Kapitel 9 ~ Versammlung

Tag der Dunkelheit, 10. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Er hatte zwei unglaubliche Tage mit Raisana verbracht und spürte nun in ihrer Nähe ein Gefühl, das er seit nun mehr fast viertausend Jahren nicht mehr gekannt hatte.
Bei ihren Berührungen lief es ihm kalt den Rücken herunter, er hatte Schmetterlinge im Bauch und konnte die Augen nicht von ihr nehmen. Ihr Geruch und ihre Stimme wirkten wie eine Droge auf ihn, ohne die er nicht mehr leben wollte, ohne die er nicht mehr leben konnte.
„Ist etwas mit dir?“, er brauchte etwas, bis er wieder aus einer Trance erwachte, in die er immer öfter fiel. Er hatte nicht gemerkt, dass er sie seit längerem nur noch angestarrt hatte und nahm nun hastig den Blick von ihr. „Es ist alles bestens...“, antwortete er, während er fühlte wie ihm langsam die Röte ins Gesicht stieg. Ihr Kichern zog erneut seinen Blick zurück auf sie.
„Was ist den los?“, fragte er gespielt empört.
„Ach, eigentlich wollte ich dich nur um etwas bitten.“
Er zog fragend eine Augenbraue nach oben. „Frag ruhig, es gibt nichts, was ich dir ausschlagen würde...“, antwortete er mit ernster Miene.
„Das freut mich ehrlich“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Ich hätte es liebend gerne, wenn du mich, als meine private Wache, zur Versammlung begleiten würdest...“
Vor zwei Tagen hatte sie noch gesagt, dass sie dem Treffen alleine beiwohnen müsse. „Keine Sorge, jede Priesterin nimmt eine persönliche Wache mit sich, die sie sich selber aussucht. Zuerst sollte mich Theodor begleiten, aber ich habe das Gefühl, das ich in deiner Nähe sicherer bin...“ Ihre Stimme klang sanft, aber dennoch ernst und bestimmt.
„Ich werde dich begleiten und beschützen!“ Er würde ihr auch nach dem Treffen – sofern möglich – nicht mehr von der Seite weichen, aber das wollte er ihr erst später eröffnen.
Die Kutsche hielt kurze Zeit später und eine Wache – wahrscheinlich Theodor – öffnete die Türe und gab bekannt, dass man das Ziel erreicht habe: Mytynia.
Sarasra stieg als erster durch die offene Türe, um Raisana danach beim Aussteigen behilflich zu sein. Die Wachen um ihn herum beäugten das ganze Geschehen sehr skeptisch, sagten aber keinen Ton, da die sonst so sanfte Priesterin ihnen schon unterwegs mehrmals energisch verdeutlicht hatte, dass es ihr Wunsch war, mit ihm alleine und so eng befreundet zu sein. Inzwischen wagte es keiner mehr ihr irgendwelche Regeln vorzuhalten, an die sie sich als Priesterin halten müsste.
„Ich weiß selbst genau, welche Regeln ich zu befolgen habe und werde dieses auch tun!“, hatte sie Theodor so nah ins Gesicht geschrieen, dass sie es ihm hätte auf die Stirn schreiben können.
Um so mehr verwunderte es eigentlich, als sie diesem ihren neuesten Wunsch vortrug – Sarasra sollte sie auf die Insel begleiten und nicht ihr jahrelanger persönlicher Wächter.
„Aber wie soll er Euch bitte-“
„Ich denke mal, er ist besser dazu in der Lage, als du!“
„Ohne Ausbil-“
„Woher willst du wissen, welche Ausbildung er genossen hat?“
„Aber er hat keine Erf-“
„Er hat wahrscheinlich mehr Kampferfahrung als du!“
Nach einigen weiteren kurzen und immer wieder unterbrochenen Einwänden, die Raisana genauso wie alle anderen unterdrückte gab sich Theodor sichtlich geschlagen und seufzte. „Wenn Ihr wünscht...“
Raisana hatte auf diese Weise mal wieder ihren Standpunkt deutlich gemacht. Lächelnd kam sie nun wieder auf Sarasra zu und hakte sich bei ihm wie bei einem Geliebten ein und führte ihn so die steinerne Treppe zum Tempel von Mytynia empor.
„Was wollen wir denn hier?“, fragte er die junge Frau.
