Kapitel 6 ~ Zerschellt

Im Inneren der Burg war es – im Vergleich zu außen – angenehm warm. Zumal der scharfe Wind wegfiel, der Richards Gesicht und Finger schon fast steifgefroren hatte. Er befand sich in einer großen steinernen Halle, in der sich viel Eis und Schnee breit gemacht hatten. An der Decke hing ein riesiger Kronleuchter, dessen Kerzen im Halbdunkeln sicherlich etwas Licht spenden würden – sollte er es schaffen sie zum Brennen zu bekommen. Vorsichtig schritt Richard über den teils eisglatten Boden auf der Suche nach einer Kurbel, mit der er den Kronleuchter zu sich herunter lassen konnte, um die Kerzen zu entzünden. Auf diese Weise würde er sich zumindest auch wieder ohne große Anstrengung aufwärmen können. Entlang an den Mauern der Wände, die für ihr Alter erstaunlich glatt waren, tastete sich Richard im schwachen Schein seines Stabes auf der Suche nach dem Mechanismus für den Lüster entlang. In einer Ecke fand er bald das, was er gesucht hatte: Eine große Kurbel aus Eisen. Er fasste stechend kalte Vorrichtung an und versuchte, sie zu drehen. Er brachte die ganze Kraft auf, die er noch hatte, aber sie rührte sich kein bisschen. Frustriert gab er auf und pustete etwas Wärme in seine Hände, die er inzwischen kaum noch spürte. Er schaute sich um, ob es noch etwas anderes brennbares in diesem Raum gab, fand diesen aber leer vor: keine Teppiche oder Möbel, kein Holz, das er hätte verwenden können, um sich irgendwie zu wärmen. Es half alles nichts, er musste sich also wieder ein kleines Feuer mit Magie erschaffen, um sich zu wärmen und somit die Kraft zu bekommen, dieses alte Schloss im Eis weiter zu erkunden.
Kaum brannte das Feuer spürte er auch schon die angenehme Wärme, die davon ausging, auch wenn sie langsam, aber sicher seinen Geist ermüdete. Bald spürte er, wie das Blut in seine Finger, Füße und sein Gesicht zurückkehrte. Ein Gefühl, wie ein inneres Feuer ließ seine Glieder auf unangenehme Weise wieder zu neuem Leben erwachen. Als das Brennen nachließ und er sich wieder ohne Probleme bewegen konnte ließ er das Feuer erlöschen, zog seine Robe wieder eng um sich und erkundete den Raum weiter.
Er fand zwei Treppen in der Mitte der hinteren Wand, von denen eine nach oben und eine nach unten führte. Vielleicht hatte man hier die Geheimnisse auch in einer der obersten Kammern verstaut? Richards Vermutung führte ihn nach oben, wo er auf einem Gang landete, der in beide Richtungen vollkommen zugefroren war. Riesige unebene Wände, die aus trübem Eis bestanden, versperrten ihm den Weg. Ohne eine ordentliche Rast würde er hier nicht weiterkommen. Vorsichtig stieg er die ebenfalls eisglatte Treppe wieder hinunter, um sich weiter unten umzusehen.
In das untere Stockwerk war das Eis noch nicht so weit vorgedrungen, wie oben. Richard empfand es sogar als etwas wärmer und war ziemlich froh darüber. Einen Gang nach dem anderen suchte er ab, nach weiteren Treppen, hinweisen oder anderen Besonderheiten, die ihm helfen konnten, Azalyns Leben zu retten. Doch jeder Raum, den Richard betrat war leer, er fand nur nach langer Zeit eine Treppe nach der anderen.
