Teil 3:
~ Schmerzerfüllte Vergangenheit ~
Kapitel 7 ~ Sarasra

Die Dunkelheit holte ihn immer mehr ein. Er rannte so schnell er konnte, aber er entkam ihr nicht. Eine Frau war neben ihm und versuchte ebenfalls der drohenden Präsenz zu entkommen, die sie gnadenlos verfolgte. Plötzlich vernahm er neben sich einen Schmerzensschrei. Sie war von irgendetwas getroffen worden.
Wider besseres Wissenn drehte er sich zu ihr um, sah ihren reglosen blutüberströmten Körper. Ehe er zu ihr laufen konnte wurde er ebenfalls getroffen. Ein unglaublicher Schmerz überkam ihn, der ihn aus seinem Traum riss.

Schwer atmend richtete er sich auf, um besser Luft zu bekommen. Sein Herz schlug immer noch so wild, als ob er gerade einen Zehnkilometerlauf in schwerer Rüstung hinter sich gehabt hätte. Er schwitzte am ganzen Körper und der Schock saß ihm immer noch in den Knochen. Diese Träume wurden langsam immer häufiger... und realistischer. Erneut tauchte das Bild ihres toten Körpers vor seinen Augen auf, das noch genau so klar war, als ob er es gerade erst gesehen hätte.
Die Erinnerung an den einen Moment, der jetzt eine gute Ewigkeit zurück lag ließ ihn nicht los. Im Gegenteil, die Erinnerung wurde immer stärker und klarer. Er blickte fragend auf den Vollmond, der sein Zimmer mit seinem fahlen Lichtschein ein wenig erhellte, als ob er von ihm den Grund dafür wissen wollte. Aber innerlich wusste er, woran es lag. Die Zeit wurde langsam knapp. Bald würde der nächste Auserwählte jene Macht erlangen, die er so vergeblich suchte. Seine Atmung war inzwischen wieder normal geworden, und er ließ sich ins Bett zurück fallen. Er brauchte noch mehr Schlaf, da die letzten Nächte ähnlich abrupt beendet worden waren, wie diese. Seine Angst, dasselbe zu träumen, wurde bald von seiner Müdigkeit besiegt, die ihn zurück in die Traumwelt führte, aber dieses Mal in eine absolut leere Traumwelt...

Die Sonnenstrahlen weckten ihn sanft aus seinem tiefen Schlaf. Er fühlte sich erholt und schwang sich aus seinem Bett. Er zupfte das alte Laken ein wenig zurecht und zog sich ein lockeres weißes Hemd sowie eine alte blaue Hose an, bevor er das altertümlich aber nicht allzu schlicht wirkende Zimmer verließ. Als er die lange Treppe hinab in den Empfangssaal schritt, stellte er fest, dass er wohl mal wieder putzen sollte, da einige der dort stehenden Schränke nicht mehr ein tiefes Braun auf der Oberseite aufwiesen, sondern eher ein dunkles Grau. Vielleicht sollte er auch mal einen Diener oder eine Dienerin einstellen, um das große Herrenhaus sauber zu halten... Er schob den Gedanken schnell beiseite, da er in diesem Haus letztendlich doch lieber alleine war. Er konnte nicht zulassen, dass irgendjemand seine Geheimnisse fand oder sogar weitererzählte. Daher musste er wohl später selber den Besen schwingen. Unten angekommen, wollte er gerade die Küche betreten, als er auf dem Boden einen vergilbten Umschlag fand. Irgendjemand hatte ihn unter der Tür hindurch ins Haus geschoben. Vorsichtig hob er den Brief auf und drehte ihn um. Auf der Rückseite prangte ein in rotes Wachs gedrücktes Siegel, welches noch intakt war. Jedenfalls hatte keiner den Brief vor ihm gelesen, was – soweit er anhand des Siegels erkennen konnte – sehr befriedigend war. Vorsichtig zerbrach er dieses, woraufhin sich der Umschlag vor ihm in Luft auflöste und nur das darin enthaltene Pergament zurückblieb. Langsam faltete er es auf und las den Inhalt:

Viper MacTragger
Shinrju – Oberer
Aquene

Alle Shinrju-Oberen

Leider muss ich euch informieren, das wir – aufgrund unglücklicher Umstände – ein weiteres Siegel verloren haben. Daher bitte ich alle Shinrju-Oberen, sowie Shinrju-Lord Graei einer Notversammlung beizuwohnen, die am heutigen Tage gegen Abend stattfinden wird. Ich werde dort die näheren Umstände erläutern.

