Kapitel 8 ~ Erinnerung

Er starrte immer noch auf die Priesterin, deren äußere Erscheinung ihn zu bezaubern begann. Ihr schulterlanges blondes Haar, das nur leicht im Wind wehte wurde in seinen Augen immer länger. Innerhalb einiger Augenblicke war es hüftlang und fast weiß und wehte wild im Wind. Ihre Augen bekamen immer mehr einen türkisen Stich, die vorher grüne Farbe der Augen nahm er nicht mehr wahr. Die Tätowierung einer Rose, die sich ihr Gesicht heraufschlängelte verblasste langsam.
Vor ihm stand sie, so wie er sie noch in Erinnerung hatte. Riza, in die er sich vor viertausend Jahren verliebt hatte und die nun tausende Erinnerungen aus der Tiefe seines Gedächtnisses zurück holte...

„Was ist... was hast du, Sarasra?“
Aufgeschreckt aus seinen Gedanken sah er in das hübsche Gesicht vor sich. „Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich alles gut laufen wird.“
Sie standen am Eingang der Destanis-Ruinen auf Xanacea. „Keine Sorge... ich werde das Kind schon schaukeln, bitte warte hier auf mich...“, zärtlich küsste ihn Riza auf den Mund, bevor sie sich wehmütig von ihm löste und durch den leicht schimmernden Eingang der Ruinen trat, der ihr den Zugang gewährte.
Hoffend und bangend ging er lange Zeit vor dem Eingang auf und ab, bevor er sich im hohen Gestrüpp am Rande der Ruine außerhalb der Sicht des Weges niederließ. Er beobachtete lange Zeit die teils mit Moos bedeckten Steine, durch deren Fugen einige Grashalme ihren Weg ans Tageslicht gefunden hatten. Einige weitere Auserwählte, deren Leben noch nicht in einem Duell gegeneinander geendet hatte, bahnten sich ebenfalls einer nach dem anderen den Weg zur Ruine und betraten diese.
Langsam störte es ihn, dass er die Ruine nicht betreten durfte. Er machte sich große Sorgen um seine Geliebte und konnte nicht einmal zusehen, was geschah. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, als er bemerkte, wie ein Schatten an ihm vorbei huschte.
Neugierig sah er auf die Gestalt, die von dem Schild das den Eingang zu den Ruinen schützte, aufgehalten wurde. Von hinten wirkte sie so, als sei sie längst verstorben. Ihre Hände waren bleich und eingefallen, die in fetzen gerissene schwarze Robe, die sie trug, tat ihr übriges. Was nun geschah ließ das Blut in seinen Adern gefrieren.
Die Gestalt ließ eine Sense in ihrer Hand erscheinen, die sie gegen das Kraftfeld hämmerte, das sichtbar getroffen aufblitzte. Immer und immer wieder schlug die Gestalt, die für ihn nun den Tod selbst repräsentierte, auf das Kraftfeld ein.
Als ihm dämmerte, wer sich da gewaltsam Einlass in die heilige Stätte verschaffte, war es zu spät: Trafalus hatte ein Loch in das Kraftfeld geschlagen, das er nun mit zwei knochigen Fingern auseinander zog, bis das Loch groß genug war, damit er durchhuschen konnte. Er rannte los. Irgendwie musste er Riza warnen und ihr helfen. Über Konsequenzen dachte er nicht nach, sondern beeilte sich. Er musste die Ruine betreten haben, bevor sich das Kraftfeld wieder vollends schloss.
Er stolperte fast die große Treppe herunter, die sich auf der anderen Seite befand, und landete auf einer Kreuzung. Er schaute – leicht panisch – nach Rechts. In der Ferne sah er überall wieder Gänge weggehen, bis am Ende eine Mauer auftauchte. Mit schnellem Herzschlag schaute er nach links, wo sich ihm das gleiche Bild bot. Geradeaus schien es ebenfalls nicht viel besser zu sein und er hatte letztendlich realisiert, wo er sich befand: In einem riesigen unterirdischem Labyrinth.
Von Trafalus, den Auserwählten oder Riza konnte er nicht die geringste Spur erkennen. Er fluchte innerlich und rannte geradeaus weiter. Gang um Gang kreuzte er, sprang über alte ausgediente Fallen und duckte sich unter noch funktionstüchtigen hinweg. Er merkte nicht einmal, das er jene absolut tödliche Strecke innerhalb kürzester Zeit unbeschadet hinter sich ließ, bevor er den dunklen Schatten Trafalus vor sich erkennen konnte. Instinktiv wurde er langsamer, blieb weit von dem Schatten entfernt, der sich den Weg durch die unterirdischen Gänge bahnte.