Tief hinunter in die Erde führte ihn seine Suche in jenem Bauwerk. Er hatte nicht mitgezählt, wie tief er gegangen war, als er einen Raum fand. Einen Raum, der mehrere Skelette beherbergte, die um einen schwarzen Fleck versammelt waren. Hier unten war es sogar einigermaßen warm, aber immer noch nicht warm genug, um hier zu wohnen. Dem Aussehen des Raumes nach zu urteilen, hatten es sich hier fünf Leute um ein Lagerfeuer herum gemütlich gemacht, das sie wahrscheinlich mit allem möglichen aus den oberen Räumen am Brennen gehalten hatten, bis sie irgendwann den Hungertod starben. Er schaute sich in diesem Raum näher um, hoffte, dass noch irgendetwas anderes als der Ruß und die Skelette Zeugen der Vergangenheit waren. Er durchsuchte vorsichtig die Stoff-Fetzen, welche die Skelette trugen und fand ein altes, in brüchiges Leder eingebundenes Buch. Die Kälte des Ortes hatte die Seiten einigermaßen konserviert, so dass Richard es aufschlagen und darin lesen konnte. Es war in jener antiken Sprache verfasst, die ihn der Klan gelehrt hatte, in jener Sprache, die er bereits im Glasturm gesehen hatte. Vorsichtig schlug er das Buch auf und las die Zeilen, die darin standen:

Dritter Tag des Feuermonats, fünftes Jahr nach Lobal
Es ist nun drei Tage her, seit uns Lobal hier wegen unseren Nachforschungen eingesperrt hat. 'Wir sollen uns nicht in Angelegenheiten einmischen, die Quaseire und die Siegel betreffen', war sein Befehl. Die oberen Labore mit unseren Unterlagen sind vollständig im Eis eingeschlossen worden. Nur die untersten Ebenen sind noch einigermaßen warm, während draußen ein unerbittlicher Schneesturm tobt. Einige haben die Burg verlassen, um Hilfe von außerhalb zu erbeten, aber bisher ist niemand zurückgekehrt. Wir hoffen, dass sich der Zorn unseres neuen Gottes bald verzieht... Ich führe dieses Tagebuch im Geheimen, um ein wenig den Zug der Zeit im Auge zu behalten und das Erlebte für die Nachwelt festzuhalten.

Achter Tag des Feuermonats, fünftes Jahr nach Lobal
In den unteren Ebenen wird es langsam auch zu kalt, um zu leben. Wir haben damit begonnen, alte Möbel und Bücher aus den oberen Ebenen herunter zu tragen und zu verbrennen, damit wir nicht erfrieren. Wenigstens haben wir noch einige Lebensmittel, die durch die Kälte länger haltbar sind. Inzwischen sind wir nur noch zu fünft. Leira ist eine der ersten, die verzweifelt. Lobal scheint uns immer noch nicht vergeben zu haben, obwohl wir alle täglich um seine Vergebung bitten.

Zwölfter Tag des Feuermonats, fünftes Jahr nach Lobal
Heute ist Torma von uns gegangen, die Krankheit, die er schon längere Zeit mit sich herum trug hat ihn heute übermannt. Kima hofft, das wir uns nicht bei ihm angesteckt haben. Sie sagt, das es sehr gut möglich sei, da wir alle geschwächt sind. Wir mussten auch unsere Rationen weiter einteilen, um weiter überleben zu können. Wir hoffen, das Lobal uns nicht vergessen hat.

Sechzehnter Tag des Feuermonats, fünftes Jahr nach Lobal
Wir verbrennen inzwischen das letzte Holz, was wir noch finden können. Unsere Nahrungsvorräte gehen auch zur neige und alle haben inzwischen die Hoffnung aufgegeben, das wir noch gerettet werden. Ich habe vorsichtshalber einige meiner Unterlagen im Keller unter uns versteckt. Ich kann nicht zulassen, das diese auch verbrannt werden. Wenigstens wissen die anderen nicht, das es noch eine Treppe nach unten gibt.