Sie schaute mit einem ernsten Lächeln zu ihm empor und antwortete: „Heiraten natürlich!“
Sofort blieb er wie gelähmt stehen. Er hatte sie jahrelang nicht gesehen und nun ging alles viel zu schnell.
„Habe ich dich erschreckt? Keine Bange, so schnell habe ich auch nicht vor zu heiraten.“, sie lächelte ihn an, woraufhin sich die Lähmung seiner Gliedmaßen löste. „Die Versammlung findet erst morgen auf einer Insel mitten im 'Crest Lake' statt und bis dahin sind alle Tempel in der Umgebung des Sees angewiesen den ankommenden Priesterinnen und ihrer Begleitung Quartiere zu stellen. Sie ließ ihn wieder los und führte ihn an der Hand in den Tempel der Dunkelheit, der von Innen mit schwarzen Marmor ausgekleidet war. Neben einigen Säulen standen große Fackeln, die mit einer fahlen blauen Flamme brannten. Sogar kleinere und größere Kerzen, die um den Altar herum standen, brannten mit einer solchen Flamme.
„Sie müssen Raisana Lantis sein!“, begrüßte sie plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihnen. Sarasra drehte sich so schnell um, wie er konnte und sah nun einem Priester in die Augen. Er wunderte sich, warum er dessen Präsenz zuvor nicht gespürt hatte und sah ihn daher misstrauisch an.
„Mit persönlicher Wache, wie ich sehe... sehr persönlich...“ Raisana ließ sofort Sarasras Hand los und betrachtete den Priester der dunklen Kirche hasserfüllt. „Nun, nun... wir wollen nicht feindselig werden. Die jährlichen Versammlungen sollen helfen, die einzelnen Teile der Kirche zusammenzuführen. Da werdet ihr doch sicherlich keine Dummheit begehen, oder... Hohepriesterin Lantis?“
„Keine Sorge, ich werde euch schon nichts tun...“, antwortete sie und atmete ein paar Mal tief ein und aus, bevor sich freundlicher fortfuhr: „Ich nehme an, die Zimmer für die Hohepriesterinnen und ihre Begleiter sind bereits fertig, nicht wahr?“
„Jawohl, Gnädigste... Wenn Sie mir bitte folgen wollen. Das Zimmer für Euch befindet sich – wie immer – im linken Turm, möglichst nah an der Sonne, mit möglichst vielen Fenstern, damit möglichst viel Licht hereinfällt... Nur damit ihr nicht zu vielen Schatten ausgesetzt werdet...“
„Bei euch hingegen ist es ja ein Wunder, wenn man euch überhaupt im Licht zu sehen bekommt...“
Sarasra fragte sich ernsthaft, warum diese beiden Zweige der Kirche sich nur so sehr bekriegen konnten? Aber anscheinend hatte es etwas mit einer natürlichen Feindseligkeit zwischen Licht und Schatten zu tun, die sich hier auslebte. Zumindest blieben die beiden nur bei einigen verbalen Beleidigungen, die immer das andere Element herunterzogen. Wenigstens behielt sein Schattengeist seine Kommentare zu diesem Thema für sich.
Ein Korridor und eine lange Steintreppe später erreichten sie das obere Turmzimmer, dessen Südseite ein einziges großes Fenster darstellte, durch das das rote Licht der Abendsonne fiel. Auf der anderen Seite befand sich ein Himmelbett, das mit weißen Laken bezogen war und somit zum sonst tristen Grau um sie herum zumindest etwas Leben in das Zimmer brachte.
Anscheinend hatte man sich hier auf eine Mischung aus Schwarz und Weiß geeinigt, was eine Art von Kompromiss darstellte.
„Wenn ihr noch was wünscht, so zögert ruhig, nach mir zu rufen...“, mit diesen Worten verließ der Priester das Zimmer und ließ somit die beiden wieder alleine.
„Die Beziehungen zwischen den Kirchen sind schon komisch...“, kommentierte Sarasra nun das Gespräch der letzten Minuten.
