Angelegenheit, die leider nicht allzulange auf sich warten lassen kann. Würdet Ihr bitte seiner Majestät Frostlore ausrichten, dass ich ihn so bald wie möglich sprechen möchte?“
„Wird erledigt!“, der Butler verbeugte sich kurz und verschwand durch einen der Korridore.
Die Zeit, die Richard nun zur Verfügung hatte nutzte er, um sich in der großen Empfangshalle umzusehen. An den Wänden und den Rändern der Treppe befanden sich auch hier mehrere Kanäle, durch die Wasser plätscherte. An den Kanälen, wo in einigen anderen Schlössern Statuen standen hatten es sich hier einige wasserliebende Pflanzen breit gemacht – oder eher sie waren dort absichtlich gepflanzt worden. Er schritt an ein besonderes Exemplar heran, an das er sich bisher nicht erinnern konnte und hockte sich hin, um einen besseren Blick darauf zu bekommen. Eine kleine strauchförmige Pflanze, mit gezackten Blättern ragte hier knapp über die Wasseroberfläche empor. Sie trug zwei große, kelchförmige hellblaue Blüten, die angenehm dufteten. Er nahm eines der kleinen Blätter zwischen die Finger und spürte, dass die Blätter sehr weich und feucht waren. Kein Wunder, dass diese Pflanze so nah am Wasser stand. Richard wollte gerade wieder aufstehen, als er merkte, wie ihn jemand am Mantel zupfte.
Er drehte sich zu jener Störquelle um und sah ein Mädchen, das um die acht Jahre alt war und ihm am Mantel hing. „Warum trägst du einen Verband um den Kopf?“, fragte die kleine, deren große blaue Augen Richard fragend anblickten. Sie trug ein langes weißes Kleid mit mittellangen Ärmeln, das einige wasserblauen Stickmuster trug. Ihre hüftlangen, dunklen und leicht blau schimmernden Haare und ihre leicht spitzen Ohren ließen erkennen, dass sie elfischer Abstammung war. Richard hockte sich zu ihr herunter und lächelte sie an.
„Ich habe mich da ganz böse verbrannt... oder besser eine ehemalige Freundin von mir war das.“
Die Kleine verzog das Gesicht. „Wie fies!“
Richard musste lächeln, die Kleine war einfach nur süß.
„Wie heißt du denn?“ Die Frage ließ das kleine Mädchen erschrecken.
Sie machte zwei Schritte rückwärts und verbeugte sich höflich. Ihre Haare fielen zu Boden und er konnte einen Blick auf ihren Hals-Rücken erhaschen, wo er ein Mal erkennen konnte. „Ich bin Azalyn Frostlore. Prinzessin von Anarctica“, stellte sich die Kleine vor, während Richard realisierte, was auf ihrem Rücken prangte: Ein Siegel!
Sein Atem stockte, sein Herz fing an zu rasen. Fast schon automatisch hoben sich seine Hände – würden ihr um den Hals greifen – Ein stechender Schmerz in seiner Brust hielt in jedoch zurück.
„Was ist los? Habe ich etwas falsch gemacht?“ Die Worte der Kleinen, die sich inzwischen wieder aufgerichtet hatte, holten Richard halbwegs aus seiner Gedankenwelt zurück. Er schüttelte den Kopf. Er nahm ihre Hand und küsste diese.
„Ich bin Richard Krels. Ich kenne dich schon seit du ein kleines Baby warst... Du bist wirklich sehr groß geworden...“, er versuchte seine Nervosität und den Schmerz, den er verspürte zu überspielen. Die Bilder des kleinen Mädchens kamen ihm ins Gedächtnis, wie er das kleine Wunder damals auf den Armen hielt und er realisierte, dass er es nicht tun konnte. Bei Thoma war es so einfach gewesen, sogar bei Arche ging es fast schon automatisch... beinahe so, als ob jemand anders für ihn und durch ihn die Drecksarbeit erledigen würde. Aber dem Mädchen konnte er nichts tun.
Als er dies akzeptierte spürte er nur kurz ein Brennen auf seiner linken Schulter, wo die Tätowierung des Klans prangte und sofort ließen der Schmerz und der Drang die Kleine zu töten nach. Alleine bei dem Gedanken daran, was geschehen würde, wenn jemand anderes aus dem Klan erfahren würde, dass sie eine Trägerin war, zog sich sein Herz zusammen.
