1: Andragat


Allmählich hörte ihr Körper auf zu kribbeln. Die Verwandlung war abgeschlossen. Sie öffnete die Augen und sah mehrere dutzend Menschen unter sich. Ihr lief das Wasser im Maul zusammen. Ihr Magen begann zu knurren. Sie senkte den Kopf und öffnete das Maul. Ihre Zunge fuhr über ihre Zähne ... Lia schloss Augen und Mund, rief sich zur Ordnung. Sie durfte nicht wie ein Biest denken, sie musste es beherrschen.
Lia sah wieder auf die Mönche herab. Ihre Augen konnten jedes Detail in ihrer Nähe und in einigen hundert Meter Entfernung ausmachen. Sie musste sich nur ein wenig darauf konzentrieren. Sie konnte Düfte wahrnehmen, die ihr in menschlicher Gestalt nie aufgefallen wären. Darunter waren auch einige stechende Gerüche. Einige der Männer mussten dringend ihre Kleidung waschen.
Ihr schwarzen Schuppen hingegen ließen sie kaum etwas spüren. Nur ihre ledernen Flügel konnten jegliche Veränderung im Wind wahrnehmen. Bei allen anderen Berührungen hatte sie den Eindruck, taub zu sein.
Lia erkundete den Drachenkörper weiter, fand Muskeln, die ihr völlig unbekannt waren, bewegte ihre Läufe, ihren Schwanz und ihre Flügel. Die Kontrolle über ihren langen Schweif stellte sich als besonders schwierig heraus. Einige ihrer Lehrmeister mussten sich sogar ein paar mal ducken, um ungewollten Schlägen auszuweichen. Ihr Drachenschwanz verfügte über mehr Kraft als ihre Lehrmeister zusammengenommen. Sie würde sicherlich Tage brauchen, um sich im Drachenkörper so zu bewegen, wie in ihrem menschlichen.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie als Drache verbracht hatte, als ihr wieder einfiel, weshalb sie sich verwandelt hatte. Sie hatte eine Prüfung zu bestehen. Sie suchte in ihrem Herzen nach dem Siegel, speiste es mit ihrer Kraft, ihrer Magie. Sie spürte, wie es aus ihr hervor brach, fühlte, wie es sich um sie rankte. Dornen stachen in ihren Echsenkörper, doch sie verspürte kaum Schmerzen. Stattdessen registrierte sie nur ein schwaches Kribbeln. Ein Kribbeln, das schließlich immer stärker wurde. Ihr Körper schrumpfte, ihre Sicht wurde normal und allmählich konnte sie den stechenden Geruch nach Urin nicht mehr wahrnehmen. Die Rückverwandlung dauerte nur wenige Sekunden, dann stand sie schließlich wieder vor ihren Lehrmeistern.
In menschlicher Form war Lia in etwa das, was man von einem Mönch erwartete. Sie war von schlanker Statur, nicht übermäßig Kräftig aber auch nicht zu schwach. Sie hatte kurze rote Haare, und aufgrund ihres Drachenpriestertums, unterschiedlich gefärbte Augen. Ihr linkes Auge war rot, ihr rechtes Braun. Dazu zog sich ein schwarzes Mal über ihre linke Körperhälfte bis hin zu ihrem roten Auge.
„Wir sind stolz heute einen weiteren Drachenpriester in unserer Mitte aufzunehmen", Abt Karlev ging an ihr vorbei und wandte sich an die Mönche, die der Zeremonie beigewohnt hatten. Lia hatte es tatsächlich geschafft, sie war die erste und einzige Frau, in der ein Drache erfolgreich versiegelt worden war. „Bruder Litius, Ihr habt einen schwereren Weg auferlegt bekommen, als die Drachenwächter, die heute ihre letzte Prüfung abgelegt haben. Ihr kämpft einen andauernden Kampf gegen einen Drachen. Solltet ihr diesen Kampf verlieren, verliert ihr nicht Euer Leben sondern euren eigenen Willen, eure Freiheit."
Lia kannte die Rede bereits. Karlev hatte vor sechs Jahren auf sie eingeredet als würde sie jeden Moment die Kontrolle verlieren können. Dabei spürte sie schon seit einiger Zeit den Drachen nicht mehr. Karlev behauptete, dass es vollkommen normal sei, dass der Drache schliefe, aber jederzeit wieder erwachen könnte.