„Was erwartest du? Der Drachenkrieg war teilweise ein Glaubenskrieg“
„Ich weiß...“
Raisana lächelte ihn an und zog ihn zu sich aufs Bett. „Weißt du... eigentlich würde ich nun gerne etwas mit dir machen, aber dummerweise bin ich an bestimmte Gesetze gebunden... Von daher wäre es wohl besser, wenn du dir ein anderes Zimmer nehmen würdest als das hier. Ich befürchte sonst...“
„...dass wir schwach werden?“ Er beendete ihren Satz und küsste sie leicht auf die Wange. „Keine Sorge, ich werde mir in der Stadt ein Zimmer suchen, wenn du dich hier sicher fühlst...“
„Mag sein, das ich die Priester der Dunkelheit nicht sonderlich mag, aber es gibt keinen besseren Ort, wenn man in Sicherheit sein will, als die Obhut eines solchen Priesters.“
Er nickte und küsste sie noch einmal zum Abschied, bevor er das Zimmer verließ.
„Im Morgengrauen brechen wir zu der Insel auf!“, hatte sie ihm noch hinterhergerufen, bevor er die Türe schloss und die lange schwarze Treppe wieder hinabstieg. Er folgte dem langen Gang zurück in den Altarraum, verbeugte sich kurz vor dem Priester, der sie hinaufgeführt hatte und verließ den Tempel.
Direkt gegenüber dem Tempel befand sich ein kleiner Gasthof, in dem er Zuflucht suchte und den dortigen Wirt anwies ihn noch vor Morgengrauen zu wecken. Mit einigen Goldstücken bezahlte er die spärliche Stube, in der er sich nun schlafen legte und hoffte, dass er wie auch die Nächte zuvor von jenem Traum verschont werden würde...


Tag der Erde, 11. Tag des Monats Sue, Jahr 3996 n.R.

Er erwachte in den frühen Morgenstunden aus einem Halbschlaf. Der Rest eines Traumes entzog sich langsam immer mehr seinem Geist, und kurze Zeit später konnte er sich nicht mehr daran erinnern, warum er jemandem 'Vorsicht' zugerufen hatte. Als langsam seine grauen Zellen zu arbeiten begannen und er sich wieder daran erinnerte, warum er so früh aufstehen wollte, erschien der Wirt in der Türe seines Zimmers, der ihn – wie bestellt – um diese Uhrzeit wecken wollte. Mit einem herzhaften Gähnen erhob er sich, kleidete sich in seine schwere Rüstung, gab den Wirt noch ein kleines Trinkgeld für seine Mühen und verließ das Gasthaus.
In den Straßen der Stadt erhob sich langsam der morgendliche Nebel, während er sich durch die klamme Luft zum Tempel begab. Er wollte Raisana vom Zimmer abholen, was sich allerdings als unnötig erwies, da sie bereits mit einigen anderen Priesterinnen im Eingang wartete. „Nette Begleitung hast du dir da ausgesucht“, mit diesen Worten wurde Raisana von einer rothaarigen Priesterin mit einem Augenzwinkern in die Seite gestupst. „Bei uns in der Wache haben wir nie so gut aussehende Männer“ Ihr Blick schweifte langsam über Sarasra und begann diesen förmlich auszuziehen. „Sag mal, sieht er unter der Rüstung auch so gut aus?“, flüsterte sie etwas leiser, aber er konnte es dennoch hören. Langsam lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken, als die anderen Priesterinnen ihn ebenfalls musterten.
„Wenn ich ihn erstmal vorstellen dürfte...“, seufzte Raisana schließlich und zog ihn näher an sich heran. „Er heißt Sarasra Graei und hat zugestimmt meine persönliche Leibwache für die Dauer meines Aufenthalts hier zu sein.“
„Er gehört also eigentlich gar nicht in deine Kirche? Äußerst interessant...“, die rothaarige leckte sich kurz über die Lippen. „Dann habe ich ja noch gute Chancen.“ Ihr Grinsen führte dazu, das Sarasra unwillkürlich eine Gänsehaut bekam.
„Hör auf damit Schwester!“ Eine dunkelhaarige Priesterin, die der rothaarigen sehr ähnlich sah mischte sich nun in das Gespräch ein. Beide waren einen halben Kopf großer als Raisana und trugen neben ihren priesterlichen Roben je eine halbe Rüstung, die bei der einen die Rechte und bei der anderen die linke Körperhälfte bedeckte. Man konnte meinen, dass die beiden Rüstungsteile wie ein Puzzle zusammenpassen würden.