Zweiundzwanzigster Tag des Feuermonats, fünftes Jahr nach Lobal
Gerade ist auch Fennel von mir gegangen, ich bin als letzter übrig und auch mich verlassen die Kräfte. Ich weiß nicht, ob das hier je jemand finden wird, aber ich hoffe, er wird keinen so grausamen Tod sterben, wie wir. Mögen ihm meine Erkenntnisse helfen, die ich unten verstaut habe und wenn es nur für die Wärme ist, die sie beim Verbrennen spenden. In der Eckkammer steht die Statue einer Mizaquaris. Drücke den nach unten hängenden Blütenkelch herunter und der Weg nach unten wird sich öffnen. Ich folge nun den anderen in die nächste Welt...
Morris D.


Seufzend schlug er das Tagebuch wieder zu. Anscheinend war wirklich das interessanteste in den oberen Räumen gewesen, die aber vollkommen vereist waren. Richard steckte dennoch das Buch wieder ein und verließ den Raum, um sich hier unten weiter umzusehen. Die fünf hatten wirklich nicht viel übrig gelassen, aber hin und wieder fanden sich hier unten noch einige Schränke und Tische, teilweise lagen auch Papierfetzen umher, die aber nichts Besonderes enthielten. Inmitten einer kleinen Kammer fand Richard dann auch die beschriebene Statue.
Die Pflanze, die sie darstellte sah der im Schloss von Frostlore sehr ähnlich, nur war sie um einiges größer. Auch sie stand in einem Wasserbecken, dessen Wasser nicht gefroren war. Wie beschrieben drückte er vorsichtig den herabhängenden Blütenkelch herunter, welcher ganz leicht nachgab. Das nachfolgende kratzende Geräusch, wie von gegeneinander schabenden Steinen, zeigte Richard, das sich noch etwas tat, was wegen dem Alter des Bauwerks äußerst erstaunlich war. In der Wand hinter der Statue tat sich ein Loch auf, das halb so hoch war, wie der Durchgang der Tür, durch die er gekommen war. Vor der Öffnung senkten sich auch mehrere Steinreihen in den Boden hinab und bildeten so eine Treppe hinab in die Dunkelheit. Richard hielt den Atem an, als er den Stufen hinab folgte. Er landete in einer kleinen Kammer, deren Wände wie Regale aufgebaut waren. Nur in der Mitte befand sich ein kleiner Tisch, der mehrere Schriftrollen trug, die alle in der antiken Schrift gehalten waren.
Die Wände selber waren dagegen fast leer, nur wenige Bücher standen zwischen dem Staub der sich darauf angesammelt hatte. Seine Aufmerksamkeit galt primär dem Tisch, weshalb er auch eine der Schriftrollen nahm, den Staub davon pustete und diese vorsichtig aufrollte. „Geheimnisse des Siegels – von Morris D.“, lautete die Überschrift. Seine Aufregung stieg, sollte er schon das Gesuchte gefunden haben? Sollte es wirklich so einfach gewesen sein? So schnell er konnte las er weiter...

Lange Zeit habe ich nun schon die Natur des Siegels erforscht, dessen erstes Auftreten ich vor kurzem beobachten konnte. Unser Kind starb an einer schweren Krankheit und das Siegel suchte sich einen neuen Wirt, den es in meiner Frau fand, die über die letzten Stunden die meiste Zeit am Bett des Kindes verbracht hatte.
Dass dieses Mal den Besitzer wechselte machte mich stutzig und ich begann Nachforschungen über das Siegel anzustellen, aber es existierten nirgendwo Aufzeichnungen darüber. Ich versuchte daher mehrere Zauber darauf anzuwenden, um eine Antwort auf meine Fragen zu erhalten, aber nichts geschah, bis eines Tages ein anderer Träger eines solchen Siegels unser Haus betrat.
Er war äußerst freundlich und warnte uns: Sollten wir weiterhin glücklich und zufrieden leben wollen, so sollten wir das Siegel loswerden, jemand anderem übergeben, so lange es noch nicht erwacht sei. Aus irgendeinem Grunde traute ich ihm, aber wie soll dies möglich sein? Ich fragte ihn und er schüttelte nur den Kopf: 'Mir ist bisher nur der Tod bekannt, als Möglichkeit es los zu werden. Aber vielleicht gelingt es dir einen anderen Weg zu finden...'