„Was hast du?“ Azalyns besorgter Blick ließ es nur schlimmer werden.
Er nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich. Gab es nicht eine andere Möglichkeit, als den Tod der Kleinen, das Siegel zu bekommen? Konnte er sie nicht irgendwie davon befreien, ohne dass sie sterben musste? Verzweifelt ging er in Gedanken die Inschrift in der obersten Kammer des Glasturmes immer und immer wieder durch.
Das Siegel der Elemente kann seinem Träger unglaubliche Kräfte verleihen, doch sobald es dies das erste mal getan hat, ist es nicht mehr möglich es von seinem Träger zu entfernen, außer man hat selber die Kraft eines Quaseirs.
Ist die Kraft des Siegels noch nicht erwacht, so besteht eine Möglichkeit es an sich zu reißen darin, dem Träger das Leben zu nehmen...

Eine Möglichkeit... Der Text ließ darauf schließen, dass es noch andere Möglichkeiten gab. Aber warum waren sie nicht auch dort dokumentiert? Er hatte die Inschriften doch studiert. Wieso also, wieso? Vielleicht gab es ja noch andere Plätze mit ähnlichen Inschriften, vielleicht sogar auf diesem Kontinent? Richard überlegte angestrengt, kratzte all sein Wissen über Legenden zusammen, die Anarctica betrafen.
„Das tut weh!“, er hatte nicht gemerkt, das er Azalyn immer fester an sich drückte und ließ erschrocken los.
„Tut mir leid, Azalyn“, Richard versuchte sie mit einem Lächeln wieder aufzuheitern.
„Sire, seine Majestät erwartet euch nun“, der Butler trat auf die beiden zu und warf Azalyn einen strengen Blick zu. Schüchtern und leicht ängstlich verzog sie sich. Richard sah den schwarz gekleideten Mann mit einem fragenden Blick an, dieser deutete Richard aber nur, ihm zu folgen.
„Sie soll möglichst früh lernen, sich wie eine Prinzessin zu benehmen,“ antwortete er, als sie einen Korridor betraten.
„Aber sie ist auch ein Kind, James“, erwiderte Richard, bekam aber keine Antwort von dem Butler.
Sie folgten einem langen leicht gebogenen Gang in eine kleine Kammer, wo ihn der König bereits erwartete. Luralian Frostlore erwartete Richard in einem weniger formellen Gewand. Sein weißes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden und seine Augen, von denen eines saphirblau und das andere dunkelgrün war, schauten Richard freundlich an. „Lange nicht gesehen, alter Freund. Darf ich fragen, was es mit diesem Verband auf sich hat?“
„Eine Verbrennung. Aber deshalb bin ich nicht hier.“
„Gemach, gemach. So eilig kann das Anliegen nicht sein, das wir uns nicht erst setzen können.“ Luralian schickte James, etwas Saft zu holen und bot Richard einen Stuhl an. „Was kann ich für Euch tun?“, fragte er nachdem der Butler beiden einen Becher Saft hingestellt und das Zimmer verlassen hatte.
„Es geht um Azalyn.“, Richard ließ den Satz auf Luralian einwirken. „Das Mal, das sie trägt wird früher oder später ihr Leben gefährden.“
Der König sah Richard entsetzt an. „Aber wieso? Sie trägt es seit ihrer Geburt und es hat ihr bisher nicht geschadet.“
„Ich bin auch erst vor kurzem darauf gestoßen, wie gefährlich dieses Mal ist. Von daher würde ich versuchen, es zu entfernen, bevor etwas Schlimmes passiert.“
„Ich bitte sogar darum.“
„So leicht ist das leider nicht, Eure Majestät. Ich muss erst einen anderen Weg finden, das Mal zu entfernen und da bitte ich Euch nun um Eure Hilfe.“
„Wieso einen anderen Weg? Ihr kennt also einen?“
„Ja, aber... Das ist der Tod des Trägers.“
Luralian sah Richard noch geschockter als vorher an. „Wie kann ich euch helfen, einen anderen Weg zu finden?“
Richard schwieg für einen Moment. „Ich suche eine Ruine, ein altes Gebäude, das viertausend Jahre alt, vielleicht noch älter ist. Darin könnte sich ein entsprechender Schlüssel befinden. Ihr solltet jedenfalls niemandem von diesem Mal erzählen.“
Der König nickte und überlegte. „Nun, da gibt es eine Legende von einer Art Festung auf der Drachenspitze. Es haben nicht viele den gefährlichen Aufstieg in diese Eishölle gewagt, und die, die es gewagt haben, kamen nie zurück. Wollt Ihr etwa wirklich diesen Berg erklimmen?“
„Ich muss. Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Weg.“ Richard seufzte. Irgendwie hatte er sich in eine Sache reingeritten, die immer schlimmer wurde.