Shinrju – Oberer Viper MacTragger



Er faltete das Stück Papier wieder zusammen. Konnte denn keiner irgendetwas ordentlich erledigen? Paris Tyral hatte ebenfalls versagt, ein Siegel erfolgreich sicherzustellen. Aber es war geschehen. Es brachte nun auch nichts mehr, sich darüber aufzuregen. Sein anfänglicher Zorn verließ seinen Körper mit einem Seufzer, und er betrat die große geräumige Küche. Er setzte einen alten Topf mit Wasser auf den ebenso betagten Herd, dessen Feuer er mit einem Schnippen in Gang brachte. Er blickte nach draußen und stellte fest, dass es inzwischen Nachmittag geworden war. Das erklärte auch, warum er sich – seit langer Zeit – mal wieder außerordentlich erholt fühlte. Er hatte sehr viel länger geschlafen, als er ursprünglich vorgehabt hatte. Mit einem scharfen Küchenmesser schnitt er sich aus einem Stück Brot, das er aus einem der Schränke zu Tage förderte, eine Scheibe ab und kaute auf diesem herum. Ein altes Tee-Ei, das an einem kleinen Nagel in der Nähe des Herds hing, füllte er mit einigen Teeblättern und hängte es in einen Krug, der bereits einige Sprünge hatte, aber immer noch dicht war.
Als das Wasser kochte, schüttete er es in den Krug und lies den Tee einige Minuten ziehen, bevor er sich eine kleine Tasse eingoss und mit dem Schreiben in der Hand eine Stube im Keller des Hauses betrat.
An einer Wand hing ein Diagramm, auf dem zehn Elementsymbole eingezeichnet waren. Die Symbole von Feuer, Wind und Erde – die eine Flamme, einen Blitz und einen Erdbrocken zeigten – hatte er durchgestrichen, das der Dunkelheit – ein schwarzer vielzackiger Stern in einer dunklen Kugel – umkreist. Er nahm einen Stift vom Tisch und kreuzte nun auch das Wasser aus, welches durch einen Wassertropfen symbolisiert wurde. Er seufzte. Bisher lief nichts so, wie er es seit langer Zeit geplant hatte. Irgendjemand kam ihm immer wieder in die Quere und ihn beschlich langsam das Gefühl, dass es sich jedes Mal um ein und dieselbe Person handelte. Genüsslich trank er ein paar Schluck seines heißen Tees. Die Stube in der er sich befand, war nicht sonderlich groß und war ziemlich spärlich eingerichtet. Neben dem Pergament an der Wand und einem Schreibtisch, auf dem allerhand Schriftrollen lagen, stand nur noch ein Schränkchen im Raum. Darauf befand sich ein Objekt mit zehn unterschiedlich gefärbten Ecken, von denen fünf schwach glühten. Er schritt näher an das Gebilde heran und schaute auf die zehn unterschiedlichen Edelsteine, von denen ein blauer, ein roter und ein brauner leuchteten. Er selbst betrachtete einen kleinen weiß schimmernden Stein mit ausgesprochener Neugier.
„Mit mir wären also schon fünf erwacht...“, er lächelte leicht. „Es hat also begonnen... sehr viel früher, als letztes Mal.“ Er verzog das Gesicht. Seines Wissens stand es momentan ziemlich schlecht um ihn, da er keinen einzigen Verbündeten hatte. Er fürchtete jedoch, dass die anderen eventuell gemeinsam in die Schlacht ziehen würden – vielleicht sogar gegen ihn – bevor sie die letzte Entscheidung unter sich selbst trafen. Er schüttelte diesen Gedanken ab und legte das Schreiben, das er noch in der Hand hielt auf den Boden inmitten des dort eingemeißelten – und durch weiße Farbe hervorgehobenen – Hexagramms. Bis er später am Abend an der Versammlung teilnehmen würde, verließ er das Zimmer und ging zurück in die Küche, wo er sich eine neue Tasse Tee einschenkte. Leicht grinsend nahm er danach einen Besen in die Hand, um zumindest die Vorhalle einigermaßen zu säubern.