Er hatte Probleme dem dunklen Gott leise aber schnell genug zu folgen, schaffte es aber dennoch, bis zum Ausgang unerkannt zu bleiben. Der Schatten verzog sich mit einem triumphalen Hissen durch den Ausgang nach draußen.
Sarasra selbst stand im Moment schwer atmend an der unteren Treppe. Er hatte kein Gefühl für die Zeit, die er in dem Labyrinth verbracht hatte. Aber er hatte keine Zeit, sich auszuruhen, Riza war in großer Gefahr. So schnell er konnte schleppte er sich in seiner schweren Rüstung die Treppe hoch. Sie abzulegen würde jetzt länger dauern, als ihr verringertes Gewicht ihm zusätzliche Zeit geben würde.
Mit Beinen, die sich langsam so anfühlten, als hätte er Stiefel aus Blei an den Füßen, trat er in das grelle Licht der Sonne hinaus. Er blickte sich suchend um, und erkannte, das er hinter dem Sokra-Zaun auf der Schicksalsspitze angekommen war. Die rötliche undurchdringliche Barriere leuchtete ein Stück unter ihm und auch am Himmel konnte er einen schwachen roten Schimmer erkennen. Anscheinend war es nicht einmal dem dunklen Gott vergönnt, dieses heilige Areal zu betreten.
Vorsichtig kletterte er den steinigen Pfad empor zur Spitze des Berges, dem Schatten hinterher, den er in einiger Entfernung noch als kleinen schwarzen Punkt ausmachen konnte. Innerlich verfluchte er es, dass er nie Magie erlernt hatte. Sie hätte ihm auf seiner Reise einiges erleichtert. Mehr schlecht als recht kletterte er so den Weg – oder das, was nach einem Weg aussah – empor.
Er brauchte eine halbe Ewigkeit, bis er ein Gebäude hinter der Spitze ausmachen konnte. Der große Turm war von außerhalb des Berges oder weiter unten nicht zu erkennen gewesen. Er bewunderte den schwarzen matt glänzenden Stein, aus dem dieser Turm zu bestehen schien. Sein Blick war eine Zeit lang von dem dunklen aber anmutig wirkenden Turm gefesselt, bis er bemerkte, wie innerhalb von wenigen Sekunden die Sonne von einigen Wolken verdeckt wurde. Er blickte nach oben, in die immer schwärzer werdende Wolkendecke.
Einen so plötzlichen Wetterumschwung hatte er noch nie erlebt. Er realisierte aber wieder, weshalb er hier war. Er rannte weiter, immer den Berg hinauf – die Gefahr, dass ihn ein Blitz treffen könnte, ignorierte er dabei völlig.
Er kam dem Turm immer näher, nur noch wenige Meter hielten ihn davon ab, Riza zu helfen, als sich das erste Donnergrollen ankündigte. Bangend schaute er zu dem Turm empor in den, in genau diesem Moment ein Blitz – mitten durch den rot schimmernden Schild - einschlug. Er blieb vor Schrecken starr stehen, sein Blick nur auf den Turm fixiert, den der Blitz kein bisschen gestört zu haben schien. Sein Herz raste, er ahnte übles. Sofort rannte er die letzten Meter, um den Felsen herum und stand nur wenige Schritte vom Eingang des Turmes entfernt, gegen den Trafalus mit einer Sense schlug, allerdings wurde ihm kein Einlass gewährt.
Er schleuderte pechschwarze Blitze gegen die Türe, welche keinen Millimeter nachgab. Er wollte gerade mit gezücktem Schwert auf den Schatten zurennen – gegen ihn kämpfen – als der Turm in einer Lichtexplosion Sarasra zurückwarf. Trafalus wurde durch die Explosion weggeschleudert und durchdrang ohne Probleme den roten Wall, der daraufhin zusammenbrach.
Sarasra rappelte sich auf, beäugte den Turm, der nun weiß glänzte und fragte sich, was geschehen war. Er blickte auf die Türe des Turmes, die sich sanft und absolut leise öffnete und aus der eine leuchtende Gestalt mit wunderschönen Flügeln heraustrat. Ungläubig blickte er die unglaubliche Schönheit – diesen Engel – an, bis er erkannte, um wen es sich handelte.