„Kehrt in Momenten der Schwäche zu uns zurück und Eure Brüder werden Euch helfen." Lia verzog das Gesicht. Notfalls würden sie ihr mit der letzten Versiegelung helfen: Dem Tod.
"Habt Dank, Vater Karlev", antwortete sie mit einem kurzen Nicken, "ich werde an Eure Worte denken." Sie senkte ehrfürchtig ihren Blick.
"Das Zeichen Eures neuen Amtes, tragt Ihr bereits." Der Abt lächelte. "Also bleibt mir nur noch, Euch alles Gute für die Zukunft zu wünschen."
Lia deutete eine Verbeugung an und verließ den Platz. Karlev war, neben zwei anderen ihrer Lehrmeister einer der wenigen im Kloster, die in ihr Geheimnis eingeweiht waren. Alle anderen hielten sie für einen Mann. Das war auch der Grund dafür, dass Karlev von den üblichen Regeln des Rituals abgesehen und ihr bereits vorher die Drachenpriesterrobe gegeben hatte. Plötzlich nackt vor einer Horde von Männern zu stehen, war ein Szenario aus ihren schlimmsten Alpträumen, denn es gab genügend Drachenpriester, die die finale Versiegelung bei ihr vorziehen würden. Daher musste ihr Geschlecht ein Geheimnis bleiben.
"Gut gemacht", ihr Vater nahm sie abseits des Platzes in Empfang, während der nächste Prüfling die Bühne betrat. Aus einer Brusttasche holte er einen kleinen, rötlich schimmernden, Anhänger hervor, den er ihr um den Hals hing. "Es gehörte deiner Mutter, nun ist es Zeit, dass du es trägst."
Lia blickte auf den tropfenförmigen roten Stein. Er fühlte sich warm auf ihrer Haut an. Tränen stiegen ihr in die Augen. Er sprach sonst nie über ihre Mutter. Als sie seinen schmerzerfüllten Blick sah, wusste sie, dass er nicht mehr über sie sagen würde.
Schweigend betrachtete sie das Kleinod. Inmitten des roten Steins befand sich ein goldenes Ornament, ein Auge um dass sich ein kleiner Drache wand. Ihre Mutter war also auch von Drachen fasziniert gewesen.
"Herzlichen Glückwunsch, Litius." Vor ihr stand ein hochgewachsener junger Mann mit kurzen blonden Haaren und blauen Augen. Er trug eine weiße Robe mit blauen Verzierungen und blauem Wappen der Festung - ein in ein Hexagramm eingeschlossener Drache. Es war der Beweis dafür, dass er seine Prüfung bereits hinter sich hatte und wies ihn als einen Drachenwächter aus. Lias Robe trug die gleichen Verzierungen in rot.
"Janus." Lia ließ vom Anhänger ab und lächelte verlegen.
"Ich wusste, dass du es schaffst", sagte er etwas leiser. "Ich gebe mich geschlagen. Du hast etwas erreicht, das ich nicht mehr aufholen kann. Es sei denn wir finden noch ein paar Wilde."
Janus' Kompliment fühlte sich gut, besser als das ihres Vaters, zumal er bisher stets versucht und es auch oft geschafft hatte in allem besser zu sein als sie. "Ich hatte keine andere Wahl", antwortete sie lauter als nötig. Dann senkte sie ihre Stimme und kratzte sich an der Wange. "Ich bin mir sicher, dass du es auch geschafft hättest."
"Mag sein, aber wir werden es wohl nicht herausfinden." Er lächelte. "Machst du nun deine Pilgerreise? Ich würde mich freuen, wenn du mich nach Cerinsagath begleiten würdest."
"N ... Natürlich!", platzte es aus ihr heraus. Lia wurde es immer heißer. Sie freute sich über seine Einladung, sehr sogar. Doch ihr Herz schlug wie wild und ihr war so heiß. Wurde sie krank? Oder war die Verwandlung in einen Drachen doch anstrengender gewesen und sie spürte die Auswirkungen erst jetzt?
"Ich werde im Morgengrauen aufbrechen."