„Dann werde ich Euch einige Männer mitgeben, die Euch beim Aufstieg behilflich sind.“
„Vielen Dank!“
„Ich werde noch etwas brauchen, bis der Trupp soweit ist, bis dahin solltet Ihr Euch ausruhen. Ich lasse Euch ein Zimmer herrichten. Morgen früh könnt Ihr dann aufbrechen, wenn Ihr wollt.“
Richard lächelte und bedankte sich für das Angebot. Innerlich musste er sich selbst fragen, warum er das alles tat. Vor kurzem hatte er noch jemanden getötet, um ein Siegel zu erlangen und nun versuchte er jemandem das Leben zu retten, weil er das Siegel trug. Luralian verabschiedete sich von Richard, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen und ließ ihn von Richard auf ein Zimmer führen.
Im Zimmer selber konnte Richard sehen, dass die Sonne bereits untergegangen war. Er schaute sich kurz in dem gemütlich eingerichteten Zimmer um, in dem auch, wie auf allen Korridoren, die er inzwischen gesehen hatte, Kanäle gezogen waren und Pflanzen wuchsen. Er fragte sich, ob er bei dem leisen Geplätscher überhaupt einschlafen konnte und legte sich probehalber auf das Bett und schloss die Augen...


Tag des Feuers, 3. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Er erwachte entspannt im Morgengrauen. Diese Zimmer waren aufgrund ihrer Kühle und des leichten Säuselns des Wassers äußerst entspannend. Er hatte eindeutig zuviel Zeit in seiner Residenz verbracht. Er nahm seine Sachen und zog den Mantel wieder an, den er, bevor er zu Bett gegangen war abgelegt hatte. Richard verließ das Zimmer und begab sich über den Gang zurück in die Vorhalle, wo er James über den Weg lief.
„Ah, wie ich sehe, sind sie bereits wach. Seine Majestät hat euch einige Reisende zur Seite gestellt und will sie mit euch bekannt machen.“ Der Butler führte Richard einen anderen Korridor entlang in einen Raum, in dem sich neben zwei Kriegern auch ein Waldläufer und ein Magier befanden.
„Da ist also der Wahnsinnige“, einer der Krieger grinste über das vernarbte Gesicht. Der breite Mann kam in voller Montur auf Richard zu und reichte ihm eine Hand. Der ganze Körperbau des braunhaarigen Mannes war äußerst muskulös. Er schien Richard mit seinen dunklen braunen Augen einen Moment lang zu mustern, während Richard die Hand ergriff. „Man nennt mich Barry – den Braunbären.“ Bei der Statur war sein Rufname kein Wunder, dachte sich Richard.
„Wie ich sehe, magst du ihn. Dann kann er ja nicht so schlecht sein.“, der andere Krieger war graziöser aufgebaut, hatte aber dennoch keine schlechte Stärke, was man an seiner Rüstung erkennen konnte. Er hatte etwas längere schwarze Haare und blickte mit seinen blauen Augen in Richards Richtung.
„Jo, ich bin Johnny.“ Anscheinend hatte er keinen Rufnamen oder wollte ihn für sich behalten.
Die anderen beiden, vor allem der Waldläufer, wirkten eher reserviert. Sie sahen etwas desinteressiert zu, als sich Richard vorstellte und gesellten sich nur mit einer Namensnennung in die freundliche Runde.
„Darin“, stellte sich der Waldläufer vor, während der Magier sich als Targus vorstellte.
Der Waldläufer trug einen grünen Mantel und hatte einen Bogen mit Köcher auf den Rücken geschnallt.
Auch er trug, wie der Magier kurze Haare, nur waren seine – im Gegensatz zu den dunklen, fast schwarzen Haaren von Targus – fast weiß. Man hätte es ein helles Blond nennen können, zu dem das Rot seiner Augen ziemlich gut passte, was bei jemandem elfischer Abstammung aber nicht verwunderte.