Riza kam langsamen Schrittes auf ihn zu – fast so, als ob sie schweben würde – und half ihm hoch. „Warum bist du hier?“, fragte sie mit sanfter Stimme.
„Ich... also... Trafalus ist dir... euch gefolgt...“
„Ich weiß. Er fürchtet das Ende, das kommt, sobald er seine Macht abgeben muss.... an mich“ Sie lächelte ihn warmherzig an und küsste ihn leidenschaftlich. Er spürte überall ein Kribbeln in seinem gesamten Körper, bis sie den Kuss löste. „Nun ist die Zeit gekommen, gegen ihn zu kämpfen. Die Zeit, um diese Welt aus der Dunkelheit ans Licht zu führen“, flüsterte sie ihm ins Ohr, bevor sie ihn alleine dort unten stehen ließ und sich in die Höhe erhob.
„Kommt zu mir, ihr Geschöpfe der Dunkelheit!“, Rizas Stimme donnerte über das Land, weckte die Drachen, die einst von Trafalus erschaffen wurden und rief diese zu ihr. Sarasra blickte sich um, sah auf den Horizont und bemerkte, das der sonst rot glühende Zaun auch dort verschwunden war. In einiger Entfernung konnte er den dunklen Gott sehen, der sich nach dem schweren Schlag, den er einstecken musste, wieder aufrappelte. Sein dunkles Gewand war noch tiefer zerrissen als vorher, aber er kam dennoch auf Riza zu. In diesem Zustand würde Riza ihm sicherlich überlegen sein, aber wieso rief sie die Drachen zu sich? Gebannt schaute er auf die dunkle Gestalt Trafalus, die sich Riza langsam näherte.
„Glaubst du ernsthaft, das ich dir diesen Posten so einfach überlasse?“, die Stimme Trafalus wirkte rau, tief und bedrohlich. „Ich habe die letzten viertausend Jahre die Ordnung auf dieser Welt bewahrt. Niemand, NIEMAND hat daher das Recht sich MEINEN Posten anzueignen!“
Trafalus, oder eher das, was von ihm übrig war zitterte vor Wut.
„Ich wusste, das du so reagieren würdest...“, antwortete Riza ruhig. „Aber gib auf, weiter an deinem Leben festzuhalten. Ein Großteil deines Geistes ist schon zerstört. Begebe dich in die ewige Ruhe...“, Riza öffnete ihre Arme, so als ob sie ihn empfangen und umarmen wollte, aber Trafalus rührte sich nicht.
„Du wagst es also, mich als senil zu bezeichnen?“, er hob drohend die Sense an, die er die ganze Zeit über in den Händen gehalten hatte. „Du WAGST es, DEINEN GOTT zu BELEIDIGEN?“
Riza schüttelte ihren Kopf. „Du bist kein Gott... genauso wenig, wie ich nun eine Göttin darstelle. Wir sind nur Ordnungshüter, Wächter dieser Welt... und ich bin gekommen, um dich abzulösen“
Rizas Worte schienen den dunklen Gott keineswegs umzustimmen oder zu besänftigen. Sein Zorn wuchs und er raste auf Riza zu. „KETZERIN“, stieß er aus, als er auf sie Einschlug. Riza wich hingegen geschickt aus, sie war schneller und wendiger als Trafalus, der durch sein Alter schon ziemlich geschwächt war.
Aber mit jedem Angriff schien seine Macht – und ebenso seine Wut – zu wachsen. Bald musste Riza sich zur Wehr setzen, weiter von Trafalus zurückziehen, der sie leicht verwundete.
Ein greller Schrei aus der Ferne unterbrach den Kampf der beiden Giganten, als die ersten Drachen aus der Ferne auftauchten. Ihr Auftreten wirkte imposant und ihre Schreie waren angsteinflößend.