Er verbrachte den ganzen Nachmittag damit, dafür zu sorgen, dass die Möbel wieder ihren matten Glanz zurückbekamen. Währenddessen war der restliche Tee kalt geworden, weshalb er sich gegen Abend neuen aufsetze. Dann stieg er in die Stube im Keller hinab, um der Versammlung beizuwohnen.
Er holte sich noch einen Kapuzenmantel aus einem Schrank in seinem Schlafzimmer, bevor er die Stube im Keller betrat. Er warf sich den Mantel über, zog die Kapuze tief ins Gesicht und entzündete den Brief mit einem Fingerschnipsen. Er legte daraufhin den Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand in die offene rechte Hand, deren Finger nach oben zeigten, bevor er die Hand schloss. Er ließ nur dieselben zwei Finger, wie bei der linken Hand, nach oben zeigen, bevor er seine Augen schloss und flüsterte „Wahre die Geheimnisse der Shinrju und öffne den Pfad durch die Dunkelheit!“
Kaum hatte er das letzte Wort zu Ende gesprochen änderte sich die vorher orange-gelbe Farbe der Flamme in eine tiefblaue. Die Linien des Hexagramms entflammten und brannten mit der selben bläulichen Farbe. Erst, als das Papier vollständig verbrannt war, erloschen auch die Linien des Hexagramms wieder, bis auf die sechs Ecken die den Raum mit einem flackernden blauen Licht erleuchteten. Er betrat die Mitte des Kreises und nahm die Hände wieder auseinander. Er wurde sofort in absolute Dunkelheit getaucht, die nur noch von den sechs Flammen um ihn herum durchbrochen wurde. Er hatte die Reise zwar schon mehrere duzende Male gemacht, aber die Kälte der Flammen und der Dunkelheit machten diesen Ort immer wieder unbehaglich. Er blickte sich um: Noch war keiner der anderen angekommen. Es dauerte einige Zeit, bis in einer Ecke kurz eine hohe blaue Flamme empor schoss, die so schnell erlosch, wie sie gekommen war und eine Gestalt preis gab, die ebenfalls eine Kapuze trug und tief ins Gesicht gezogen hatte. An der Position und dem markanten Kinn erkannte er den Sender der Botschaft.
„Willkommen Viper“, begrüßte er diesen.
Die Gestalt erschrak kurz und verbeugte sich leicht dann leicht.
„Vielen Dank, Sarasra.“ An seiner Stimme konnte man erkennen, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass schon jemand vor ihm da war.
„Dummerweise sind neuerdings schlechte Nachrichten an der Tagesordnung, stimmt's?“
„E... Entschuldigung, Meister.“
Sarasra lächelte: „Warten wir also auf den Rest...“ Trotz der sanft ausgesprochenen Worte wurde Vipers Anspannung nicht besser – eher das Gegenteil war der Fall. Die nächsten Minuten warteten also beide schweigend ab, während langsam sieben weitere Gestalten auf dieselbe Weise eintrafen, wie Viper.
„Nun, da wir alle versammelt sind, gebe ich das Wort an Viper, der uns in die neuesten Ereignisse einweihen wird“, Sarasra zeigte mit offener Hand auf die Gestalt, die nach ihm angekommen war und wartete ab.
„Vor drei Tagen hat einer unserer Trupps herausgefunden, wo sich das Siegel des Wassers befindet. Ich habe sofort unsere Truppen dorthin entsendet, um diese Person in unseren Gewahrsam zu bringen, aber die Truppen sind nie zurückgekehrt. Als ich persönlich nachgesehen habe, fand ich das Schloss Anarcticas in einen riesigen Eisblock eingeschlossen vor. Alle Truppen die ich dorthin entsendet hatte waren mit eingefroren worden.“
Die Erzählung, die Viper mit leicht zitternder Stimme von sich gab, wirkte auf Sarasra wie ein Schock.