Seine Worte erschraken mich. Wie sollte ich sie retten, wenn ich sie töten soll? Ich war am verzweifeln, probierte bald alles mögliche daran aus, was mir in den Sinn kam: Einreiben mit den Blättern von Pflanzen, anderen Salben, sogar Salz. Aber alles blieb sinnlos. Traurig und wütend warf ich die letzten Blätter der Pflanze, mit der ich das Siegel meiner Frau eingerieben hatte ins Feuer. Der daraus entstehende Rauch ließ mich bewusstlos werden, aber er schaffte auch das, was mir nicht vergönnt war: Er trieb das Siegel aus. Wer es danach trug, weiß ich nicht.
Es handelte sich um die Blätter einer Mizaquaris, einer äußerst seltenen Pflanze, die direkt im Wasser wächst.


Hier hörte Richard auf zu lesen. Die Lösung seines Problems war vor seinen Augen gewesen und er hatte es nicht gewusst. Dennoch war er sehr froh darüber, das er Azalyn von diesem Schicksal befreien konnte. Vorsichtshalber steckte er die Schriftrolle ein und machte sich auf den langen Weg, zurück an die Oberfläche. Sehr viele Treppen später, die ihn einen Großteil seiner Kraft kosteten, stand er wieder in der Kälte der dunklen Eingangshalle. Er schritt wieder durch das Tor, in den kalten, ihm in die Haut stechenden Wind. Er suchte in seinen Gedanken den Ort, an dem sie begonnen hatten, den Berg zu erklimmen. Er stellte sich vor, genau an diesem Ort zu stehen, konzentrierte sich darauf und sprach einen Teleportationszauber.
Die Gegend um ihn herum verschwand und wurde ersetzt durch den Anblick der Kutsche, mit der er angereist war. Im Rot der Abendsonne konnte er eine Gestalt vor der Kutsche erkennen, die immer wieder ein Messer in die Luft warf und wieder auffing... anscheinend wartete sie auf etwas oder jemanden. Jene Figur drehte sich zu Richard um, als dieser sich der Kutsche näherte.
„Ich hätte ja nicht gedacht, dass du das überlebst. Aber so muss ich mir nun doch meine Finger schmutzig machen...“, der Mann trat daraufhin aus dem Schatten der Kutsche. „Dann lass mich dich schnell töten... Ich habe dann meine Ruhe und du hast keine großen Schmerzen.“ Er steckte sein Messer, mit dem er die ganze Zeit weitergespielt hatte, wieder in den Gürtel, in dem allerhand kleine Waffen, wie Wurfsterne und Dolche steckten und griff auf den Rücken, um ein langes Katana aus seiner Scheide zu ziehen. Seine schwarzen Augen blickten bedrohlich auf Richard, der seinen Stab verteidigend vor sich hielt. „Schade, aber wenn du es dir unnötig schwer machen willst...“ Der ihm gegenüberstehende Mann ging in eine Angriffspose, das lange Katana mit zwei Händen knapp über seine kurzen schwarzen Haare haltend.
„Harry Gornes, der Höllenhund...“, Richard kannte den Mann, der gerade sein Leben bedrohte. Wann immer man den Auftragskiller des Klans gesehen hatte, war er in schwarzes Leder gekleidet.
„Stimmt auffallend“, antwortete Harry, dessen Lederjacke sich im Wind sachte bewegte. „Du nimmst es mir hoffentlich nicht übel, wenn ich jetzt meinen Job erledige...“, der Killer stürmte auf Richard zu, der gerade noch ausweichen konnte. Dieser Kerl war blitzschnell, nicht umsonst wurde er 'der Höllenhund' genannt.