"So früh?" Sie sah ihn unsicher an. Wenn sie jetzt krank wurde, würde sie nicht mitkommen können und ihn womöglich nie wiedersehen.
"Ich werde auf dich warten, keine Sorge."
"Wir werden pünktlich sein", entgegnete ihr Vater kühl und schnitt ihr die Antwort ab.
"Dann bis morgen, Mister Dias." Janus machte zwei Schritte rückwärts, bevor er sich umdrehte und ohne ein weiteres Wort verschwand.
Lia starrte Janus einige Augenblicke hinterher. "Du kommst mit?" Lia sah ihren Vater an.
"Ich werde dich in deinem Zustand nicht mit ihm alleine lassen", antwortete er grimmig. "Ich glaube ich habe dir noch einige Dinge zu erklären. Komm mit." Lia folgte ihm vom Platz und sah sich noch einmal nach Janus um. Sie konnte seine Gestalt jedoch nicht mehr sehen.
* * *
Lia stand mit ihrem Vater noch vor Sonnenaufgang am Tor. All jene Dinge über Liebe und wozu die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen da sind, hatten sie nicht schlafen lassen. Aber warum erzählte er es ihr erst jetzt? Er sagte, er habe vorher keinen Grund dafür gesehen. Doch was hatte sich nun geändert? Janus hielt sie noch immer für einen Jungen und sie bezweifelte, dass er auf irgendwelche Gedanken in der Hinsicht kommen würde. Oder hatte er Angst, dass sie auf diese Gedanken kommen würde? Sich Janus offenbarte, um ... Ihr schoss erneut das Blut ins Gesicht.
"Was auch passiert, du darfst dein wahres Wesen nicht preisgeben", raunte ihr Vater, als Janus in Sicht kam.
Janus trug, ähnlich wie sie, wieder die Robe der Festung. Desweiteren hatte er einen Sack über die Schulter geworfen und hatte ein Band um die Taille geschlungen, an dem diverse kleinere Beutel hingen.
"Da bist du ja endlich", rief sie ihm entgegen.
Er ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern schlenderte weiter gemütlich auf sie zu. Schließlich gab er zuerst ihrem Vater, dann ihr die Hand. "Sie müssen sich keine Sorgen machen, dass ich mit ihrer Tochter etwas Unanständiges anstelle, Mister Dias."
Lia schluckte. Er kannte ihr Geheimnis. Sie bekam eine Gänsehaut und dennoch freute sich ein Teil von ihr darüber, dass sie es ihm nicht irgendwann beichten musste. Sie konnte nichts dafür, dass er es wusste. Sie musste sich nicht mit ihrem Vater anlegen. Er war strikt dagegen, dass sie sich offenbarte.
"Und wie kommst du darauf, dass ich eine Tochter habe?" Unterdrückte Wut schwang in der Stimme ihres Vaters mit.
"Die stete Sonderbehandlung, Euer Verhalten und das von Litius", er lächelte in Lias Richtung, "waren alles Hinweise darauf. Ausschlaggebend war jedoch, dass sie als einzige ihre Robe bereits vor der Zeremonie bekommen hat. Ohne den magischen Stoff, der sich mitverwandelt, hätte sie nach der Rückverwandlung, wie alle anderen Drachenpriester vor ihr, nackt vor uns gestanden. Ich weiß nur nicht, wie viele von unseren Lehrmeistern in das Geheimnis eingeweiht sind."
Ihr Vater wandte sich ab und ging durch das geöffnete Tor voraus.
"Lass uns gehen." Janus folgte ihrem Vater. Lia stieß ein Seufzen aus und ging ebenfalls durch das große, hölzerne Tor. Das Heim zu verlassen, in dem sie bisher gelebt hatte, löste in ihr viele unterschiedliche Emotionen aus. Beinahe so, als ob sie ein Gefühl der Geborgenheit aufgeben würde. Lia fröstelte es, obwohl die Sonne vom Himmel schien. Sie ging einige Schritte schneller, um zu Janus und ihrem Vater aufzuschließen. Gemeinsam folgten sie dem sich windenen Pfad den Berg hinab.
"Wie ist eigentlich dein richtiger Name?" Janus passte sich ihrem Schritttempo an. "Ich meine du wirst ja nicht wirklich Litius heißen."
Sie schüttelte den Kopf. "Ich bin Lia. Lia Luxana Dias."