„Du hast unsere Truppen auf den Regierungssitz Anarcticas geschickt?“ In seiner Stimme schwang neben extremer Wut ein wenig Ungläubigkeit mit. Jedoch musste er Vipers Schweigen als Bestätigung nehmen. „Wie viele unserer Truppen haben wir verloren?“, fragte er mit zitternder Stimme.
„Zirka die Hälfte...“ Sarasra sah nach oben, kniff seine Augen zusammen und starrte Viper mit unglaublichem Hass an.
„Wie lange brauchst du, um die Verluste zu ersetzen?“, seine Stimme klang beinahe unmenschlich, als er diese Frage mit tiefer donnernder Stimme stellte.
„Einen... Monat... würde ich sagen...“, stotterte Viper.
„Du hast zwei Wochen... wenn ich bis dahin keine positiven Nachrichten bekommen habe, wirst du ebenfalls ersetzt!“
Viper zuckte zusammen und nickte zögerlich. Es war das erste Mal, das Sarasra einem seiner Leute den Tod angedroht hatte.
„Vielleicht kann ich eure Wut ein wenig zügeln, Mylord.“
Sarasra sah auf die Gestalt, die mit ihrer ruhigen Stimme das Wort ergriffen hatte. „Meine Leute auf Arcaea haben mir heute mitgeteilt, dass sie die Trägerin des Lichtsiegels ausgemacht haben. Sie ist momentan auf einem Schiff, der Daringan, unterwegs nach Asycion, um dort an der jährlichen Versammlung der Kirchen als abgesandte der Lichtkirche teilzunehmen. Da sie – wie ihr sicherlich schon wisst – bereits erwacht ist, schlage ich vor, das ihr euch selbst um sie kümmert.“
Nach diesen Worten kam ein leises Murmeln auf.
Niemand hatte zuvor einen solchen Vorschlag unterbreitet, aber er reagierte anders, als die Meisten vermuteten.
„Nun gut, Hawkeye. Ich werde mich persönlich um sie kümmern.“
„Gut, sie erreicht Newfay in drei bis vier Tagen...“
Erneut kam ein Murmeln auf, das Sarasra mit einer entsprechenden Geste unterdrückte. „Wir werden uns dann erneut treffen, nachdem ich das Siegel erhalten habe!“
Daraufhin trat er nach hinten aus dem Hexagramm heraus. Die Dunkelheit gab wieder den Keller preis, in dem er sich aufgehalten hatte und die sechs Flammen erloschen. Er warf den Mantel in die Ecke des Raumes, um mit ihm den letzten Rest seiner Wut abzulegen.
„Sich weiter darüber aufzuregen bringt nichts...“, sagte er zu sich selbst, aber sein Ärger kochte tief unter der Oberfläche weiter. Sein rechtes Auge begann leicht zu brennen, was ihm jedoch half, den letzten Rest seiner Wut zu unterdrücken. Langsam schleppte er sich die Treppe empor. Morgen musste er sich auf den Weg nach Newfay begeben, um die Trägerin des Lichtsiegels gebührend zu empfangen. Er schleppte sich eine weitere Treppe hinauf ins Bett, um sich dort ein wenig auszuruhen. Innerhalb von Sekunden packte ihn eine unglaubliche Müdigkeit und er fiel in tiefen Schlaf.


Tag der Luft, 7. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Er erwachte in den ersten Stunden des Morgengrauens. Nur wenige Sonnenstrahlen schienen in das Zimmer, aber dennoch war er hellwach. Ohne viel Zeit zu verlieren stand er auf, zog sich einige frische Sachen an und ging die Treppe hinunter in den Hauptsaal. Nach einigen Bissen in eine Scheibe Brot, die er sich abgeschnitten hatte, betrat er den Raum, der gegenüber der Küche lag.
