2: Das zweite Siegel


Ein dumpfes Pochen in ihrem rechten Arm holte sie aus der Bewusstlosigkeit. Der Untergrund, auf dem sie lag war hart, ungemütlich. Irgendetwas drückte in ihren Rücken. Nur langsam kehrte das Gefühl in ihren restlichen Körper zurück.
Das dumpfe Pochen entwickelte sich zu einem tiefen Schmerz, der sich wie ein Nadelstich in ihre Haut bohrte. Stich um Stich um Stich. Lia schlug die Augen auf, versuchte von dem Schmerz zu entkommen, doch etwas schweres drückte ihren Oberkörper zu Boden. Sie sah in das Gesicht des Mannes, der sie überfallen hatte, eine blutige Nadel in der Hand. Er hatte die Augen zusammengekniffen. Seine linke Hand schnellte hervor, legte sich um ihren Hals und drückte schmerzhaft zu. Sie war nackt. Weitere Nadeln steckten in ihrer Haut, überall dort, wo das Siegel hinreichte. Im Oberschenkel, in ihrer Brust, sogar seitlich im Hals glaubte sie noch etwas zu spüren.
"Halt still!"
Lia fehlte die Luft zum atmen, die Luft zum antworten. Ihr wurde schwindelig, die Welt begann sich zu drehen. Sie strampelte mit den Füßen, ergriff seinen Arm und versuchte ihn von sich abzuwerfen. Er drückte nur noch fester zu. "Du sollst stillhalten, habe ich gesagt!"
Ein schmerzhaftes Kribbeln durchfuhr ihren Körper, lähmte ihr Muskeln. Musste sie sie sich erneut in einen Drachen verwandeln, um zu entkommen? Sie versuchte den Drachen zu befreien, doch das Siegel reagierte nicht. Als würde es von den Nadeln an Ort und Stelle gehalten.
Die Nadel bohrte sich erneut in ihre Haut. Immer und immer wieder stach er in ihren linken Oberarm. Schließlich fiel sie zurück in die Dunkelheit.
* * *

Janus' Kopf schmerzte. Nur mühsam schlug er die Augen auf.
"Geht es Euch wieder besser?" Eine Frau trat zu ihm ans Bett und sah ihn fragend an. Es war die Wirtin aus dem Gasthaus. Den Namen ... hatte er vergessen. "Bin ich froh, dass ihr den Drachen erwischt habt. Aber wie ist er so plötzlich im Wald aufgetaucht?" Sie legte sich den Finger nachdenklich an die Wange. "Ob sie sich unsichtbar machen können?"
Janus begann am ganzen Körper zu zittern. Es war Lia gewesen. Überall war dieser schwarze Nebel gewesen. Von Augenblick zu Augenblick war er schwächer geworden, während sie Soldaten auf ihn zu kamen. Lia hatte sich verwandelt. Die Robe war schwarz geworden, hatte sich eng an ihren Körper geschmiegt. Arme und Füße wurden zu Pranken, Schwingen wuchsen auf ihrem Rücken, ihr Hals verlängerte sich und als der Schwanz wuchs wurde sie immer größer und größer.
Der Drache überthronte ihn bei weitem. Er war größer als eines der Häuser und er brüllte. Oder sie? Eine Pranke fuhr auf den Soldaten herab, der sich ihm näherte. Flammen hüllten die restlichen ein. Er spürte die Hitze obwohl er mehrere Meter entfernt war.
Ihm wurde schlecht. Als die Erinnerung daran zurückkam, wie die magischen Rüstungen schmolzen übergab er sich seitlich am Bettrand. Alleine der stechende Geruch war überwältigend.
"Ach du meine Güte!" Die Wirtin stellte die Waschschüssel neben das Bett und verschwand durch die Tür.
Gegen die Flammen eines Drachen waren diese Rüstungen ebenfalls machtlos. Zurück blieben Statuen, zum teil geschmolzene Steinstatuen. Ein Soldat stolperte rückwärts und schrie. Der Drache wurde auf ihn aufmerksam. Mit dem Schwanz schleuderte er ihn gegen einen Baum. Der Baum brach entzwei, der Soldat blieb reglos liegen. Blut sickerte durch die Rüstung.