"Du hast zwei Namen? Das ist recht ungewöhnlich."
"Luxana war meine Mutter." Sie umfasste den Anhänger mit ihrer rechten Hand. "Sie ist nach meiner Geburt gestorben."
Janus wurde still. Er öffnete einige Male den Mund, als ob er etwas zu ihr sagen wollte, sprach jedoch kein Wort.
"Wie ...", Lia stockte. Sie wusste nicht, wie sie diese Frage formulieren sollte. "Erzähl mir etwas über deine Mutter."
"Ich vermisste sie", Janus sah Lia nicht an, sondern schien in die Ferne zu blicken, als ob er dort etwas sehen konnte, das Lia verborgen blieb. "Sie ist gestorben als ich sechs war. Kurze Zeit später hat mein Vater dafür gesorgt, dass ich nach Andragat kam."
"Ich ... Es tut mir leid. Ich wollte nicht ..." Lia spürte erneut das Blut durch ihren Kopf pulsieren.
"Kein Problem. Ich kann verstehen, weshalb du gefragt hast." Janus schenkte ihr ein Lächeln, ein Lächeln das anders war als alle die sie zuvor von ihm gesehen hatte. Es hatte etwas warmes, etwas besonderes. Es war ... ehrlich. Lia erwiederte das Lächeln, brachte aber keinen Laut über die Lippen.
"Wie ist das eigentlich, die Welt aus der Sicht eines Drachen zu erleben?" Janus rückte den Beutel auf seiner Schulter zurecht und sah wieder nach vorne.
Lia war ihm für den Themenwechsel dankbar, brauchte jedoch einige Momente, bis sie ihm eine Antwort auf die Frage geben konnte. Sie blickte nach vorne und sogar ihr Vater schien einen Blick über die Schulter auf sie zu werfen. Interessierte es ihn auch?
Natürlich musste es ihn auch interessieren. Es gab wahrscheinlich niemanden auf der Welt, den es nicht interessierte.
Doch wie sollte sie es in Worte fassen? "Es hat sich zum einen fremd angefühlt und zum anderen irgendwie natürlich." Sie rief sich den kurzen Moment, in dem sie den Drachenkörper gespürt hatte noch einmal vor Augen. "Ich habe die Welt zu meinen Füßen gespürt, gewusst, dass es niemanden gab, der sich meiner Kraft in den Weg stellen konnte. Ich habe das innere Feuer des Drachen gespürt, ich ..." Sie stockte. Sie erinnerte sich daran, dass sie für einen kurzen Augenblick den Instinkten des Drachen nachgegeben hatte. "Es ist ein großartiges Gefühl. Ich kann es kaum erwarten zu fliegen, den Wind unter meinen Schwingen zu spüren ..."
"Wärst du bereit, mich mitzunehmen?" Janus hatte ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen. "Ich würde die Welt gerne einmal von deinem Rücken aus bewundern."
"Gerne", Lia wurde wieder warm ums Herz. "Aber ich muss vorher üben. Ich muss mich an die Flügel gewöhnen und lernen wie man fliegt und ..."
"Ich warte, bis du bereit bist." Er legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schultern. Ihr Vater räusperte sich mehrere Male, doch Janus ließ sich davon nicht beeindrucken.
* * *

Am frühen Abend erreichten sie eine kleine Stadt, die am Fuße des Berges lag. Seit sie den Bergpfad verlassen hatten, schaute sich Lia fasziniert um. Es war, als ob sie in eine andere Welt eingetaucht wäre: Bäume, die größer waren als Häuser. Frauen und Kinder liefen durch die Stadt, Mädchen mit langen Haaren. Dicht an dicht gebaute Häuser, dünne gepflasterte Straßen. Pferde. Muskelbepackte Männer, dicke Männer, Händler.
Schließlich sah sie auch einige Männer in schwarzer Kleidung. Es war ein seltsamer Stoff und der Schnitt ihrer Kleidungsstücke war ebenfalls ungewöhnlich. Waren diese Männer womöglich besonders reich? Oder arbeiteten sie für jemand besonders wohlhabenden, der sich erlauben konnte einen Schneider für die Anfertigung mehrerer identischer Kleidungsstücke zu bezahlen? Gerade als sie eine entsprechende Frage stellen wollte, wurde sie von ihrem Vater durch eine Tür gezogen.