Der Magier hatte ebenfalls blaue Augen und trug eine rote lange Robe, deren Innenseite aus Pelz bestand, wohl um ihn gegen die Kälte zu schützen. Die Anderen waren weniger dick eingekleidet, glaubten aber anscheinend dennoch, der Kälte trotzen zu können.
„Da ihr euch jetzt bekannt gemacht habt, könnt ihr nun aufbrechen. Seine Majestät hat euch ein Gefährt gegeben, mit dem ihr an den Fuß des Berges kommen werdet. Es wartet draußen im Hof auf Euch.“ James verbeugte sich und ließ die Truppe alleine.
„Ich würde gerne wissen, was euch geritten hat, diesen Berg zu erklimmen?“, Barry hatte seinen Arm um Richard gelegt und führte diesen so zur Vorhalle. „Bisher hat das keiner überlebt, der es versucht hat, wieso seid ihr also so zuversichtlich?“
„Ich bin nicht zuversichtlich. Momentan habe ich nur keine andere Wahl.“
Der Braunbär schaute etwas merkwürdig, meinte aber danach: „Keine Sorge, wir biegen das schon hin, nicht wahr Jungs?“
„Klar“, Richard hörte nur die Stimme Johnnys, der Rest schwieg.
Nachdem die Truppe in der Empfangshalle angekommen war, fragte sich Richard, wie der Rest es bloß mit Barry aushalten konnte. Jemand der so sehr am laufenden Band quatschte wie er wurde schnell ziemlich nervig.
Richard sah sich ihn schon auf dem halben Wege zur Drachenspitze rösten. Sichtlich entnervt öffnete er die Türe in den Hof, und bei Anblick des Gefährtes pfiff Barry und war erst einmal still.
Die Kutsche bestand hauptsächlich aus Pflanzen die einige Eisen und Goldstücke zu halten schienen. Die Räder selbst schienen aus Wasser zu bestehen, was ein unheimlicher und zugleich faszinierender Effekt war. Gezogen wurde das Vehikel von zwei weißen Pferden, deren Fell in der Morgensonne glänzte.
„Dass der König uns seine Privatkutsche zur Verfügung stellt hätte ich nicht gedacht“, Barry fand als erstes wieder Worte, zum Bedauern Richards. „Habe ich euch schon erzählt, dass ich schon mal damit gefahren bin? Einfach spektakulär, wenn alles Mögliche an einem vorbei zieht. Und man spürt nichts von irgendwelchen Geländeunebenheiten. Einfach der Wahnsinn!“
Richards rechte Augenbraue begann zu zucken. Während Barry weiter erzählte staute sich in Richard ein Gefühl an, dem er kurze Zeit später Luft verlieh. „HALT DIE SCHNAUZE!“, schrie er, aber nicht alleine. Darin und Targus hatten dasselbe Bedürfnis.
„Wow, so schnell hast du es noch nie geschafft“, kommentierte Johnny das ganze, während Barry erstmal baff war und schwieg. In aller Ruhe bestieg man nun das Gefährt, auf das der König noch etwas Proviant hatte laden lassen und fuhr los.
Barry hatte jedenfalls recht gehabt, dass man mit jener Kutsche äußerst schnell unterwegs war und nichts von Unebenheiten spürte. Schließlich gab es zur Drachenspitze keinerlei befestigten Weg. Gegen Mittag erreichte die Kutsche den Fuß des Berges. Von hier aus mussten die Abenteurer zu Fuß gehen.
Man lud den Proviant ab und machte sich durch das nun stärker ansteigende Gelände auf den Weg zur Spitze. Es dauerte nicht lange, bis der erste Schnee einsetzte und man Schneeschuhe anzog, um besser vorwärts zu kommen und nicht in dem immer tiefer werdenden Schnee einzusinken. Gegen Abend erreichten sie eine Felswand, vor der sie ein Lager aufschlugen. „Das Klettern sollte man besser bei Tageslicht erledigen.“, Barry war inzwischen ernst geworden und redete nur noch wenn es nötig war. Richard konnte nun erkennen, warum sie Barry aushielten – wenn man ihn brauchte war auf ihn verlass.


Tag des Metalls, 4. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Mit den ersten Sonnenstrahlen brach man das Lager ab und bildete eine Seilschaft. Barry legte widerwillig seine Rüstung ab und ging voran. Johnny hatte auch die Rüstung abgelegt und diese ebenfalls von Targus in einer Art magischen Beutel verstauen lassen. Langsam arbeitete man sich die steile Felswand empor. Richard war dabei ein ums andere mal glücklich, dass Barry so stark war und ihm einige Abstürze erspart hatte. Gegen Mittag hatten sie eine kleine Ebene erreicht, auf der sie ausruhen konnten. Die Temperaturen waren schon sehr weit gefallen und Barry drängte zur Eile.