In diesem Zimmer lagen einige Teppiche – in die einige kunstvolle Muster eingewebt waren – und eine gemütliche Couchgarnitur war rund um einen Kamin aufgestellt, über dem das Bild einer wunderschönen Frau hing. An den Wänden waren einige Bücherregale angebracht, in denen antike Bücher standen. Zwischen den Regalen stand auf einem alten Rüstungsständer eine antike Rüstung, die mit alten, in Gold gezeichneten Runen verziert war. Trotz des Staubes, der sich schon auf die Regale gelegt hatte, glänzte die Rüstung so, als ob sie gerade erst jemand geputzt hätte.
Er tat sich etwas schwer, die Rüstung alleine anzulegen und verbrachte den ganzen Vormittag damit. Als sie endlich richtig saß nahm er noch das Schwert, das in einem Halfter am Ständer hing und zog es kurz aus der Scheide, um dessen Zustand zu begutachten. Die Runen auf dem Schwert glänzten ebenfalls golden, während das Licht selbst sich auf der Schwertklinge brach und daher an einigen Stellen regenbogenfarben glänzte. Er steckte das Schwert zurück in die Scheide und befestigte den Halfter an der Rüstung. Er nahm noch den Helm, der zur Rüstung gehörte, klemmte sich diesen unter dem Arm und verließ danach durch die große Doppeltüre das Haus.
Er schritt den steinernen Weg an seinem Vorgarten – der inzwischen wie ein Urwald wirkte – entlang, hinaus auf die Straße. Er musste langsam zugeben, das er mit dem Haus überfordert war, schob aber diesen Gedanken zur Seite und suchte sich eine Kutsche, die ihn zur nächsten Stadt bringen sollte. Nachdem er kurze Zeit später eine gefunden hatte, drückte er dem Kutscher etwas Geld in die Hand und ließ sich nach Newfay fahren.
Die Reise nach Newfay, der am nächsten gelegenen Hafenstadt verlief ruhig. Kein Räuber kam auf die Idee, sie unterwegs zu überfallen und auch von Pannen blieb er verschont, so dass er gegen Abend des nächsten Tages die Stadt erreichte.


Tag des Wassers, 8. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Morgen oder übermorgen würde also die Daringan in den Hafen einlaufen. Bis dahin musste sich Sarasra also ein Zimmer mieten – was ihm gehörig gegen den Strich ging. Ein Zimmer zu mieten bedeutete nämlich immer, dass er in einer überfüllten Taverne oder in einem Gasthaus unterkommen musste – aber er bevorzugte es alleine zu sein. Er blickte sich um und stellte fest, dass die Straßen immer noch sehr voll waren. Hauptsächlich konnte er dunkle und zwielichtige Gestalten ausmachen, nur zwischendurch liefen einige gutmütige Menschen vorbei.
Er schüttelte kurz seinen Kopf, als er sich dabei ertappte, dass er erneut die Besonderheiten seines rechten Auges unbewusst nutzte. Innerhalb von Augenblicken wurde seine Sicht, die zuvor die Menschen entweder nur als dunkle oder helle Flecke zeigte wieder normal.
Langsam schritt er die Straße hinab und fragte einen Passanten, der gerade seinen Weg kreuzte, nach einer guten Unterkunftsmöglichkeit. Dieser verwies ihn einige Straßen weiter an die 'graue Hexe'. Der Name klang zwar nicht sonderlich einladend, aber vielleicht konnte er dort ein Zimmer für sich alleine bekommen.
Er folgte den Anweisungen des alten Mannes eine dunkle Gasse entlang, in der er von einer im Schatten stehenden Gestalt aufgehalten wurde. „Wenn dir dein Leben lieb ist, dann gib uns dein Gold“, verlangte die zwielichtige Person, anscheinend mit etwas, das einem gezogenen Schwert glich.
Sarasra zog die linke Augenbraue nach oben. Unterbewusst aktivierte er wieder das Auge und konnte sehen, dass dem Herzen dieses Menschen nur Dunkelheit innewohnte. „Was ist, wenn ich das nicht tue? Wer will mich dann aufhalten? Du... und welche Armee?“
„Du wirst nicht mehr so großkotzig sein, wenn wir mit dir fertig sind!“ Ein Pfeifen ließ mehrere ebenso dunkle Gestalten auf der Straße erscheinen, die aus allen möglichen Ecken aus Verstecken und Nischen sprangen. Sie zogen drohend einige Waffen, unter anderem Messer oder exotischeres.