Schaudernd blickte Sarasra auf die zehn geflügelten Wesen, die sich ihnen näherten, von denen einer weiß war und von alleine zu leuchten schien. Ein anderer glitzerte golden im schwachen Lichtschein, der nun langsam durch die dicke Wolkendecke brach. Wiederum ein anderer war schwarz wie die Nacht und wurde begleitet von einem eisblauen Drachen, der knapp über der Meeresoberfläche flog, während ein rot glühender das Wasser möglichst zu meiden schien und von einem gelben Drachen begleitet wurde, der aus der Ferne wie ein Blitz wirkte. Ein grüner Drache, dessen Körper teilweise mit Moos bedeckt war, wurde von einem Drachen begleitet, der anstatt Schuppen ein üppiges Haarkleid trug. Ein grauer Drache, der fast so wirkte, als wäre er eine Steinstatue folgte einem lila schimmernden Drachen, der manchmal so wirkte, als wäre er nicht wirklich existent oder mehrmals an derselben Position.
Sarasra stand wie geschockt inmitten der zerklüfteten Felsen. „Du hast also meine eigenen Geschöpfe gegen mich aufgebracht?“, Trafalus Stimme wirkte plötzlich kühl und berechnend. „Du hast meine Kinder, meine Liebsten gegen mich gewendet?“, Sarasra drehte sich zu Trafalus um, der Riza anstarrte. Hätte man das Gesicht des Gottes sehen können, wäre es sicherlich bleich und hasserfüllt gewesen.
„Dann muss ich dir wohl das nehmen, was dir am liebsten auf dieser Welt ist...“ Trafalus Stimme war nur noch ein Hauchen. Bevor Sarasra auch nur begriffen hatte, was Trafalus damit gemeint hatte, raste der dunkle Gott auf ihn zu. Er hatte plötzlich den Tod vor Augen, alles geschah in Zeitlupe: Der lange Schrei Rizas, das Annähern des Gottes mit der Sense in der Hand und das dumpfe markerschütternde Fauchen der Drachen.
Sein Leben lief innerhalb von Sekunden noch einmal vor seinem Auge ab, bis Trafalus zuschlug. Sarasra hatte die Augen zugekniffen und erwartete das Ende... aber es blieb aus.
Zögerlich öffnete er die Augen, hoffte, das jemand Trafalus im letzten Augenblick aufgehalten hatte, uns er sah Riza vor ihm schweben, die aus einer tiefen Wunde blutete... Blut das die Felsen vor ihm tief rot färbte.
„Wieso?“ Er stammelte leise diese Worte, während Trafalus wie gelähmt wirkte.
Riza lächelte, bevor sie Trafalus anschrie: „Gehe ins Reich der Toten, wo du hingehörst!“
Trafalus wurde unmittelbar von einem weißen Blitz getroffen und sank zu Boden. Er driftete dabei langsam durch ein schwarzes Portal, das unter ihm geöffnet hatte, als er getroffen wurde und sich nun hinter ihm schloss. Sarasra starrte auf Riza, die inzwischen schwer atmete und langsam zu ihm auf den Boden sank. Ohne einen Moment zu zögern, rannte er zu ihr und fing sie in seinen Armen auf.
„Wieso ich dich rettete wolltest du von mir wissen?“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang kraftlos, aber sie lächelte dennoch. „Weil ich dich liebe...“, vorsichtig strich sie ihm mit einer blutverschmierten Hand durchs Gesicht.
Ihre Hände waren kalt geworden, ihre Erscheinung wirkte bleich.
„Aber... aber...“, er stammelte, seine Knie versagten und Tränen liefen ihm das Gesicht herunter.
„Eines Tages werde ich zu dir zurückkehren...“, sie flüsterte und lächelte ihn an. „Aber bis dahin wird sehr viel Zeit vergehen.
Bitte tue mir einen Gefallen...“, er beugte sich leicht zu ihr herunter, um besser hören zu können, was sie ihm sagen wollte. „Trauere nicht um mich... Mach du an meiner Stelle aus dieser Welt eine bessere Welt, hilf du den Menschen in ihrer Not.“
Er blickte sie mit großen Augen an. „Aber du kannst nicht sterben... Du bist doch jetzt die nächste Göttin... Du kannst mich hier nicht alleine lassen!“
„Ich sagte es auch schon Trafalus... wir sind keine Götter... wir sind nur Wächter. Wir haben zwar unglaubliche Kräfte erhalten, aber die Sterblichkeit verlieren wir dadurch nicht.“
„Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, dich zu retten!“, hilflos blickte er zu den Drachen empor, die um ihn herum landeten und traurig ihre Köpfe schüttelten. „Es muss doch irgendetwas geben?“, seine Tränen tropften auf Riza hinab, die ihren Kopf schwach schüttelte und dann ein leises „Lebe wohl“ hauchte.