War das noch Lia? Oder hatte sie die Kontrolle verloren? War sie zu dem geworden, wovor die Drachenpriester gewarnt hatten? Ein Biest, das nur noch seinen Instinkten folgte und die Menschen als nichts weiter ansah als Beute? Es war das erste Mal, das er ein solches Biest aus der Nähe erlebt hatte. Er hatte Geschichten gehört, aber nie eines selbst gesehen. Erzählungen waren jedoch nicht mit der Realität zu vergleichen.
Janus atmete schwer, nur allmählich bekam er seinen Magen wieder unter Kontrolle.
Die Wirtin kam mit einem Eimer Wasser und einigen Lappen zurück. Sie gab ihm ein feuchtes Tuch und reichte ihm einen Becher mit frischem Wasser. Dankbar spülte er den sauren Geschmack fort.
"Was ist denn passiert? Wir fanden Euch und den Söldner bewusstlos und die Leichen von drei Soldaten. Wo ist Eure Begleitung?" Die Wirtin sah zu ihm auf, während sie den Boden säuberte.
Janus horchte auf. Lia war verschwunden?
"Der Söldner ist inzwischen auch gegangen. Er murmelte etwas davon, dass er seine Tochter finden müsse." Die Wirtin lies die Schultern hängen. "Vielleicht hat ja der Drache seine Tochter entführt und der Drachenpriester ist ihm gefolgt?"
Janus sprang aus dem Bett und begann, sich anzuziehen. Sollte die Wirtin doch denken, was sie wollte. "Warum seid Ihr so in eile?" Die Wirtin wrang ihren Lappen aus und stand auf. "Es wird bald dunkel draußen und solltet noch etwas essen!"
Janus war weder nach Essen noch nach warten zu Mute. "Habt Dank", antwortete er, bevor er aus dem Zimmer stürzte.
Die dritte Leiche. Dafür war nicht der Drache verantwortlich gewesen. Der Fremde war hinter ihm aufgetaucht, hatte seinem Untergebenen einen Dolch in den Rücken gerammt. Durch die Rüstung hindurch. Er zog den Dolch aus dem Körper, sprach einige Worte in jener fremden furchteinflößenden Sprache und rammte den Dolch in die sich bildende Blutlache in die Erde. Der Soldat starb. Das Blut gerann schlagartig, wurde schwarz. Auf dem Griff bildete sich eine schwarze Kugel und daraus wurde ein riesiges blutrotes Auge. Sein Herz blieb beinahe stehen. Der schwarze Orb starrte ihn an. Dann sah das dämonishe Auge zum Drachen auf. Das Auge zerbarst und die Schockwelle riss ihn um. Etwas Spitzes traf ihn am Kopf und er sah nur noch, wie sich schwarze Ranken um die Gestalt des Drachen wickelten.
Er musste herausfinden, was geschehen war. Ob Lia noch lebte. Er musste Barnett finden. Lias Vater hatte den Fremden gekannt. Und wenn er ihn fand, fand er womöglich auch Lia wieder.
* * *

Lia war kalt. Sie zitterte am ganzen Körper. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Sie lag noch immer nackt auf dem Waldboden und mit ihrer Robe zugedeckt worden. Sie richtete sich auf, ihr linker Arm schmerzte bei der Bewegung. Was war geschehen?
"Zieh dich an!" Ihr Peiniger saß einen Meter von ihr entfernt an einen Baum gelehnt.
Lia wurde wütend. Sie holte tief Luft, doch das Feuer blieb ihr im Hals stecken. Sie hatte plötzlich das Gefühl als ob sich ein dicker Speer in ihre linke Schulter bohren würde. Mit ihrer rechten Hand packte sie an die Schulter. Lia schrie auf und sank vor Schmerzen in sich zusammen. In ihrer Schulter war kein Speer. Da war auch kein Blut. Und dennoch schien jemand die Speerspitze in der Wunde zu drehen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hörten die Schmerzen auf. Sie fühlte sich schwach und atmete mehrmals ein und aus.