„Guten Morgen, ich bin Misanis Carvis, Hohepriesterin des Wassers und meine lüsternde Zwillingsschwester hier...“, sie deutete auf die Frau, die ihr so ähnlich sah.
„Meflis Carvis, Hohepriesterin des Feuers, angenehm süßer“, die Rothaarige hatte selbst das Wort ergriffen, um ihre Vorstellung zu beenden.
„Am besten wir warten noch eben auf Gajis, dann brechen wir auf. Wir wollen schließlich nicht zu spät kommen“, die Hohepriesterin des Lichtes wollte anscheinend von Sarasra ablenken, was ihm durchaus gelegen kam. „Wo habt ihr eigentlich eure Begleiter?“
„Die sollten bei Sonnenaufgang vor dem Tempel warten, schließlich sollten sie uns nicht stören!“
„Wobei denn?“
„Das ist doch wohl eindeutig...“, das Lächeln der rothaarigen Priesterin wurde immer breiter und Raisana schoss die röte ins Gesicht.
„Nicht das... ich meinte Poker! Aber sei vorsichtig, Gajis kann super bluffen. Wir konnten nicht einmal einen besonderen Gesischtsausdruck bei ihr ausmachen, der uns etwas über ihr Blatt verraten hätte.“
„Das machen Priesterinnen also, wenn sie unter sich sind...“ Sarasra musste bei diesem Gedanken breit grinsen.
„Ihr seid ja schon alle da...“, ertönte plötzlich eine müde Stimme aus der anderen Ecke des Tempels. „Wie könnt ihr so früh eigentlich schon so wach sein?“ Die neue – anscheinend Gajis – hielt sich lässig die Hand vor den Mund, während sie gähnte. „Oh, wer ist denn der Gutaussehende da zwischen euch?“ Die brünette Frau trug ihre Haare sehr kurz und fiel somit etwas aus der Reihe, zumal ihr Priestergewand keine Rüstung und ziemlich kurz war, wodurch man ihre schlanken Beine bewundern konnte.
„Das ist nur Raisanas Liebh-“, ein Ellenbogen in der Seite sorgte dafür das Meflis sich schnell korrigierte. „persönliche Wache.“
„Das ist Gajis Arths“, Misanis deutete kurz auf die neue Priesterin und dann auf den einzigen Mann in der Runde. „und der Gutaussehende da heißt Sarasra Graei.“
Gajis nickte kurz und näherte sich dem Aufgebot an Priesterinnen mit einem Lächeln. „Alles klar, dann können wir uns ja äußerst sicher fühlen“, sie reichte ihm kurz die Hand und führte nach dem Händedruck die Truppe nach draußen, wo bereits drei Leute in schwerer Rüstung standen, ihre Gesichter durch Helme verdeckt. Diese stellten eindeutig die Schutztruppe der anderen Priesterinnen dar, wobei jeder von ihnen ein farbiges Wappen trug, wodurch die Zuteilung wer zu wem gehörte von vorne herein klar war. Jede der Priesterinnen ging zu ihrem Begleiter und kurz darauf setzte sich die kleine Kolonne in Bewegung.
Etwas Außerhalb der Stadt befanden sich am Ufer des Sees sieben kleine Boote, von denen nun vier von jeweils einer Priesterin und einer Wache besetzt wurden. Dank Misanis brauchte Sarasra nicht rudern, um sich und Raisana in die Mitte des Sees zu befördern, da so die Boote von alleine über die ruhige und klare Oberfläche des Sees in die richtige Richtung drifteten.
Bald legten die Boote am kleinen Sandstrand der Insel an und die vier Paare verließen die Boote, um sich über einen alten steinigen Weg zum Ort des Treffens zu begeben. Die Natur hatte teilweise begonnen sich das Land, das einst jemand von ihr beansprucht hatte zurückzuerobern: Einige der Steinplatten waren teilweise so stark mit Moos oder anderen Pflanzen bedeckt, dass man sie fast gar nicht mehr ausmachen konnte. Die Säulen, die den Weg links und rechts säumten waren mit Kletterpflanzen übersäht und von alten Inschriften war nichts Lesbares mehr übrig, da vieles entweder weggebrochen oder überwuchert war.
Der Weg schlängelte sich ein wenig durch die Natur, um schließlich in der Mitte der Insel vor einer großen Treppe zu enden. Vorsichtig stieg die Truppe – die solche Treffen durchaus schon gewohnt zu sein schien – die brüchige Treppe empor.