„Riza... Riza? Lass mich nicht alleine... Das kannst du nicht machen... Das ist doch nur ein Scherz, oder?“ Vergeblich schüttelte er Rizas leblosen Körper, hoffte, das sie jeden Moment wieder die Augen öffnen würde. Aber nichts passierte. Egal wie oft er sie auch schüttelte, versuchte sie wach zu küssen oder einfach durch lautes Rufen ihres Namens zu wecken: Es geschah nichts. Er kam sich so hilflos vor. Warum war das Leben nur so unfair? Wieso konnte er ihr Leben nicht retten? Es gab sicherlich einen Weg, es musste einfach einen geben!
Vorsichtig legte er Rizas Körper zu Boden und sah die Drachen traurig aus seinen Augen aus an. Alle zehn schwiegen, als fühlten sie ebenfalls seinen Schmerz. Aber innerlich wusste er, dass sie Riza hätten helfen können, wenn sie nur gewollt hätten. Der Drache der Natur hätte sie heilen oder wiederbeleben können. Der Drache der Zeit hätte ihren Tod verhindern können... Aber keiner von ihnen hatte auch nur eine Kralle gerührt. Schweigend und hasserfüllt betrachtete er jeden der Drachen aus seinen Augenwinkeln heraus, bevor er sich daran machte Riza zu beerdigen.

Tränen liefen seine Wangen herunter, als er jene Erinnerung erneut durchlebt hatte. Mit schnellem Herzschlag ruhte sein Blick auf der Priesterin. „Eines Tages werde ich zu dir zurückkehren...“, hatte sie ihm prophezeit und nun stand sie vor ihm. Unversehrt und wunderschön, wie der Engel, der damals in seinen Armen gestorben war. Langsam schritt er auf sie zu, wollte ihren Namen rufen, aber seine Stimme versagte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und seine Gedanken rasten im Kreis.
„Halt, was wollt ihr von der Hohepriesterin Lantis?“, wurde er von einer Wache aufgehalten, aber er schien diese nicht richtig zu bemerken, bevor er plötzlich einen Speer an seiner Kehle fühlte. „Ich frage euch nicht noch einmal, also was wollt ihr von der Hohepriesterin?“
Er blieb stehen und schluckte, aber irgendwie kam ihm trotzdem kein Wort über die Lippen.
„Was ist denn da hinten los?“ Die Priesterin hatte die Wache gehört und kam auf Srasra zu. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl im Bauch, schaute erwartungsvoll auf die Priesterin, die sich ihm näherte, hoffte sie würde ihn erkennen.
Sie schaute ihn leicht erschrocken an und kam auf ihn zu, schob die Wache zur Seite und fragte mit sanfter Stimme: „Warum bist du denn so traurig?“ Hatte sie ihn wirklich erkannt? „Ich habe noch ein wenig Zeit, bis dahin könnt Ihr mir erzählen, was Euch bedrückt“, ihre Stimme klang so ähnlich wie Rizas, aber langsam merkte er an ihrem Verhalten, das sie ihn nicht erkannt hatte, das es nur ein Wunschtraum von ihm gewesen war.
„Vielleicht könnt Ihr mir dabei auch sagen, warum ich das Gefühl habe, Euch zu kennen...“
„Erinnerst du dich an nichts mehr, Riza?“, fragte er betroffen.
Die Priesterin schaute ihn fragend an. „Ich fürchte, Ihr verwechselt mich mit jemandem, ich bin Raisana Lantis... und nicht Riza.
Ich sehe ja nicht einmal den Statuen der Göttin ähnlich!“ Sie lächelte mitleidig und zog Sarasras Hoffnungen zurück auf den Boden.
„Du siehst und bist ihr ähnlicher, als du denkst“, antwortete Sarasra nach einem lauten Seufzen. Erneut liefen ihm ein paar Tränen das Gesicht herunter, die von Raisana liebevoll abgetupft wurden.