Richard begann den Tag zu verfluchen... nichts ging ohne große Probleme über die Bühne. Jener Killer, der ihm jetzt auf den Hals geschickt worden war, bedeutete zumindest nichts gutes. Er wurde immer dann vom Klan ausgeschickt, wenn jemand in den eigenen Reihen ein Hindernis geworden war, soviel wusste er bereits.
Er spürte, dass er dieses Match nicht lange durchhalten würde, er müsste angreifen, Harry irgendwie bewusstlos schlagen und dann die Zeit nutzen, um zum Königsschloss zurückzukehren.
„Nicht schlecht, Richard... Kein Wunder, das die Oberen dich eigentlich nicht liquidieren wollten...“
„Ach?“, Richards Antwort fiel knapp aus. Er nutzte die wenigen Sekunden, die ihm durch das Gespräch geblieben waren, um einen Feuerball heraufzubeschwören.
„Du weißt doch, das dieser Zauber dir nicht viel nutzen wird, oder? Dafür müsstest du mich schon treffen.“
Harry grinste und Richard musste ihm recht geben. Ihn zu treffen war schier unmöglich, aber wenn er den Feuerball im richtigen Moment genau vor sich explodieren ließ, würde Harry einiges abbekommen. Der einzige Haken an der Sache war, das Richard auch getroffen werden würde. Sein Timing musste also genau stimmen, damit er selbst nicht allzu viel Schaden nahm. Er grinste, winkte seinen Gegner näher an sich heran, der sich das nicht zweimal sagen ließ. Der Killer rechnete immer noch fest damit, das Richard auf ihn zielte und nach ihm werfen würde.
Kaum war Harry nah genug gekommen, um Richard mit seinem Katana zu treffen, ließ dieser den Feuerball einfach fallen und sprang nach hinten weg. Harry war es unmöglich aus vollem Lauf zu stoppen und geriet in die darauffolgende Explosion, während Richard nur ein Stück nach hinten geschleudert wurde. Er konnte in der Ferne noch ein Wiehern vernehmen, bevor er wieder auf dem Boden aufschlug. Er blieb eine kurze Zeit reglos liegen, bevor er sich wieder unter Schmerzen nach oben kämpfte.
Der Rauch, den die Explosion aufgewirbelt hatte verzog sich langsam, und Richard konnte erkennen, dass Harry noch stand, wenn auch stark geschwächt. Seine Kleidung war teilweise zerrissen und er funkelte Richard böse an.
„Gut, Schluss mit den Spielchen... Jetzt wird es ernst...“
Richard konnte sehen, wie der Höllenhund das Katana fallen ließ und zu seinen Wurfmessern und -sternen griff. Richard selbst ging schon fast am Stock, aber er gab nicht auf, nicht so kurz vorm Ziel. Er mobilisierte seine letzten Kräfte und sprach erneut einen Feuerzauber aus. Er hatte größte Probleme, seine Konzentration zu halten, während er versuchte, den Sternen und Messern auszuweichen, die Harry auf ihn warf. Mehrmals streiften ihn die Wurfwaffen, eine Dolch bohrte sich in seine rechte Schulter, aber das Wichtigste war nun der Zauber.
Unter großen Schmerzen und von weiteren Geschossen getroffen ließ er das Himmelsfeuer los. Ein brennender Strahl schoss aus dem Himmel hinab auf den Killer, der die Feuerfontäne zu spät bemerkt hatte und nicht mehr ausweichen konnte. Der Geruch von verbranntem Fleisch machte sich breit, als Harry verkohlt in sich zusammenbrach. Richard sank auf die Knie. Er hatte noch gerade überlebt, aber er musste weiter. Er ahnte schreckliches...