Oben auf der Pyramide, die als die 'Crest Ruine' bekannt war befand sich ein runder Altar, vor dem bereits vier andere Priesterinnen warteten.
„Dann sind wir ja nun fast vollständig“, eine dunkelhaarige Priesterin in einem schwarzen Gewand ergriff das Wort. „Natürlich lässt sich die Priesterin der Luft mal wieder am meisten Zeit...“
Sarasra blickte sich kurz um und besah sich die anderen drei Priesterinnen, von denen eine zu den Biestmenschen zu gehören schien, sofern das Fell, die spitzen, hundeartigen Ohren und der buschige Schwanz nicht gerade eine Verkleidung darstellten. Neben dieser stand eine äußerst muskulöse Priesterin – wenigstens hatte sie nicht so viele Muskeln wie einige ihm bekannte Schmiedinnen, bei denen man sich nicht sicher war, ob sie überhaupt noch weiblich waren.
Die letzte war eine absolute Schönheit. Ihre Ohren deuteten auf elfische Herkunft, ihre Kleidung war sehr Freizügig und ihre langen goldenen Haare bewegten sich leicht im schwachen Wind.
„Von links nach rechts wären das Ankonis d'arc eine Schattenpriesterin der Kirche der Dunkelheit, Wankis eine Fuchspriesterin der Mondkirche, Leila Mystal Angehörige der Materiellen Kirche und Lia Xiloscient, Priesterin der Wälder“, Raisana stellte ihm die vier Priesterinnen leise vor. „Wir warten nun eigentlich nur noch auf Rei Thandar, die Hohepriesterin der Luft. Wir sind eigentlich schon gewöhnt, das sie sich erst in letzter Sekunde vor Ort teleportiert...“
Kaum hatte sie diese Worte zu Ende gesprochen schlug ein Blitz in unmittelbarer Nähe der Gruppe ein und eine weitere Priesterin betrat das Plateau. Sie trug ein sehr kurzes und freizügiges hellblaues Gewand und versuchte noch ihr schulterlanges Haar einigermaßen zu bändigen, das nach ihrer plötzlichen Ankunft noch teilweise zu Berge stand.
Ihr Begleiter setzte sich am äußeren Rand der Pyramidenspitze auf einen Stuhl, wo sich auch die Begleiter der anderen Priesterinnen niedergelassen hatten. Sarasra verbeugte sich kurz vor Raisana und zog sich ebenfalls nach außen auf einen Sitz zurück, während Rei etwas verwundert auf die genervten Blicke der anderen Priesterinnen sah. „Wasn?“, fragte sie, als sie schließlich aufgab ihren Haaren weiterhin die Schwerkraft zu erläutern.
„Also gut, wie ihr alle wisst haben wir uns hier versammelt um die kirchlichen Beziehungen untereinander zu verbessern. Bisher konnten wir keine großen Erfolge erzielen...“, Ankonis hatte ihren Vortrag begonnen und hier schweiften Sarasras Gedanken ab. Neben ihm erschien der Geist der Dunkelheit. „Du weißt, dass irgendwann die entscheidende Schlacht euch beide zu Feinden machen wird. Warum erlaubst du es dir ihr immer näher zu kommen? Sie wird letztendlich deine Schwachstelle sein.“ Sarasra antwortete nicht. „Gut, wenn du meinst, das ginge dich nichts an... Aber lass dir eines gesagt sein: Sie wird es sicherlich nicht freuen, wenn sie herausfindest, was du bist und vor allem nicht, was ihre Bestimmung sein wird – wenn sie es nicht schon weiß.“ Ein finsterer Blick gab dem Geist zu verstehen, dass er im Moment nicht erwünscht sei.
Kaum hatte sich der Schatten aufgelöst wurde der Blick auf die Wache der Erdpriesterin frei, die gerade ihr Schwert zog und auf Raisana zustürzte. Seinen guten Reflexen hatte er es zu verdanken, dass er schnell genug sein Schwert ziehen und den Krieger aufhalten konnte.
Während er seinen Gegenüber mit all seiner Stärke am weitergehen hinderte drehten sich erschrocken alle anderen anwesenden zu den beiden um.