„Wenn wir uns zu lange ausruhen, werden wir hier erfrieren. Ich hoffe mal, das es nicht mehr weit, bis zur Spitze ist.“, er grinste. „Ich weiß bisher nur nicht, was daran so schwer sein soll, die Spitze zu erreichen?“
Der Rest zuckte mit den Schultern. „Vielleicht Gletscherspalten oder irgendwelche trickreichen Fallen?“, Richards Worte machten dem Rest nicht gerade viel Mut. „Sind wir am besten etwas vorsichtiger!“
Die Truppe machte sich wieder auf den Weg, der Aufstieg wurde dabei immer gefährlicher, da die Wand teilweise vereist war und Barry erstmal ein Stück Fels freilegen musste, um genügend Halt zu bekommen. Noch dazu sanken die Temperaturen immer weiter und langsam wussten sie, warum es nicht viele geschafft hatten. Bald darauf setzte Seitenwind ein, der allen ins Gesicht blies. Richard merkte nun, warum man den Frostbrand so nannte: Da die Kälte wie lauter kleine Nadeln stach, fühlte es sich so an, als ob die Haut brennen würde. „Wir haben es bald geschafft!“, ließ Barry, der nun etwas über ihnen das Ende der Felswand ausmachen konnte durch den heulenden Wind verlauten. Richard biss auf die Zähne, bald würden sie aus dieser Todesfalle entkommen sein. Bald konnte er sich und die anderen mit ein wenig seiner Feuermagie aufwärmen. Die nächsten Minuten kamen Richard wie eine Ewigkeit vor, bevor Barry, der auf dem Plateau angekommen war Richard und danach dem Rest hoch half. Schnell hatte die Truppe einen etwas windgeschützten Bereich gefunden und Richard entzündete ein großes magisches Feuer, an dem sich alle nun etwas aufwärmten.
„Ich sagte doch, wir schaffen es“, Barry grinste zähneklappernd, die nun entstehende Wärme genießend.
„Ganz schön geräumig hier oben!“, kommentierte Johnny, der sich etwas umschaute und sich von Targus die Rüstung zurückgeben ließ und als erster die Seilschaft auflöste.
Barry kleidete sich kurze Zeit später auch in seine Rüstung. „Weit kann man auf der Spitze zwar nicht sehen, aber es scheint mir, als ob es noch etwas höher geht“
„Ich fürchte, dass das der Ort ist, zu dem wir hinmüssen.“ Darin schaute skeptisch in den Schnee. „Außerdem glaube ich, das wir hier oben nicht alleine sind.“
Barry und Johnny zogen vorsichtshalber ihre Waffen und auch Darin nahm seinen Bogen in die Hand. „Wir sollten hier nicht all zulange verweilen.“ Der Ranger drängte den Rest möglichst schnell weiter zu gehen.
„Seid vorsichtig, hier können überall Gletscherspalten sein“. Barry, der die Warnung ausgesprochen hatte, war der erste, der sich vorwärts wagte.
Richard hatte das Feuer ausgehen lassen und nutzte dafür seinen Stab als Lichtspender. Vorsichtig tasteten sie sich vor, die leichte Steigung hinauf, weiter auf den Gipfel.
„Wir sind umzingelt“, flüsterte Darin, der einen Pfeil aus seinem Köcher zog und den Bogen spannte. Die anderen blieben ebenfalls stehen, machten sich darauf gefasst, jederzeit angegriffen zu werden. Sie warteten darauf, dass sich eine der Kreaturen zeigte, die sie umzingelten. Lange Zeit geschah nichts, nur die Kälte nagte an der Stärke der Abenteurer, bis plötzlich mehrere Kreaturen mit einem gellenden Schrei auf sie zugestürzt kamen.