Sarasra seufzte, bevor er sein eigenes Schwert zog und auf den Drahtzieher hinter der ganzen Aktion zeigte. „Wenn ihr wirklich wollt, das ich ernst werde...“, er beugte sich in Angriffsposition, nahm das Schwert hinter sich um ausholen zu können und beendete seinen Satz: „Dann soll es so sein.“
Die anderen stürmten von allen möglichen Orten um ihn herum auf ihn zu. Er konnte ein halbes Duzend Angreifer ausmachen, während die Zeit für ihn anders abzulaufen schien, als für seine Angreifer. Er kriegte nichts mehr von dem mit, was sie riefen, aber er konnte sich die unterschiedlichen Beleidigungen schon vorstellen.
Angespannt beobachtete er jeden einzelnen Schritt seiner Gegner, die immer langsamer auf ihn zu kamen, als würde für sie jeder Schritt mehrere Sekunden in Anspruch nehmen. Er wartete noch einige Momente – bis sie nah genug an ihn herangekommen waren, bevor er zuschlug. Innerhalb von Sekunden hatte er einem nach dem anderen die stumpfe, breite Seite seines Schwertes in den Magen gerammt, woraufhin diese nach vorne oder hinten umfielen. Manche klappten auch einfach wie ein Klappstuhl zusammen und blieben regungslos liegen. Gemächlich steckte er sein Schwert wieder weg und sah den Haufen bewusstloser Räuber mitleidig an, bevor er sich einfach umdrehte und seinen ursprünglichen Pfad wieder aufnahm.
Die 'graue Hexe' war ein relativ heruntergekommener Schuppen, der aber immer noch rege besucht wurde. Er bereute es sofort, dass er dem Ratschlag des Mannes gefolgt war, aber da er keine Lust hatte eine weitere Gaststätte aufzusuchen, betrat er die Bruchbude. Kaum war die Türe, die er versehentlich fast aus den Angeln gehoben hätte, wieder hinter ihm ins Schloss gefallen, kämpfte er sich durch die Massen zum Tresen, wo er dem Wirt ein wenig Geld in die Hand drückte, das beste Zimmer und eine ordentliche Mahlzeit verlangte. Der Wirt schaute etwas ungläubig zwischen der großen Gestalt vor ihm und den goldenen Münzen in seiner Hand hin und her, bevor er diese eine Treppe hinauf in ein Zimmer begleitete und dort alleine ließ.
Sarasra schaute sich in dem spärlich eingerichteten Zimmer um, das immer noch besser aussah, als der Rest der Gaststätte und setzte sich auf das Bett, das gefährlich quietschte. Es dauerte einige Zeit, bis der Wirt mit einem Tablett wieder kam, auf dem sein Essen angerichtet war. Er staunte, wie gut dieses aussah und biss genüsslich in ein Stück gebratenes Fleisch. Das servierte Essen schmeckte beinahe noch besser, als es aussah, weshalb er das Tablett mit einem weiteren Geldstück versah und dem Wirt zurückgab, in dem er es vor die Türe stellte. Dann legte er sich auf das Bett, um sich ein wenig auszuruhen und war innerhalb von wenigen Augenblicken eingeschlafen.

Vorsichtig schritt er durch die dunklen Korridore. Er wusste, das sie irgendwann diese Ruine betreten hatte, aber dummerweise war es hier unten ein Labyrinth. Es gab jeden zweiten Meter eine Falle und manchmal waren diese nur Illusionen – ähnlich wie einige der Wände. Er wusste selbst nicht genau, weshalb er ihr gefolgt war, aber er wusste, irgendwie musste er sie finden... möglichst bald. Mit jedem Schritt, jedem Meter, in dem er sie nicht in einem Gang erblicken konnte wurden seine Schritte schneller. Gang um Gang rannte er, bis er plötzlich vor sich einen Schatten sah. Er beeilte sich, suchte den Schatten einzuholen – sie musste es sein. Er kam ihr immer näher, rief ihren Namen, aber seine Stimme versagte... Er versuchte es immer wieder... und plötzlich drehte sich der Schatten zu ihm um. Zwei leuchtende Augen sahen ihn aus einer leeren Hülle an, knochige Hände hielten eine Sense hoch. Sein Herz begann zu rasen. Jetzt wusste er wieder, was er ihr sagen wollte. Die Gestalt kam näher zu ihm, holte aus und...