Hilfe suchend sah er sich nach der Kutsche um, deren Pferde bei der lauten Explosion durchgedreht waren... Ihm blieb also nur eine Wahl: Er musste das letzte bisschen Kraft, das er hatte, aufwenden um sich über die lange Strecke zum Schloss zu teleportieren. Ein Unterfangen, das aufgrund der hohen Entfernung äußerst gefährlich war. Sollte er mitten in einer Wand landen, wäre er sofort tot. Aber das interessierte ihn momentan nicht. Er sorgte sich um Azalyn, obwohl er nicht ihr Vater war, so fühlte er sich momentan wie einer. Ohne nachzudenken sprach der den Zauber, der ihn in den Hof des Schlosses bringen sollte...
Er landete etwas außerhalb der Burg, auf dem Weg ins Schloss, dessen Tore weit offen standen. Wachen waren keine zu sehen. Er stütze sich auf seinen Stab und schleppte sich in jene Mauern, die normalerweise Schutz gewähren sollten. Aber im Innenhof wurde er eines Besseren belehrt. Mehrere Palastwachen lagen in ihrem eigenen Blut am Boden. Richard schleppte sich weiter, durch die offenen Tore in die Empfangshalle, in der auch einige der Bediensteten tot am Boden lagen. Er schaute sich um, die Wasserkanäle waren rot verfärbt, ein Zeichen dafür, das von irgendwoher Blut hinein tropfte. Er rannte so schnell er konnte zu der kleinen Pflanze, riss zwei Blätter ab und rannte den Korridor weiter entlang. Er hoffte, dass sie noch am Leben war, dass ihr nichts geschehen war.
Vorbei an immer mehr leblosen Körpern und an Zimmern, deren Türen eingetreten worden waren erreichte er bald eine Stelle, von der er das metallene Scheppern von aufeinander treffenden Waffen hörte. Er beeilte sich, folgte dem Geräusch, das langsam immer lauter wurde und abrupt mit einem Schmerzensschrei endete.
Er bog um die nächste Ecke und sah den König, der blutüberströmt zu Boden sank, hinter ihm James, der sich Azalyn mit einem Schwert in der Hand näherte. „James“, er rief den Namen des Dieners, der sich langsam zu ihm umdrehte. Ihm stand der Wahnsinn ins Gesicht geschrieben. Er konnte es spüren... es war derselbe Wahnsinn, der ihn gepackt hatte, als er Thoma tötete.
„Du kommst zu spät, Richard... Das Siegel gehört mir!“ Richard ließ seinen Stab fallen. Er rannte los, wissend was als nächstes geschehen würde. Er musste James aufhalten, der bereits das Schwert erhoben hatte. Noch drei Meter... drei Meter die endlos erschienen... Kurz bevor er James aufhalten konnte, schnellte dessen Schwert herunter und durchbohrte den wehrlosen Körper des verängstigten Mädchens. Ein greller Schmerzensschrei ließ Richard zusammenzucken.
Er war zu spät. Langsam lief das Blut aus der tiefen Wunde, als James das Schwert aus dem nun leblosen Körper des Mädchens zog und dieses zusammenbrach. Er blickte in die weit aufgerissenen, ausdruckslosen Augen Azalyns und verzweifelte. Warum hatte er sie nicht retten können? Warum war er so spät gewesen? Er spürte den langsam einsetzenden Schmerz und sah mit tränenden Augen auf James, der triumphierend lachte, als sich das Siegel vom Körper Azalyns erhob.
Es schwebte bläulich glühend in seiner Augenhöhe und drehte sich langsam zu ihm. Richard hob seine rechte Hand, wollte nach dem Siegel greifen, wollte es nicht James überlassen, der noch immer wie ein Wahnsinniger lachte. Ohne Vorwarnung raste es auf Richard zu, am verblüfften James vorbei und traf ihn in der offenen Hand. Er wurde davon weit zurückgeschleudert, spürte in seinem rechten Arm nur noch Schmerzen und landete unsanft auf dem Rücken.