Richard konnte gerade eben eines der Wesen erkennen, das hab Frau, halb Eisvogel war. Es hatte sich auf Barry gestürzt und diesen beinahe umgerissen. Noch ehe er diesem zu Hilfe eilen konnte bekam es Richard selbst mit einem ähnlichen Biest zu tun. Diese Monster hatten eine unglaubliche Stärke und waren ganz klar in der Überzahl. Darin war damit beschäftigt, mehrere von ihnen mit seinen Pfeilen abzuwehren. Er war einer der wenigen, die mit dem Bogen schneller Pfeile abschoss, als man sehen konnte, was er genau tat. Ein Außenstehender hätte sich gefragt, ob er mit den Pfeilen, die sich entzündeten, sobald sie den Bogen verließen, überhaupt zielte. Zumindest schien sein Teamwork mit den anderen dreien perfekt zu laufen. Er gab Targus Zeit, einen Feuerball auf diese Kreaturen zu schießen. Diese ließen sich zwar kurzzeitig davon beeindrucken, griffen aber weiter an. Barry und Johnny schlugen unterdessen mit ihren Schwertern auf die Biester ein, versuchten Darin einigermaßen frei zu halten, so dass dieser sie weiterhin mit seinen Pfeilen unterstützen konnte.
Mit Mühe und Not schafften sie es sogar einige der Biester zu töten, deren Platz aber innerhalb kürzester Zeit von anderen Eisharpyen eingenommen wurde. Richard hatte selbst alle Hände voll damit zu tun, diese Monster davon abzuhalten, ihn aufzuschlitzen. Als Darin auch ihm mit einigen Pfeilen Rückendeckung und somit einige Momente Ruhe verschaffte, begann er sich darauf zu konzentrieren, einen Feuersturm heraufzubeschwören. Darin tat sein bestes, ihn und Targus so lange zu beschützen, wie er mit äußerst komplexen Handbewegungen und unverständlichen magischen Worten versuchte diesen Sturm zu beschwören. Die Eisharpyen schienen allerdings zu merken, dass ihre bloße Überzahl ihnen nicht den Sieg schenken würde. Daher trieben sie Barry, Johnny und Darin etwas auseinander, so das Darin nun auch sich selbst verteidigen musste. Dadurch wurde Targus, während er einen weiteren Feuerzauber beschwor, von der Seite von einer Eisharpye angefallen und schwer verletzt, bevor Darin die Angreifer mit einem gezielten Schuss töten konnte. Dummerweise musste Darin kurz darauf geschockt feststellen, dass er seine gesamte Munition aufgebraucht hatte. Er warf den Bogen einfach zur Seite und zog das Schwert, das er neben dem Köcher auf den Rücken geschnallt hatte, um sich weiter zu verteidigen.
Zumindest hatte er Richard lange genug Zeit geben können. Kurz bevor diesen eine Harpie angreifen konnte, entfesselte er eine Feuersäule, die gegen Himmel schoss und die Angreifer zurückschlug. So schnell er konnte machte er sich daran, einen Feuerball zu beschwören, um sich und den Rest noch ein wenig zu schützen, bis der Feuersturm sich zeigen würde. Johnny, der eine zu große Übermacht gegen sich hatte, musste einige schwere Hiebe einstecken. Er hielt sich mit der linken Hand eine blutende Wunde halbwegs zu, während er weiter versuchte mit seiner rechten Hand die Biester abzuwehren, die ihn weiterhin ins Visier nahmen. Er kämpfte jedoch nicht nur mit diesen Bestien, sondern auch mit der Dunkelheit, die ihn langsam zu sich holen wollte.
Barry hatte durch seine Bärenkräfte mehr Glück. Er konnte sich ohne große Probleme durch die Reihen kämpfen, auch wenn ihn langsam die Erschöpfung packte. Die Eisharpyen merkten, dass er der Gefährlichste aus der Truppe zu sein schien und griffen ihn daher gezielt an. Es würde wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, bis auch er den zahlenmäßig überlegenen Monstern keinen Widerstand mehr leisten konnte. Dadurch, dass Targus außer Gefecht war und sich keiner an Richard heran traute, bekam es auch Darin mit immer mehr Angreifern zu tun. Er war zwar auch ziemlich gut mit dem Schwert, aber eindeutig schlechter als Johnny, was sich darin bemerkbar machte, das er schon jetzt Probleme hatte unverletzt zu bleiben. Auch er steckte kurze Zeit später einige schwere Hiebe ein und musste bald damit kämpfen, nicht ohnmächtig zu werden.