„Sieh mal einer an, Sarasra...“, ertönte eine ihm wohlbekannte Stimme unterhalb des Helmes. „Hawkeye?“
„Jetzt ist die Münze gefallen, was?“, der Druck hinter dem Schwert wurde schwächer und schließlich ließen beide die Schwerter fallen.
„Was hat das zu bedeuten Gregor?“, wandte sich Gajis an ihre Wache, wurde aber völlig ignoriert.
„Eigentlich wolltest du sie ja beseitigen, aber wie wir ja alle sehen können bist du weich geworden.“ Ein durchgehendes Nicken der anderen Wachen ließen ihn übles ahnen.
„Was bedeutet das Sarasra?“, fragte nun auch Raisana, besorgt. „Wen wolltest du beseitigen?“
„Dir hat er also nichts darüber erzählt? Der große Anführer des Shinrju-Clans?“ In Sarasra baute sich langsam Wut auf. Für wen hielt sich Hawkeye eigentlich? Was hatte er vor?
„Das... glaube ich nicht...!“, Raisanas Stimme klang plötzlich schwach und auch das Raunen unter den anderen Priesterinnen wurde lauter – auch ihnen war der Name des Clans ein Begriff.
„Ich denke mal, wir setzen dich mit sofortiger Wirkung als unseren Anführer ab und erledigen nun das, wozu selbst du nicht in der Lage warst!“
Hawkeye hob sein Schwert und wollte gerade zuschlagen, als Sarasra die entscheidende Frage stellte: „Wie willst du mich denn bitte Besiegen? Ich bin dir um Längen in der Schwertkunst voraus und habe die Macht eines Siegels auf meiner Seite!“
„Nun, was das anbelangt-“
Hawkeye wurde jäh von Meflis ruf unterbrochen: „Was wagt ihr hier eigentlich?“, sie war die erste, die langsam alles verdaut hatte und bereit war zuzuschlagen. Ihre Aura glühte rot und in ihrer Hand bildete sich ein Feuerball. Während auch die anderen Priesterinnen entsprechende Geschütze auffuhren ließ Hawkeye sein Schwert sinken.
„Erlaube mir meine Macht zu demonstrieren“, vollkommen gelassen nahm er seinen Helm ab und keine Sekunde später, da die Priesterinnen ihn erblickten, waren sie zu Stein erstarrt.
Ein Nachglühen von Hawkeyes braunen Augen konnte Sarasra noch erhaschen, als der etwas kleinere Mann ihm in die Augen sah. Seine kurzen blonden Haare blitzten in der Morgensonne, während sich in seinem Gesicht ein breites Grinsen abzeichnete. „Ich muss echt sagen, die Macht des Erdsiegels ist immer wieder verblüffend. Und was deinen Vorsprung betrifft, nun den werden wir sicherlich mit unserer kleinen Überzahl hier bewältigen können. Wenn du dann aus dem Weg geräumt bist, und ich auch dein Siegel besitze, hole ich mir noch das von deiner Liebsten... und dann soll mich noch jemand aufhalten können!“
„Shadow, jetzt wäre ein guter Augenblick!“, Sarasras Ruf holte sofort den Geist aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche und kurze Zeit später spürte er, wie die dunkle Kraft sich in jeder seiner Adern verbreitete. Seine Haut wurde blass und immer dunkler. Er blickte nun durch seine schwarzen Augen auf Hawkeye herab, der verächtlich grinste und ebenfalls seinen Geist aktivierte. „Brech den Zauber, der auf Raisana liegt, sie sollte ihr Leben ebenfalls verteidigen...“, wandte er sich in Gedanken an Shadow, der sich widerwillig an die Arbeit machte.
Nach einigen Sekunden stand vor ihm ein Mann aus Stein, dessen grau glühende Augen Sarasra musterten. „Du darfst dich geehrt fühlen, du bist das erste Opfer in diesem Zyklus!“ Sarasra wich dem folgenden Schlag blitzschnell aus, eine Tatsache, welche den anderen Anwesenden Angst einjagte, sie hielten sich nun tunlichst aus dem Kampf der beiden Giganten heraus.
Sarasra wusste, dass er nicht ewig ausweichen konnte und fing an zurückzuschlagen. Geräusche von einer Klinge die auf Stein schlägt wurden jedesmal laut, als sein Schwert sich mit dem von Hawkeye kreuzte. Funken sprühten, während er versuchte den Kampf möglichst weit von den Stauen der anderen Priesterinnen wegzuhalten.