Mit einem lauten Krachen gab das Bett nach. Er blieb noch einige Zeit in dem gebrochenen Bett liegen, bevor er sich aufrappelte und aus dem Trümmerhaufen stieg. Er schüttelte die Erinnerung, die der Traum in ihm wachgerufen hatte wieder ab, aber das leere Gesicht und die knochigen Finger gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er schmiss einige Goldstücke für das geborstene Bett auf den Boden und verließ danach die 'graue Hexe'.
Draußen war es noch sehr dunkel, aber ohne Zweifel befand er sich in den frühen Morgenstunden, da der Horizont im Osten bereits hell geworden war. Er beschloss daher, sich im Hafen ein gemütliches Plätzchen zu suchen, von dem er aus die Ankunft der nächsten Schiffe beobachten konnte.
Der Hafen von Newfay befand sich mehrere Meter unterhalb der eigentlichen Stadt, so dass mehrere Treppen zu den Docks führten, wo einige Schiffe vor Anker lagen. Der Kapitän eines stolzen Viermasters hatte anscheinend vor, mit den ersten Sonnenstrahlen abzulegen, da mehrere Matrosen das Schiff mit großen Kisten beluden. Ansonsten war alles ziemlich ruhig, wofür er sehr dankbar war. Er setzte sich hinter einem Geländer, auf die Anhöhe neben einer nach unten führenden Treppe, und ließ seine Füße über den Abgrund nach unten hängen. Seufzend starrte er in die Ferne und wartete.
Mit den ersten Sonnenstrahlen fuhr der Viermaster los, während andere Kapitäne jetzt erst ihre Schiffe beluden oder bereits Passagiere an Bord nahmen. Der Vormittag verging mit einigen Schiffen die ablegten und einigen anderen großen und kleinen Schiffen die den Hafen erreichten. Bei jedem ankommenden Schiff spähte er so früh wie möglich auf den Rumpf, um den Namen zu erkennen. Erst nachdem die Sonne ihren Zenit erreicht hatte, konnte er in der Ferne ein weiteres Schiff ausmachen. Es handelte sich um ein Schiff, das nur drei Masten hatte, aber am Rumpf mehrere Verzierungen trug. Er spähte auf den Namen des Schiffes, bis er endlich den Schriftzug erkennen konnte. Die Daringan würde in Kürze im Hafen anlegen.
Er zog seine Füße über die Klippe zurück und stand auf, kletterte wieder über das Geländer und schritt nun gemächlich die Treppe hinab. Mit einem Auge behielt er weiter die Daringan im Auge, deren Galionsfigur einen Falken darstellte. Auf die Segel hatte jemand das Zeichen der Lichtkirche gemalt, das einen Drachen auf einem achtzackigen Stern zeigte, der von einem Zauberstab teilweise verdeckt wurde.
Erwartungsvoll beobachtete er das Schiff, das langsam anlegte, er hörte, wie der Anker auf den anderen Seite heruntergelassen wurde und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie einige Matrosen Seile zu den Hafenarbeitern warfen. Diese vertäuten das Schiff, bevor eine Planke heruntergelassen wurde, über die zuerst mehrere Männer in schwerer Rüstung herunterkamen, bevor die Priesterin selbst vorsichtig den steilen Weg hinabging. Neugierig musterte er die Frau, die – mit gesenktem Kopf – in ihrem leicht im Wind wehenden Gewand den steilen Weg herab in den Hafen stieg. Ihr langes Haar wirkte in der Nachmittagssonne leicht golden und als sie empor schaute und er ihr Gesicht sehen konnte traf ihn beinahe der Schlag.
Sie sah aus wie seine Geliebte, seine verstorbene Geliebte... Als ob sie von den Toten auferstanden wäre. Unwillkürlich flüsterte er ihren Namen, als er weiterhin – mit rasendem Herzen – auf die Priesterin starrte: „Riza...“