„Mein Herz würde Euch ja gerne glauben, aber mein Verstand sagt mir etwas anderes. Ihr könnt kein anderes Bild, als die Statuen von Riza haben, denn sie hat vor annähernd viertausend Jahren gelebt... und kein Mensch erreicht dieses Alter.“
Sie wollte ihn gerade wieder alleine lassen, als er sie am Arm festhielt. „Warte... Bitte bleibe noch etwas bei mir...“
Sie schaute ihn lächelnd an. „Später vielleicht, sobald das jährliche Treffen der Kirchen beendet ist.“ Ohne ein weiteres Wort zu sagen ließ sie ihn alleine im Hafen zurück, begleitet von den Wachen schritt sie graziös die Treppe hinauf und betrat die Stadt. Er fühlte plötzlich eine innere Kälte. Er hatte sie gerade wiedergefunden, da war er auch schon wieder von ihr alleine gelassen worden. Aber er gab nicht auf, er würde sie zurückerobern, sie wieder sein machen. Er sprintete lächelnd die Treppe empor, als ihm plötzlich etwas einfiel: Sie trug ein Siegel – Früher oder später war er also dazu bestimmt, gegen sie zu kämpfen.
Sein Brustkorb zog sich bei dem Gedanken daran zusammen. Das war auch noch nicht alles: Es gab noch acht andere, die ebenfalls gegen sie Kämpfen mussten und entweder siegreich aus dem Kampf hervorgehen oder selber sterben würden. Er hatte die schreckliche Macht der Siegel damals bei Riza erlebt. Irgendwann lassen sie den Auserwählten keine Wahl mehr, außer zu kämpfen. Traurig blickte er der Truppe hinterher, die gerade Raisanas Gepäck auf eine Kutsche luden.
„Wie ich merke, ist dir langsam die Dummheit aufgefallen, die du vor kurzem begangen hast!“, eine innere, dunkle Stimme sprach plötzlich zu ihm. „Die Wahrsagerin, der du das Siegel der Dunkelheit damals abgenommen hattest, hat dir eine große Tragödie prophezeit, wenn du das Siegel an dich nimmst, aber du hast ja nicht auf die Stimme der weisen Frau gehört!“
„Könntest du dich da bitte heraushalten?“, er raunte innerlich den Geist der Schatten an, der nun zu ihm sprach. „Vor allem, sagtest du damals nicht, das du froh warst, einen stärkeren Körper zu bekommen, als den der Frau?“
Der Schatten tauchte vor ihm auf und zuckte mit den Schultern.
„Eigentlich sind das ja alles deine Probleme. Aber eines möchte ich dir noch verraten: Gefallene Auserwählte kannst du nicht wiederbeleben, auch wenn du die absolute Macht erhalten solltest.“ Sarasra fluchte innerlich, es war eine Idee gewesen, die er im Hinterkopf für den Notfall gehabt hatte, eine leise Hoffnung, dass noch alles gut gehen würde. „Aber mich würde noch eines interessieren... wieso kennst du Riza?“ der Schatten beugte sich etwas zu Sarasra herunter und beäugte diesen.
„Ich weiß auch nicht warum, aber ich bin seit ihrem Tod nicht mehr gealtert. Vielleicht lag es an ihrem Kuss, den sie mir gab, oder ihr Blut, das mich größtenteils bedeckte...“, seine Gedanken wurden leiser, seine Stimme hätte sicherlich gezittert, als der Gedanke an ihren leblosen Körper wieder lebendig wurde.
„Sie hat dich wirklich geliebt“, der Geist grinste. „Und zwar abgöttisch... ansonsten hätte sie nicht die Macht der viertausendjährigen Unsterblichkeit mit dir geteilt.“
„Könntest du...“.
Der Geist verzog sein schemenhaftes Gesicht zu einem Grinsen. „Es tut weh, weiter über sie zu sprechen, nicht wahr?“
„Verschwinde!“
„Gut, ich ziehe mich zurück... aber eines sei dir Gesagt: Wenn es soweit ist, dürfen dir deine Gefühle nicht im Weg stehen!“ Der Schatten verschwand wieder genauso schnell, wie er gekommen war.
Frustriert ging er die Straße entlang auf die Kutsche zu, an den Wachen vorbei und klopfte an die Türe. Einige der Wachen wollten ihn gerade von der Kutsche wegzerren, als Raisana die Türe öffnete und diese weg winkte. „Was kann ich noch für Euch tun?“, fragte sie freundlich.
„Ich würde gerne wissen, ob Ihr etwas dagegen hättet, wenn ich Euch begleite?“
Raisana blickte ihn überrascht an und überlegte kurz. „Ihr könnt mich bis zur nächsten Stadt begleiten, aber dem Treffen mit den anderen Priesterinnen muss ich alleine beiwohnen.“
Er nickte und stieg daraufhin – unter Protest der Wachen – zu ihr hinauf in die Kutsche.