"Es wird dunkel, wir sollten uns ein Zimmer suchen", war seine einzige Begründung für sein abruptes Verhalten.
Lia starrte in einen Raum voller Menschen. Mehrere Tische, eckige und runde, waren von Männern besetzt, fast jeder hatte einen Krug vor sich. Sie unterhielten sich lauthals und schienen die Neuankömmlinge nicht zu beachten. Es roch nach Schweiß und etwas anderem. Lia konnte den Geruch nicht einordnen.
Ihr Vater begann, sich durch den Raum zu schlängeln. Lia und Janus folgten ihm. Die Gespräche um sie herum wurden umso leiser, je weiter sie kamen. Als sie schließlich auf der gegenüberliegenden Seite an einer Theke angekommen waren, war aus den vielen Stimmen nur noch ein schwaches Gemurmel geworden.
"Ein Drachenpriester, ein Drachenwächter und ein Söldner. Welch interessante Kombination." Der Mann hinter der Theke lächelte freundlich und wischte seine Finger an einem Tuch trocken. Er war breitschultrig und kräftig, hatte einen Bart, der seine untere Gesichtshälfte bedeckte und kurzes braunes Haar. "Was kann ich für euch tun?"
"Zwei Zimmer", antwortete Barnett schroff.
"Das Zimmer für Euer Gnaden", der Wirt wandte sich an Lia, "ist Kostenfrei. Für Eure Begleitung hätte ich gerne einhundertfünfzig Ryu."
Lia blinzelte. "Warum ist mein Zimmer kostenfrei?"
"Es ist nur ein kleiner Ausgleich für das Opfer, das ihr für uns alle gebracht habt." Der Wirt lächelte, nahm von Barnett die Münzen entgegen und überreichte Lia zwei Schlüssel, so als ob sie nach dem Zimmer gefragt hätte und nicht ihr Vater. Der Wirt lehnte sich zur Seite und rief "Gertrud, zeige unseren Gästen bitte ihre Zimmer!" in den Raum hinein.
Eine leicht dickliche Frau schaute von einem Tisch auf und kam auf sie zu. Sie hatte lange Haare und einen Oberbau, auf dem man einen Krug hätte transportieren können. Alle Frauen, die Lia gesehen hatte, hatten in dieser Hinsicht besonders viel zu bieten.
"Gefällt Ihnen, was sie sehen, Euer Gnaden?" Gertrud lächelte, stemmte eine Hand in die Hüften und schien ihre Brust noch ein Stück weiter vorzustrecken.
"Ich ..." Lia fand keine passenden Worte. Sie sah zur Seite, als ihr klar wurde, dass sie gestarrt hatte.
"Folgt mir bitte", ihre zuvor freche Stimme war um einiges sanfter geworden. "Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Und wenn unsere Gäste wegen mir häufiger zu uns zurückkehren, bin ich die letzte, die es ihnen übel nimmt."
Lia folgte ihr eine kleine Seitentreppe in eines der oberen Stockwerke hinauf. War es normal, das Frauen so aussahen? Würde Janus von ihr erwarten, so auszusehen? Konnte es ihr nicht egal sein? Vielleicht sollte sie ihren Vater ...? Nein, er hatte deutlich gemacht, dass er nicht wollte, dass sie mit Janus zusammenkam. Wen konnte sie dann fragen? Vielleicht konnte sie die Wirtin ... aber dann musste sie ihr wahres Wesen preisgeben.
Sie konnte ihr Geschlecht doch nicht verleugnen, sich selbst auf ewig versiegeln, wie den Drachen in ihr.
"Hier ist Euer Zimmer", die Frau deutete auf eine Tür, in die die Zahl sechs eingeritzt worden war. Auf einem der Schlüssel, die ihr der Wirt gereicht hatte befand sich ebenfalls diese Zahl.
Einen Moment später öffnete sie die Tür, warf ihrem Vater den anderen Schlüssel zu - er trug die Nummer sieben - und verschwand im Inneren. "Braucht ihr noch etwas, Euer Gnaden?", hörte sie die Wirtin durch die Tür rufen.