Mit einem Mal zerbrach die Steinhaut, die sich um Raisana gebildet hatte. Sie schaute entsetzt auf die beiden Kämpfenden und schien innerlich zu ringen, bevor sie von einem Lichtschein eingehüllt wurde und als Engel mit weißen Flügeln in die Luft stieg.
Hawkeye schien dies zu bemerken und nutzte alle seine Kraft um Sarasra zurückzuschlagen. Ehe der dunkle Krieger bemerkt hatte, was Hawkeyes Ziel war, war es zu spät: Er stand bereits mit hoch erhobenem Schwert neben einer der Statuen. „Nicht bewegen, oder ich zerbreche diese hübsche Skulptur!“, schrie dieser. Raisana und Sarasra stoppten beide in dem, was sie taten. Ihnen war klar, wenn Hawkeye die Statue zerschlagen würde, währe es das Ende der Priesterin.
„Lass dich von ihm nicht einschüchtern!“, erklang Shadows Stimme in Sarasras Gedankenwelt. „Das Leben jener ist unwichtig im Gegensatz zu unserem...“, zischte die dunkle Stimme und er hätte auch fast auf sie gehört, währe nicht Raisana vor ihm gelandet, ihn zurückhaltend.
„So ist's brav... und nun haltet schön still...“, mit einem Handzeichen gab er den anderen Bescheid, seinen Platz einzunehmen und näherte sich Raisana. „Nett und freundlich, wie man es von einer Hohepriesterin des Lichtes erwarten würde“, zischte der Steinmensch. „Ich bin ehrlich auf die Persönlichkeit des Lichtgeistes gespannt...“
Er schritt näher und wollte zustechen, als auch Sarasra selbiges versuchte: Er konnte es nicht zulassen, dass er sie noch einmal verlor. Kurz bevor beide einen tödlichen Schlag landeten wurde die Luft von einem Donnerschlag zerrissen. Alles stoppte in der Bewegung und Sarasra merkte nur noch, wie die Farben um ihn herum verblassten.
Einige Meter neben ihnen erschien plötzlich ein Wesen, dessen Aura alles um sie herum Lila färbte. „Ich bin der Wächter der Zeit!“, ertönte die freundliche Stimme eines Mannes. „Der Träger des Siegels der Zeit...“
Solange sich keiner bewegen konnte, waren sie alle ein leichtes Ziel. „Absolut hinterhältig“, dachte Sarasra. „Der Zauber ist zu stark, ich kann ihn nicht brechen“, erklang die Stimme des Geistes und er wusste: Würde jetzt kein Wunder geschehen, dann ist alles verloren.
„Es ist noch zu früh... Noch sind nicht alle Elemente erwacht“, erklang die Stimme des Geistes. „Daher bin ich gekommen, diese Schlacht zu beenden. Geht zurück auf eure Heimatkontinente...!“
Die letzten Worte, die er vom Wächter der Zeit vernahm verwirrten ihn, jedoch bevor er sich fragen konnte, was dies eigentlich zu bedeuten hatte, gab es einen erneuten Blitz: Raisana war verschwunden, ebenso Hawkeye.
Nur er und die Steinstatuen der Priesterinnen sowie die nun sprachlosen Wachen waren zurückgeblieben. Die Wachen, die plötzlich um ihr Leben rannten, da sie wussten, was Sarasra mit Verrätern anstellen würde. Er selbst steckte das Schwert zurück und ließ sich den Geist ebenfalls zurückziehen, nachdem dieser die Versteinerungen der anderen Priesterinnen gelöst hatte.

Er wandte sich zum Gehen, wurde aber von Meflis aufgehalten. „Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte sie ihn. „Wir haben alles mitbekommen!“, rief Misanis hinterher.
Sarasra seufzte. „Fragt am besten eure Drachen, die dürften euch ebenso erklären können, was mit den Siegeln auf sich hat...“, antwortete er ohne sich umzudrehen und riss sich los.
Er schritt die lange steinerne Treppe hinunter und lies die ratlosen Priesterinnen alleine auf der Spitze der Pyramide zurück. Er musste sie wiederfinden, mit ihr alles klären. Sein nächstes Ziel war daher Arcaea – Der Kontinent des Lichtes, ihre Heimat...