„Sieh an, sieh an... Wer hätte gedacht, dass dich das Siegel nun wählen würde, wo du schon einmal von einem verschmäht wurdest“, James drehte sich zu Richard um und ging langsam auf ihn zu. „Aber gut, dann werde ich halt das übernehmen, was Harry der Höllenhund anscheinend nicht geschafft hat.“
Der ehemalige Diener richtete sein Schwert auf Richard, der verzweifelt seine Augen schloss. 'Schenke mir etwas von deiner Kraft... bitte', dachte er immer und immer wieder, und plötzlich hörte er die angenehme Stimme einer Frau in seinem Kopf.
„Ich werde dir das schenken, wonach du verlangst, sofern du mich akzeptierst“, sprach sie sanft.
„Ja!“, antwortete Richard laut, zur Verwunderung James.
„So sei es denn...“
Er spürte Kälte in seiner Hand, Eiseskälte, die sich langsam um seinen Körper ausbreitete. Als das Stechen der Kälte nachließ und sie sich angenehm anfühlte, spürte Richard, wie ein Teil seiner Kraft zurückkehrte.
Er raffte sich auf, sah James nun in die Augen, die dieser vor Schreck aufgerissen hatte. Richards Blick war hasserfüllt.
„Für das, was du Azalyn angetan hast, wirst du bezahlen“, war das einzige was James noch vernahm, bevor eine Eisklinge seinen Oberkörper von seinem Unterkörper trennte.
Richard stieg nun an James vorbei und näherte sich dem leblosen Körper Azalyns, nahm ihn langsam in dem Arm und drückte ihn, leise schluchzend, fest an sich. Die Aura um ihn herum erlosch, während Richard um das kleine Mädchen trauerte.
Er verbrachte Minuten, fast eine Stunde so, bevor er Azalyn auf den Arm nahm und in den Vorhof trug. Vorsichtig stieg er über einen der Kanäle, um in den Garten zu gelangen, der an sich an die Innenseite der Mauer anschmiegte. Hier legte er das Mädchen zu Boden.
„Gib mir noch einmal deine Kraft..“, flüsterte er leise.
„Das ist gefährlich...“, erwiderte die Stimme in seinem Kopf, aber Richard kümmerte es nicht sonderlich. „Dann gebe ich dir noch etwas meiner Kraft, aber achte darauf, das du dich nicht noch viel weiter verausgabst.“
„Danke.“
Die Aura hüllte Richard wieder vollständig ein, woraufhin er Azalyn in einen Sarg aus Eis einschloss.
„Warte hier auf mich... Ich werde zurückkehren... und dir das Leben wiedergeben... das du wegen mir verloren hast...“, flüsterte er und drehte sich um. Er schritt langsam durch das große Tor aus dem Schloss und sah sich wieder um, erkannte, wie einige Mörder des Klans aus der Türe stürmten, auf der Suche nach weiteren Opfern. Ihnen schenkte er nur ein kaltes Lächeln und hob seine Arme. Einer derer, die Richard erkannt hatten, bekam große Augen und deutete auf die Gestalt außerhalb des Tores, deren eiskalte Aura immer stärker glühte. Sofort stürmten sie in seine Richtung – zu spät, um das noch aufzuhalten, was Richard losließ.
Die Temperatur im Schloss sank drastisch ab, fror die in schwarz gekleideten Gestalten innerhalb von Sekunden tief. Er nutzte noch mehr Kraft, um das Schloss schließlich in einen gigantischen Eiskristall zu hüllen, der alles dort drinnen Konservieren sollte – solange bis er die Kräfte aller zehn Auserwählten in sich vereinigte... bis er diese Tragödie ungeschehen machen und allen Gefallenen das Leben zurück geben könnte.
„Der Klan wird dafür büßen... bitterlich büßen!“
Er schwor Rache, Rache an denen, die für diese Tat verantwortlich waren. Seine letzten Gedanken kreisten nur darum, die Klanführung aufzusuchen und zu töten, bevor er vor Erschöpfung zusammenbrach.