Richard, dessen Schutz durch die Feuersäule nun nachließ, hatte es geschafft, einen Feuerball zu beschwören. Eine Tatsache, die sich äußerst positiv auswirkte, da direkt mehrere der Biester auf ihn zustürmten. Mit einem kraftvollen Wurf brachte er den Feuerball mitten in der Feindmenge zum explodieren. Das kleine Inferno, das dadurch entstand riss viele der Harpyen in den Tod.
Richard hatte jedoch nicht bedacht, das ein so kräftiger Feuerball, wie der, den er gerade losgelassen hatte, den Boden des Gletschers, auf dem sie sich befanden beschädigte. Es bildeten sich mehrere Risse, wodurch Barry, der noch bis eben unverletzt war niedergerissen wurde und in eine Spalte stürzte, die sich im Schnee auftat. Johnny, der ebenfalls dieser Gefahr ausgesetzt war konnte sich aber mit einem kleinen Satz zur Seite retten, auch wenn es ihn viel Kraft kostete. Zumindest wurden die angreifenden Harpyen auch zu Boden gerissen. Die Zeit, die Richard und der Rest dadurch gewann reichte aus. Es begann kleine Flammen zu regnen, die bald immer größer wurden, teilweise unterbrochen von kleinen und großen glühenden Steinen, die in den tiefen Schnee einschlugen. Innerhalb von Sekunden war ein Inferno entfesselt und Richard wusste, würde er nichts unternehmen, würden die restlichen drei auch von diesem erwischt.
Er rannte zu Darin, half diesem auf und schleppte sich zu Johnny, der den beiden schon entgegen kam. Mehrere Harpyen wollten ihn unterwegs zwar angreifen wurden aber durch glühende Steine davon abgehalten, die nur Richard zu meiden schienen. Die vom Himmel fallenden Feuerbälle schienen sogar gezielt auf die Harpyen loszugehen. Während die Reihen der Monster sich innerhalb von Sekunden lichteten, half Richard Johnny und Darin zu Targus zu kommen, um auch diesen zu schützen. Als die letzten Feuerbälle die letzten Harpyen umrissen, erkundigte sich Richard nach Targus Zustand. Sein Körper war inzwischen kalt geworden, das Herz schlug nur noch schwach und drohte zu versagen. Er hatte zu viel Blut verloren.
Richard nutzte daher Teile von Targus Robe, um Darin und Johnny zu verbinden, die sich auf ihre Schwerter stützten. Sie hatten bereits sehr viel Blut verloren, was man an ihrer blassen Hautfarbe erkennen konnte. Beide ließen sich in den kalten Schnee fallen. „Es hat keinen Sinn... Wir können uns kaum noch bewegen...“, Johnny lächelte Richard an. „Ich muss zugeben, ich bin beeindruckt...“, Johnny brach nach diesen Worten zusammen. Er atmete schwer. Richard wollte ihm helfen, wurde aber von Darin abgehalten. „Es bringt nichts. Du kannst nichts mehr für uns tun. Wir hätten halt doch einige Heiltränke mitnehmen sollen...“. Richard fluchte innerlich.
Warum hatte er nie Heilzauber erlernt? Warum hatte er sich immer ausschließlich auf Feuermagie konzentriert? Arche hatte wenigstens ein paar gekannt. Auf seine alte Freundin war eigentlich immer Verlass gewesen... Warum hatte er sie überhaupt töten wollen? Was war damals über ihn gekommen? Er wusste es nicht. „ Bitte... Rettet... die Prinzessin...“, Darin hauchte diese Worte nur noch, bevor auch er Richard alleine ließ. Völlig alleine in der Kälte.
„Das werde ich...“, er hatte seine Hand zu einer Faust geformt und stand nach wenigen Minuten auf. Er stapfte erschöpft durch den tiefen Schnee weiter den Berg hinauf. Er war entschlossen, das zu finden, was er suchte, weshalb er sich nun durch nichts mehr aufhalten lassen würde. Er sprang über die Spalte, in die Barry gestürzt war und erklomm weiter die eisigen Höhen. Er würde nicht versagen. Er würde herausfinden, wie man das Siegel ohne den Tod des Wirts übernehmen konnte. Er quälte sich durch den Schnee den steilen Gipfel empor, wurde zwischendurch immer wieder von einem eisigen Wind erfasst, der seine Haut beinahe gefrieren ließ, bis er eine windgeschützte Stelle in der Nähe des Gipfels fand. Vor ihm erstreckte sich ein tiefer Krater, in dem, leicht bläulich glühend, ein Schloss im Eis empor ragte...