"Nein danke", rief sie zurück und schloss die Tür von innen ab. Sie seufzte. Sie musste etwas unternehmen. Irgendwie musste sie dafür sorgen, dass man sie als erste weibliche Drachenpriesterin akzeptierte. Sie hatte schließlich alle Prüfungen bestanden. Warum sollte es den anderen nicht auch reichen? Für Vater Karlev, Bruder Nergal und Bruder Patran hat es schließlich auch ausgereicht.
Es klopfte. "Ich muss mit dir reden", hörte sie die Stimme ihres Vaters.
"Mir ist im Moment nicht nach reden zumute", antwortete sie gerade so laut, dass man es durch die Tür hören konnte.
Es wurde still. Schließlich hörte sie, wie sich Schritte entfernten.
Lia ging zu dem Bett hinüber und ließ sich auf die Matratze sinken. Vielleicht sollte sie sich der Wirtin zu erkennen geben? Sie konnte ihr sicherlich sagen, was sie zu tun hatte. Andererseits hatte Lia die Wirtin indirekt angelogen. Wie würde sie reagieren, wenn sie herausfand, dass der Mann, den sie vor sich vermutete in Wirklichkeit eine Frau war?
Es klopfte erneut. "Li...a?" Janus Stimme klang gedämpft durch die Tür.
Lia atmete mehrmals kräftig ein und aus. Nach mehreren Minuten der Stille, in denen sie weder geantwortet noch irgendetwas anderes getan hatte, stand sie auf und öffnete die Tür. Janus hatte geduldig gewartet und sah sie fragend an.
"Was ist los mit dir? Seit wir in der Stadt angekommen sind, verhältst du dich ... merkwürdig."
Lias Blick sank zurück zum Boden. Wie sollte sie ihm klarmachen, dass sie nun sechzehn Jahre lang als Junge gelebt hatte und sich plötzlich nicht weiblich genug fühlte? Sollte sie es ihm überhaupt sagen? Konnte er das verstehen?
"Siehst du in mir eher eine Frau oder einen Mann?" Mit ernstem Blick sah sie ihm ins Gesicht.
Janus antwortete nicht. Er schwieg. Eine lange Zeit. "Um ehrlich zu sein, ist es schwer, dich plötzlich als Frau zu sehen. Schließlich habe ich dich neun Jahre lang nur als Litius gekannt. Als Bruder Dias." Er kratzte sich mit der rechten Hand am Nacken.
Lia schritt zum Bett zurück. Was sollte sie von ihm auch anderes erwarten?
"Bist du deshalb so merkwürdig?" Janus ließ die Hand sinken.
Lia mied seinen Blick und blieb ihm die Antwort schuldig. Sie konnte ihm unmöglich antworten. Wahrscheinlich würde er denken, dass sie verrückt sei. Dass es egal war, welches Geschlecht sie nun hatte.
"Gib mir etwas Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen." Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, das sie erwiderte. Es wärmte ihr ein wenig das Herz. Sie nickte.
* * *

Im Morgengrauen verließen Janus, Lia und ihr Vater die Gaststätte. Lias Gemütslage hatte sich seit dem Vorabend ein wenig verbessert. Sie hatte zwar noch immer das Gefühl, etwas unternehmen zu müssen, aber sie würde es nicht überstürzen. Sie musste nur einen Weg finden, das Drachenpriestermal, das bis auf ihre Wange reichte, zu verbergen. Sie musste nur noch die Robe ablegen. Nur an ihren unterschiedlich gefärbten Augen konnte man noch erkennen, was sie wirklich war. Selbst dann war die Wahrscheinlichkeit gering, dass man sie mit einem Drachenpriester in Verbindung brachte.
Ihr Vater schwieg. Er ging weder auf ihr Verhalten am Vortag ein noch verlor er irgendein anderes Wort. Erst außerhalb der Stadt fiel ihr auf, dass ihr Vater ihre Umgebung genauestens beobachtete. Janus hingegen konnte seine seine Augen nicht von ihr losreißen. Jedes Mal, wenn sie ihn nur aus den Augenwinkeln betrachtete und er sich unbeobachtet fühlen musste, starrte er sie an. Alleine dadurch besserte sich ihre Laune. Sie ging sogar soweit, dass sie absichtlich nicht in seine Richtung sah und seine Aufmerksamkeit genoss. Bis ihr Vater vor sie trat.