"Wenn du versuchst mich anzugreifen oder zu fliehen, wird dir das Siegel auf deinem Arm jedes Mal Schmerzen zufügen." Der Schwarze klang mit sich selbst zufrieden. "Mach, was ich dir sage. Zieh dich an! Oder willst du noch eine Dosis dieser Schmerzen?" Lia sah ihn aus den Augenwinkeln an und griff nach ihrer Robe. Ihr Blick wanderte zu ihrer Schulter. Ein schwarzes Muster war auf die Haut, nein in die Haut gezeichnet worden. Was würde geschehen, wenn sie sich nun ...
"Nur zu, versuche dich in einen Drachen zu verwandeln, um mir zu entkommen! Ich will die Schmerzen in deinem Gesicht sehen!" Ein hässliches, schadenfrohes Lächeln durchzog sein Gesicht. Lia zog die Robe über.
"Was habt ihr getan? Wo ist mein Vater? Wo ist Janus?", schrie Sie.
"Sei still!", fuhr er sie an. Er stand auf und ergriff sie am Kragen. "Sei froh, dass ich dich gestoppt habe, sonst hättest du sie getötet!"
Lia blieb die Antwort im Hals stecken. Was sagte er da? Sie hätte was?
Der Schwarze warf sie zu Boden, kniete sich über sie. "Du hast mich all meine Männer gekostet. Du hast mich gedemütigt. Ich musste fliehen. Irgendwann werde ich dir das alles heimzahlen." Er stand auf, wandte sich von ihr ab und ließ sich wieder vor dem Baum nieder.
Lia zitterte. Sie hatte sich in einen Drachen verwandelt und dann die Kontrolle verloren? Sie hatte ihr Bewusstsein verloren, das wusste sie, aber das der Drache danach außer Kontrolle war ... Was sollte sie tun? Unsicher griff sie nach dem Anhänger ... Nichts. Der Anhänger war nicht da. Er fehlte! Sie ließ ihren Blick über den Boden schweifen. Hatte sie ihn verloren als sie sich verwandelt hatte? Möglich. Vielleicht hatte er ihn auch eingesteckt. Wütend sah sie den Fremden an. Er war schuld. Nur wegen ihm hatte sie sich verwandelt. Wegen diesem schwarzen Nebel hatte sie das Bewusstsein und die Kontrolle verloren.
"Was habt Ihr nun vor?" Sie richtete sich auf.
"Das geht dich nichts an. Geh' schlafen. Morgen haben wir eine weite Strecke vor uns!" Er fixierte sie mit einem ausdruckslosen, kalten Blick. "Und versuche erst gar nicht zu fliehen, während ich schlafe. Mit dem Siegel wirst du nicht weit kommen. Und wenn ich dich dann wiederfinde, wirst du dir wünschen, nie geboren worden zu sein ..."
Lia zog die Beine an und versuchte sich ein wenig zu wärmen. Sie musste etwas unternehmen. Sie musste fliehen. Noch in dieser Nacht.
Sie wartete. Er saß ihr gegenüber, in sich zusammengesunken und zeigte keine Regung. Schlief er bereits? War es ihm egal ob sie floh?
Konnte sie überhaupt fliehen oder begannen diese Schmerzen erneut, sobald sie sich zu weit von ihm entfernte? War er vielleicht deshalb so ruhig? Sie erhob sich. Sie machte einen Schritt nach dem anderen, schlich zur Seite. Das Siegel reagierte nicht.
Eine Hand schloss sich um ihren Mund, nahm ihr die Luft zum Atmen. Der Fremde lehnte sich in sie, sie spürte seinen heißen Atem im Nacken. "Du kannst mir nicht entkommen", flüsterte er. Dann presste er sich mit ihr gegen den Baum, seine Hand presste sich stärker auf ihren Mund. "Sei still, wenn dir dein Leben lieb ist", hauchte er ihr ins Ohr.