Unsicher hob sie ihren Blick und ... sah auf seinen Rücken? Sie schaute an ihm vorbei. Ein halbes Dutzend Männer in Rüstung traten auf den Weg vor ihnen. Alle hatten Schwerter gezogen, die sie bedrohlich vor sich hielten.
"Endlich trittst du wieder in Erscheinung, Barnett." Die raue Stimme, die hinter ihnen erklang, bereitete Lia eine Gänsehaut.
"Ich freue mich auch, dich wieder zu sehen." Ihr Vater zog sein Schwert. Seine Stimme klang alles andere als erfreut. Er antwortete, ohne sich zu dem Fremden umzudrehen.
Lia wandte sich um und sah in die schwarzen Augen des Fremden. Er trug einen schwarzen Ledermantel, der das meiste seiner Figur verdeckte. Sogar seine Haare waren schwarz. Im Gegensatz zu den Soldaten hinter ihr, hatte er sein Schwert nicht gezogen. Sein Blick schien auf Janus und auf ihr einige Augenblicke zu verweilen. Ihrem Instinkt folgend nahm sie Kampfhaltung ein. Janus tat es ihr gleich.
"Drei Männer? Phobos hat behauptet, dass du nie ohne deine Tochter reisen würdest. Wo ist sie?" Der Mann zog sein Schwert langsam, beinahe genüsslich aus der Scheide. Das Metall sang dabei einen einzigen langgezogenen Ton.
Lias gute Laune war zunichte. Mit einem einzigen Kommentar hatte es der Fremde geschafft, sie wieder zu einem Mann zu degradieren.
"Meine Tochter ist nicht hier. Tut mir leid, dass du den langen Weg gegangen bist ..."
"Lügner", der schwarze schnitt Barnett das Wort ab. "Womöglich hast du sie nur als Mann verkleidet!" Er hob sein Kinn. Hinter ihr hörte sie das Klappern von mehreren Rüstungen. Die sechs Soldaten kamen näher. "Aber das lässt sich herausfinden. Wir müssen nur diesen jungen Drachenwächter seiner Robe entledigen."
"Mach doch was du willst. Du wirst sie nicht finden." Ihr Vater klang amüsiert.
"Es ist Hochverrat, Drachenpriester oder ihre Begleitung anzugreifen." Janus erhob seine Stimme.
Für einen Moment schien der Fremde verwirrt. Dann zeichnete sich ein Lächeln auf seinen Lippen ab. "So ist das also ... raffiniert, Barnett, sehr raffiniert." Dann schlug seine Haltung und seine Stimme schlagartig um. "Sehe ich etwa so aus, als würden mich die scheiß Gesetze dieses Landes kümmern?" Der Schwarze sah an ihr vorbei und brüllte seine Befehle: "Ich will den Drachenpriester lebend. Tötet den Jungen!" dann wurde seine Stimme ein paar Grad kälter. "Barnett gehört mir!"
Der Fremde stürzte auf sie zu, noch bevor ihr klar wurde, was er vor hatte. Mehrere Handbreit neben ihr trafen die Schwerter des Angreifers und ihres Vaters aufeinander. Lia duckte sich zur Seite, um Abstand zwischen sich und die Kämpfenden zu bekommen. Drei Soldaten umzingelten sie. Janus war von den anderen drei umzingelt, die Schwerter erhoben stürzten sie auf ihn zu.
Ein Kreis aus Feuer brach um Janus herum aus, als ob ein Drache ihn mit seinem Atem beschützen würde, bildete sich eine Sphäre aus Feuer. Die Männer hielten Abstand. Ihre Schwerter glühten an den Spitzen rot.
Lia riss ihren Blick von Janus los. Sie musste sich keine Sorgen um ihn machen, schließlich war er der Beste Drachenwächter in der Abschlussprüfung gewesen. Sie fokussierte ihren Blick auf den Soldaten direkt vor sich, holte tief Luft und spie Feuer. Die bläuliche Flamme traf den Soldaten im Gesicht. Sie hörte nur einen erstickten Schrei, bevor er auf die Knie sank. Seine Rüstung glühte rot-orange. Lia wandte sich zum nächsten um. Er machte ein paar Schritte rückwärts, dann blieb er plötzlich stehen.
Jemand packte sie von hinten, hielt ihr eine noch glühende Klinge an den Hals. "Halt still", raunte der Soldat. Zwei andere hielten ihr die Schwertklingen gegen die Brust.
Sie sah zu Janus. Die drei Soldaten kamen auf ihn zu als ob die Wand aus Feuer nicht existieren würde. Ihre Rüstungen glühten im selben rot-orange wie die des Soldaten, den sie ... Die Rüstungen machten die Soldaten immun gegen Feuer!
Die Soldaten, die Janus umzingelt hatten, schlugen mit ihren Schwertern zu. Die Bewegung war schwerfällig, wodurch Janus genug Zeit bekam, um auszuweichen. Dennoch erlosch im gleichen Moment sein Feuerschild. Die Soldaten wurden schneller. Sie wirbelten herum, ihre Schwerter rissen durch Janus Robe und hinterließen blutige Striemen auf seiner Haut. Sie würden ihn töten!
Lia griff nach der Hand, die das Schwert an ihre Kehle hielt. Mit sicherem Stand warf sie den Soldaten über die Schulter auf die beiden Angreifer vor sich. So schnell sie konnte, lief sie an den Soldaten vorbei und bekam gerade noch mit, wie Janus unter einem weiteren Schlag hinwegtauchte. Er schlug nach einem Soldaten, Wind kam auf und schleuderte den Angreifer nach hinten.
Lia holte erneut tief Luft und hüllte die beiden anderen Soldaten in Flammen. Die Rüstungen begannen erneut zu glühen, die Soldaten ließen die Schwerter fallen und sanken auf die Knie. Janus gewann mehr Abstand. Er nutzte die Pause, um einen größeren Zauber vorzubereiten. Sie drehte sich um. Ihre Angreifer hatten sich in der Zwischenzeit voneinander gelöst, die Schwerter aufgehoben und kamen wieder auf sie zu. Lia drehte ihre Handfläche nach oben, konzentrierte ihre Kraft auf einen kleinen Punkt und hielt einen Ball aus Feuer in der Hand. Die Hitze der Flammen hielt diese Soldaten nicht auf, aber sie verlangsamte sie.
Ein Schwert flog nur wenige Zentimeter an ihrem Körper vorbei und blieb scheppernd auf dem Boden liegen. Lia sah zur Seite. Der Schwarze traf ihren Vater mit dem Schwertgriff am Kopf. Barnett sackte zusammen. Wütend schleuderte sie den Feuerball in seine Richtung.
Er schlug den Feuerball wie eine lästige Fliege zur Seite. Er explodierte mitten im Wald, die Druckwelle warf einige Bäume um und entzündete trockenes Holz. "Eure gestohlenen Kräfte beeindrucken mich nicht!" Er hob eine Hand und begann in einer Sprache zu sprechen, die Lia Gänsehaut bereitete. "Aqure viara. Sa-Eio, pra olsa karpa sonos ..." Wind begann zu toben als ob er aus dem Wald fliehen wollte. Sie sah, dass der Mann noch weiter sprach, konnte seine Worte aber nicht verstehen. Der Wind schlug seinen schwarzen Ledermantel zurück, gab Lia einen kurzen Blick auf die braune Lederrüstung, die er darunter trug. Schwarze Nebel stiegen vom Boden auf. Lias Kräfte schwanden. Sie sank auf die Knie und warf einen Blick über die Schulter. Janus musste doch längst soweit ...
Blitze schossen aus den Händen des Drachenwächters hervor, brachten die Soldaten, die in seine Nähe gekommen waren, zu Fall und wurden schließlich von den Nebelschwaden verschluckt. Dieser erreichte Janus schneller als sie es für möglich gehalten hatte und zwang auch ihn zu Boden. Lia kämpfte gegen die erdrückende Präsenz, während die aufziehende Dunkelheit begann, ihr das Bewusstsein zu rauben.
Ein Soldat näherte sich Janus. Er hob das Schwert. Noch etwa zehn Schritte.
Neun.
Acht.
Lia sah nur noch eine Möglichkeit, ihm zu helfen. Sie löste das Siegel. Der Drache brach hervor und ihr Bewusstsein versank in Dunkelheit ...